Grenzerfahrungen oder Deutschlands (ver-)blühende Landschaften

Nachdem ich nun wieder von meinem Besuch in der Europastadt Görlitz – Zgorzelec zurückgekehrt bin, möchte ich euch gerne einen Eindruck von dem geben, was mich dort am meisten beeindruckt und zum Teil auch nachdenklich gestimmt hat.

Selten zuvor habe ich eine so schöne Stadt gesehen: Die Altstadt ist fast komplett erhalten und hat den Krieg weitestgehend überlebt. Ganz im Gegensatz zu den in Windeseile nach dem Krieg hochgezogenen Pappmachée-Häusern Kölns, fühlt man sich dort inmitten der wundervollsten Fassaden ganz wie auf der Paradestraße eines gut ausgestatteten Themenparks. Hohe Altbauten, Villen des letzten Jahrhundert, Glaskuppeln, viel Stuck und wunderbare Ornamente rauben einem in jedem Augenblick auf’s neu den Atem und lassen einen hinter jedem Fenster Fräulein Rottenmeier vermuten. Alleine das Gefühl, wenn man in eine große Halle mit Jugendstil-Interieur tritt und sich fühlt wie ein Passagier der Titanic ist genial. Nicht so genial hingegen sind die dort befindlichen Kleiderständer und Regale, die jedoch in einem Karstadt nun mal anzutreffen sind.

Somit sind wir auch schon beim Haupteindruck, den ich gewinnen durfte: dem Blick hinter die schillernden Fassaden.

Es ist mehr als eine Schande, dass solch prächtige Bauten nicht genutzt werden, da die Stadt mit einigen Problemen wie Geldmangel, Arbeitslosigkeit, Veralterung und Emigration zu kämpfen hat und dies leider Gottes auf beiden Seiten, der deutschen als auch der polnischen. Fertig sanierte Bauten stehen leer, bei anderen wurde mitten während der Sanierung der Betrieb aus Geldmangel eingestellt und einige der schönsten Gebäude, die ich je gesehen haben stehen als schwarze Schatten besserer Tage zwischen bunten Fassaden und man bekommt den Eindruck als würden sie mit neidisch – traurigem Blick die Nachbargebäude betrachten. Diese Bauten scheinen die Hoffnung aufgegeben zu haben, dass auch sie einmal wieder im damaligen Glanze erstrahlen, wissend, dass sie nicht, wie die mit ihnen großgewordene Jugend abwandern und sich sonst wo in Deutschland niederlassen können.

Doch die Menschen, die sich dort entschieden haben zu bleiben, versuchen das bestmögliche aus ihrer Heimat zu machen. Es wird zum Teil improvisiert und man ist bestrebt die Stadt bis 2010 so attraktiv zu machen, dass sie zur Kulturhauptstadt Europas wird.

Man kann es dieser stadt nur wünschen, dass sie dieses Zeil erreicht (und trotz eines gewissen Stolzes auf meine Wahl-Heimat Köln, muss ich eingestehen, dass wir zurecht in der Vorentscheidung ausgeschieden sind), denn die Zwillingsstadt Görlitz – Zgorzelec ist mehr als nur eine geteilte Grenzstadt. Sie ist vielmehr ein Sinnbild Europas und jeder einzelne Stein könnte, wäre er in der Lage zu sprechen, en detail erläutern, was die deutsch – europäische Weltgeschichte ausmacht, da dieses idyllische Städtchen eines der wenigen ist, das von sich sagen kann, Geschichte erlebt zu haben. Zwei Stadtteile, die einst eins waren, getrennt durch Krieg, politische Systeme und ein noch nicht vereinigtes Europa.

Toi, toi, toi an diese Stadt, damit sie sich gegen die Mitbewerber für 2010 behaupten kann und vielleicht eines Tages in einem einigen Europa wieder eins wird und man an diesem Tage das “Freude schöner Götterfunken” von der teilenden Brücke wird singen können!

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