Biblio-viel

Quelle: flickr; CC: rajue„Man kann nicht mit allen Frauen der Welt schlafen, aber man muss danach streben“, scherzte einst der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki. Ähnliches schießt mir durch den Kopf, wenn ich dieses Jahr betrachte – allerdings in Bezug auf Bibliotheken: Man kann sie nicht alle sehen, aber man muss danach streben.

Gut, es ist nicht erstaunlich, dass man im Referendariat zum Bibliothekar die ein oder andere Bibliothek von innen sieht, jedoch dass es so viele sein würden, hätte ich dann doch nicht gedacht. Nachdem sich meine Zeit im praktischen Jahr an der Universitätsbibliothek Trier nun dem Ende neigt, was nicht ganz stimmt, da ich im Oktober noch einmal kurz zurück kommen werde, stehen alsbald die externen Praktika an, die mich an die Universitätsbibliothek in Heidelberg, die Bibliothek im Haus der deutschen Geschichte in Bonn sowie die Stadtbibliothek in Koblenz führen werden, bevor es dann zur theoretischen Ausbildung an die Bayerische Staatsbibliothek in München geht. Abgerundet wird das ganze durch Kurzvisiten des Landesbibliothekszentrums Koblenz und Speyer, der Klosterbibliothek Maria Laach, der Nationalbibliothek in Frankfurt, der Universitätsbibliothek in Mannheim, der Bibliothek des Priesterseminars in Trier, der Stadtbibliothek Trier, der Nationalbibliothek Luxemburg sowie einer handvoll Wiener Bibliotheken im Rahmen einer Kursfahrt gegen Ende des Jahres. Lediglich nach Selb werde ich nicht kommen im Zuge meiner Deutschlandreise, jedoch weiß ja jeder, der gleichnamiges Spiel einmal gespielt hat, dass Selb eh eine Sackgasse ist.

Paradox ist jedoch, dass mir in den letzten Wochen und Monaten nicht nur realiter sehr viele Bibliotheken unterkommen, sondern auch ständig in Büchern, die ich lese und Filmen, die ich schaue, Bibliotheken, Bibliothekare, Archive oder Bücher begegnen. Es ist ein wenig so wie beim Kauf eines neuen Autos: Sah man vorher nirgends einen weinroten Golf, so hat man plötzlich das Gefühl, dass alle Welt einen fahre.

Als ich vergangene Woche auf dem Rückweg vom Bibliothekartag in Bremen – einer Tagung von 4.000 Bibliothekaren – war, verbrachte ich – wie gewöhnlich bei längeren Zugreisen – meine Zeit im Bordbistro. Selbst dort traf ich dann zufälligerweise auf eine vor zwei Jahren pensionierte, amerikanische Bibliothekarin, die gerade mit ihrem Mann im Urlaub war und Deutschland bereiste. Für die Länge einer Tasse Kaffee kamen wir ins Gespräch und fachsimpelten ein wenig über die beiden großen Bibliothekssoftwareanbieter ExLibris und OCLC und über das Vorhaben, künftig sämtliche Katalogdaten der Welt in einer globalen Cloud zu vereinigen.

In Bremen war ich zuvor überraschend für die Regionalnachrichten von Sat.1 interviewt worden. Man fragte mich, ob unser Beruf noch eine Zukunft habe. Sich ein wenig überrumpelt fühlend, fiel mir die durchaus richtige, jedoch auch recht naheliegende Antwort ein, dass die Menschen in einer überinformierten Gesellschaft immer schlechter mit Medien umgehen können und wir genau dort ansetzen. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Gedanken kommen mir zu dieser Frage.

Über den künftigen Sinn von Bibliotheken inmitten einer volldigitalisierten Welt, ist schon viel geredet und geschrieben worden und oftmals wird dann darauf verwiesen, dass sich die Funktion der Bibliothek insofern wandelt, dass sie nicht mehr lediglich der Ort ist, in dem Wissen aufbewahrt wird, sondern zunehmend auch ein Ort wird, wo man in Ruhe Lesen und Arbeiten kann und der auch zu einem Treffpunkt im Sinne der klassischen Agora wird – Marktplatz des Gedankenaustauschs und des sozialen Kontaktes, der doch bei den meisten trotz der sozialen Medien immer mehr ins Hintertreffen gerät.

Gerade eben habe ich einen Artikel gelesen, der vom Impostor-Syndrom handelt. Ein Gefühl, welches gerade unter Menschen verbreitet ist, die schon einiges im Leben erreicht haben, jedoch ständig meinen, sie würden überschätzt und man werde ihre ‚Hochstapelei‘ eines Tages entdecken – auch wenn diese Angst bar jeder Grundlage ist und lediglich auf eine verzerrte Selbstwahrnehmung zurückzuführen ist. An eben diesem Syndrom leide ich wohl auch, denn für mich zählen nicht all die Bücher die ich in meinem Leben bereits gelesen habe, sondern immer nur die, die ich noch nicht gelesen habe oder vielleicht nie werde lesen können. Ich weiß, dass ich nichts weiß (obwohl ich wissen müsste, dass ich sehr wohl was weiß).

Die Lektüre des Artikels und meine damit einhergehenden, selbstkritischen Gedanken kreuzten dann meine schon zuvor gemachten Überlegungen hinsichtlich der Bibliotheken. Dabei bemerkte ich plötzlich, dass es eine weitere Funktion von Bibliotheken gibt, die, da sie recht subtil wirkt, nicht gleich ins Auge springt und die auch nie in der digitalen Welt repliziert werden kann: Bibliotheken führen uns die eigene Endlichkeit vor Augen.

Wenn ich durch eine Bibliothek gehe, bin ich immer wieder ergriffen, von dem darin gesammelten Wissen, welches von tausenden Menschen in Jahrhunderten zusammengetragen wurde. Dies passiert mir im Internet eigentlich nie. Dem Digitalen fehlt dieser Odem des Erhabenen. Zum einen, weil man im Netz nie alles auf einen Blick sieht und zum anderen, weil man eine andere, innere Haltung dazu hat. Durch die Schnelllebigkeit der digitalen Welt hat sich von Anfang an ein grundsätzlich anderer Umgang mit Gefundenem entwickelt. Sobald man einen Link in den Lesezeichenordner verschoben oder ein Dokument heruntergeladen hat, stellt sich das Gefühl ein, man habe die Sache erledigt – wer dies anzweifelt, richte bitte seinen Blick ein wenig nach oben und schaue sich seine Bookmarks einmal genau an: ich wette, da schlummert einiges, was schon lange des Gelesenwerdens harrt. Wie mahnend und vorwurfsvoll liegt jedoch der Stapel ungelesener Bücher in der Zimmerecke, immer schweigend schreiend: „Lies mich endlich!“

Eine ähnliche Diskrepanz besteht zwischen einem intertextuellen Verweis in einem Buch und einem Link: Während dieser einfach nur nervt, da er das unendliche Ablenkenlassen im Netz auszudrücken scheint, zeugt jener immer von einer gewissen Ehrfurcht vor dem Verfasser, der noch so viel mehr weiß und gelesen hat, als man selbst.

Mag die Cloud uns auch ermöglichen, dass unsere hochtrabenden Gedanken blitzschnell um die ganze Welt ziehen, so sollten wir uns doch auch immer wieder bewusst werden, dass wir eigentlich doch nur kleine, unbedeutende (Bücher-)Würmer sind. Wem diese Erdung verloren gegangen ist, da er sich mit ein paar Klicks einmal um die ganze Erde bewegen kann, der gehe in eine Bibliothek, wandele durch die vollen Regale und genieße die Ruhe – denn einen solchen Ort zum Runterkommen wird man im WorldWideWeb nicht finden.

Daher bin ich auch zuversichtlich, was die Zukunft von Bibliotheken anbelangt – denn wahrscheinlich geht es ihnen wie dem Theater, dessen Abgesang auch schon so oft gesungen wurde: „Das Theater ist tot“, hieß esimmer wieder, als verschiedene Neuerungen wie Kino, Radio, Fernsehen und Internet die Weltbühne betraten. Doch hat es sich wacker gehalten und findet auch heute noch regen Zulauf – insbesondere wenn man die Opernhäuser und Musicaltheater hinzuzählt.

Doch möchte ich mit einem ebenso anzüglichen Zitat enden, wie ich diesen Beitrag begonnen habe – mit einem Zitat eines guten Freundes, der mir einmal den augenzwinkernden Rat gab: „Mit Männern ist es wie mit Büchern: Es ist immer schade, wenn man eins verliert, jedoch hat man am Ende des Lebens doch zuviele.“

Volkes Werk und Merkels Beitrag

Quelle: flickr; CC: Abode of ChaosSo oder so ähnlich könnte man diese Woche übertiteln, denn unsere Bundeskanzlerin machte in den letzten Tagen eines klar: Ohne sie läuft in Europa nichts. Noch vor der Wahl dachte ich, dass ihr Konterfei auf den CDU-Wahlplakaten zur Europawahl lediglich der Tatsache geschuldet sei, dass der breiten Masse Jean-Claude Juncker wenig bis nicht bekannt ist, und man auf die Mutti setze, die ihre Kinder zur Urne lockt, was an sich keine schlechte Strategie war – im Gegensatz zur Wahlstrategie der bayerischen Schwesterpartei, die mit ihrem „Ja, aber, vielleicht auch nicht, am besten Jein“-Kurs vollends daneben lag. Dass es jedoch retrospektiv auch anders gesehen werden kann, war mir letzte Woche noch nicht klar. Denn rückblickend war die Hauptaussage der Kampagne: Ich bin Europa und scheitere ich, dann scheitert Europa.

An sich sollte diese Europawahl ein Schritt zu mehr Demokratie sein, denn erstmalig gab es zwei Spitzenkandidaten für den Posten des Kommissionspräsidenten, von denen dann einer vom durch Volkesvotum legitimierten Parlament gewählt werden soll. Auch wenn das Vorschlagsrecht für den zu Wählenden beim Europäischen Rat liegt, so ist dies doch ein kleiner Schritt hin zu mehr wirklicher Gewaltenteilung. Denn – wie schon so oft in meinen Beiträgen kritisiert – diese ist auf europäischer Ebene nicht konsequent gegeben, da die nationale Exekutive mit der supranationalen Legislative amalgamiert und somit ein verfassungsrechtlicher Brei entsteht, der die klassische Dreiteilung verwässert.

Soweit die Ausgangslage vor der Wahl, die – das darf man nicht vergessen – in einer ziemlich frostigen Zeit für Europa stattfand. Der Ausgang der Wahl hätte wesentlich schlimmer sein können als er ist, was jetzt nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass es durchaus sehr bedenkliche Entwicklungen gibt. Daher war es an sich ein erfrischendes Zeichen, dass schon kurz nach dem Ergebnis trotz vorheriger kurzer Interimsunstimmigkeiten, wie sie nach Wahlabenden, an denen es ja meist nur Sieger gibt, keine Seltenheit sind, vom Parlament ein Signal der Geschlossenheit ausging, in dem man parteiübergreifend den Auftrag der Mehrheitsfindung an Juncker gab. Hier war wider Erwarten ein Hauch des EU-Mottos „in Vielfalt geeint“ zu spüren.

Doch dann kam Mutti und stellte klar: „L’UE c’est moi!“ Von jetzt auf gleich machte sie eine Kehrtwende und entzog ihrem eigenen Spitzenkandidaten das bestens bekannte vollste Vertrauen und kündigte an, dass die nun anstehenden Entscheidungen erst einmal wieder ins Hinterzimmer verlagert werden: Schließlich hat das Volk seine Stimme ja „abgegeben“. Ursula hat nun die Stimme und Arielle schaut schweigend drein – da sie ja jetzt Beine hat, kann sie ja gehen, wenn’s ihr nicht passt. Das Volk hat seine Schuldigkeit getan, das Volk kann geh’n.

Paradoxerweise wird sie sich damit nicht nur insofern untreu, als dass ihr vor der der Wahl zur Schau getragener Juncker-Jubel vergessen scheint, sondern durchbricht auch sämtliche ihr zugeschriebenen Handlungsmuster. Von einem zögerlichen Abwarten und dem gewohnten Erst-mal-laufen-lassen kann bei diesem fukushimatischen Aktionismus nicht mehr die Rede sein. Sie spingt in medias res um ab ovo alle Strippen in der Hand zu halten. Sie ist laut Forbes-Ranking die mächtigste Frau der Welt und damit dies auch wirklich der Letzte versteht, wird jetzt in schröder‘scher Basta-Manier mal kräftig auf den Tisch geklopft.

So oft Merkels Wege unergründlich scheinen, so haben sie jedoch immer nur ein einziges Ziel: Das Stärken und Festigen der eigenen Macht. Daher wäre es nicht verwunderlich, wenn Juncker nun der nächste Dominostein ist, der in der langen Reihe gefallener Politiker umkippt, damit Angela ein ausreichend stabiles Pflaster hat, auf dem sie ihren roten Teppich ausrollen kann. Doch ist dieses Vorgehen nicht nur „dumm“, wie Rolf-Dieter Krause in seinem gestrigen, sehenswerten Tagesthemenkommentar feststellte, sondern auch brandgefährlich: Auf dem Rücken eines instabilen Europas sollte man keine Individualpolitik betreiben. Das kann nur nach hinten losgehen.

Es ist zu befürchten, dass das gerade zaghaft aufkeimende Sprößlein eines EU-Interesses, das sich unter anderem in einer leicht gestiegenen Wahlbeteiligung äußerte, jetzt durch eine durch solches Verhalten ausgelösten Welle der Politikverdrossenheit wieder zerstört wird. Dies wäre ein zu hoher Preis für persönlichen Machterhalt.

Doch mit hohen Preisen müsste sich Frau Merkel mittlerweile ja auskennen: Denn das Erstarken der AfD hängt stark mit dem Untergang der FDP zusammen, den Merkel zwar nicht zu verantworten hat – denn die FDP brauchte keine Hilfe bei der Selbstzerfleischung –, den sie jedoch auch ohne Bedauern zugelassen hat, obwohl es ihr – wem wenn nicht ihr – durchaus möglich gewesen wäre diesen durch engagierte Unterstützung zumindest abzumildern.

Am teuersten wird die Ära Merkel jedoch die Union zu stehen kommen. Die Partei der Kanzlerin-Claqueure, die alles bejubeln, was Mutti macht, wird die Zeche post-merkel zahlen müssen. Denn da Merkel dafür sorgt, dass sie der einzige Stern am Unionshimmel ist und peu a peu alle sie umgebenden Lichtquellen auslöscht, wird es sehr dunkel sein, wenn sie dereinst aus der Politik aussteigt. Erst kommt Merkel, dann lange Zeit nichts und das zur Verfügung stehende Personaltableau der Union wird von Jahr zu Jahr dünner. Wer zu weit nach oben steigt, wird fallen und selbst die oft so bezeichnete Thronerbin von der Leyen sitzt mittlerweile auf dem politischen Schleudersitz der Verteidigung – noch.

Ich sehe die Zeitungen schon vor mir, die dereinst, nach einem Rückzug von Merkel, titeln werden: „Und die Mutter blicket stumm auf dem leeren Tisch herum.“

Blue moon

Quelle: flickr; CC: Audringje„Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte“ – so sehr wir uns auch im Laufe der Evolution von dem Diktum der Natur entfernt zu haben scheinen, so sehr sind wir jedoch auf einer ganz ursprünglichen Ebene noch immer an dieses gefesselt.Gerade zu dieser Jahreszeit wird einem das Primat des Hormons vor der Kultur bewusst und wenn die ersten Sonnenstrahlen wärmend über die Haut streichen, merkt man, dass diese schon lange nicht mehr berührt wurde.

Als ich diese Woche den Film „A Single Man“ mit Colin Firth durch Zufall im Fernsehn sah, kam ich ein wenig ins Grübeln, denn auch wenn es mir eigentlich momentan sehr gut geht, so wurde ich an einen Abschnitt aus einem vor fast zwanzig Jahren an mich gerichteten Brief erinnert: „Geht es Dir gut? […] Benjamin geht es immer gut! Provokant?!?“ Die Tatsache, dass dort die Handschrift auch so gedeutet werden könnte, dass man „nimmer“ ließt, hat mich seinerzeit schon irritiert und bringt mich direkt zu den Überlegungen, die zu diesem Beitrag geführt haben.

Der Film handelt von einem Schwulen in den sechziger Jahren, dem nach langjähriger Beziehung der Partner jäh entrissen wurde und der fortan nicht nur mit seiner sexuellen Identität, sondern auch mit seiner Einsamkeit kämpft. Tragikomischer Höhepunkt des Films ist eine Szene, in der er sich versucht das Leben zu nehmen, was jedoch daran scheitert, dass er sich des Moments des Auffindens bewusst, in dem er dennoch – sofern dies möglich – keine schlechte Figur machen will, versucht so zu drappieren, dass es nicht ganz so erbärmlich aussieht. Zudem will man es ja auch bequem haben, wenn man einen solchen Schritt geht und so entsteht die eine skurile Situation, bestehend aus Kissen zurecht rücken und Pistole platzieren, die an der Unvereinbarkeit der beiden zu kombinierenden Aufgaben, der eigentlichen Zielsetzung und dem Arrangement, scheitert. Die subtile Message in dieser Szene ist: Man leidet, wenn man alleine ist, will sich und der Welt dies jedoch nicht eingestehen und achtet sorgsamst auf den schönen Schein.

Auch wenn dies eine eher zugespitzte Darstellung dieses inneren Konflikt ist, so gibt es sie durchaus: Die Menschen, die auf dem schmalen Grad zwischen dem „als ob“ und dem „so ist es“ wandeln. Die immer wieder die Unabhängigkeit und Freiheit einerseits und die Unerträglichkeit des Alleinseins andererseits auf die Waage legen und je nach Situation zu anderen Messergebnissen kommen. Auch ich gehöre zu Ihnen. Denn ebenso wie ich mich glücklich schätze, uneingeschränkt meinen eigenen Weg gehen zu können, so wabert doch die quälende Frage, ob und wie lange dies gute geht und wohin einen dieser Weg führt. Oscar Wilde hat dieses Dilemma auf die einfache Formel gebracht: „In this world there are only two tragedies. One is not getting what one wants, and the other is getting it.”

Es scheint kein Zufall zu sein, dass es im Deutschen zwei Begriffe gibt, die sich nur schwerlich in andere Sprachen übersetzen lassen: “Gemütlichkeit” und “Torschlusspanik”. Wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, so stelle ich für mich fest, dass es verschiedene Stadien gab, mit diesem Thema umzugehen: die Zeit in Köln war geprägt durch eine Verlagerung ins Außen, das ständige Unter-Menschen-Sein; dann die Jahre in Heidelberg, in denen ich es genossen habe, manchmal tagelang mit niemandem außer der Bäckersfrau ein Wort wechseln zu müssen; in Berlin dann die Erfahrung, dass ein Einlassen auf einen anderen einen ebenso an seine Grenzen führen kann. Denn ebenso wie Einsamkeit, so muss man auch Glück ertragen können.

Der einsame Pfefferstreuer auf dem weiten Tisch taugt sehr wohl dazu, dass Leben zu würzen, jedoch bleibt das Salz in Absentia. Auch wenn dies kein schwulenspezifisches Problem ist, so stelle ich doch immer wieder fest, dass es innerhalb der Szene eine Vielzahl gibt, die die Kunst des gehörigen Pfefferns so weit perfektionieren, nur damit der Zunge nicht auffällt, dass das Gericht in seiner Gesamtheit dennoch fade schmeckt. Und so sitzt man in ruhigen Stunden sinnierend herum, verärgert über nicht ergiffene Chancen, und bekommt dieses ungute Gefühl, dass man zu einem dieser klischeehaften Abziehbildchen werden könnte.

Diese sind durchaus bekannt: Die alleinstehenden, älteren Herren an der Theke mit der Aura der 80er, deren Outfit noch heute an die Zeiten erinnert, als man als schwuler noch heimlich an irgendwelchen Hintertüren klingeln musste und welche heute mit kühler Distanziertheit dort sitzen und keine wirklich nahen Sozialkontakte zulassen können. Von denen auch jeder weiß, dass der junge Mann daneben nur deswegen dort steht, weil man ihm die Zeche zahlt – man ahnt und munkelt, dass es nicht bei der Zeche für das Getränk bleiben wird, sondern auch andere Dienstleistungen monetär vergolten werden. Sie tun einem leid und dennoch verpasst man ihnen unschöne Spitznamen und belächelt sie, nur um sich nicht dem Druck auszusetzen, dass man dereinst selbst dort sitzen könnte.

Allerdings ist eine andere Ausprägung auch nicht besser – die Sorte, die sich noch immer in bunte und meist zu enge Shirts zwängt und über dem sonnenbankgegerbten Gesichtsleder die wasserstoffgefärbte Mähne zur Schau stellt, obwohl man den Reifegrad längst überschitten hat, zu dem ein solches Auftreten noch halbwegs tolerabel wäre: Diese Berufsjugendlichen in Muscleshirt auf der ständigen Jagd nach dem Teenieflirt, von denen man sich gut vorstellen kann, dass sie eines Tages wie Aschenbach den „Tod in Venedig“ suchen werden.

In meinen eigenen Reflexionen kommt auch noch dieser warnende Schatten hinzu – der Artgenosse des dickens’schen dritten Geistes, der mich immer wieder erschaudern lässt, wenn ich Mary Morgan alias Georg Preuße in „Herzklopfen“ von den weißen Wänden und den langen Fluren singen höre.

Doch ist auch das Gegenteil nicht erstrebenswert, denn in Beziehungsfragen nutzt einem das l’art pour l’art auch nicht viel. Schließlich sollten Beziehungen nicht zum Selbstzweck werden, wie bei den Menschen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit merkelscher Machtpolitik an den Tag legen getreu dem Motto: Nach der Koalition ist vor der Koalition – mag auch der Partner wechseln; Hauptsache man ist eine weiter Legislatur obenauf. Ich nenne sie gerne die Beziehungsstolpler, da ihr Singledasein sich meist nicht einmal von Freitag bis Montag hält, da sie gar nicht allein sein können und sich schnellstmöglich wieder an den nächstbesten binden.

Es gibt verschiedene Weg mit dem Alleinsein umzugehen, wobei jedoch jeder in ein ganz eigenes Paradox führt. Pflegt man den schwachen Umgang damit und zeigt den Umliegenden die Unzufriedenheit mit der eigenen Situation, so macht einen der Hauch von Miesepetrigkeit, der einen in diesem Moment umgibt nicht gerade attraktiv – allerdings kann man sich darauf verlassen, beim Gegenüber eventuell ein gewisses Helfersyndrom auszulösen, welches auf der irrigen Annahme beruht, man warte nur auf den Prinzen, der einem zeigt, wie schön die Welt sein kann und in dem Anderen ein prettywomaneskes Kopfkino entstehen lässt. Stellt man sich jedoch selbstbewusst in die Welt und zeigt nach außen eine gewisse Stärke, entwickelt man meist eine gewisse Keine-Kompromisse-Optik, die die durchaus bewunderte und beneidete Eigenständigkeit leicht in ein zu großes Maß an Respekt verkehrt, welches man zum Beispiel auich von erfolgreichen, eigenständigen und emanzipierten starken Frauen kennt, vor denen Männer eher zurückschrecken.

Zu all dem kommt auch noch der gnadenlose Zahn der Zeit, denn schließlich wird man weder jünger noch attraktiver. Auch wenn man hofft, dass ‚der Arsch in der Hose noch halbwegs sexy aussieht‘, wie es ein Bekannter von mir in einem vor Jahren gemeinsam gedrehten Dokumentarfilm sinngemäß formulierte, so ist einem doch bewusst, dass nicht nur Blumen verwelken. Im Gegensatz zu den vergangenen Zeiten, hat man keinen Jugendbonus mehr, der einem qua Alter und Frische die Herzen zufliegen lässt.

Auch haben sich die Gepflogenheiten auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten in den letzten Jahren bedingt durch den oft so angenehmen Fortschritt stark verändert. Wir verlernen peu a peu den direkten, realen Umgang und obliegen einer Selbstzensur in der Ansprache des Anderen. Schließlich ist es viel einfacher jemanden virtuell anzustupsen oder in der Anonymität des Netzes, wo man sich notfalls von Klick zu Klick hangeln kann, aus sicherer Entfernung auf dem heimischen Sofa in reiflicher Überlegung einen geeigneten Wortlaut für die ersten Worte zu suchen. Aber: Wer zu viel liked, verlernt zu lieben und am Ende bleibt ihm doch nur Siri.

Sex der Professoren

Quelle: flickr; CC: samirlutherDer ein oder andere Leser, der diesem Link nun mit voyeuristischer Spannung gefolgt ist, wird mal wieder enttäuscht werden – jedoch hat meine Berliner Redaktionszeit mich gelehrt, dass plakative Überschriften immer funktionieren (Gruß an die alten Kollegen: Ich nenne nur das Schlagwort „Rückgang weiblicher Bevölkerung in China“).

Aber ich sollte zur Sache kommen: Als ich vor einigen Wochen auf den Aufhänger dieses Beitrags stieß, dachte ich zuerst, es sei eine dieser Ein-Meldungs-Nachrichten, die mal kurz in den Medien auftauchen, allerdings keine große Beachtung finden. Da ich jedoch in den letzten Tagen – wahrscheinlich auch durch den Sieg von Conchita Wurst beflügelt, doch das ein oder andere Mal auf das Thema stieß, scheine ich mich geirrt zu haben.

Es geht um den Vorschlag der Professorin für Gender Studies, Lann Hornscheidt, an der HU Berlin. Ach nein: Es muss natürlich heißen Professor-in, ähm… Professor_in… nein, ProfessorIn… ach Mist… natürlich Professx (sprich: Professix).

Professx Hornscheidt setzt sich nämlich dafür ein, die bisherigen unterschiedlich angewandten Mischformen für eine geschlechtsneutrale (Berufs-)Bezeichnung ganz abzulösen und statt der das Geschlecht spezifizierenden Endung ein „x“ zu nutzen, damit auch trans- und intersexuelle sowie sämtliche sonstigen sexuellen Identitäten, die eben nicht dem herkömmlichen Dualismus „männlich-weiblich“ entsprechen, hiermit zum Ausdruck kommen und man so einer Diskriminierung Einhalt gebietet, die in unserer Sprache immer mitschwingt.

Jetzt, da die verschiedenen in-Formen sowieso als diskriminierend gebrandmarkt sind, kann ich es auch getrost gestehen: Seit jeher fand ich diese nicht diskriminierend, sondern einfach nur unsinnig und albern. Wer meine Beiträge hier verfolgt, wird mir schwerlich vorwerfen können, dass ich mich nicht immer wieder für Gleichstellung, Abbau von Diskriminierung und Engagement für Minderheiten einsetze, jedoch in diesem speziellen Falle schlägt mein sprachwissenschaftliches Herz doch ein paar Takte schneller als dasjenige für sexuelle Identitätsvariationen.

Auch wenn es (in seltenen Fällen) recht clevere geschlechtsneutrale Formen gegeben hat – etwa die Studierenden – so führte diese Sprachemanzipation doch meist zu abstrusen Konstrukten, die nicht nur in der Schriftsprache sondern insbesondere beim Sprechen so manchen Stein in den sprachlichen Weg gelegt hat, der dort einfach nur fehl am Platze war und an dem man sich regelmäßig den Zeh rannte oder die Sätze durch zusätzliche Worte bis ins Nirwana der Unverständlichkeit beförderte.

Beispiel gefällig?
„Nachdem der/die Antragssteller/in den Antrag ausgefüllt hat, wird dieser von der/dem Sachbearbeiter/in bearbeitet und der Bescheid anschließend der/dem Antragssteller/in zugesandt. Sollte der/die Antragssteller/in daraufhin weitere konkretisierende Angaben zu machen haben, muss der/die Antragsteller/in den korrigierten Antrag binnen einer Frist von 14 Tagen an den/die zuständige Sachbearbeiter/in zurücksenden.“ (Beispiel frei erfunden.)

Wer beim Lesen noch immer Zweifel an der oben erwähnten „Nirwana-Theorie“ hat, sollte versuchen den letzten Absatz einmal laut zu lesen und zwar so, dass es nicht diskriminierend klingt und beide Geschlechterformen gleichberechtigt sind. Geht nicht? – Gibt’s nicht!

Was mich daran stört ist, dass hierbei Sprache unnötig verkompliziert wird und die erzielte Wirkung dem eigentlichen Ziel der Sprache – nämlich einer möglichst einfachen, verständlichen und eindeutigen Kommunikation – im Wege steht. Die Funktion der Sprache wird durch solch unpraktikable Konstrukte vollends zerstört und man hat das Gefühl, dass ein Zusammenspiel von Geschriebenem beziehungsweise Gesagtem und der dahinterliegenden Bedeutung nicht mehr funktioniert.

Doch selbst diese Sprachperversitäten sind in den Augen von Professx Hornscheidt diskriminierend, da zum einen oben genannte Gruppen gar nicht berücksichtigt sind und zum anderen auch die verschiedenen Derivate der in-Formern immer auch eine latente Bevorzugung einer Form darstellen. Doch finde ich persönlich den von ihr/ihm/x unterbreiteten Vorschlag reichlich ungeschickt, zumal es seit der Völkerwanderung und dem Untergang des römischen Reiches nur noch in verschwindend geringem Maße üblich ist, Personenbezeichnungen auf das Suffix „-ix“ enden zu lassen – es sei denn man taucht ab in imaginäre gallische Dörfer, wo es noch viele Menschen „Raffnix“, „Kannnix“, „Verleihnix“, „Asterix“ oder „Obelix“ heißen.

Nichtsdestowenigertrotz sollte ich versuchen meine Kritik ein wenig durch überzeugende Argumente zu untermauern, weshalb ich zuallererst einmal einen Blick ins Englische werfen möchte. Wem ist es denn nicht seltsam vorgekommen, dass es in englischen Texten immer wieder zu seltsamen Misverständnissen kommen kann, da hier in vielen Zusammenhängen das Geschlecht überhaupt nicht erkennbar ist und lediglich über den Kontext erschlossen werden kann: „My friend visited me yesterday.“ Ob es ein Freund oder eine Freundin ist, ist aus dem Satz nicht ersichtlich. Obschon manch einer, gerade in den ersten Schulstunden, dann dadurch Abhilfe zu schaffen versucht, den Satz zu konkretisieren, indem „friend“ durch „boyfriend/girlfriend“ ersetzt wird, ist dies jedoch in den meisten Fällen eher eine Verschlimmbesserung, denn schließlich macht es einen gravierenden Unterschied, ob es sich um einen Freund/eine Freundin oder eben den geliebten Partner handelt. Einziger Ausweg aus der Ambiguität des isolierten Satzes ist, sich das Gemeinte durch weitere vor- oder nachher gegebene Informationen über die erwähnte Person zusammenzureimen: „My friend visited me yesterday. I had lots of fun with her.“

Ein weiterer Fall der Geschlechterverwirrung entsteht, wenn man verschiedene Sprachen hinsichtlich ihrer grammatischen Geschlechter untersucht. Es bedarf schon einer Vielzahl von Lernstunden über französischen Vokabelhaften, bis man begreift, dass „der“ Mond „la“ lune aber „die“ Sonne „le“soleil heißt – ganz zu schweigen von „the“ sun und „the“ moon, wo sich erst im Zuge der Verwenung der Pronomina sie Frage stellt, wessen Geschlechtes Kind denn nun gemeint ist und ob „she“ oder „he“ am Himmel aufgeht. Dies führt mich direkt zum nächsten Punkt in meiner Kritik: Denn wenn man den zur Debatte stehenden Eingriff vornimmt, muss man konsequenterweise auch alle Pronomina irgendwie angleichen, da man mit „sein/ihr“, „sie/ihm“ und allen anderen Formen nicht weiter kommt.

Es scheint, als sei die hinter der Idee stehende akademische Theorie so post-post-post-post-strukturalistisch, dass sie sich vollends von dem verabschieded, was jeder Sprachwissenschaftenstudierende in der Einführungsveranstaltung schon lernt. Denn nach Ferdinand de Saussure ist die Beziehung zwischen dem Bezeichnenden (also dem Zeichen oder Wort) und dem Bezeichneten (also dem real vor mir befindlichen Ding) nicht kausal sondern eine rein arbiträre Zuordnung. Es ist somit Zufall, dass ich das vierbeinige Sitzmöbel für eine Person vor mir am Esstisch „Stuhl“ nenne und nicht „Schrank“, denn das Wort „Stuhl“ enthält an sich keinerlei Hinweis darauf, dass es sich um ein Sitzmöbel handelt – lediglich die gesellschaftlich-sprachliche Übereinkunft legt fest, dass es eben kein „Schrank“ ist.

Ebenso wäre es durchaus denkbar, dass man übereinkommt, dass „die Mitarbeiter“ immer beide Geschlechter einschließt und eben nicht nur die männlichen Mitarbeiter meint, die von den weilichen abzugrenzen sind. Die Argumentation die dem entgegensteht, wird durch diverse Studien belegt, dass laut Umfragen die meisten Menschen bei „den Studenten“ lediglich an männliche Studierende denken. Doch würde man übereinkommen, dass „Studenten“ immer beide Geschlechter impliziert, so hätte man in diesem Fall umgekehrt wiederum diskriminiert – denn dann gäbe es lediglich eine geschlechtsunspezifische Beschreibung (Studenten) sowie eine weibliche Beschreibung (Studentinnen), nicht jedoch eine rein männliche Beschreibung. Wirklich „neutral“ kann man also aus diesem Dilemma nie herauskommen.

Allerdings kennt man diese Unvereinbarkeit von Sammelbegriffen mit der konkreten Vorstellung des Einzelnen in vielen anderen Fällen auch. Denn wenn ich davon berichte, dass der Hund von meinem Nachbarn total zutraulich sei, so wird der eine einen Schäferhund vor dem geistigen Auge haben, der andere jedoch einen Mops. Die Vorstellung des konkreten Hundes kann also durch die ungenaue Bezeichnung „Hund“ überhaupt nicht wieder gegeben werden. Dennoch dürfte es kaum jemanden geben, der es diskriminierend gegenüber Möpsen findet, dass viele ad hoc vielleicht an einen Schäferhund denken.

Somit sind wir bei Platon – schließlich war er es, der die Ideenlehre begründete und somit das Hund-Mops-Problem als Erster artikulierte. (Kleiner Exkurs: Für Platon ist die Idee vom Hund das eigentlich Seiende und nachrangig ist erst die Frage nach der Mopsigkeit, wohingegen sein ihn kritisierender Schüler Aristoteles der entgegengesetzten Meinung war, dass der Mops das eigentlich Seiende sei und erst durch die Zusammenführung der Gemeinsamkeiten weiterer andere Hundearten die Kategorie Hund entstehe (Ursprung des Streits zwischen Materialismus und Idealismus).

Da wir jedoch mittlerweile schon bei Platon angelangt sind, verweilen wir auch noch ein Wenig bei ihm, müssen allerdings zum besseren Verständnis einen Einschub über die Anfänge dieser ganzen leidigen Debatte ertragen:

Begonnen hat die ganze Diskussion nämlich mit der in der Sprachwissenschaft und Philosophie getroffenen Unterscheidung zwischen „sex“ und „gender“. „Sex“ meint in diesem Zusammenhang das biologische Geschlecht, wohingegen „gender“ das kulturell tradierte, soziale Geschlecht bezeichnet – oder einfacher ausgedrückt, die damit verbundene Geschlechterrolle. Während das biologische Geschlecht in den meisten Fällen eindeutig bestimmbar ist (es genügt meist ein Blick zwischen die Oberschenkel), gestaltet sich die Genderfrage oft etwas komplexer. Denn schließlich fühlt sich nicht jeder biologische Mann als Mann und nicht jede biologische Frau möchte die klassische Frauenrolle übernehmen. Da jedoch die Frage der Geschlechter seit jeher auch immer eine Frage der Macht und somit auch potentieller Unterdrückung war, ist diese alles andere als trivial. Um jedoch diesen Beitrag nicht noch länger werden zu lassen, als er sowieso schon werden wird, soll dies als Verweis genügen.

Der springende Punkt ist, dass es sich bei einer solchen Betrachtung anfänglich lediglich um einen akademischen Diskurs handelte, der nicht den Anspruch erhob, Einfluss auf konkreten Sprachgebrauch zu nehmen. Es ging vielmehr darum, sich des Problems bewusst zu sein, dass mit der Nichtkongruität von „sex“ und „gender“ einhergeht. Um dies etwas zu verdeutlichen sei hier das Beispiel des Verfassungsjuristen Horst Dreier verwiesen. Dieser hatte in seinem Kommentar zum Grundgesetz veröffentlicht, dass es durchaus denkbar sei, die Folter in Deutschland wieder einzuführen, sofern man lediglich die Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz selbst zugrunde lege. Er war also keineswegs der Meinung, dass man die Folter praktisch wieder einführen solle, sondern wies lediglich darauf hin, dass eine solche Maßnahme theoretisch mit dem Grundgesetzt durchaus vereinbar sei. Auch wenn dies eine Mindermeinung innerhalb der Rechtswissenschaft war, so war sie durchaus begründet. Da jedoch auch unsere Politiker hin und wieder nicht zwischen diesen beiden grundlegend verschiedenen Ebenen unterscheiden können, wurde er nicht wie ursprünglich beabsichtigt zum Verfassungsrichter gewählt, was Herrn Voßkuhle zugute kam.

Jedoch hat diese Unterscheidung durchaus Gewicht, denn es handelt sich hierbei um zwei völlig verschiedene Ebenen: Einerseits der theoretisch-akademische Diskurs, andererseits die praktische Umsetzung. Ebenso verhielt es sich in den Anfängen der Genderstudies mit den Geschlechtern. Es ging nicht um eine Homogenisierung der Sprache, sondern um das Sich-Bewusst-Werdens der Machtstrukturen, die sich in der Sprache durch Konvention und Tradition manifestiert hatten.

Dies bringt uns zurück zu Platon – oder besser zu seinem berühmten Höhlengleichnis: Denn der Philosoph, der sich seiner Fesseln befreit auf den Weg an die Erdoberfläche begiebt und dort der realen Welt ansichtig wird, ist darauf angewiesen seine unter freiem Himmel gewonnenen Erkenntnisse in die Sprache der Höhlenmenschen zu übersetzen. Würde er ihnen genau das sagen, was er oben gesehen und erlebt hat, so würde er erschlagen werden. Das zeigt, dass schon in der griechischen Antike durchaus eine Unterscheidung zwischen der Ebene der Erkenntnis sowie der Ebene ihrer praktischen Anwendbarkeit gemacht wurde. Oder um es mit einem anderen in der selben Einführung in die Sprachwissenschaft verwendeten Bildes auszudrücken: Jenes ist lediglich die „underlying mental representation“ von diesem.

Die hier dargelegten Überlegungen sollen nicht verdeutlichen, dass ich sprachlicher Veränderung per se ablehnend gegenüberstünde – denn diese ließe sich auch kaum aufhalten (wie etwa der Bedeutungswandel des Wortes „geil“ in den letzten 50 Jahren zeigt). Dennoch denke ich, dass solch tiefgreifende Veränderungen des Sprachgebrauchs nur dann sinnvoll sind, wenn sie sich mit der eingangs erwähnten Funktion der Sprache vereinbaren lassen.

Zudem sei an dieser Stelle angemerkt, dass es auch immer wieder sprachliche Relikte gibt, die Veränderungsprozessen wehrhaft entgegenstehen und irgendwann nicht einmal als der Anachronismus erkannt werden, der sie eigentlich sind (oder weiß heutzutage jeder, dass das „cc“ in der Email für „carbon copy“ steht geschweige denn, was denn dies ist oder besser noch: hat jemals jemand, der behauptet hat, ein Buch „aufgeschlagen“ zu haben dies auch wirklich getan – im ursprünglichen Sinne?).

Um es noch einmal nachdrücklich zu unterstreichen: Es geht mir hier nicht um irgendeine Form von spraxchlicher Differenz oder gar Diskriminierung. Mir liegt nur ein ausgewogenes Verhältnis zwischen sprachlicher Einfachheit bei gleichzeitigem (wenn auch eingeschränktem) Gerechtwerden der Realität am Herzen. Durch künstliches Aufplustern der Kommunikation stiftet man mehr Verwirrung als man für Klarheit sorgt. Weshalb auch das einzige mir bekannte Nomen laut Duden (unter Vorbehlat regionaler Differenzierung), welches über alle drei Geschlechtsartikel verfügt der/die/das Joghurt bkleiben wird.

Sollte der geneigte Leser (oder die geneigte Leserin, die in diesem Beitrag im Konkreten und in diesem Blog im Allgemeinen immer mitgedacht werden sollte, ebenso wie alle anderen Bezeichnungen, sofern sie nicht durch den Kontext einzuschränken sind) allerdings immer noch Zweifel haben, so bleibt mir kein anderes Mittel, als ihn auf eine kölsche Liedzeile zu verweisen: „Janz ejal, janz ejal, ov de Hohn bis oder Hahn.“

Asche auf unser Haupt…

Quelle: flickr; CC: Assassin de la police„Sometimes I feel like I’m diagonally parked in a parallel universe“, so lautet ein Spruch auf einem Kühlschrankmagneten, den ich vor Jahren einmal gesehen habe und der mich ad hoc zum Schmunzeln brachte. Doch irgendwie ist es genau ein solch deplaziertes Gefühl, dass ich in der letzten Zeit habe, wenn ich die überdurchschnittliche mediale Aufmerksamkeit betrachte, die aktuell wieder der Homosexualität gewidmet wird. Zeitweise habe ich die leise Befürchtung vielleicht versehentlich in ein Wurmloch getreten zu sein, welches mich 20 Jahre in die Vergangenheit katapultiert hat.

Dass das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger recht große Wellen schlug, war insofern noch nachzuvollziehen, als dass er der erste deutsche Spitzenfußballer ist, der diesen Schritt, wenn auch nicht in der aktiven Zeit, gemacht hat und somit nicht nur für eine große Überraschung sorgte (selbst in der Szene, wo keiner damit gerechnet hätte, dass diese „letzte Bastion des Schweigens“ fällt) sondern auch allen Respekt verdient hat.

Doch ebbten danach schwullesbische Themen in den Medien nicht ab. So wurde lang und breit – und zum Teil mit großer Verbissenheit – die Absicht der grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg, Homosexualität im Zuge des Aufklärungsunterrichts in den Lehrplänen zu thematisieren, diskutiert und bekämpft. Ein Fakt, von dem ich eigentlich dachte, dass ihm sowieso (auch ohne explizites Anführen im Lehrplan) Rechnung getragen würde, gibt es doch einige sehr engagierte Aufklarüngsinitiativen, in denen Schwule und Lesben in die Schulen gehen, um dort von ihren Erfahrungen zu berichten.

Etwas verwundert war ich jedoch, dass das Zeitmagazin seit Kurzem eine „schwule Kolumne“ ins Leben gerufen hat und als ich dies sah, dachte ich bei mir: „Brauch man sowas heute noch?“

Einige Tage darauf jedoch stellte sich die Antwort von selbst ein. Denn auch die Panorama-Reportage mit dem Titel „Die Schwulenheiler“, in der ein schwuler NDR-Journalist in ultra-christlichen Kreisen der exorzistisch anmutenden Praxis der Konversionstherapie auf den Zahn fühlt, sorgte für einiges Aufsehen.

All dies ließ mich darüber nachgrübeln, ob meine Wahrnehmung der Welt, wie ich sie sehe, überhaupt stimmig ist. Denn wie schon eingangs erwähnt, bin ich etwas perplex, dass das Thema Homosexualität in Deutschland noch immer so polarisieren kann. Ganz ehrlich hatte ich in den letzten Jahren das Gefühl, als sei unsere Gesellschaft schon wesentlich weiter.

Natürlich gab es all die endlosen Debatten rund um die Gleichstellung der Lebenspartnerschaft mit den dazugehörigen Urteilen, Gesetzesänderungen und so fort. Jedoch hielt ich das eher für das letze Glattbügeln einer an sich sonst durchaus gelungenen Integration. Doch gerade die im Südwesten geführte Bildungsdiskussion und die Tatsache, dass es praktizierende, approbierte Ärzte gibt, die ihre Umpolungstherapie sogar unter Billigung der Ärztekammer und mit Mitteln der privaten und gesetzlichen Krankenkassen durchführen, ließ mich doch in gewisser Weise fassungslos zurück.

Die von der Weltgesundheitsorganisation im Jahre 1992 abgeschlossene zehnte Revision der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10), löste die ICD-9 von 1976 ab, in der noch im Abschnitt „Neurosen, Persönlichkeitsstörungen (Psychopathien) und andere nichtpsychotische psychische Störungen (300-316)“ im Unterkapitel „302 Sexuelle Verhaltensabweichungen und Störungen“ unter dem Code 302.0 „Homosexualität“ zu finden war. Im Jahre 1973 war bereits in der dritten Fassung im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-III) die Homosexualität als psychische Störung eliminiert worden. Deswegen sollte der Fall eigentlich klar sein: Wo es keine Krankheit gibt, kann man auch nicht heilen.

Allerdings verwundert mich auch weniger, dass es noch vereinzelt solche Homoheiler und Homohomöopathen gibt, denn schließlich gibt es das schöne Sprichwort: „Jeden Tag steht irgendwo ein Dummer auf.“ Was mich jedoch nachdenklich stimmt, sind die Kommentare, die man teilweise von dem „Bürger auf der Straße“ hierzu hört. Denn in meinem Umfeld gibt es dies schon seit Langem nicht mehr.

1997/98 hatte ich mein Coming-Out. Damals noch in einem beschaulichen Eifeldorf mit knapp 1.600 Einwohnern lebend, war es seinerzeit noch eine mittelgroße Sensation, öffentlich zu sagen, man sei schwul – zumal, wenn es jemand sagte, der noch mitten in der Pubertät steckte. Bis auf eine Ausnahme, die dies jedoch nicht offen lebte, gab es sowas nicht beziehungsweise wurde es nicht thematisiert.

Ebenso war die Situation an meinem circa 800 Schüler fassenden Gymnasium, wo zwar ab und an Gerüchte kursierten, dass dieser oder jener mittlerweile in der Großstadt studierende Exschüler wohl einen Freund habe, man jedoch einen realen Schwulen auch nicht kannte, was dazu führte, dass man mich in der Abiturszeitung augenzwinkernd und sehr freundlich mit den Worten „der die Homosexualität salonfähig machte“ beschrieb.

Dies, das muss ich in diesem Zusammenhang erwähnen, lag jedoch auch an den äußerst günstigen Umständen. Denn schließlich war ich kein Hinterbänkler, den man mal einfach so hätte mobben können – weder in der Schule noch im Ort. Denn schließlich war ich ja „de Benny“, der nicht nur bekannt wie ein bunter Hund war, Karnevalsprinz und Messdiener gewesen war, im Kirchen- und Kinderchor sang und im Musikverein spielte sondern auch Chefredakteur der Schülerzeitung, Mitglied in der Theater-AG, Sänger in der Big-Band und auch sonst überall engagiert, wo man noch einen Vereinsmeier brauchte. Denn jemanden aus der eigenen Mitte, schlägt man nicht eben mal, nur weil er anders ist.

Ich will nicht bestreiten, dass es nicht auch Anfeindungen gegeben hat. Allerdings kamen diese meist aus chronisch-alkoholisierten Jugendkreisen mit entsprechendem Niveau sowie Unverständnis unter Älteren, denen man ihre Vorbehalte durchaus anmerkte, so sehr sie sie zu verstecken suchten. Alles in allem konnte ich mir jedoch, und dafür bin ich noch heute überaus dankbar, einer breiten Unterstützung meines Umfeldes sicher sein.

In den darauffolgenden Jahren wurde das Thema jedoch zunehmend normaler, denn nun begann meine Odyssee durchs Land: beginnend mit Koblenz, das damals schon über eine im Verhältnis zur Einwohnerzahl ungewöhnlich blühende Schwulenszene verfügte, über die schwule Hochburg Köln und Heidelberg, das in erektiler Entfernung (Anm.: dieser Neologismus eines Freundes ist zu schön, um ihn verklümmern zu lassen) zu Mannheim, dem schwulen Epizentrum des Südens liegt bis hin nach Berlin, in dem allein aufgrund der schieren Größe irgendwie Alles normal ist – selbst der von mir häufig scherzhaft zitierte Fetisch grüne Socken auf rosa Poloshirts zu tragen, weshalb es durchaus lukrativ sein kann eine Kneipe für diese Vorliebe zu unterhalten.

Gerade in den Nineties und Naughties sprudelte es ja nur so von neuen Idolen und auch unter den Prominenten stieg die Zahl der offen lebenden Homosexuellen stetig an. Der WDR übertrug die Rosa Sitzung und den CSD, der nach und nach immer mehr auch zu einem Familienevent heranwuchs, was sich dadurch bemerkbar machte, dass in den an der Paradestrecke liegenden Cafés die Senioren herzlich mitfeierten und sich die Zahl junger Familien am Straßenrand erhöhte. Serien wie „Will and Grace“ oder „Queer as folk“ waren zumindest so erfolgreich, dass man sie nicht nach der ersten Staffel absetzen musste und es entstand sogar ein schwuler Fernsehsender (dessen Miserfolg auf eine Reihe außerhalb der hier behandelten fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz liegenden Gründe zurückzuführen ist, aber das ist ein anderes Thema).

Doch woher kommen sie nun, diese Stimmen, die man verstummt glaubte? Habe ich all die Jahre in einer Parallelwelt gelebt – einer Blase um mich herum? Habe ich gar durch die Wahl meiner Umgebung, in die ich mich begab, meine Wahrnehmung selbst insofern beeinflusst, dass ich nur da war, wo es angenehm war? Oder gibt es wirklich einen Rückschlag im Denken der Allgemeinheit und die Meinungen haben sich in prä-neunziger Sichtweisen zurückentwickelt? Ich kann es nicht sagen – vielleicht ist es auch noch zu früh, hier eine Einschätzung zu geben und man muss eventuell erst einmal abwarten und schauen, ob dies ein letztes Aufbäumen reaktionärer Ansichten ist oder doch ein langfristiger Sinneswandel.

Wie dem auch sei: Als ich eben einen Artikel zum diesjährigen Motto des kölner CSD las, freute ich mich richtig. Denn auch wenn man bei dem Titel „Wir sind ‚nur‘ der rosa Karneval“ erst einmal stutz, so wird beim Betrachten der dazugehörigen Kampagne durchaus klar, dass dies ein wohldurchdachtes Konzept ist, welches man nicht besser hätte auf die Domstadt abstimmen können. Denn dadurch, dass einzelne karnevalistische Liedzeilen, die jedem bekannt sind, in einen neuen Kontext gestellt werden, bringt man Dinge zusammen, die für mich schon immer zusammengehörten: den rheinischen Frohsinn, das kölsche Lebensgefühl und die Akzeptanz für sämtliche Minderheiten getreu dem Motto: „jede Jeck is anders“.

Wer weiß – vielleicht erleben wir ja schon morgen einen erneuten Triumph und Conchita Wurst gewinnt das europäischste aber auch schwulste Event, das es gibt, und wir können getrost die Asche, die man in letzter Zeit über uns verstreute, abklopfen, das Krönchen richten und wie ein Phönix neu erstehen. Schließlich hat Dana International es 1998 vorgemacht, wie dies geht. In diesem Sinne: Viva la Diva!

Neun auf Vier – das rat‘ ich dir

Quelle: Ben82cgnOk, ok, ich gebe es zu: Die Verballhornung der im Titel anklingenden Volksweisheit, passt nicht so ganz auf das im heutigen Beitrag dargelegte und ist lediglich meiner Vorliebe für verwirrende Überschriften geschuldet – gepaart mit einer Kreativitätslücke im Zusammenbringen der Zahlen Vier und Neun in eine Formulierung.

Als ich mich vor einiger Zeit mit einem Freund darüber unterhielt, dass dieses Jahr ja vor Gedenktagen kaum zu überbieten ist, was dieser recht kritisch sieht, da er sich mit Gedenkkultur in seiner Studienabschlussarbeit beschäftigte und bemängelt, dass dahinter meist nicht mehr steckt als Sonntagsreden, deren Halbwertszeit nicht bis Montag hält, ist mir aufgefallen, dass es gerade im europäischen Kontext sehr häufig die Jahreszahlen, die auf vier oder neun enden, sind, an denen einschneidende politische Wendepunkte stattgefunden haben. Als ich etwas später dann auch noch mit einem Synästhetiker darüber sprach, der mir berichtete, dass diese beiden Zahlen in seiner Wahrnehmung mit ähnlichen Farben, beide jedoch zudem mit einem unguten Gefühl verbunden seien, unterstrich dies meine Vermutung nur noch – denn so sehr ich eigentlich Rationalist bin, ganz verschließe ich mich dem Obskur-Esoterischen dann doch nicht. Zumal es gewisse Gesetzmäßigkeiten gibt, die durchaus wissenschaftlichen Kriterien standhalten, die für die meisten Menschen kontraintuitiv sind, wie etwa das Newcomb-Benford-Gestz.

Daher meine These: Die Wahrscheinlichkeit für einen bedeutenden Einschnitt in der Ausgestaltung Europas steigt überdurchschnittlich an, wenn eine Jahreszahl auf vier oder neun endet. Klingt nicht nur schön, sondern kann auch mit einer großen Zahl an Indizien (nicht Beweisen) für die letzten 250 Jahre belegt werden:

1789 (vor 225 Jahren):
Am 14. Juli beginnt mit dem Sturm auf die Bastille die französische Revolution. Die Bürger Frankreichs erheben sich gegen das Ancien Régime und läutet damit, wie es mein Geschichtslehrer immer darstellte, das lange 19. Jahrhundert – das Jahrhundert der Nationalstaaten ein, welches erst 1914 mit Ausbruch des ersten Weltkriegs ein Ende finden soll. Die in Paris entstandenen Ideen werden nicht nur Frankreich neu strukturieren, sondern breiten sich in den folgenden Jahrzehnten wie ein Flächenbrand in Europa aus und tragen so zur demokratischen Umstrukturierung fast aller Staaten bei.

1814 (vor 200 Jahren):
Nach der Niederlage von Napoleon Bonaparte wird am 18. September der Wiener Konkress eröffnet, der vor der Aufgabe steht unter Mitwirkung sämtlicher europäischer Herrscher, Fürsten, Städte und Körperschaften, Europa territorial neu zu ordnen, um ein stabileres, friedlicheres Europa mit von allen anerkannten Grenzen zu kreieren.

1849 (vor 165 Jahren):
Das im Anschluss auf die deutsche Revolution gegründete Paulskirchenparlament verkündet am 28. März die neue deutsche Reichsverfassung, welche jedoch aufgrund massiven Widerstands verschiedener Akteure scheitert – unter anderem an der deutschen Frage, welche heftig umstritten ist, da unklar ist, was denn Deutschland sei, was jedoch von allen Beteiligten als ein zentrales Kriterium für die Stabilität Europas gesehen wird. Die Verfassung scheitert zunächst, einige Ideen können sich jedoch ins 100 Jahre später verfasste Grundgesetz retten.

1914 (vor 100 Jahren):
Die angespannte Lage zwischen den europäischen Staaten führt dazu, dass die Ermordung des österreich-ungarischen Thronfolgers am 28. Juni Initialzündung für den Ersten Weltkrieg wird. Später werden einige Historiker dies als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnen und argumentieren, dass die eigentliche Katastrophe, der Zweite Weltkrieg, nicht ohne die folgenschweren Auswirkungen des Ersten Weltkriegs denkbar seien.

1919 (vor 95 Jahren):
Der von den deutschen unter harscher Kritik am 28. Juni unterzeichnete Versailler Friedensvertrag, der unter anderem die Alleinschuld Deutschlands am ersten Weltkrieg zum Ausdruck bringt, wird von vielen Deutschen als eine Schmach empfunden, was der am 14. August verkündeten Weimarer Verfassung, die wohl schlechtesten Ausgangsbedingungen beschert, die man sich denken kann, was dazu führt, dass die neugegründete Republik sich nicht auf die nötige Akzeptanz in der Gesellschaft stützen kann und somit, obwohl es eine sehr kluge und meines Erachtens nach heute noch unterschätzte Verfassung ist, von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist und folglich eine der ersten Sprossen auf der Karriereleiter Hitlers wird.

1939 (vor 75 Jahren):
Nach zu langer duldender Appeasementpolitik, bricht mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September der Zweite Weltkrieg aus. In den folgenden Jahren wird ganz Europa in Schutt und Asche gelegt und es fehlen mir die Worte, adäquat auszudrücken, was dies bedeutete. Allenfalls mag man es, wenn man denn irgendetwas sinnvolles daran sucht, ex post als die konstruktive Dekonstruktion verstehen, die durch die schiere Gewalt und Brutalität und insbesondere durch die Greueltaten der Shoa, ein so massives Umdenken im Sinne des „nie wieder“ der Menschheit mit sich brachte, die es überhaupt erst als Notwendigkeit erkennbar machte, grundlegende Rechtsnormen auf internationaler Ebene zu kreieren und allen Menschen allgemeingültige, universelle und globale Menschenrechte einzugestehen.

1944 (vor 70 Jahren):
Der Untergang der Naziherrschaft wird am 6. Juni mit der Landung der Alliierten in der Normandie eingeläutet. Von nun an beginnt eine neue Ära, die nicht nur zum Ende des zweiten Weltkrieges führt sondern im Folgenden auch eine stetig sich weiterentwickelnde Einigung Europas nach sich zieht, die bis zum heutigen Tage anhält – trotz späterer Höhen und Tiefen.

1949 (vor 65 Jahren):
Die beiden deutschen Verfassungen, die am 23. Mai und am 7. Oktober in Kraft treten, zementieren die Lage in Europa für die nächsten vier Jahrzehnte und sichern nicht nur de facto einen Scheinfrieden sondern auch eine andauernde Bedrohungssituation inmitten des geteilten Europas respektive der geteilten Welt. Die Hoffnung der Menschen auf ein geeintes Europa wird erst dann wieder vollends zurückkehren, wenn der Lauf der Geschichte dieses schon längst ermöglicht hat.

1954 (vor 60 Jahren):
Die am 23. Oktober unterzeichneten Pariser Verträge verleihen der Bundesrepublik Deutschland unter gewissen Vorbehalten die volle Souveränität und binden diese in die europäische Westunion ein. Damit wird ein wesentlicher Grundstein für die späteren Vertragswerke geschaffen, die dann die verschiedensten Ausgestaltungen der Europäischen Gemeinschaft und der darauffolgenden Europäischen Union beinhalteten.

1989 (vor 25 Jahren):
„Solange das Brandenburger Tor geschlossen ist, ist die Deutsche Frage offen“, hatte Richard von Weizsäcker noch einige Jahre zuvor gesagt. Dann geschah am 9. November das, was einerseits keiner erwartet hatte und so recht auch keiner in vollem Umfang zugleich begriff. Durch einen ungewollt performativen (Ver-)Sprechakt Günter Schabowskis, „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“, öffnet sich der eiserne Vorhang auch in Deutschland und die Berliner Mauer ist löchrig geworden – den Rest erledigen die Menschen auf der Straße. Auch wenn streng genommen de jure erst zwei Jahre später mit Inkraftreten des Zwei-plus-Vier-Vertrags, dem ersten von allen Beteiligten unterzeichneten Vertragswerks nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, der Zweite Weltkrieg auch auf dem Papier endet und die deutsche Einheit ebenfalls erst mit Inkraftreten des Einigungsvertrages ein Jahr später vollzogen ist, sind aus der Rückperspektive und unter Einbeziehung der normativen Kraft des Faktischen seit diesem „historischen Tag“, wie er in den Tagesthemen genannt wurde, die beiden deutschen Teilstaaten wieder vereint.

2009 (vor 5 Jahren):
Trozt einiger Ratifizierungshindernisse tritt am 1. Dezember der Vertrag von Lissabon in Kraft, der als Quasi-Verfassung der Europäischen Union die heutige Gestalt verleiht und vorläufiger Endpunkt eines langen Prozesses der europäischen Einigung ist.

2014 (heute):
Erneut stehen sich amerikanische und russische Kampfeinheiten in Blickweite gegenüber und in der Krise der Ukraine werden immer wieder Deeskalationschancen nicht ergriffen, was zu einer anhaltenden Verschärfung der Situation beiträgt. Appeasement wird betrieben, darf aber aufgrund falsch verstandener Political Correctness nicht so genannt werden, ebenso verbieten sich Vergleiche zum kalten Krieg und dennoch sprechen erste polemische Stimmungen von einem Dritten Weltkrieg, der angeblich in Sichtweite sei. Der Ausgang aus dieser angespannten Lage ist zum derzeitigen Zeitpunkt noch völlig ungewiss, jedoch sei nur darauf hingewiesen, dass auch heuer die Jahreszahl mit einer Vier endet.

Doch um meine Leser nicht mit dunklen Vorahnungen aus diesem Beitrag zu entlassen, komme ich noch einmal auf die titelgebende Volksweisheit zurück, um eventuell bei dem ein oder anderen einen gewissen Aha-Effekt auszulösen: Die dem Titel zugrundeliegende Sprichwortkombination aus „Bier auf Wein – das lass sein“ und „Wein auf Bier – das rat‘ ich dir“ hat nichts mit der Trinkreihenfolge zu tun, was ich aufgrund verschiedenster Selbstexperimente durchaus bestätigen kann, da sich der darauffolgende Kater in nichts unterscheidet, ganz gleich in welcher Reihenfolge man beide Getränke miteinander kombiniert. Vielmehr ist es eine Metapher für den sozialen Auf- beziehungsweise Abstieg eines Menschen und geht zurück auf eine Zeit, in der das gewöhnliche Volk sich lediglich Bier leisten konnte und der Genuss von Wein den besser Gestellten vorbehalten war. Somit beschreibt „Bier auf Wein“ einen sozialen Abstieg, wohingegen die Abfolge „Wein auf Bier“ auf einen sozialen Aufstieg verweist. Klingt komisch – is‘ aber so.

Natürlich, eine gewöhnliche Leseempfehlung

Quelle: flicker; CC: custer_flux„Good afternoon, Ladies and Gentlemen. First: The probable cause of AIDS has been found. A variant of a known human cancer virus. Second: Not only has the agent been identified, but a new process has been developed to mass produce this virus. Thirdly: With discovery of both the virus and this new process, we now have a blood test for AIDS. With the blood test we can identify AIDS victims with essentially 100 percent certainty.”

Was heute aussieht wie ein halbwegs gewöhnlicher Text einer Pressekonferenz einer US-amerikanischen Gesundheitsministerin, hatte vor heute genau 30 Jahren eine ganz andere Wirkung. Auch wenn der Humane Immundefizienz-Virus erst circa zwei Jahre später seinen heutigen Namen erhielt, so ist der 23. April 1984 jedoch sein faktischer „Geburtstag“. Denn nun hatte man die Ursache für diese ominöse Krankheit gefunden, die seit einigen Jahren eine Vielzahl meist homosexueller Männer hinwegraffte. Die Ursache des Verendens war gefunden und wurde zur Ursache der Verfolgens: dem Sterben folgte das Stigma.

Ob die nicht geringe Zahl an Dissidenten mit der Behauptung richtig liegt, dass auf dieser Pressekonferenz der Grundstein für den größten Medizinskandal aller Zeiten gelegt wurde, sei einmal dahingestellt – würden sich ihre Thesen bewahrheiten wäre dem allemal so. Was man allerdings mit Sicherheit sagen kann: Es war der Startschuss für die größte Skandalisierung aller Zeiten in der Medizin.

Erst wurde getestet, dann geurteilt und schließlich gegrübelt – darüber, wie man dieser „Schwulenpest“ Herr werden konnte. Wir, die wir mittlerweile daran gewöhnt sind, dass alle Jahre wieder, meist im Frühjahr, irgendeine neue Seuche oder epidemische Bedrohung (heißt sie nun EHEC, SARS, BSE oder sonstwie) als Sau durch das mediale Dorf getrieben wird, können uns kaum vorstellen, welche ein Bedrohungsszenario damals aufgebaut wurde.

Die Boulevardzeitungen meldeten in großen Lettern, dass in Hamburg ein AIDS-Kranker im Bus gefahren sei und Schlagzeilen wie „München: Todesvirus im Vormarsch“, „Bonn will AIDS-Kranken Sex verbieten“ oder „Alle Deutschen zum Zwangstest“ dominierten die Titelblätter. Auch politisch begann eine Hexenjagd, die nicht nur auf die Betroffenen selbst, sondern auch auf ganze Bevölkerungsteile ausgeweitet wurden. Die noch in den Kinderschuhen steckende Schwulenbewegung war von jetzt auf gleich um Jahre zurückgeworfen.

Die skurrilsten Ideen geisterten durch die politischen Debatten, von denen man eigentlich seit der NS-Zeit hätte wissen müssen, dass es keine adäquaten Mittel sind: Namentliche Erfassung, „Rosa Listen“, Zwangstätowierung, Quarantänemaßnahmen, Pflichttestungen und vieles andere mehr – der Unionspolitiker Peter Gauweiler polemisierte allen voran. Doch Gottlob scheiterten solche Vorstöße nicht allein daran, dass in Deutschlands Schwulenhochburg Köln, die ehemalige Leprakolonie Melaten inzwischen mitten in der Stadt lag und zudem seit fast 200 Jahren zum Friedhof umfunktioniert war, sondern insbesondere durch liberalere Stimmen in der Politik – unter anderem der von Rita Süssmuth, ebenfalls Union, deren weitsichtige Politik man heute oftmals unterschätzt.

Doch soll dies jetzt kein Betroffenheitsblog werden – denn ich wäre nicht ich, würde ich diesen Jahrestag nicht dazu nutzen, auf ein gutes Buch aufmerksam zu machen, welches ich im vergangenen Jahr erst gelesen habe: Wie Jakob die Zeit verlor von Jan Stressenreuter.

Eingekleidet in eine typisch-schwule Liebesgeschichte – denn die meisten schwulen Liebesromane haben entweder HIV oder das Coming-Out zum Thema – entfaltet Stressenreuter ein wunderbares Gefühl für das damals vorherrschende Klima. Er schafft es mit ähnlich subtilen Mitteln (wenn auch nicht so genial) wie Tony Kushner in Angels in America das Private, das Politische und den Zeitgeist so miteinander zu verflechten, dass es erlebbar wird und unter die Haut geht, und was Wolfgang Ehmer in Anderer Welten Kind für Nachkriegsdeutschland vermochte, vermag Stressenreuter für die 80er-Jahre: Er verlegt nicht nur einen Teil seiner Handlung in diese Zeit, sondern malt gleichsam ein Bild von ihr.

Selbst mir, der sich für diese Thematik schon immer sehr interessiert hat, erschlossen sich ganz neue Blickwinkel auf eine Zeit, die ich Dank der Gnade der späten Geburt nicht mehr miterleben musste. Ich war beim Lesen die meiste Zeit ebenso ergriffen wie als ich das erste Mal die Razzia-Szene im Film Stonewall sah.

Allerdings muss ich einschränkend hinzufügen, dass das Identifikationspotenzial in beiden Fällen natürlich durch das eigene So-Sein noch verstärkt wird, jedoch kann ich die Lektüre gerade denjenigen nur empfehlen, welche im Bannkreis immer wiederkehrender, vermeintlicher Heilsmeldungen und possierlichen Aufklärungskampagnen mit Kondom-Schmetterlingen und –Bärchen aufgewachsen sind.

Auch wenn der Roman nicht in allen Teilen das ersehnte gute Ende mit sich bringt, so hinterlässt er doch auf gewisse Weise nach Beendigung der Lektüre eine gute Portion Gelassenheit. Man gewinnt Distanz zu überhitzen Gesundheitsdebatten, bei denen sich meistens nichts so epidemisch ausbreitet wie die Skandalmeldungen selbst – ungeachtet der zugrunde liegenden Fakten.

Darüber hinaus macht er insofern Mut, als dass man natürlich aus heutiger Sicht weiß, dass sich vieles zum Guten gewendet hat – nicht nur in der Sache selbst, sondern auch hinsichtlich des Umgangs, was nicht nur der Tatsache geschuldet ist, dass wir Positiven von heute nicht alle so aussehen wie Tom Hanks in der Schlussszene von Philadelphia.

Doch bevor ich mich nun gänzlich in der Intermedialität und der Bezugnahme auf weiter Werke verfange, schließe ich doch lieber mit einem Zitat, welches eben diesen Mut zum Ausdruck bringt und welches das schon so oft invozierte Angels in America beschließt:

This disease will be the end of many of us, but not nearly all, and the dead will be commemorated and will struggle on with the living, and we are not going away. We won’t die secret deaths anymore. The world only spins forward. We will be citizens. The time has come.
Bye now.
You are fabulous creatures, each and every one.
And I bless you: More life.
The Great Work Begins.

END OF PLAY

P.S.: Da man sich eh nicht sicher ist, wann genau William Shakespeare geboren wurde, kann der Jubiläumspost auch noch etwas warten. Somit endet dieser Beitrag nicht mit den Worten: The rest is silence.