Dann gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört…

Der monatelangen Diskussionen überdrüssig, bin ich mittlerweile augenverdrehend zu diesem Schluss gelangt. Jedoch nicht weil ich der Überzeugung bin, dass der heute verabschiedete Bundespräsidentendarsteller und Vorzeigeschnäppchenjäger Christian Wulff  es verdient hätte mit Ehrensold, Büro und Fahrer sowie Großem Zapfenstreich beehrt zu werden, sondern mehr im Sinne eines genervten: „Dann gib’s ihm halt.“ Er hat den Glamour und wir endlich Ruhe.

Es ist schon fast alles gesagt, diskutiert und geschrieben worden in den letzten Tagen, Wochen und Monaten – von Exkursen über den Ehrbegriff bis hin zu Interpretationen der Liedwünsche, deren Anzahl erneut viele in ihm den Präsident der Nimmersatten sehen ließen. Doch einen Punkt habe ich bei all den Texten und in all den Talkrunden vermisst: Zwar haben viele darauf hingewiesen, dass es ein Ding der Unmöglichkeit sei, dass das Bundespräsidialamt darüber entscheide, dass Wulffs Rücktritt politischer und nicht persönlicher Natur sei (und ihm somit den letzten Dienst erwiesen hat), jedoch riß dieses Argument immer an genau diesem Punkt ab. Allerdings entdeckt man das eigentlich Unfassbare daran erst, wenn man diesen Gedanken konsequent weiterdenkt.

Es waren also seine ehemaligen Untergebenen, Mitarbeiter und Freunde (teilweise noch aus Zeiten als Ministerpräsident in Niedersachsen), die darüber urteilten, wie der Rücktritt auszulegen sei. Der springende Punkt dabei ist jedoch, dass sie dazu unter anderem Sätze aus der Rücktrittserklärung ihrem Urteil zugrunde gelegt haben. Doch wer hat diese Formulierungen denn geprägt? Wer hat die Rede geschrieben? Denn schon unter der vielerorts zu findenden Kritik zu eben jener Rede, kann man sehen, dass ein nicht gerade geringer Teil davon ausging, dass die Worte so sorgsam gewählt worden seien, dass es weniger eine Rücktritts- sondern vielmehr eine Ehrensoldbeschaffungsrede sei. Jedoch entspringt diese Rede demselben Hause, welches kurze Zeit später über deren Auslegung urteilte. Es war derselbe Mitarbeiterkreis, der formulierte und auslegte – wenn dies nicht gar am selben Schreibtisch geschehen ist.

Ein solches Prozedere ist einem gewaltengeteilten, demokratischen Staate unwürdig und öffnet dem Korruptionspotenzial quasi Tür und Tor – und dies sperrangelweit. Natürlich wusste niemand in diesem Lande, wer denn nun letztendlich über das Wohl und Wehe des frischgebackenen Altpräsidenten zu entscheiden habe, doch dass diese Aufgabe dann das Präsidialamt selbst übernommen hat, ist ein weiteres Puzzleteil in der unbemerkten, schrittweisen Untergrabung unserer Verfassung, die ich schon beim letzten präsidialen Zapfenstreich bemängelt habe. Denn auch wenn unser Grundgesetz und die darauf basierenden Gesetze hierzu keine Regelung aufweisen, so gibt es aus der internen Logik des Grundgesetzes nur zwei – mit etwas wagemutiger Phantasie drei – Instanzen, die diese Entscheidung hätten treffen können. Das Präsidialamt fällt aus, da dieses weder über legislative noch über judikative Gewalt verfügt und auch die Bundesregierung hätte nicht darüber entscheiden dürfen, da sie in der Hierarchie der Verfassungsorgane in diesem Falle dem Bundespräsidenten nachrangig einzustufen wäre. Lediglich der Bundestag als die gesetzgebende Gewalt und das mächtigste und oberste Verfassungsorgan oder aber das Bundesverfassungsgericht als übergeordnetes Kontrollorgan und letzter Garant für die Stabilität des Rechtsstaates hätten hierüber entscheiden dürfen. Um kurz die wagemutige Phantasie noch einmal aufzugreifen, so wäre es theoretisch auch denkbar, dass man diese Beurteilung in die Hände derjenigen gelegt hätte, die auch die Macht haben, einen Präsidenten zu ernennen – ergo die Bundesversammlung. Doch wie gesagt, so ist diese Option eher ein gewagtes Gedankenexperiment. Man darf nur hoffen, dass dieser Vorgang noch nicht abgeschlossen ist und letzlich doch noch der Bundestag oder das Bundesverfassungsgericht entscheiden werden. Alles andere wäre ein weiterer Schritt in Richtung Italien, wo Präsidenten durch Einflussnahme und Strippenziehen ihre eigene, nur für sie persönlich geltende Rechtsauslegung ausgestalten können.

Ich kann es mir dann doch nicht verkneifen, meinen Eindruck des heutigen Schmierentheaters darzulegen, welches nichts anderem diente als unter Instrumentalisierung der Bundeswehr das eigene Gesicht zu wahren, um nicht doch Einsicht zeigen zu müssen. Denn der Bogen war längst überspannt und so kann ich es keinem der Vuvuzelabläser übelnehmen, dass er sich lautstark dagegengestellt hat – im Gegenteil, auch wenn unter den Demonstranten manch einer gewesen sein mag, der gegen dieses Ritual als solches protestiert hat, so denke ich doch, dass es nicht wenige waren, die gerade weil sie hierin eine Beschmutzung dieser Tradition sahen, dagegen angeblasen haben. Wir Menschen brauchen Traditionen und Rituale – seien sie noch so archaisch. Wir brauchen allerdings keine solchen Traditionen und Rituale wenn sie inhaltslos abgespult werden und an den Rande der eigenen Perversion getrieben werden.

Den ganzen Zapfenstreich über empfand ich, der ich sonst ein Freund des Pompösen bin, Unbehagen, einen leichten Anflug von Ekel, eine gute Portion Fremdscham und nicht zuletzt Mitleid; Mitleid für einen Menschen, der ikarusgleich noch der Meinung war, man könne mit Wachsflügeln zur Sonne fliegen. Vollends hat es mir jedoch – nach dem Sakrileg an einer inofiziellen Hymne der Schwulen und einem der berührensten  Kirchenlieder – den Magen umgedreht als die deutsche Nationalhymne erklang. Eine so große Dissonanz waren selbst die Vuvuzelas zuvor nicht in der Lage herzustellen.

„Einigkeit…“
Der Präsident, der uns alle über Religionsgrenzen hinaus vereinigen wollte, hat durch seinen Eintritt in die Parallelgesellschaft des Kapitals tiefe Kluften in dieses Land geschlagen – er hat Befürworter und Gegner entzweit und „die da Unten“ von „denen da oben“ entfremdet. Selbst die eigene Partei hat er gespalten und beinahe wäre gar die Regierung an ihm zerborsten.

„…und Recht…“
Mit Recht oder gar Gerechtigkeit – oder zumindest dem Gerechtigkeitsempfinden vieler Bürger, hatte die ganze Geschichte wenig zu tun. Eher noch mit „Recht behalten“, „sich im Recht wähnen“ und „auf sein Recht bestehen“.

„…und Freiheit…“
So wirklich frei wird sich heute Abend niemand der Anwesenden gefühlt haben – zumindest die Gesichter ließen dies nicht erkennen. Beklemmender hätte ein solcher Staatsakt nicht sein können. Diejenigen, die ihre Freiheit ausgelebt hatten, waren allenfalls die, die sich die Freiheit genommen haben, nicht zu erscheinen.

„…brüderlich…“
„…blüh im Glanze dieses Glückes…“
Wenn selbst die Nationalhymne von einem Nebel umwoben einen schalen Beigeschmack bekommt, dann muss man zu der Erkenntnis kommen, dass dieser Mensch dem Amt, das er innehatte nachhaltig geschadet hat, zumal wenn man den geleisteten Amtseid mitdenkt: „Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.”

Doch wahrlich, es hätte noch schlimmer kommen können, hätte man sich nach der Wiedervereinigung auf die andere (und meines Erachtens schönere) deutsche Hymne geeinigt. Denn die Zeile „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“ hätte ich sicherlich nicht verkraftet und hätte wohl oder übel ausschalten müssen.

Make way for the young

Der mit fünf Oskars ausgezeichnete Film „The Artist“ hat diese vollends verdient, denn er passt wie kein anderer in unsere Zeit. Damit meine ich nicht, wie manchen Kommentatoren der Oskarverleihung zu entnehmen war, dass dieser Erfolg zum einen einem Anflug von Nostalgie, zum anderen einer Zuträglichkeit der Selbstreferentialität Hollywoods geschuldet sei. Vielmehr ist es so, dass dieser Film auf beinahe Shakespearische Art und Weise ein Spiegel des heutigen Zeitgeistes ist, der auch auf ähnliche Techniken zurückgreift, wie es beispielsweise „Hamlet“ tut.

Vordergründig sind die Parallelen zu heute recht eindeutig: Die Geschichte, die in Zeiten einer Wirtschaftskrise angesiedelt ist, beschreibt eine Zeitenwende ausgelöst durch eine neue Technologie, die einen Umbruch erwirkt, der „die Alten“ verdrängt, um „den Neuen“ den Weg zu bereiten. So weit, so gut. Doch steckt die eigentliche Genialität dieser Analogie wie meist in den gewollten oder ungewollten Details.

Ebenso wie beim Übergang von Stumm- zu Tonfilm, ist auch heute beim Fortschritt hin zu Internet und Social Media der Bildschirm der Platz, an dem sich dieser Wandel vollzieht. Wie damals auch, steht auch das Individuum vor neuen Anforderungen, um diese Transformation bewältigen zu können. Neue Fertigkeiten sind gefragt, auf die es in der Welt zuvor nicht ankam und die ehemals Erfolg versprechenden Fähigkeiten sind nur noch zweitrangige Kriterien. Der talentierte Mime kann nur dann seinen Fortbestand sichern, wenn es ihm gelingt, sein Spektrum um die Sprache zu erweitern – andernfalls wird er keinen Platz in der neuen Realität finden.

Dieser zentrale Gedanke des Films wird in einem einzigen Satz kondensiert, der die ganze Tragik solcher Umstürze in sechs Worten ausdrückt: „Nobody wants to see me speak.“ Hier zeigt sich, dass es nicht nur auf eine Umstellung zum Sprechen ankommt, sondern, dass dies nur dann gelingen kann, wenn man einem komplett neuen Paradigma folgt und auch das Denken und seine Sicht auf die Welt verändert. In diesem Satz prallen diese beiden Welten auf drastische Weise aufeinander, denn alleine dass der Protagonist George Valentin behauptet, dass niemand in sprechen „sehen“ will, entlarvt er sein in der alten Realität verhaftetes Denken. Seine Sicht ist noch durch das Paradigma des Sehens geprägt, nicht des Hörens.

Paradoxerweise stellt man, wenn man den Vergleich zu heute zieht, fest, dass hier jeweils die gleichen Sphären aufeinander treffen, wenn auch in gespiegelter Form. Akustik und Optik stehen sich gegenüber. Galt im Stummfilm noch das geschriebene Wort als zentrales Element zwischenmenschlicher Kommunikation ist es im Tonfilm das gesprochene – heute stehen wir vor der absolut gegensätzlichen Entwicklung, in der das geschriebene Wort in der Onlinewelt zunehmend das gesprochene Wort der realen Begegnung verdrängt. Somit findet in gewisser Weise ein Rückschritt nach vorne statt, eine neue Ebene wird betreten.

Die genannten Parallelen sind es auch, die uns in ihren Bann ziehen und ein, im wahrsten freudschen Sinne des Wortes, unheimliches Indentifikationspotential mit George offenbaren. Dies wurde in meinem persönlichen Falle ganz besonders in der Alptraumszene des Films deutlich, in der George sich in einer von Klängen erfüllten „Tonwelt“ wiederfindet, selbst jedoch nicht in der Lage ist, einen Laut von sich zu geben. Auch ich habe in den letzten Jahren ab und an davon geträumt, dass ich von Facebookposts und Twittermeldungen überwältigt werde und nicht mehr in der Lage bin, meiner selbst Ausdruck zu verleihen. Wobei diese Angst vor Ohnmacht vielleicht noch deutlicher wird, wenn man sich einmal vor Augen führt, wie schnell man doch unruhig wird, wenn aufgrund techschnicher Probleme auf einmal kein Zugang mehr zur Onlinewelt besteht. Erst gestern Abend kam es bei mir mal wieder zu so einer Situation, da ein Virus jedwede Benutzung meines Laptops blockierte. Alleine der mobile Zugriff auf das Netz via iPhone verhinderte, dass ich in die sich sonst einstellenden Ohnmachtsmuster verfiel, die mich in ähnlichen Situationen schon überkamen. Denn schließlich konnte ich so die Problemlösung dennoch erreichen, was nur möglich ist, wenn man ein Zweitgerät besitz – auch wenn dies all die Anbieter noch nicht verstanden haben, die in ihren Handbüchern unter dem Punkt zu Installationsproblemen auf online verfügbare Informationen verweisen.

Bevor ich nun von meiner individuellen Bindung zu diesem Film wieder fortschreite, lasse ich gerade noch einmal meinen Blick durch mein Zimmer schweifen: Mehrere hundert Bücher umgeben mich – ihres Zeichens Symbole des alten Paradigmas. Sie sind die Schrifttafeln der Onlinewelt, denen das gesprochene Wort den Krieg erklärt hat. Doch sie sind es auch, auf die ich mich bisher gestützt habe, die mir das gegeben haben, was ich bin. Nun gilt es den eigenen Stolz, den diese für mich symbolisieren, zu überwinden und mich nicht dem Neuen zu verschließen, wie die berühmten drei Affen, die sich Augen, Mund und Ohren zu halten, welche auch im Film eine starke Metapher für die innere Haltung von George sind. Unheimlich ist es in gewisser Weise, dass diese Bücher ebensogut brennen würden wie die Filmrollen in einer szene im Film. Doch wenn ich nicht eines Tages wie George, in einer Umkehrung des Dorian-Gray-Motivs, vor meinem eigenen Bild stehend realisieren will, dass ich die Transformation nicht geschafft habe, so komme ich nicht umhin, jetzt meine Lehren aus diesem Film zu ziehen.

So können wir alle unsere Lehren daraus ziehen. Denn wie auch schon in „It’s a Wonderful Life“ so sind wir auch in „The Artist“ alle George. Daher glaube ich auch nicht, dass diese Namensgleichheit reiner Zufall ist – ebenso wie auch der Nachname Valentin ein direkter Verweis auf Rudolph Valentino zu sein scheint, der nur deswegen dem thematisierten Dilemma entging, weil er frühzeitig genug das Zeitliche segnete – im Gegensatz zu vielen Kollegen, deren Karrieren mit der Einführung des Tonfilms ein jähes Ende fanden

Der Erfolg des Films bei den Academy Awards lässt sich wohl zu einem guten Teil auf dieses Identifikationspotenzial zurückführen, wobei er die Analogie, die die meisten Zuschauer der Filmindustrie wahrscheinlich gezogen haben, indem sie eher die offensichtliche Parallele zu Fragen der illegalen Verbreitung und des Urheberrechts sahen, bei Weitem übersteigt. Denn es ist eine der eingangs erwähnten Qualitäten dieses Films, dass er eine Verbindung zwischen verschiedenen Welten aufzeigt. Sowie in den großen Dramen immer eine Gegenüberstellung zwischen Mirko- und Makrokosmos gezogen wird, so zeigt uns auch dieses filmische Meisterwerk durch die Darstellung eines Mikrokosmos – dem Hollywood der 20er/30er Jahre – die Begebenheiten, die sich im gegenwärtigen Makrokosmos – einer global vernetzten Onlinewelt – abspielen.

Auch spielt der Film mit einem beliebten Stilmittel, um diese Verbindung noch zu unterstreichen, indem er matrjoschkagleich das Spiel im Spiel beziehungsweise den Film im Film in den Vordergrund rückt. Ebenso wie George auf der Leinwand verfolgt, wie der Protagonist des dargestellten Films im Treibsand versinkt und dies auf seine aktuelle Situation überträgt, vollzieht auch der Zuschauer diesen Prozess des Transfers und überträgt das Schiksal Georges auf sein eigenes Dasein. Beim Betrachten dieser Szene wird einem Bewusst, dass wir mitten im Treibsand des Fortschritts stecken und so sehr wir auch strampeln, letztlich werden wir untergehen – egal wie wacker wir uns schlagen.

Doch bevor dieser Beitrag jetzt total ins Dystopische verfällt, sollen auch die Aspekte des Films in den Vordergrund gerückt werden, die auch die Hoffnung auf einen Ausweg beflügeln. Jenseits der Liebesgeschichte, die in altbewährter Hollywood-Manier per definitionem ein Happy-Ending hat, beinhaltet der Film sowohl eine innere als auch eine äußere Perspektive. Das externe Hoffnungsmoment entsteht dadurch, dass es dem Film per se gelang so viele der heiß begehrten Trophäen zu ergattern, obschon er doch recht atypisch ist im Vergleich zu Preisträgern der vergangenen Jahre, und auch erstmals seit der Zeit der Handlung wieder ein schwarzweißer Stummfilm überhaupt ausgezeichnet wurde. Dies zeigt, dass man heute auch jenseits purer Nostaligie die Kunstfertigkeiten dieses Genres anerkennt trotz oder gerade weil er unserer modernen Welt diametral entgegensteht. Überdies zeigt sich auf der Ebene des Plots, dass die Gefühle, die Geschichten und Schiksale sowieso über alle Mode erhaben sind und sich in jeder Zeit aufs Neue gewissermaßen wiederholen.

Die interne Aussicht, mit der der Film aufwartet, gefällt mir jedoch noch wesentlich besser. Denn der Film macht uns klar, dass bei jedem Wandel, die alten Fähigkeiten nicht ganz verloren gehen. Wenn auch eine Verschiebung stattfindet, so ist das Alte doch auch immer anschlussfähig. So wird auch im Film eine Synergie erzeugt, dadurch, dass man den rein körperlichen Ausdruck alter Tage mit der Neuheit der akustischen Möglichkeiten in Einklang bringt und sie gemeinsam in einer amalgamierten Form, im Film symbolisiert durch den Stepptanz, die Kreativität antreiben und bisher nie Dagewesenes schaffen. Vielleicht wäre es jetzt auch für mich an der Zeit, endlich einmal den Steppkurs zu belegen, den ich immer machen wollte, es jedoch nie getan habe.

Aggro-Polis Adieu

Dieser Tage werden meist nur unschöne Bilder aus Athen in den Medien verbreitet. Aufstände, Streiks und Ausschreitungen scheinen an der Tagesordnung zu sein und es wird leider viel zu oft das Bild einer wahren Aggro-Polis entworfen. Doch ungeachtet der Tatsache, dass bei solchen Sparauflagen, wenn sie Deutschland beträfen, auch ähnliche Bilder aus Berlin gesendet werden könnten, so sollte man sich doch auch einmal wieder vor Augen halten, dass zum einen die aktuelle Krise keine spezifisch griechische mehr ist und dass zum anderen wir überhaupt nur Europäer sind, weil die Griechen seinerzeit schon Großes leisteten, während man unter den Germanen noch lange Jahrhunderte nach Geist und Esprit suchen musste.

Schwenkt man den Blick nun einmal weg von der Politik hin zur Kultur, so stellt man erfreulicherweise fest, dass momentan eine Epoche im Zentrum der Aufmerksamkeit steht – die Renaissance. Gewissermaßen befinden wir uns gerade in einer Renaissance-Renaissance: In Berlin zeigt man deren Gesichter, in Dresden die Madonnen und nicht zuletzt die Verfilmung der Borgia-Familie hat dazu beigetragen. Doch sollten wir nicht nur auf diese Epoche per se zurückblicken, sondern auch einen Blick auf das wagen, was seinerzeit „wiedergeboren“ wurde. Denn nach den dunklen Jahrhunderten, die eher von französischen und deutschen Urahnen geprägt waren, richteten zu allererst die Italiener ihren Blick wieder zurück auf die griechisch-römische Kultur und ließen diese neu aufleben.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass heute ausgerechnet die Griechen und Italiener alleinig an der Malesse schuld sein sollen und sich die Deutschen und Franzosen als die großen Retter sehen. Dass also gerade die Nachkommen derjenigen, deren Bestreben es über Dekaden hinweg war, die in Rom und Athen geborenen Ideen mehr zu verhindern denn zu befördern, sich nun hinstellen und die Nachkommen der Ursupatoren von Freiheit, Demokratie und überhaupt der spezifisch europäischen Kultur verurteilen.

Ebenso ist es ein Treppenwitz der Geschichte, dass diejenigen, die für sich beanspruchen, die Demokratie immer und überall retten zu wollen, nun darüber aufregen, dass man im Mutterland der Demokratie dem Demos (Volk) die Kratia (Herrschaft) überlässt. Mag sein, dass die bevorstehende Volksabstimmung einiges verschlimmern wird – jedoch ist sie ur-demokratisch. Un-demokratisch hingegen gebaren sich diejenigen, die Menschen anderer Meinung damit abfertigen, dass sie doch mit ihrer Scheiße aufhören sollen und ihnen zu verstehen geben, dass sie ihre Fresse nicht mehr sehen können.

Das, was wir heute die europäische Kultur nennen findet seine Grundlagen zum einen in der Bibel und der christlichen Tradition (die ich jetzt einmal beiseite lassen möchte), in der griechischen Mythologie und Philosophie sowie im römischen Recht. Man nehme sich die in den letzten hundert Jahren verfasste Literatur zur Hand und unterstreiche darin die Passagen, die ihren Ursprung in der Antike haben: Man benötigte dafür soviele Textmarker, dass man sie mit dem gigantischen Eurorettungsschirm nicht würde bezahlen können.

Dies genau ist der Punkt auf den ich hinaus will. Wer Lösungen zur „Griechenland-Krise“ sucht, der wird Antworten unter anderem bei den Griechen selbst finden können. Damit meine ich nicht, dass es dort die richtigen konkreten Handlungsanweisungen gibt, jedoch wird man schnell feststellen, dass es immer wieder die gleichen Fragen sind, die uns Menschen beschäftigen und unser Handeln bestimmen. Unzählig sind die Parellelen der Handlungsstränge – unzählig die Kreuzungen vor denen wir ebenso stehen, wie seinerzeit die Helden und Götter und uns für einen der Wege entscheiden müssen.

Es bringt uns nichts, jetzt angesichts der Krise wie Achilles erst einmal flennend an den Strand zu laufen und nach Mutti zu rufen, wenn wir auf dem nahen Schlachtfeld gebraucht werden. Auch wird es uns jetzt nichts bringen mit aller Gewalt dem bevorstehenden Übel, das uns prophezeit wird, entgehen zu wollen – wir würden es doch nur wie Ödipus gerade dadurch heraufbeschwören. Vielmehr sollten wir uns ein Beispiel nehmen an den zerstrittenen Stadtstaaten, die sich zusammenschlossen, um ihre geliebte Helena zurückzuerobern.

Natürlich wurde in der Vergangenheit vieles falsch gemacht und so haben wir ohne politische Union den Euro eingeführt und gleich den Matrosen des Odysseus, die den von Aiolos geschenkten Lederschlauch zum falschen Zeitpunkt kurz vor erreichen Ithakas öffneten, das ganze Unterfangen bedroht und unsere Odyssee eines geeinten Europas um Jahre nach hinten geworfen.

Europa scheint in seiner jetzigen Form der reinste Augiasstall zu sein und jedes neue Rettungspaket scheint sich zu verhalten wie der Stein des Sisyphos. Doch sollten wir dennoch nicht den Mut verlieren und den Tatsachen ins Auge sehen. Die Büchse der Pandora ist nunmal geöffnet und neben den schon entflohenen Übeln werden wahrscheinlich weitere über uns einbrechen. Jedoch dürfen wir nun keinesfalls zurückweichen und diese Büchse durch eine Rückkehr in Nationalstaaterei wieder versuchen zu schließen. Denn dann begehen wir den gleichen Fehler – denn in dieser Büchse ist eben nicht nur alles Übel der Welt sondern auch die Hoffnung, auch wenn diese langsamer ist in ihrer Entfaltung und sie daher aktuell noch nicht zu Tage gekommen ist. Doch wird sie sich entfalten. Wer jetzt den Deckel schließt und den eingeschlagenen Weg verlässt, behält die Übel und verwehrt sich des Guten, das auf das Schlechte folgt.

Derzeit verharren wir vor einer Vollendung einer wirklichen, politischen europäischen Einigung ebenso wie die Griechen, die zehn Jahre lang Troja belagerten, ehe sie angriffen. Wir haben Angst den großen Schritt nach vorne zu wagen, da wir wissen, dass dieser Opfer abverlangen wird. Doch müssen wir ihn früher oder später tun, um unser Ziel zu erreichen. Wenn wir uns dem Kampf nicht stellen, wird es auch keine Beute geben. Was wir nun brauchen sind starke, mutige Helden, die mit Verstand und Herz nach vorne schreiten und uns Beistand und Führung im Gefecht bieten.

Denn fernab aller Metaphern: Wenn wir die europäische Einigung nicht langsam ehrlich und mit all ihren Konsequenzen in Angriff nehmen, werden wir in diesem Narrativ nicht die Rolle Griechenlands einnehmen, sondern vielmehr wie Troja untergehen. Denn nur gemeinsam haben wir überhaupt auch nur den Hauch einer Chance unseren Stimmen im Chor der sieben Milliarden Gehör zu verleihen. Wenn wir nicht wollen, dass in nicht einmal hundert Jahren, die Asiaten ebenso über die Champs-Élysées oder durchs Brandenburger Tor wandeln, wie wir heute die Akropolis oder das Kollosseum besichtigen, dann sollten wir gefälligst handeln und begreifen, dass nur ein vereintes, demokratisches und freies Europa künftig Bestand haben wird.

Einigkeit und Recht und Freiheit sollte kein alleinig deutscher Anspruch mehr sein, auf dass alle Menschen Brüder werden und wir wieder das verbinden, was der Mode Schwert geteilt.

Mal was Externes

Ein interessanter Ansatz, die Datenschutzthematik des Netzes zu verdeutlichen. Deswegen binde ich diese Grafik mal ein und empfehle die Lektüre des dazugehörigen Artikels.

PrivacyImg - Ein interaktives Beispiel. Konfiguration ueber http://tilli.me/privacyimg

Wer BIP sagt, betrügt

Wenn man sich dieser Tage die Meldungen in den Medien durchliest, stellt man fest, dass wir nichts aber auch gar nichts aus der Finanzkrise gelernt haben. Das Casino hat wieder eröffnet und wir alle verfallen wieder in die altbewährten Denkmuster. Wie eh und je schauen wir auf einen Indikator, der uns scheinbar den Wohlstand anzeigt – das Wachstum.

Erst letzte Woche wurde wieder die Nervosität geschürt und es wurden pessimistische Töne angeschlagen, weil das Wachstum im letzten Quartal nicht genug angestiegen sei und einige Vertreter in den Medien sehen darin schon den Nebelstreif der Rezession am Horizont aufziehen und schüren die Angst vom aufziehenden Wohlstandsverlust.

Trotz einiger guter Ansätze, die man hin und wieder liest, scheint die Mehrheit noch nicht realisiert zu haben, dass ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts in keiner Weise eine Aussage darüber macht, ob sich der Wohlstand im weitesten Sinne erhöht hat oder nicht. Ganz im Gegenteil, in vielen Fällen ist es sogar so, dass nicht wünschenswerte Ereignisse dazu führen, dass das BIP ansteigt und somit die Welt in Ordnung zu sein scheint.

Man mag mir bei meinem nächsten – zugegebener Maßen überspitzt polemischen – Argument vorwerfen, ich sei zynisch, jedoch liegt der Zynismus nicht in meiner Beschreibung, sondern ist systematisch in unserem Verständnis von Wirtschaft angelegt. Drum stelle ich fest: Derjenige, der immer dann in Jubel verfällt, sobald das BIP ansteigt, sollte sich konsequenterweise auch dafür einsetzen, dass die randalierenden Jugendlichen in England nicht bestraft werden, sondern mit der Margaret-Hilda-Roberts-Gedächtnismedallie ausgezeichnet werden. Schließlich haben sie für das britische BIP mit ihren Brandanschlägen mehr getan, als sie es hätten tun können, wenn sie die Waren auf legalem Wege erworben hätten. Denn nun haben sie auch dafür gesorgt, dass weitere Umsätze generiert werden können, wie Glaserarbeiten, Bauunternehmungen, Feuerwehreinsätze, Dienstleistungen im Sicherheitsbereich, etc.. Auch sind die dem in Deutschland so gerne zitierten Mantra „sozial ist, was Arbeit schafft“ in vollem Umfang gerecht geworden und ihr moralisch-gesellschaftlich anti-/ bzw. a-soziales Verhalten müsste dieser Logik folgend als überaus sozial angesehen werden – haben sie doch dafür gesorgt, dass viele Einsatzkräfte nun ein Mehr an Beschäftigung hatten.

Wie gesagt – dies soll keine Verherrlichung oder Relativierung dieser Taten sein, es soll lediglich aufzeigen, dass die Fokussierung auf Indikatoren wie das BIP ad absurdum geführt werden kann, wenn man sich nicht anschaut, was denn zu diesem BIP beigetragen hat. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn jeder alkoholisierte Mensch, sein Auto stehen lassen würde und somit Unfälle verhindert werden könnten, jedoch ich bitte euch – das wäre doch absolut nicht im Sinne des BIP. Im Sinne des BIP wäre es, wenn zuerst einmal alle für Umsatz in den Kneipen sorgen, sich dann hinters Steuer setzen und Unfälle produizieren, die dann erhöhte Umsätze bei Autoherstellern, Autoverkäufern, Rettungsdiensten, Krankenhäusern, Bestattungsunternehmen und Blumenhändlern nach sich zögen. Wenn wir alle vernünftig fahren, so schaden wir dem BIP und somit auch dem Wohlstand. Dass wir dann in einer besseren Welt leben würden, mit weniger Schmerz und Leid, sollte hierbei nicht beachtet werden – schließlich geht es uns doch um Wirtschaftswachstum und um einen Anstieg des BIP.

Die letzten beiden Absätze machen wohl deutlich, dass BIP nicht nur als Abkürzung für „Brutto-Inlands-Produkt“ gesehen werden kann, sondern irnoischerweise auch Abkürzung sein könnte für den Prozess, der vor sich geht, wann immer man dieser Abkürzung begegnet: „Brainwashing in Progress“. Um diesen beschriebenen, systemimmanten, hochgradig perfiden Zynismus auf eine kurze Formel zu bringen: Das BIP ist ein Monster, das Menschen frisst und Münzen spuckt. Doch von Münzen wird man nicht satt – man beißt sich lediglich die Zähne daran aus.

Das BIP kann ein Indikator sein, der anzeigt, dass der Wohlstand sich erhöht – es muss es aber nicht. Wenn man den Sachverhalt auf ein ganz triviales und einfaches Beispiel herunterbricht, werden einem die Grenzen der Aussagekraft des BIP sehr schnell bewusst: Ein Bauer, der sein Feld bestellt, kann natürlich durch verschiedene Eingriffe in den Anbauprozess seine Ernte maximieren und den Anbau optimieren. Zu einem Zeitpunkt also, in dem er sich in einem Verbesserungsprozess befindet, ist das Volumen der eingefahrenen Ernte sehr wohl ein Anzeichen dafür, ob er die richtigen Maßnahmen ergriffen hat. Dies gilt jedoch nur so lange, wie er ein suboptimales Verfahren hat. Je ausgereifter sein Anbau ist, desto mehr verliert der jährliche Zuwachs an Aussagekraft und früher oder später hat er eine Schwelle erreicht, an der er das Maximum des zu erzielenden Ertrags erreicht hat und die Gesetze der Natur es ihm verbieten, noch mehr zu erwarten.

Anstatt dann davon auszugehen, dass er auch im darauffolgenden Jahr prozentual gesehen einen Zuwachs wird verzeichnen können, sollte er besser einen Teil der sehr guten Ernte beiseite legen. Denn diese Lektion musste schon der Pharao von Joseph im alten Testament lernen: Nach den sieben fetten Kühen, kommen die sieben mageren Kühe, die erstere fressen. Kämen nach den sieben fetten Kühen weitere sieben noch fettere Kühe, würde spätestens die dritte Kuh platzen – ganz so wie die Blasen an den Märkten.

Wir müssen also unser gesamtes Verständnis von Wohlstand in Abhängigkeit von Wachstum überdenken, denn es fußt auf einer falschen Prämisse: Es geht davon aus, dass es immer ein Wachstum geben wird. Doch so funktioniert diese Welt nicht – lediglich das Universum wächst beständig fort in dieser unserer Realität und selbst hier wissen die Astrophysiker, dass es eines Tages das Maximum erreicht haben wird und dann den umgekehrten Weg gehen wird und wieder in sich zusammenfallen wird.

Die Annahme vom stetig fortschreitenden quantitativen Wachstum ist falsch. Wir sollten genauer darauf achten, wie dieses Wachstum zustande kommt. Wenn auch andere Faktoren wie Nachhaltigkeit, soziale Eigenschaften oder Umweltverträglichkeit, mehr ins Blickfeld rücken würden, würden wir sehen, dass selbst ein rückläufiges Wachstum, dennoch den Wohlstand erhöhen könnte. Natürlich kann ich am Ende des Jahres in meinen Schrank schauen und feststellen, dass ich mir 50 neue Billighemden gekauft habe und mich an der schieren Anzahl ergötzen, ich könnte jedoch auch feststellen, dass ich nur über 5 neue Hemden verfüge, diese jedoch von hoher Qualität sind. Oder wie es eine Bekannte aus meinem Heimatort früher gerne sagte: „Wir haben kein Geld für billige Schuhe.“ Womit sie darauf verwies, dass ein gut verarbeiteter Schuh bei guter Pflege meist mehrere Jahre getragen werden kann und nicht nach einigen Monaten schon wieder durch Neuanschaffung ersetzt werden muss.

Doch sind wir dann wieder beim BIP – denn dieses lebt davon, dass wir uns ständig irgendwelchen Mist kaufen und möglichst viel konsumieren. Qualitative Gesichtspunkte spielen hierbei keine Rolle. Allerdings sind dies die Dogmen in diesem quasireligiösen Spiel:

Die Religion ist der Kapitalismus, Mammon der Gott, Wachstum das Gebot und Konsum das Sakrament: Das BIP wird in der Monstranz durch die Straßen getragen, auf dass sich ein jeder vor ihm verneige. – Doch wo bleibt der Martin Luther der Ökonomie? Wer befreit uns aus dieser eigentlichen Öko-diktatur und schlägt die Thesen an, die wir dringend benötigen, wollen wir uns nicht weiterhin das Geld aus der Tasche ziehen und das Leben zur Hölle machen lassen, nur weil man uns ständig mit dem Fegefeuer droht und uns glückseligmachende Heilsversprechen verkauft, die diesen ganzen Prozess nur noch bestärken?

Wer glaubt, dass Wachstum Wohlstand bringt, der nimmt auch Viagra um Liebe zu finden.

Walzer tanz man immer noch auf dem Parkett – nicht im Internet

Dies wird wohl einer der ungewöhnlichsten Beiträge dieses Blogs sein, da er eigentlich hier absolut fehl am Platz ist. Dennoch brennt mir das, was mir gerade durch den Kopf geht, dermaßen unter den Nägeln, dass ich es erst einmal niederschreiben muss, wenn ich heute Nacht auch nur ein Auge zu tun will. Da es jedoch um eine etwas komplexere Materie geht, der ich mich heute widme, muss ich, damit jeder sie auch nachvollziehen kann, etwas weiter ausholen.

Vor nunmehr sechs Jahren begann ich meine Tätigkeit am Lehrstuhl für Governance bei Professor Dr. Drechsler – damals noch an der Universität Tartu, später dann (bis heute) an der Technischen Universität Tallinn. Professor Drechsler, seines Zeichens einer der führenden Verwaltungswissenschaftler Europas folgt in seiner Lehre einer geschätzten Kollegin am Lehrstuhl, Carlota Perez, welche mittels Rückgriff auf Joseph Schumpeter, Nikolai Kontratiev und Christopher Freeman ein Modell entwickelt, welches sich mit Techno-Ökonomischen Paradigmen auseinandersetzt.

Um ihre Theorie auf ein ganz einfaches Level herunterzubrechen, so dass jeder sie nachvollziehen kann, möchte ich diese in groben Zügen widergeben, auch wenn das ursprüngliche Modell natürlich um einiges komplexer ist:

Der stete wirtschaftliche Aufschwung in den letzten Jahrhunderten ist nämlich nicht linear, sondern stellt eine Wellenbewegung dar. Die Neuerung, die nun das Model von Carlota Perez aufweist, ist, dass sie dieses Muster als Wogen deutet, wobei mehrere Wogen überlappend aufeinander folgen. Das Modell geht davon aus, dass es immer wieder Technologien gab und gibt, die einen allumfassenden Wandel in der Ökonomie herbeiführen und diese maßgeblich, also paradigmatisch dominieren. Jede Woge wird also von einer Technologie dominiert.

Eine solche Woge kann man sich ein bischen wie ein liegendes „S“ vorstellen: Zu Beginn gibt es einen leichten Anstieg, der dann stark nach oben geht, dann kommt ein Bruch und danach geht es weiter steil nach oben, bis dass der Anstieg wiederum flacher wird.

Diese Entwicklung bezieht sich, vereinfacht ausgedrückt, auf die Investition von Kapital in die jeweilige Technologie: Erst wird zögerlich investiert, dann kommt es zu einem Wahn, der in einen Kollaps und eine Rezession mündet. Nachdem diese Krise überwunden ist, wird in einem goldenen Zeitalter massiv in die paradigmatische Technologie investiert und diese durchdringt alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft, bis es zu einer gewissen Sättigung kommt und die neue Technologie mittlerweile soweit fortgeschritten ist, dass sie schon Teil der Infrastruktur geworden ist und quasi wenig Neuerungen diesbezüglich hervorbringt. Während dieser Reifephase setzt schon die Installationsphase der darauffolgenden Technologie ein.

Es muss an dieser Stelle hinzugefügt werden, dass nicht jede neue Erfindung oder jeder technologische Fortschritt hierbei ein Techno-Ökonomisches Paradigma darstellt, sondern dass dies nur auf die Technologien zutrifft, die in der Lage sind, nicht nur etwas Neues darzustellen, sondern vielmehr alle Prozesse in Wirtschaft und Gesellschaft beeinflussen und Verändern, so dass es zu einem positiven Effekt in allen Bereichen kommt und auch alte Industrien durch Implementierung der neuen Technologie einen Schritt nach vorne tun.

Deswegen geht das Modell auch davon aus, dass jede Woge in etwa sechzig Jahre abdeckt. Was solche tiefgreifenden Technologien sind, kann man am einfachsten verstehen, wenn man sich die vergangenen Wogen aus Professor Perez‘ Modell anschaut: a) Industrielle Revolution, b) Dampfmaschinen und Eisenbahnen, c) Stahl- und Schwerindustrie, d) Öl, Automobile und Massenproduktion und aktuell Information und Telekommunikation. Für jede dieser technologischen Paradigmen lässt sich das von Carlota Perez entwickelte Modell anschaulich nachweisen.

Ich möchte erneut darauf hinweisen, dass dies nur eine grobe Übersicht des Modells ist – wer sich darüber hinaus mit dieser Theorie beschäftigen möchte, soll dies bitte an den Originaltexten tun. Dennoch ist mir heute beim Betrachten der Börsennachrichten etwas aufgefallen.

Seitdem ich also meine Tätigkeit als Forschungsassistent begonnen hatte, habe ich immer wieder in Präsentationen von Professor Drechsler, der auf diese Theorie zurückgreift und sie weiterentwickelt hat, Schaubilder bearbeitet, die dieses Modell veranschaulichen. Zentral hierbei war immer eine Grafik, die das aktuelle Paradigma der Informations- und Telekommunikationstechnologie veranschaulicht. Dies begann in den frühen Siebzigern mit der Hochphase des Wahns in den Neunzigern und dem Zusammenbruch um das Jahr Zweitausend – der sogenannten Dotcom-Blase. Da im Modell von Professor Perez der Kollaps und die Rezession immer mehrere Jahre andauern können, befand sich in dieser Grafik damals – 2005 – ein Pfeil mit der Bezeichnung „wir sind wohl hier“ am Ende dieser Bruchstelle. Allerdings – und das ist der Ausgangspunkt meiner Überlegung – befindet sich dieser Pfeil auch heute noch dort.

Wenn ich es mir recht überlege, so kann man sagen, dass wir uns mit Ausnahme einiger kurzzeitigen Erholungen seit dieser Zeit in einer Art Dauerkrise befinden, beziehungsweise von einer Finanzkrise in die nächste stürzen. Zudem hat man den Eindruck, dass jede neue Krise die vorangegangene noch in der Hinsicht übertrifft, dass sie a) heftiger daherkommt, b) länger andauert und die Politik c) zunehmend handlungsunfähiger ist, der Krise entgegenzusteuern. Der Rückgriff auf eine rein neo-liberale Weltsicht auf den Finanzmärkten scheint mir hierbei zwar dem Sachverhalt förderlich zu sein, ist jedoch meines Erachtens nicht der maßgebliche Faktor (zumal dies eben auch aus der Theorie von Carlota Perez ableitbar wäre).

Wenn ich mir die von Carlota Perez beschriebenen verschiedenen Krisen anschaue und sie mit der jetzigen vergleiche, so fällt doch ein elementarer Unterschied ins Auge. Die bisherigen Krisen bezogen sich auf das Verhalten der Anleger und die jeweilige Investition in die herrschende Technologie. Doch hatten alle diese technologischen Fortschritte keine direkte Auswirkung auf die Prozesse der Finanzmärkte selber. Was sich veränderte, waren die Objekte, die gehandelt wurden, die Abwicklung des Handels an sich jedoch blieb weitestgehend gleich.

Hier jedoch liegt der Knackpunkt: Die aktuelle Technologie – sprich Informations- und Telekommunikationstechnologie – hat den Handel als solchen verändert. Das heißt, dass der von Professor Perez beschriebene Prozess seine Gültigkeit dadurch verliert, dass der Prozess selber durch die Technologie, quasi auf einer Metaebene, verändert wird. Dampfmaschine, Eisenbahn oder Automobil haben zwar die Wirtschaft und Gesellschaft verändert, nicht jedoch den Börsenhandel. Die Informationstechnologie jedoch wurde auch an den Börsen eingeführt und hat den Handel von Wertpapieren und die sonstige Abwicklung von Finanztransanktionen maßgeblich beeinflusst und um ein vielfaches vereinfach und beschleunigt. Nicht zuletzt wurden – und dies ist ein sehr entscheidender Punkt – viele Prozesse automatisiert.

Schaut man sich die Entwicklung der Leitindizes an, so stellt man fest, dass diese einen kontinuierlichen Anstieg aufweisen, was auch im Rahmen des Erwartbaren ist. Allerdings war dies in den vergangenen Jahrzehnten immer ein langsamer und von Schwankungen gezeichneter Anstieg. So überschritt der Dow Jones bis zu Beginn der Achtziger Jahre nie die 1000er Marke und der DAX kam nicht über 700 Zähler. 1977 führte die Börse in Toronto als erste weltweit den Computerhandel ein, andere Börsen folgten in den Jahren darauf. Versetzt man sich zurück in die Zeit der Achtziger Jahre, so wird klar, dass dies noch keinen allzugroßen Einfluss auf die Abwicklung der Börsengeschäfte haben konnte – die Computer seinerzeit waren allenfalls Hilfsmittel bei der Verwaltung der Vorgänge und selbst hierbei noch auf einem Level, dass aus heutiger Sicht sehr zu wünschen übrig ließe.

Entwicklung des Dow Jones (lineare Darstellung)

Entwicklung des DAX (lineare Darstellung)

Doch Mitte der Achtziger und besonders im Verlauf der Neunziger schoßen die Werte dann nach oben, so dass noch vor dem Jahr 2000 der DAX die 7000er-Marke, der Dow Jones sogar die 10000er-Marke durchbrach. Man muss sich dies einmal genau vor Augen führen: Im Jahre 1900 lag der Dow Jones noch weit unter der Marke von 100 Zählern und er brauchte über achtzig Jahre, um seinen Wert auf 1000 zu verzehnfachen. Zwischen 1980 und 2000 verzehnfachte er sich jedoch abermals und wuchs auf Werte über 10000 an. Ebenso ging es dem DAX, welcher sich von etwa 500 Zählern im Jahre 1960 bis zum Jahre 1985 nur auf 1000 Zähler verdoppelte. Seitdem jedoch bis zum Einsetzen der Lehmann-Krise verachtfacht.

Eine solche Entwicklung lässt sich nur dadurch erklären, dass die Börsen sich in den letzten zwanzig Jahren enorm verändert haben. Der Computerhandel hat den Parketthandel immer mehr verdrängt und ihn teilweise ganz ersetzt – zudem ist die dahinter stehende technologie immer weiter entwickelt worden, was zwei fundamentale Folgen hat: Zum einen hat sich das Tempo rapide erhöht, zum anderen trat die Menschlichkeit der Entscheidungen immer mehr in den Hintergrund.

Heute entscheidet nicht mehr ein Mensch über Ver- oder Ankauf von Aktien, sondern ein Großteil der Transaktionen wird automatisiert von Computerprogrammen ausgeführt. Zudem sind die Verwaltungssysteme soweit fortgeschritten, dass binnen Sekunden Geschäfte von beliebigen Summen abgewickelt werden können. War es auf dem Börsenparkett noch möglich, einsetzenden Entwicklungen durch menschliche Vernunft entgegenzutreten, so verkaufen oder kaufen darauf ausgelegte Programme heute sämtliche Werte, sobald ein gewisser Punkt überschritten wurde automatisch und – dies ist das entscheidende – in Sekundenschnelle und somit unaufhaltsam.

Um zurück zu kommen auf das Modell von Carlota Perez: Dieses würde auch in der aktuellen Situation noch volle Gültigkeit besitzen, wenn der Handel weiterhin von Menschen durchgeführt würde. Dann stünde dem Eintritt ins goldene Zeitalter nichts entgegen. Denn dass dieses Modell richtig und wahr ist, erschließt sich jedem, der sich genauer damit auseinandersetzt. Doch dadurch, dass es eine Digitalisierung der Finanzmärkte gegeben hat, kommt eine neue Komponente hinzu, die diesen gewissermaßen natürlichen und vorhersehbaren Prozess unterwandert und pervertiert. Solange wir die durch die Technologisierung des Handels entstandenen Auswüchse nicht unter Kontrolle bringen können (falls dies überhaupt möglich ist), solange werden wir von einer Krise in die nächste stolpern.

Wir sollten vielleich innehalten und uns fragen, ob es wirklich in jedem Bereich unseres Lebens sinnvoll ist, der Maschine den Vortritt zu lassen und unsere Aufgaben an Algorithmen zu delegieren. Natürlich wäre es wohl technisch kein Problem, Gerichtsurteile automatisiert von Softwar fällen zu lassen, doch wird hiergegen jeder zurecht Einspruch erheben. Deswegen sollten wir ebenso wenig unsete Finanzgeschäfte den Computern überlassen und uns einfach bewusst werden und akzeptieren, dass es gewisse Prozesse gibt, die immer noch auf einem grundlegenden Prinzip fußen müssen: der menschlichen Ratio.

Daher sehe ich mittlerweile nur einen einzigen Ausweg aus dieser Misere: DAS VERBOT JEDWEDEN SOFTWAREGESTEUERTEN HANDELS AN DEN FINANZMÄRKTEN!

Um eines klar zu stellen: Dies bezieht sich nicht auf die Software, die eingesetzt wird, um die Transaktionen zu verwalten und zu verbuchen – diese sind weitestgehend ungefährlich. Es geht darum, dass es keine Programme geben darf, die automatisch ohne menschliches Zutun Transaktionen initiieren. Hinter jeder einzelnen An- oder Verkaufsentscheidung muss ein Mensch stehen, der diese nach entsprechender Reflektion fällt. Nur so können wir die perversen Auswüchse an den Börsen verhindern. Daher gibt es meines Erachtens nur ein einziges Mittel, um wieder Stabilität in die Finanzmärkte zu bringen: die Rückkehr zum Parketthandel.

Denn ebenso wie in zwischenmenschlichen Beziehungen so gilt auch für die Börse: Ich kann tausende Freunde bei Facebook akkumulieren – doch wer in den Genuss eines Walzers kommen will, der muss aufs Parkett!

NIEmand hat die Absicht, eine Mauer einzureißen

Es ist auf die Stunde fünfzig Jahre her, dass erste Zementsäcke Richtung Berlin-Mitte getragen wurden, um die Teilung Deutschlands in Stein zu fassen. Mittlerweile ist die Mauer, dieses innerdeutsche Monstrum, seit über zwanzig Jahren verschwunden und zumindest in der Natur ist Gras über die Sache gewachsen. Ein grünes Band zieht sich durch Deutschland, in dem Flora und Fauna zum Teil vergessenen und beinahe ausgestorbenen Arten wieder einen Lebensraum bieten. Lediglich der Mauerspecht ist ausgestorben.

Man sollte meinen, dass es an der Zeit sei, dass auch in Bezug auf uns Menschen, Gras über die Sache wächst. Doch dem ist leider nicht so. Obwohl wir jetzt schon über die Hälfte der Zeitspanne, die Deutschland überhaupt nur geteilt war, wieder vereint sind, und es eine ganze Generation gibt, die nicht mehr weiß, dass der Sandmann früher in einigen Teilen des Landes einen Vollbart und eine Jeanshose trug, bleibt die Mauer in den Köpfen weiterhin bestehen.

Individuell mag sich bei den Deutschen viel bewegt haben, doch institutionell findet sich noch heute eine rote Linie in der Deutschlandkarte, die den Westen vom Osten trennt. Zumindest wenn man sich die meisten Statistiken anschaut, die all überall publiziert werden. Egal um was es geht, es wird weiterhin differenziert zwischen Ost und West.

Dies ist mir erst vor kurzem wieder aufgefallen, als ich die Pressemitteilung zum Mikrozensus gelesen habe. Doch gerade von einer staatlichen Behörde wie dem Bundesamt für Statistik sollte man erwarten dürfen, dass man auf eine solche Gegenüberstellung verzichtet. Man mag zwar jetzt einwenden, dass es durchaus erkennbare, strukturelle Unterschiede gibt zwischen Ost und West und somit eine Gegenüberstellung gerechtfertigt sei, doch sollte man dann auch sehen, dass es ähnliche Unterschiede zwischen Nord und Süd gibt – doch in letzterem Falle findet sich dies nicht im Sprachgebrauch wieder.

Sprache dient nicht nur dazu Wirklichkeit zu beschreiben, sondern Sprache ist immer auch ein Mittel, um Wirklichkeit zu gestalten. An sich bezeichnen die Begriffe „Ost“ und „West“ lediglich Himmelsrichtung, jedoch wurde ihr semantischer Gehalt nach dem Krieg politisch aufgeladen. Bevor man diese Begriffe wieder neutral nutzen kann, muss man sie erst einmal entladen und die politische Dimension muss gänzlich verschwinden. Dies passiert allerdings nicht, solange man sie weiterhin nutzt, als würden sie noch auf ein geteiltes Deutschland verweisen. Es ist ein gravierender Unterschied, ob ich Thüringen mit Hessen vergleiche oder die alten mit den neuen Ländern. Denn wenn ich letzteres tue, sende ich implizit die Botschaft mit, dass ich weiterhin an der deutsch-deutschen Grenze festhalte und konnotiere eine andauernde Teilung des Landes. Doch genau dies sollten wir uns alle endlich abgewöhnen. Denn dadurch lebt das Erbe Ulbrichts weiter. So lange wir noch von Ost- und Westdeutschland sprechen, stoßen wir de facto mit Margot Honecker auf den Jahrestag der DDR an.

Wenn man schon intranationale Vergleiche aufstellen möchte, warum tut man dies dann nicht, in dem man die Bundesländer einzeln aufführt oder aber, je nach thematischem Zuschnitt des Faktums, welches man herausstellen möchte, in der Form, dass man die beiden Extreme vergleicht? „Während Bayern hierbei vorne liegt, hat Bremen noch einiges aufzuholen.“ Warum verdammt noch mal nach über zwanzig Jahren immer noch Ost gegen West, gutes Deutschland gegen schlechtes Deutschland? Es reicht doch schon, dass die Zahlen eine Teilung widerspiegeln, muss man das dann noch sprachlich unterstreichen und gesondert darauf hinweisen? Wie will man denn „dem Deutschen“ abverlangen, dass er sich als ein Ganzes definiert, wenn man seine Schizophrenie andauernd erwähnt: „Sei eins mit dir, Michel, aber bedenke, dass zwei Seelen, ach, in deiner Brust wohnen!“ Paradoxer geht es kaum noch.

So bestimmt wie es damals hieß: „Wir sind DAS Volk!“, so sollten wir jenseits der Bestimmungen „Ost“ und „West“ heute ganz unbestimmt sagen: „Wir sind EIN Volk!“  Wir sollten aus den semantischen Ruinen auferstehen und uns der Zukunft zuwenden. Es wird höchste Zeit, sonst wird es uns im schlimmsten Falle nach den nächsten zwei Jahrzehnten gelungen sein, die Lebensdauer der deutschen Teilung verdoppelt zu haben.

Allerdings bezweilfe ich, dass diese mentale Überwindung in der nächsten Zeit geleistet wird – zumindest unter denen nicht, die im geteilten Deutschland aufgewachsen sind. Doch sollten wir aufpassen, dass wir diese Altlast nicht an die Jungen weitergeben. Es macht nämlich auch keinen Sinn noch in D-Mark zu rechnen, wenn man nur Euro in der Tasche hat.

Aktuell ist die Mauer noch immer präsent und wird es wohl auch noch einige Zeit bleiben, was sich jetzt nicht auf die Berichterstattung zum Gedenken bezieht. Somit könnte heute, 50 Jahre nach dem Originalzitat dieses leider in etwa so lauten: „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Deutschland gibt, die wünschen, dass wir die Statistiker der Hauptstadt mobilisieren, um eine Mauer einzureißen, ja? Ääh, mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht, da sich die Statistiker in der Hauptstadt hauptsächlich mit Demographie beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll ausgenutzt, ääh, eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer einzureißen.“

Hoffen wir, dass sich das abgewandelte Zitat ebenso schnell in die negierte Wirklichkeit verwandelt, wie es das originale getan hat. Denn jede Statistik und jeder Artikel, der Deutschland noch in Ost und West unterteilt, ist ein weiterer Stein auf der virtuellen Mauer, in deren Schatten die Deutschen noch immer leben.