Einseitige Gespräche

Heute war ich mal wieder beim Zahnarzt und als ich so in diesem Stuhl lag und die Behandlung genoss, ist mir etwas erstaunliches aufgefallen, über das ich in dieser Weise noch nie so nachgedacht habe, da man normalerweise gar nicht so darauf achtet.

Meine Zahnärztin und ich hatten eins der eigentlich friseur-typischen Gespräche über Gott und die Welt, was ich jedoch einstellen musste, als ich denn dann fast kopfüber wieder in der Transhorizontalen hing. Sie jedoch war ja sehr wohl in der Lage zu sprechen und unterhielt sich weiter mit mir. Und genau da setzt meine “Beobachtung an.

Jeder kennt in seinem Bekanntenkreis ja Personen, die sich mit einem unterhalten und man selber kommt nicht zu Wort, da diese Person es dann immer wieder schafft einen Gedanken so zu Ende zu führen, dass im letzten Teilsatz schon ein neur Aspekt entwickelt wird, in den man dann nahtlos übergeht ohne zwischendurch Luft holen zu müssen, so dass einem selber überhaupt keine Chance bleibt, das “Gespräch” durch eigene Beiträge zu bereichern, was diese Personengruppe jedoch auch nicht weiter als störend empfindet, da sie meist charakterlich so gepolt ist, dass ihr dies sowieso eher unpassend erscheinen würde. Ein solcher Dialog spottet meist schon dieser Bezeichnung, da er eher monologisch strukturiert ist.

Was ich jedoch bei meiner Ärztin feststellte war, dass sie trotz der unkommunikativen Lage in der ich mich befand, da die Artikulation schon recht stark eingeschränkt ist mit einem Diamantbohrer am Zahnhals, immer wieder Sprechpausen machte um mir scheinbar die Gelegenheit zu bieten, auf das von ihr gesagt einzugehen und etwas zu erwidern, was mir aufgrund der oben beschriebenen situativen Begebenheiten leider unmöglich war. Jedoch wollte ich nicht unfreundlich sein und brachte zumindest einen zustimmenden, vokalähnlichen und fast schon glottalen A-Laut hervor, so dass sie dann mit dem Dialog weiterfahren konnte.

Ich kannte ein solches Sprechverhalten bisher nur aus filmischen Darstellungen, so zum Beispiel von Selbstgesprächen oder aus Szenen, in denen der hinterbliebene Mann mit dem Foto seiner toten Frau spricht und sich ihre Repliken denkt. Jedoch war es mir völlig unbekannt, dass ein solcher Kommunikationsverlauf stattfinden kann, wenn ein Ansprechpartner anwesend ist.

In den folgenden Gedanken, die ich mir um Gesprächsverläufe und situative Kommunikation machte stellte ich dann wieder einmal fest, dass es nicht darauf ankommt, was jemand sagt, sondern vielmehr, was er hört und wie weit er in der Lage ist, sich selbst aus dem Mittelpunkt zu nehmen und das Gespräch durch eine gewisse aktive Passivität zu fördern. Aktiv in soweit, dass er trotzdem bei der Sache bleibt und passiv in der Hinsicht, dass er einfach mal nichts sagt.

Diese Eigenschaft ist vielen heutzutage leider verloren gegangen und sie verspüren einen gewissen inneren Drang sich mitzuteilen und Gott und der welt zu berichten, was sie bewegt, was sie empfinden, was sie denken oder welche Wehwehchen sie in den letzten Wochen erleiden mussten.

Ich finde dies nur allzu schade, denn es ist ein weiterer Aspekt unserer egomanen Ellbogengesellschaft, wo man die Fähigkeit verliert zuzuhören und in der alles interaktiv sein muss, damit man selber Einfluss nehmen kann. Es ist auch dadurch befördert, dass selbst Kinder heute nicht mehr einem Märchen zuhören, sondern vor dem PC sitzen und sich ihre “Märchen” vermittels Adventurespielen oder ähnlichem selbst basteln.

Dass diese Egozentrik immer mehr zunimmt, finde ich sehr bedauerlich. Nicht für mich, sondern viel mehr für die Personen, die von ihr schon zur Gänze erfasst wurden. Denn sie rauben sich damit die Möglichkeit, an Reife zu gewinnen. Denn man lernt nicht dadurch, dass man Selbsterlebtes ständig wiederholt, sondern indem man sein Schiksal mit dem anderer vergleicht, Parallelen zieht und eventuell durch die Lösungen anderer auch mal eine alternative Sichtweise erlangt.

Somit zeigt sich, dass der Volksmund doch sehr oft recht behält und oftmals das Reden eben nur Silber ist, das Zuhören jedoch Gold!

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