Sehnsucht nach der Verkleidung

“Wenn du den Artikel dann bis Sonntag hast, wäre das klasse”, sagte Christine, verabschiedete sich und legte auf. Also noch einmal kurz sortieren: Ich soll also etwas zum Thema “Sehnsucht” schreiben. “Wäre doch klasse, wenn man deine Travestie als Aufhänger nimmt, so unter dem Gesichtspunkt: Sehnsucht nach Verwandlung”, hatte sie gesagt. Aber wie fange ich denn da an? Gibt es denn da überhaupt eine Sehnsucht? Warum macht es mir denn überhaupt Spaß, mich in eine Rolle zu stecken? Wieso kommen viele damit nicht klar, dass man auch einfach mal das Geschlecht wechselt?

Irgendwie finde ich gerade keine Lösung, weshalb ich zuerst einmal unter die Dusche springen werde, denn die bereitet einem meist einen klaren Kopf. Im Bad steht neben Haargel, Deo und Rasierer der Kulturbeutel mit den Kosmetika für die Auftritte. Dieser lässt sich schon fast nicht mehr schließen, so vollgequetscht wie er ist. Da fällt mir Yvonne ein. Sie hat eine zeitlang in der Wohnung über mir gewohnt und ist Polizistin. Bei einem unsere Nachbarschaftskaffees, zudem ich sie bei einem Treffen im Treppenhaus einlud, fragte sie mich einmal: “Sag mal Ben, darf ich dir einmal eine intime Frage stellen?” “Klar, immer doch, ich muss ja nicht antworten”, erwiderte ich grinsend. “Würdest du mir einmal deinen Schmikkoffer zeigen?”.
Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet, war jedoch gerne bereit ihr dieses kleine “Geheimnis” zu offenbaren. Sie selber trug nie Schminke und war daher sehr erstaunt, wofür man denn acht verschiedene Farben Lidschatten und vier unterschiedliche Rougetöne brauche. “Wofür ist denn dieser Pinsel?” Mich traf ja fast der Schlag. Ich musste doch allen ernstes einer Frau erklären, dass man zum korrekten Schminken der Lippen einen speziellen Pinsel benutzt. Irgendwie schon eine seltsame Situation.
Ich versuchte ihr also darzustellen, dass man eben mit verschiedenen Farben, unterschiedlichen Schattierungen und Betonungen, sehr viel bewirken kann und somit die Möglichkeit hat, in gewisser weise ein Gesicht zu modellieren, indem man mal die Höhen herausarbeitet, ein anderes mal Tiefen einlegt oder sich einfach eine optisch schmalere Nase zaubert.

Ich stehe vor dem Spiegel und betrachte mich: Mir schaut ein junger Mann entgegen, kurzes Haar, Drei-Tage-Bart, Brille, doch dieses Bild verschwimmt und ich sehe einen jungen Mann, Kontaktlinsen, Kajal und Lidschatten, Lippenstift, gerougte Wangen, Make-up und nur Perücke und Kleid trennen ihn von einer Frau, dann wiederum einen junger Mann, Glatze glattrasiert, das Blid verschwimmt und ein junger Mann taucht auf mit gestyltem halblangen Haar, Goatie… Die Bilder verschwimmen und meine Gedanken mit ihnen. Wer bin ich? Was bin ich? Welche dieser Personen passt zu mir? Bin ich einer? Bin ich viele? Was davon ist Schein? Und was Sein?

Frisch geduscht stehe ich in meinem Zimmer und öffne den Kleiderschrank. Vor mir hängen Hemden, lässige Tops, Hosen, Kleider in schillernden Farben und mit Glitzer, mausgraue Pullover und vieles andere. Ich stehe vor der ersten leidigen Kleidungsfrage: Slip oder Shorts? Wonach fühle ich mich denn gerade eher? Und was ziehe ich drüber? Irgendwie auch viel zu warm gerade. Nach kurzem Hin und Her habe ich mich für eine enganliegende Shorts entschieden und werde es dabei belassen. Schließlich will ich mich ja an den PC setzen und was schreiben, da sieht mich dann eh keiner. Bevor ich jedoch den Schrank wieder schließe, greife ich mir noch schnell die hochhackigen Schuhe und ziehe sie auch an. Ich stelle mich wieder einmal vor den Spiegel: Bin ich jetzt männlich? Oder doch weiblich? Oder doch beides? Zu welchem Teil dann was?

Jetzt sitze ich hier gedankenverloren vor meinem Rechner und weiß gar nicht mehr, was Verwandlung und was ein Teil von mir ist. Doch ist dies nicht etwas ganz Alltägliches, was uns nur meist nicht auffällt? Hat nicht jeder Mensch mehrere Gesichter? Dabei fällt mir gerade Jörg ein. Jörg ist 25, arbeitet in der Bank und trägt daher jeden Morgen Anzug und Krawatte. Wenn man ihm jedoch am Wochenende in unserem gemeinsamen Schwulenclub trifft, so kennt man ihn nicht wieder, da man sich nicht vorstellen kann, dass dieser flippige Kerl in dem paillettenbesetzten Dolce und Gabana-Top der gleiche ist, der montags wieder ganz seriös und geschäftlich wirkt. Oder Susi, die als Bedienung in der Pafümerie immer geschminkt ist, jedoch in ihrer Freizeit ohne Make-up und im gemütlichen Schmuddel-Pulli abends auf der Couch sitzt.

Jetzt fällt mir gerade eine Frau aus dem Dorf ein, aus dem ich komme. Sie habe ich eigentlich immer nur in einer Kittelschürze gesehen, nie in etwas anderem. Moment, das stimmt jetzt nicht, denn zu Karneval hat sie sich eigentlich immer verkleidet. Dann hat sie auch Alkohol getrunken und hat sich total auffällig, fast schon ungehemmt, verhalten. Andererseits hat sie sich danach, wieder in der sicheren Kittelschürze, auch meist dafür geschämt und es kam die Ausrede, es sei ja eben an Karneval üblich, dass die Welt verkehrt sei. Warum traut sich diese Frau nicht einfach auch in ihrem normalen Leben einmal aus sich heraus zu gehen und verrückt zu sein? Was hemmt sie das ganze Jahr über, Dinge zu tun, die eigentlich nicht zu ihr passen? Warum beneidet sie immer die “schicken Frauen”, die mit Schmuck behangen in die Oper gehen? Warum leiht sie sich nicht einmal für einen Abend ein modisches Kleid und geht selbst in die Oper? Warum braucht diese Frau einen Anlass wie Karneval?

Um dieser Frage auf den Grund zu kommen, gehe ich an mein Regal und nehme mein Fotoalbum heraus, in dem ich die Karnevalsbilder aufbewahre. Beim durchblättern kommen viele Erinnerungen hoch und mir fallen sehr viel solcher Frauen und Männer ein, die eben nur an den tollen Tagen zulassen, selber einmal toll zu sein. Ebenfalls in diesem Album sind die Fotos verschiedener Theateraufführungen, die mich auf einen weiteren Gedanken bringen. Man durfte immer wieder die Erfahrung machen, dass es einen enormen Fortschritt in den Proben gab, wenn man das erste Mal im Kostüm spielte. Alleine dieses bischen Stoff war in der Lage, Körperhaltung, Stimme und Ausdruck zu verändern und man hatte ein völlig neues, bis daher ungekanntes Spielgefühl. Die Rolle wurde mit einem Mal greifbar und konkret. Und auch heute merke ich dies immer wieder, wenn ich mich für einen Auftritt fertig mache. Mit jedem Quadratzentimeter Make-up im Gesicht schwindet Ben nach und nach und Cressida tritt langsam in Erscheinung. Das Verhalten ändert sich und man jemand anderes, wobei man streng genommen ja doch derselbe bleibt. Man lernt bis dato ungekannte Seiten an sich kennen und die Rolle, in die man schlüpft zeigt einem, wie wenig man doch von sich kennt.

Warum aber haben viele Menschen Probleme mit solch drastischen Verkleidungen? Warum würden mich jetzt viele für verrückt erklären, so wie ich hier sitze. Nackt und nur in einer knallgrünen, enganliegenden Shorts mit beigen Stöckelschuhen an den Füßen. Warum sind Jörg und Susi normal im Rahmen ihrer Verkleidungen und warum ich nicht? Ist es nicht im Grunde genau das gleiche Prinzip was dahinter steckt? Vielleicht liegt es ja genau daran, dass manche Menschen nicht damit klar kommen, weil sie eben nicht bereit sind auch andere Seiten ihrer Persönlichkeit kennen zu lernen. Man bleibt in seinen Mustern und trägt auch über Jahre die selben auf den Hemden. Um Gottes Willen, bitte nichts außergewöhnliches, man könnte ja vielleicht Spaß daran haben. Und an den Abenden, an denen die Frau aus dem Haus ist, spielt der Mann mit ihrer Reizwäsche.

Allerdings finde ich diesen Vergleich jetzt etwas unpassend, da es ja kein Fetisch ist, den ich hier beschreibe. Ich empfinde ja keinen Kick dadurch, dass ich mich verkleide, sondern erweitere damit ja lediglich die Facetten meiner Persönlichkeit. Es ist ja vielmehr so, dass ich das ausleben möchte, was ich normalerweise nicht bin. Um auch meine Machtgier zu befriedigen, verkleide ich mich als Kaiser Napoleon, meiner femininen Seite zuliebe zwänge ich mich in eine Korsage und des himmlichen Friedens Willen müssen dann auch einmal das weiße Kleid und die Flügel her. Da fällt mir gerade Katja Ebsteins Lied “Theater” ein, in dem es ja auch heißt: Und der Clown, der muss lachen, auch wenn ihm zum weinen ist und das Publikum sieht nicht, dass eine Träne fließt und der Held, der muss stark sein und kämpfen für das Recht, doch oft ist ihm vor Lampenfieber schlecht.

Schlecht ist mir auch gerade, da ich einerseits noch immer nicht ein einziges Wort geschrieben habe und andererseits auch gar nicht weiß, was ich denn zum Thema “Sehnsucht nach Verkleidung” schreiben soll. Wie auch? Habe ich nicht festgestellt, dass es im Grunde genommen keine Verkleidung ist, sondern nur Ausweitung dessen, was wir jeden morgen mit machen? Ist nicht die bewußte Entscheidung, ob man nun das grüne Shirt oder doch lieber das rose Hemd anzieht morgens schon eine Verwandlung des Alltags? Fühlen sich Frauen nicht total verschieden, je nachdem ob sie das Haus morgens geschminkt oder ungeschminkt verlassen? Ist es nicht eben nur die Frage inwieweit ich mich auf mich selbst einlassen möchte? Ob ich bereit bin auch neue Seiten meiner Persönlichkeit kennenzulernen dadurch, dass ich sie einmal in den Vordergrund stelle? Damit wäre vielleicht auch zu erklären, warum viele Menschen Verkleidungen kategorisch als albern bezeichnen und Travestie oder aber auch einen Rudolph Mooshammer oder eine Hella von Sinnen mit ihren schillernden “Alles nichts Oder?”-Kostümen für verrückt erklären. Solche Menschen sind ja auch in gewisser Weise verrückt, weil sie sich nicht mit ihrer oft von außen aufgedrückten Maske zufrieden geben wollen. Sie wollen ihre Grenzen sprengen und mehr sein als nur die Frau in der Kittelschürze, die immer treu und redlich ist bis an ihr kühles Grab.

Irgendwie führen meine Gedanken mich immer weiter von einem Einstieg in das Thema weg und ich habe das Gefühl, dass ich mich auf einer “Reise ins eigene Ich” befinde. Wie gerne würde ich doch die Leser meines Artikels mit auf diese Reise nehmen. Aber das ist es ja. Das ist genau die Idee, nach der ich die ganze Zeit suche. Ich nehme die Leser einfach mit. Ich beginne also ganz am Anfang meiner Gedankenkette und beschreibe sie so, dass man einfach das Gefühl bekommt dabei zu sein. Also dann, fange ich doch gleich mal an. Röcke gerafft, Pumps gespitzt, Mädels, es geht los:

“Wenn du den Artikel dann bis Sonntag hast, wäre das klasse”, sagte Christine, verabschiedete sich und legte auf. Also noch einmal kurz sortieren: Ich soll also etwas zum Thema “Sehnsucht” schreiben. “Wäre doch klasse, wenn man deine Travestie als Aufhänger nimmt, so unter dem Gesichtspunkt: Sehnsucht nach Verwandlung”, hatte sie gesagt. Aber wie fange ich denn da an? Gibt es denn da überhaupt eine Sehnsucht? Warum macht es mir denn überhaupt Spaß, mich in eine Rolle zu stecken? Wieso kommen viele damit nicht klar, dass man auch einfach mal das Geschlecht wechselt?

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