Spuren der Vergangenheit

Als ich heute auf meinem Nachhauseweg am Chlodwigplatz umstieg, kam ich an der dortigen Baustelle vorbei und durfte mit Entsetzen feststellen, dass dort ein alt wirkendes Pflaster freigelegt war. Leider konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen, was es damit auf sich hat. Naja, momentan hat es wohl nichts auf sich, das Pflaster, da ja abgesperrt ist. Mein erster Gedanke war: 2010 – Auf Wiederseh’n. Denn ich befürchte, dass man nun den Bau der Nord-Südstadtbahn wohl wird aufhalten müssen für die lustigen Männer in den weißen Kittelchen mit den kleinen Pinselchen, die von jedem Steinchen das kleinste Staubkörnchen wegstreichen.

Was sagt uns das? Archäologie hält auf und bringt den gewohnten Lauf ins Stocken. Und zwar immer genau dann, wenn man gerade unter Zeitdruck steht oder nicht damit rechnet. Dieses Phänomen zeigt sich nämlich auch auf anderen Ebenen.

Der Köln-Kenner wird eine ähnliche Situation schon einmal erlebt haben: Man hetzt wie auf der Flucht (vor sich? vor anderen? vor dem Alltag?) durch die Straßen von Köln und da man gerade irgendwie keine Lust hat, sich durch vorbeilaufende Bekannte aufhalten zu lassen, schaut man leicht zu Boden, um dann keinen sehen zu müssen. Doch dann wird man eben doch aufgehalten. Man bleibt stehen und verfällt in Gedanken beim Anblick der kleinen, fast unscheinbaren, goldenen Pflastersteine, die vor einigen Häusern Kölns zu finden sind. Man schaut an der Fassade des jeweiligen Hauses hoch und ein eiskalter Schauer läuft einem den Rücken hinunter, denn unweigerlich hat man Bilder aus Dokumentationen und Filmproduktionen im Kopf und sieht vor dem Inneren Auge, wie die jüdische Familie aus eben diesem Haus unter Maschinengewehrsalven hinausgetrieben wird hinein in eine Zukunft, von der wir alle zu gut wissen, wie sie endete.

Das nenne ich ein wirkliches Mahnmal, wo ma(h)n mal eben so im wahrsten Sinne des Wortes über Geschichte “stolpert”. Unsere lieben Hauptstädter werden sich sehr schnell an ihre neuen Sonnenbänke gewöhnen und während sie auf den bald schon im Stadtbild integrierten, überdimensionierten Dominosteinen von der Sonne verbrannt werden, denken sie sicherlich nicht daran, was noch alles verbrannte, damit sie in den Genuss dieser makaberen Liegestühle kommen konnten – Museum hin oder her.

Man hält nur dann auch wirklich inne, wenn etwas unerwartet kommt.

Dies kennen wir auch sicherlich alle aus dem privaten Leben. Wenn man sich mit einer Flasche Rotwein an einem verregneten Abend hinsetzt und beschließt in einem Anfall von Depression seine Vergangenheit zu bewältigen, so bringt es nichts außer einer leeren Flasche und einem Kater am nächsten Morgen. Viel wirkungsvoller ist es doch da, wenn man gerade beim Putzen, Kofferpacken oder bei letzten Vorbereitungen für den anstehenden Besuch über sie stolpert – die verlegten Briefe, die kleinen Geschenke, die bedeutungsschwangeren Utensilien, die Gegenstände, die einen an fast vergessene Rituale erinnern, die Postkarten, Fotos oder Beerdigungskärtchen.

In dem Moment ist die Anspannung weg, man steht da, starrt sie an und sinniert über Liebe, Familie, Tod, Krankheit, Trennung, Umzug, Erfolg oder Verlust. Mit einem Schlag steht man dem Auf und Ab des Lebens gegenüber und gibt sich ganz der überwältigenden Macht der Erinnerung hin: Memory, not a sound from the pavement…

Alles um einen herum hüllt sich in tiefes Schweigen und kehrt zur Ruhe. Nur in einem selbst tobt der Sturm des Vergessenen. Sätze, Worte, Bilder, Szenen reformieren sich zum Teil in durch Wünsche und Verdrängung deformierter Formation und entfalten sich kristallklar vor dem eigenen Ego.

Das sind die kleinen, bedeutsamen Momente der Verarbeitung, die mit Messerschärfe in unser Dasein schlagen wie Bomben. Gewaltsame Akte des Schiksals, die uns vor Augen führen wie wichtig wir uns doch gerne nehmen mit unseren akuten Problemchen, die in kurzer Zeit schon selbst Opfer der ewigen Zeit werden. Ach, wie unbedeutend sind doch häufig die Dinge, die uns für den Moment zu erdrücken scheinen. Wie kurz ist das Leben. Warum es nicht einfach genießen? Sich seiner selbst bewußt werden und versuchen seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ein großes Ganzes zusammenzuführen um dann festzustellen, dass das Leben mit all seinen Facetten das Schönste ist, was einem passieren kann. Denn wenn jeden Tag die Sonne scheint, so ist dies nicht “gutes Wetter” sondern überhaupt keins.

Oder wie der weimarer Dichterfürst es einst formulierte um eben auszudrücken, dass wir unseren Alltag nicht immer so wichtig nehmen und eher im größeren Rahmen denken sollten:

Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkel unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.

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