Monthly Archives: October 2005

Das Problem mit dem deutschen Präteritum

Gestern fand „der Große Zapfenstreich“ vor dem Reichstagsgebäude in Berlin zum 50jährigen Bestehen der Bundeswehr der Bundesrepublik Deutschland statt. Erstmalig in der Geschichte der Republik wurde dieser direkt im Herzen Berlins zelebriert. Jedoch ebenfalls im Herzen unserer Hauptstadt fanden Gegendemonstrationen zu diesem Ereignis statt. Heute Morgen in den Nachrichten hörte ich dann den Kommentar eines Demonstranten, der meinte, wer die deutsche Geschichte kenne und dies gut heiße, der hätte nichts verstanden. „Moment einmal“, dachte ich mir sofort, „so bitteschön nicht!“

Lieber Herr Demonstrant, auch wenn sich ihr Geschichtsverständnis auf einige wenige Jahre, namentlich die Jahre 1933-1945 und zudem das Jahr 1968, in dem sie geistig wohl stehen geblieben sind, so muss ich Ihnen mitteilen, dass die deutsche Geschichte, sowohl davor, dazwischen und danach auch noch einiges zu bieten hatte. Na gut, sie können jetzt in der Weise argumentieren, dass dies eine militärische Parade sei und sich somit die Assoziation zu einem der schwärzesten Kapitel der Deutschen aufdränge, jedoch sollten sie sich vorrangig einmal überlegen, was denn dort überhaupt gefeiert wird.

Auch wenn ich kein Verfechter militärischer Einsätze bin und auch selber den Dienst an der Waffe verweigert habe, so ziehe ich dennoch ehrfürchtig den Hut vor Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzen um uns ein sicheres Leben, in welcher Form auch immer, zu ermöglichen. Während des kompletten kalten Krieges waren sie doch auch froh, dass wir eine Armee hatten, die uns im Ernstfall verteidigt hätte und auch können sie nicht übersehen, dass gerade die Deutschen, wie wir sehen konnten, nicht sinnlos in Kriege ziehen, sondern sehr gezielte Einsätze bestreiten, fernab ökonomischer Interessen sondern mehr aus einem internationalen Verantwortungsbewusstsein heraus.

Zudem überlegen sie sich mal, wenn sie schon ihr Geschichtswissen auspacken, in welchem Zusammenhang der Zapfenstreich eingeführt wurde. Es war zu Zeiten, als schon einmal jemand versuchte ganz Europa unter seiner Hegemonie zu vereinigen. Und auch wenn die folgende Überlegung jetzt sehr unwissenschaftlich ist, so wage ich zu behaupten, dass auch Napoleon zu anderen Waffen gegriffen hätte, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte, schließlich hat dies ein Stalin auch getan. Somit sehen sie schon, dass Deutschland nicht als einzige Nation Dinge im Vergangenen schlummern hat, die man lieber rückgängig machen würde.

Ich will keinesfalls nun die Zeit des dritten Reiches jetzt schön reden – ganz im Gegenteil. Ich denke, man sollte diese nie vergessen. Allerdings denke ich, dass man auch lernen muss, damit umgehen zu können und es ist keinem geholfen, wenn wir in der dritten Generation danach immer noch auf dem Sünderbänkchen knien und uns jeden Morgen nach dem Erwachen ins Gedächtnis rufen, was für ein schlimmes Volk wir doch sind. Denn so funktioniert Geschichte leider nicht und selbst das Ausland schmunzelt hinter vorgehaltener Hand über den Deutschen, der sich noch immer in schwarz kleidet aufgrund von Dingen, die lange zurückliegen.

Wir haben, so denke ich, in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass wir aus diesem Fehler gelernt haben und können uns dank einer wehrhaften Demokratie relativ sicher sein, dass so etwas nicht noch einmal geschieht. Es ist ja nicht so, als sei das Böse in unseren Genen verankert, denn vorher als auch nachher war und ist Deutschland immer sehr verantwortungsvoll mit der innereuropäischen Politik umgegangen und das trotz einer ziemlich geopolitisch kritischen Lage und das, was das deutsche Volk 1989 geleistet hat, soll uns einmal jemand nachmachen. Wir haben uns gewaltfrei wieder vereinigt und einem System ohne Waffen den Todesstoß versetzt.

Viel erschreckender hingegen finde ich, dass sie vor lauter falsch-negativem Nationalgefühl nicht mitbekommen haben, was etwa gleichzeitig an anderen Orten der Erde passierte, denn dort forderte man wieder die Auslöschung eines Volkes und somit haben sie leider an der falschen Stelle gesucht. Somit sei ihnen nur geraten, dass sie einmal über die deutschen Grenzen hinaus und andere Zeitabschnitte hinein schauen, denn dort werden sie dann Dinge sehen, die wesentlich aktueller und somit auch brisanter sind. Denn eins steht fest: Sie können die Zeit auch nicht wieder zurückschrauben.

Doch da ich mich gerade schon einmal mit der Vergangenheit und deren Bewältigung beschäftige, so fällt mir ein weiterer Gedanke ein, der mir in der vergangenen Woche ins Gedächtnis kam. Die Nichtwahl Lothar Biskys zum Vizepräsidenten des Parlaments hatte laut Kommentatoren zwei potentielle Gründe. Zum einen, dass man die Linkspartei in eine gewisse Pariarolle stecken wollte, was ich jedoch nicht denke, da dies dann mehr als heuchlerisch wäre angesichts des Applaus, den man Bundespräsidenten Lammert nach Erwähnung des Anrechts einer jeden Fraktion auf ein solches Amt, gewährte. Zum anderen ging man davon aus, dass das Ergebnis mit Biskys Person in Zusammenhang stünde, dem man ja eine Stasivergangenheit nachsagt.

Doch selbst wenn dem so wäre, finde ich, ist dies kein Grund, ihn heute noch dafür abzustrafen. Dieser Mensch hat in einem System gelebt, dass zugegebenermaßen recht differente Moralvorstellungen zu den unseren hatte. Jedoch kann ich es nicht glauben, dass unsere Damen und Herren Politiker, die durch Gottes Hand auf der „richtigen“ Seite der Mauer aufgewachsen sind, sich allesamt innerhalb der DDR gegen ihren Staat aufgelehnt hätten, zumal dies schon sehr fraglich ist, wenn man sich anschaut wie lobbyistenhörig einige dieser Personen doch sind.

Außerdem hatten wir ja auch keine Probleme damit, jemanden, der seinem Staat entflohen war statt sich innerhalb dagegen aufzulehnen, zum Bundeskanzler zu wählen. Ihm haben wir damals seine Feigheit alle, mit Ausnahme von Alfred Tetzlaw, verziehen, allerdings sollten wir das nicht nur getan haben, weil er damals die „richtige“ Seite vertrat.

Und geben wir doch mal zu: wenn wir jeden, der nicht das Glück hat, in einer freien Demokratie zu leben aufgrund seines Handels verurteilten, dann wären wir doch schnell wieder bei dem lieben Demonstranten, der ebenso wenig verstehen kann, dass eine Bewertung immer unter Einfluss vieler verschiedener Gesichtspunkte zu erfolgen hat, die meist gar nicht alle erfasst werden können.

Wer ohne Schuld ist und weiß, dass er es in einer vergleichbaren Situation auch sein würde, der werfe den ersten Stein.

P.S.: Als Jesus dieses Zitat äußerte, da kam ein großer Felsbrocken geflogen und erschlug die Ehebrecherin. Daraufhin schaute Jesus durch die Menge, entdeckte in der letzten Reihe eine kleine, alte Frau und rief: „Mutter, musst du mir denn alles versauen?”

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Robinson Crusoe

Es war mal wieder soweit. Am Donnerstag hatte mein PC einen Totalausfall. Der ganz normale Ablauf: PC starten, Programme starten, anfangen, tippen, Fehlermeldung, Ende! Und dann das ganze noch einmal und dann erstmal gar nichts. Und vor dem Rechner sitzt der eigentliche GAU, in diesem Falle nämlich die „größte anzunehmende Unfähigkeit“ für dieses Problem.

Ein Hoch auf die Telefonflatrate und die hundert Bekannten, die man nicht erreicht, die 53, die das Problem nicht kennen, da es noch nie bei ihnen auftauchte und die 36, denen man es nicht beschreiben konnte:

„Was macht er denn?“

„Nichts!“

„Wie nichts?“

„Ja, nichts!“

„Hä?“

„Ja, nicht mal den Piep.“

„Welchen Piep?“

„Na, den beim Booten!!!“ (an dieser Stelle war ich superstolz, dass ich nicht hochfahren gesagt habe, denn ich bin dann immer versucht zu sagen: „Ich bekomm’ ihn nicht hoch.“ Allerdings war ich in dieser Situation garantiert NICHT zu Scherzen aufgelegt!)

„Weiß nicht, was du meinst.“

„Ich komm noch nicht mal ins Bios (gespr. Baios).“

„Ins was?“

„Ins Bios (gespr. Baios).“

„Waaaaaaaaas?“

„Ins Bios (gespr. Bios).“

„Ach, das Bios (gespr. Bios)! Wie du kommst da nicht rein?“

„Ja, ich komm da nicht rein.“

„Dann musst du beim Hochfahren auf Entfernen drücken.“

„Danke, das weiß ich. Das Problem ist er fährt nicht hoch!“

„Wie, er muss doch hochfahren.“

„Tut er aber nicht!“

„Tut er aber nicht? Was passiert denn auf dem Bildschirm.“

„NICHTS!!!! ABSOLUT NICHTS!!!! ES PASSIERT GAAAAAAR NICHTS!!!!!!“

An diesem Zeitpunkt sieht man dann einen mit Notschweiß bedeckten, hochaggressiven Ben durch die Wohnung laufen, der krampfhaft bemüht ist etwas zu finden, an dem er seiner Wut freien Lauf lassen kann.

„Dann zieh doch mal den Netzstecker und warte einige Sekunden, stecke ihn wieder hinein und versuchs noch mal.“

„DAS KANN JETZT NICHT DEIN ERNST SEIN! WAS SOLL DAS DENN BRINGEN?“

Habe es dann doch getan und siehe: Der Rechner fährt hoch, Windows startet und die Fehlermeldung kommt erneut, der Rechner fährt wieder runter und Ende. Wieder das gleiche Problem, jedoch dieses Mal nutzt selbst der Ich-verarsche-meinen-Rechner-indem-ich-den-Netzstecker-ziehe-und-ihm-somit-meine-Überlegenheit-zum-Ausdruck-bringe-Trick nichts mehr.

Und jetzt geht der Spaß erst richtig los: Benny fängt an zu schimpfen und wenn dieses Stadium einmal erreicht ist, dann sollte man am besten eine Stenografin zur Hand nehmen, die den ganzen Sermon dann mitschreibt, damit man später einen technisch-historisch-philosophisch-misantropisch-nihilistischen Diskurs veröffentlichen kann, der seinesgleichen sucht. Es ist mir jenseits der rage selbst immer ein Rätsel, wie ich in solchen Momenten auf so abstruse Gedankengänge komme, dass ich sämtliche scheinbar unvereinbare Dinge gleichschalte und im Grunde genommen, jemand der jetzt zur Tür hereinkäme, den Eindruck haben könnte, es sei etwas ganz Schlimmes und historisch Bedeutendes mit schwerwiegenden Konsequenzen für die ganze Weltbevölkerung passiert. Diese Ausführung wird jedoch nach einiger Zeit (böse Zungen behaupten nach Stunden) wieder zurückgeführt auf eine einzige Tatsache:

„Ich kann jetzt GAR NICHTS machen, ich müsste (und jetzt kommt’s, denn jetzt kommt alles das, was man sonst sowieso auf den Folgetag verschoben hätte) noch meine E-mails checken, eine Kolumne schreiben, für meine Hausarbeit recherchieren, für den Artikel recherchieren, Bücher bestellen, Aufsätze im Archiv suchen, eine Dissertation Korrektur lesen, etc. pp… Das einzige, was ich jetzt machen KÖNNTE, wäre meine Lektüre lesen.“

„Aber dann tu das doch, du liest doch sowieso gerne.“

„ABER DARUM GEHT ES DOCH JETZT NICHT!!!! ES GEHT DARUM DASS ICH WIRKLICH NICHTS MACHEN KANN!!!!!!!!!“

„Doch! Lesen.“

„Dazu habe ich aber keine Lust. Außerdem kann ich mich dabei jetzt eh nicht mehr konzentrieren. Ich glaube, ich lege mich mal was hin und danach sehen wir weiter.“

Und somit fühle ich mich dann wirklich wie Robinson. Ich sitze hier, abgeschieden von der Außenwelt und warte auf Freitag.

Aber der geneigte Leser wird sich natürlich jetzt fragen, wie ich denn nun heute einen neuen Beitrag schreiben kann, wenn doch mein PC nicht funktioniert. Ganz einfach…. Man wartet einige Stunden und siehe da – er funktioniert wieder. Wieso? Keine Ahnung!

Man macht dann noch, diesmal mit Hilfe einer qualifizierten Fernkommunikation, ein paar Systemchecks, räumt den Rechner auf und dieses bescheuerte Teil läuft wieder ganz normal. Die Ursache für den ganzen Ärger ist unbekannt und wird es wohl auch immer bleiben.

Somit warte ich jetzt einfach mal ab und hoffe, dass so was so schnell nicht mehr passiert.

P.S.: Dieser Beitrag ist der gebeutelten Person gewidmet, die mich in dieser Situation begleitet hat und die ich mittlerweile regelmäßig in der Psychiatrie besuche. Nein, Scherz bei Seite. Ich widme es „Dennis81cgn“, der die Rage ertrug, „Sunnyboy1983“, der auf die geniale Idee mit dem Netzstecker kam und „check1983″, der mir mit Nichterreichbarkeit zur Seite stand.

Der Herbst ist da…

…und somit auch der zweite Frühling im Jahr, denn nun beginnt man sich wieder allerorts daran zu erinnern, wie kalt es doch werden wird im Winter. Die Tage werden kürzer ergo die Nächte auch länger und da die Nacht ja nicht allein zum Schlafen da ist, wie ein bekannter Song uns suggeriert, steht man nun beim Herbstspaziergang auf weiter Flur inmitten brauner Blätter und fühlt sich alleine, ebenso wie die alte Trauereiche auf der kleinen Bergkuppe in weiter Ferne.

Man gedenkt der vergangenen Winter in denen man sich entweder allein und mit Phantomschmerz durch die Adventszeit konsumierte, rauschhaft durch überfüllte Einkaufsstraßen hastete und nur Körperkontakt mit wildfremden Menschen im Gedränge hatte oder aber der Winter zu zweit, mit geteilten Decken, langen Filmeabenden, gemeinsamen Adventskalendern und einem Weihnachtsfest in den Armen des Liebsten mit Glockenklang und Puderschnee.

Viele machen sich zur Zeit Gedanken darüber, wie sie in den nächsten Monaten ihr Leben bestreiten wollen, ob alleine oder an der Seite eines anderen. Der Sommer ist vorbei und mit ihm die Zeiten der sommerlichen Aktivitäten wie Grillparties, schwimmen mit Freunden, Outdoor-Cruising, Inlinern und nicht zu vergessen den Musikfestivals und dem CSD. Der Sommer, der in gewisserweise öffentliches Leben symbolisiert kehrt sich nun langsam um in eine Zeit des Privaten und Familiären. Man richtet sich seinen Bau ein und macht es sich gemütlich, gedenkt derer, die man verloren hat und verliert sich in romantischen Gedanken bei Kerzenschein und Spekulatius.

Nun kommt die Zeit des Nachdenkens, der gedanklichen Reisen, der Stille und der Einkehr und man lenkt den Fokus seiner Betrachtungen weg von der Welt und hin zu sich selbst. Doch dann beginnt das Drama und es stellen sich die immer wiederkehrenden Fragen: Kann ich mich auf einen anderen Menschen einlassen? Bin ich wirklich glücklich alleine? Bin ich überhaupt beziehungsfähig? Verliere ich nicht meine Freiheit? Entstehen dadurch nicht nur Probleme? Sehne ich mich nicht danach? Was wünsche ich mir eigentlich zu Weihnachten?

Man zermürbt sich die Gehirnwindungen und träumt, trauert, atmet durch und ist am Schluss noch immer so klug als wie zuvor. Man erinnert sich an gute als auch an böse Tage in der Vergangenheit, sowohl als Single als auch in einer Beziehung. Man denkt an Streit und Trennung, bei der die Tassen flogen genauso wie an einsame Abende, an denen man sich nach einer Schulter sehnte. Man ist hin und her gerissen: Einerseits die Freiheit, das Nichts-Sagen-Lassen, die Individualität, der Spaß um seiner selbst Willen, andererseits Geborgenheit, Schutz, Zuneigung und das Gefühl nicht alleine zu sein.

Ängste, Hoffnungen, Wünsche, Beklemmung, Sehnsucht, Trauer, Ungewissheit und all die anderen großen Empfindungen werfen einen wie Wellen im Sturm auf hoher See umher und rauben einem die Orientierung Man sucht Rat, packt Karten aus, liest Informatives und sucht überall den rettenden Ausweg. Doch nicht nur die Seeleute wussten in diesem Punkte schon immer, was zu tun sei. Auch die heiligen Könige folgten dem ihnen gezeigten Weg. Die Antwort, mein Freund, steht nicht im Wind geschrieben, sondern in den Sternen.

Die Sterne – eine der beiden Unendlichen Dinge Kants neben „dem moralischen Gesetz in mir“. Ein Gegensatzpaar also, ein Spiegel, zwei Seiten derselben Medaille. Was bedeutet dies jedoch dann für mich, wenn doch meine Antwort, mein Weg, meine Lösung in den Sternen liegt und mein Innerstes von diesen gespiegelt wird? Es hieße ja, dass…

Aber kann dies sein? Liegt die Antwort in mir? Wenn dem so ist, wie komme ich an sie ran? Wo muss ich sie suchen? Oder habe ich sie nicht sogar schon gefunden? Sehe ich sie vielleicht einfach nicht, weil ich mich viel zu sehr auf Äußerlichkeiten konzentriere? Oder ist sie doch so tief verborgen, dass ich sie nicht sehen kann?

Fragen über Fragen und alle deuten wie die begeistert tobende Masse als auch die Reihe der Kläger alle mit ihren Fingern auf einen einzigen Punkt: Auf mich. Also gehe ich hinaus und schaue in den Spiegel. Ich betrachte die Ewigkeit des Gestirns und werde so vielleicht in der Unendlichkeit aufgehen und den Weg in mein Herz finden.

Und wenn dies absolut nicht klappen sollte und ich gar nicht mehr weiter weiß, so muss ich dann wohl doch zurück in die Bücherei, wo ich kürzlich in der Hauptman-Lind-Ecke diesen Ratgeber von Eva Maria Zurhorst habe liegen sehen, der da lautet: Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest.

Regionale Gepflogenheiten aus (m)einer Sicht – Eine mathematische Gleichung lokaler Kopulationen

Gastbeitrag von René (check1983)

Augsburg – München – Köln, drei Städte, drei Szenen und vor allem drei ganz verschiedene Welten. Eigentlich mit dem CSD 2004 fing es an, dass ein paar Freunde und ich uns aus dem wohl behüteten Augsburg in die Szenehauptstadt Köln wagten. Das wollte man ja doch mal erlebt haben. So entstand ein gewisser Bezug zu Gaytropolis (Köln) am Rhein, auch wenn am CSD Wochenende 2004 nicht mehr passierte als ein reines „Erkunden“ von Szene, Stadt und Leuten – geschlafen wurde immer brav im Hotel. Direkt im Anschluss an das Kölner Pride-Treiben folgte München 2004 – unser quasi „Heimspiel“. Bereits damals kristallisierten sich deutliche Unterschiede heraus.

2005 – jetzt aber wirklich. Der CSD-Tourismus von Augsburg nach Köln – geplant in Perfektion. Hotel direkt in unmittelbarer Nähe zu wichtigen Szenelokalitäten war bereits im Januar gebucht worden und Kandidaten für ein Date sind bereits zwei Wochen im Vorfeld des „Cologne-Pride“ in der „blauen Welt“ (Gayromeo) aquiriert. Was wohl die „Nachbarn“ denken wenn man auf einmal nicht mehr gemäß §6 Gayromeo – Meldeverordnung in der eigenen Region gelistet wird, sondern im fremden Nordrhein – Westfalen gemeldet ist? Egal. Es folgten Grill-Meetings zur Nahrungsaufnahme und strategischen Planung in einem Augsburger Garten am Stadtbach. Allerdings gab es kaum ein Face2Face-Gespräch, stattdessen ein gemeinsames „Sit-in“ mit 3 Notebooks und pro Person zwei Profilen. Nach kurzer Zeit war man eben doch überzeugt welch effektives Flirten sich aus einem „als neuer User auf der Startseite“-Erscheinen ergibt. Lediglich das Whiteboard zur professionellen Einsatzplanung fehlte noch in der Küche.

Am 30. Juni war es dann soweit – Gaytropolis wir sind da! 5 Tage, 4 Nächte zwischen Himmel und Hölle mitten in einer Stadt, wo Heterosexualität ausgestorben zu sein scheint – zumindest für dieses eine Wochenende. Ob beim Shoppen in Wormland und Jeanspalast, im Cafe nebenan oder am Straßenfest in der Stadtmitte – alles im Zeichen des Regenbogens. Man fühlt sich direkt wie zu Hause – aber auch nur weil einem überall die bekannten Gesichter aus der eigenen, 600 Kilometer entfernt liegenden Stadt über den Weg liefen. Keiner geht hin – alle sind da.

Genau eine Woche später – CSD München, das Heimspiel für alle blau-weißen „Schwuppen“. Im Vergleich zu Köln eher ein fades Trauerspiel – zwar auch Straßenfeste und Partys, aber das gewisse Etwas fehlte. Fürs Auge nur wenig geboten und ein Drama im Abendprogramm – „Mei in Köln hatte man um 23 Uhr bereits 3 Optionen für die Nacht und bis 3 Uhr musste man sich dann entschieden haben wen man mit nimmt – hier steht man um 3 Uhr noch ohne jegliche Option da und geht mit der ganzen Clique zusammen wieder nach Hause! Laaaaangweilig!!“, so der Kommentar einer Person aus der Augsburger Tuckenkiste äh Partycrew. Die Woche darauf dann das vierzehntätige „Familientreffen“ im Kerosin Club zu Augsburg – noch finsterer, noch weniger los – wäre man nicht mit dem halben Laden gut bekannt und hätte den ganzen Abend lästernde Unterhaltung, könnte man glatt davon ausgehen hier ist ein Meditationstheater und alle unterhalten sich nur über Telepathie. Da fällt auch schon der nächste Kommentar: „Nach Köln und München ist das nun wirklich ätzend, das hätten wir uns lieber die ersten Wochen noch ersparen sollen“.

Doch wo liegen nun die genauen Unterschiede zwischen 1, 2 oder 3?

Augsburg – Wer auf der hiesigen Gay, Lesbian and Friends – Party mit einer Person zusammen gesehen wird, mit der er noch nie gesehen wurde, der ist eine Schlampe. Ist ja auch eine einfache Formel. X + Y = S² (X schläft angeblich mit Y, beide bilden somit das Schlampenquadrat). Er macht sich an jeden heran und hat in keiner Weise ein Niveau. Verlässt er dann noch mit dieser Person zusammen die Party kurz vor 3 Uhr, wenn diese sowieso vorbei ist und die Bordsteine hochgeklappt werden, dann „Hurt“ er auch noch herum. Skandal!! Wer sich dagegen nur mit seinen Freunden auf der Party abgibt, der unterliegt einem so genannten „Cliquen-Ruf“ der da z.B. lauten könnte: „Schlampenverein – schau dir die Gruppe XY an, jeder mit jedem! Ist ja widerlich! Man hört ja sogar von gemeinsamen Treffen. Grillparty nennen die das. Bei X im Garten, die reinsten Sexpartys – hab ich selber aus 7. Hand erfahren!!“ Hat man dann tatsächlich mal Sex in dieser Stadt, dann sollte man sich hüten irgendjemandem zu erzählen wer denn der Glückliche diese Nacht war. Höchste Geheimhaltung ist absolute Grundvoraussetzung um nicht vom anderen verpönt und gemieden zu werden.

Der Augsburger Durchschnittsschwule hat alle 105 Tage einen neuen Sexpartner (Schätzwert), alles was darunter liegt ist sogar eine bösartige Schlampe vor der es die gesamte Community zu warnen gilt. One-Night-Stands sind grundsätzlich unzulässig. Man muss 7 Stunden über den Ort eines Dates diskutieren, dann kann man zwei Stunden Kaffee trinken und anschließend fahren beide wieder getrennt nach Hause und das obwohl sie sich geil finden.

München – Zweigeteilt. Die eine Hälfte treibt es munter und im Englischen Garten, dass sogar der Hund von Frau Müller (drei Straßen weiter, Hausnummer 78 – Parterre links) nicht mehr nur nach hinten seiner Notdurft Ausgang gewährt, nein selbst er muss sich oral … erleichtern. Geredet wird natürlich in der High – Society – Metropole wenig darüber. Es weiß aber trotzdem jeder über jeden Bescheid. Ein anderer großer Teil der schwulen Bevölkerung wirft sich nach 20 Uhr die Federboa um den Hals, haut sich den Glitter in Haare und man erkennt bereits aus 100 Meter Entfernung welcher Sexualität die Person nachgeht. Vielleicht muss man sich in München auch einfach abheben um sich selbst zu finden? In München ist man sich meist zu fein für jeden, würdigt andere im Sinne des eigenes Rufes keines Blickes – würde aber gern. X + Y = {} (Da X und Y aus zwei verschiedenen Mengen stammen, ergibt ihre Summe eine leere Menge und somit sind die Personen inkompatibel)

Ein Extrem jagt das nächste, und so kommen wir zu:

Köln – man könnte es auch „Gaytropolis“ nennen. Heterosexualität scheint es hier auf den ersten Blick nur auf Ansichtskarten zu geben, nur noch eine Masse an frustrierten weiblichen Wesen auf verzweifelter Partnersuche blieb aus alten Zeiten übrig. Am Hauptbahnhof bereits an Gleis 6 von einem Werbeplakat für Henry Fords „Christopher-Street-Ka“ empfangen, kann man sich schon mal auf die Suche nach Café’s begeben, die nicht im Zeichen des Regenbogens firmieren. Beziehung und Treue – in Köln könnte man diese beiden Begriffe als Fremdwörter bezeichnen. Offenes Treiben, keine Hemmungen beim Flirten und am nächsten Morgen beim Frühstück kann man sich schon darauf gefasst machen, dass ein Report der Erlebnisse letzter Nacht auch in Gegenwart des Tages-Abschnitts-Gefährten gegenüber Freunden erfolgt. Nahezu jeder weiß von jedem alle Details aus erster Hand. Wer jetzt glaubt, es gäbe in Gaytropolis keinen Anlass für Klatsch & Tratsch oder gar Gerüchte, der irrt! Denn jetzt wird’s hier ja erst interessant: In einer der drei deutschen Hauptstädte (Berlin, Frankfurt, Köln) für Geschlechtskrankheiten und unheilbare Infektionen jeder Art kann theoretisch jeder alles haben und damit bleiben schon genug Gründe für Hexenjagden, Verleumdungen und somit auch alle Konsequenzen dieser zwischenmenschlichen Attacken. Achja – Buchführung über die gesamten Sexualkontakte ist hier eine Selbstverständlichkeit. So kann Problemlos ein Datenabgleich mit der Clique mit anschließender statistischer Auswertung in Excel gefahren werden, um zu ermitteln wessen Bett das höchste Verkehrsaufkommen verzeichnet. Die 32 Dates eines Freundes von mir führten letztendlich sogar zu erhöhter Staugefahr an einem Abend. Frei nach der Formel XN + YM = 0 (X der mit N Personen geschlafen hat und Y der mit M Personen geschlafen hat, – interessiert keinen). Na wenigstens muss man sich hier für nichts mehr schämen, Übertreibungen sind sogar Pflicht zum Start einer erfolgreichen Köln-Karriere.

Es gibt also deutliche Unterschiede zwischen diesen drei schwulen Welten. Jede für sich ist ein Extrem und insbesondere die Offenheit Kölns im direkten Vergleich zum verschlossenen Augsburg stellt einen vor die Frage – was ist denn überhaupt normal? Ist man im Verständnis eines Kölners ein Mauerblümchen, so zählt man in Augsburg bereits zu den Stadtmatratzen vor denen es zu Warnen gilt. In München dagegen weiß man überhaupt nicht wie man sich nun am besten in die Gesellschaft eingliedert – ja, man ist vor ein Entweder – Oder gestellt, und hat in jedem Fall mit Unverständnis zu rechnen.

Am besten man wird Schizophren und lebt in jeder Stadt die passende Persönlichkeit aus. Wie das funktioniert – demnächst in einem How To: „Szenemarketing und die berechnete Selbstdarstellung.“

Good Fuck!

Vita brevis – Ars longa

Mit diesen Worten beginnen die “Aphorismen” des Hippokrates. Und wahrlich ist das Leben kurz – zu kurz um eben die langen Künste in ihrer Gänze zu erschöpfen. Ausgelöst durch ein einfaches Wort auf einer medizinischen Nachricht tritt das “Memento mori” plötzlich in mein Leben und einerseits bin ich froh darum, dass ich darauf aufmerksam gemacht werde und die Chance bekomme, dies frühzeitig zu akzeptieren, andererseits bekommt man in einem solchen Moment dann Angst. Denn getreu dem aktuellen Motto “Du bist Deutschland” schlummert in einem ein gewisser Drang in irgendeiner Hinsicht der Welt etwas zu hinterlassen und seine Spuren für immer in den Sand der Geschichte einzuprägen.

Auch wenn sich ein Kinderwunsch bei mir schon immer in dem Bereich des Unwahrscheinlichen befand, so ist er nun vollends in die Tiefen der Unmöglichkeit versunken, denn es wäre mir nicht möglich zu verkraften, dass mein Kind ein solches Willkommensgeschenk bekäme, welches ich ihm unweigerlich mit auf den Weg geben würde. Und somit bleibt mir nur eines: Ich sehe mich in der Pflicht, der welt etwas Nichtmaterielles zu überlassen.

In den letzten Wochen habe ich, wenn ich es jetzt aus der Retrospektive betrachte, meine Emotionen zurückgeschraubt und mich zunehmend in die Gefielde des Rationalen begeben. An jedem einzelnen Morgen bekam der Geist Flügel und ließ das Herz hinter sich, wissend, dass er dies eines Tages sowieso wird tun müssen. Die körperlichen Orgasmen wichen den geistigen.

Im Französischen wird der Orgasmus “le petit mort” genannt: Der kleine Tod. Ein herrliches Bild in meinen Augen, denn es zeigt uns auf eine sehr einfache Weise wie sehr doch Lust und Leid, Leid und Lust miteinander verschmolzen sind oder wie Goethe es ausdrückt: “Es wechselt Pein und Lust. Genieße, wenn du kannst und leide, wenn du musst.”

Und genau dies wird uns beim “kleinen Tod” bewußt, den ich hier ausweiten möchte, da er meines Erachtens mehr ist als nur der körperliche Orgamsus und geistige Lichtblicke sowie Glücksmomente und andere Momente der inneren Zufriedenheit gleichermaßen umfassen sollte: Auf dem Gipfel des Einklangs zwischen sich und der Welt empfindet man kurz, sehr kurz nur das, was uns Menschen normalerwiese verwehrt bleibt – Ewigkeit. Die Zeit steht still und man sieht in gewisserweise auf die Lösung zur Frage nach dem Sinn des Lebens. Der faustische Moment ist gekommen und man möchte ausschreien: “Verweile doch! Du bist so schön!”

Noch ehe man jedoch die Möglichkeit hat, die Lippen zu diesem Bekenntnis zu formen, ist er auch schon verstrichen und man ist zurückgeworfen in das gemeine Dasein, jenseits den Pforten des Garten Eden und fernab den himmlischen Sphären, denen man in einem kurzen Aufflackern doch fast greifbar nahe war. Die soeben gewährte Erkenntnis schwindet und ganz im brecht’schen Sinne stellt man fest: “Der Vorhang zu und alle Fragen offen.”

Und ebenso offen wie alle Fragen sind dann auch wieder die Aufgaben des eigenen Lebens und man bezweifelt seine Fähigkeiten. Ein jeder hat von uns schon viel erreicht in seinem Leben, jedoch egal was man auch schafft und zur Vollendung bringt, so hat man immer das Gefühl es sei nicht genug. Als ich eben einem Freund meine Gedanken unterbreitete, meinte dieser doch nur, dass ich doch schon sehr viel erreicht habe, in meinem Leben und diesem schon sehr viel sinn gegeben hätte, was ich jedoch dadurch relativierte, dass es ncihts Besonderes und vielmehr eine Selbstverständlichkeit war. An diesem Punkt stellt sich dann die Frage: Gibt es überhaupt “das Besondere”, was man erreichen kann? Wächst man nicht mit jedem erreichten Ziel so sehr, dass dieses einem im Nachhinein als klein erscheint, so sehr man auch darum kämpfen musste? Macht man diese Erfahrung nicht jeden Tag? Haben wir uns nicht alle nach unserem achtzehnten Geburtstag gesehnt um dann festzustellen, dass er uns eigentlich nichts Besonderes brachte? Doch worauf kommt es dann an im Leben?

So nach und nach scheint es mir, als sei hier -wie so oft- der Weg das Ziel und es kommt nicht darauf an, was wir Außergewönliches leisten sondern vielmehr, dass wir uns dessen, was wir leisten bewußt sind und es wertschätzen. Es sind die vielen “kleinen Tode”, die unserem Leben den erhofften Sinn verleihen und wir sollten jeden einzelnen genussvoll “sterben”. Denn nur so haben wir die Möglichkeit Whitmans Aufforderung zu folgen und zum ‘Spiel der Mächte unseren Vers beitragen zu können’.

Seit jeher habe ich nur eine einzige Angst: Angst davor, dass Leben nicht zu nutzen und die mir gebotenen Möglichkeiten sinnlos verstreichen zu lassen und somit schließe ich mit Henry David Thoreaus “Walden”:

Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben, nur den wesentlichen Wahrheiten des Lebens gegenüberstehen und sehen, ob ich nicht lernen könnte, was es zu lehren hatte, damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das Leben, was kein Leben war, das Leben ist so wertvoll; auch wollte ich mich nicht in Resignation üben, außer wenn es wirklich notwendig war. Intensiv leben wollte ich und das Mark des Lebens in mich aufsaugen…

I wanted to live deep and suck out all the marrow of life!!!

P.S.: Eigentlich sollte heute hier einer der in der letzten Zeit gewünschten Beiträge stehen und es tut mir auch leid, dass ich nicht in der Stimmung war, diesem Wunsch zu entsprechen. Aber versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen und somit bitte ich dieFreunde, die mir Anregungen für ein Thema gegeben haben, mir zu verzeihen und es mir nachzusehen, dass ich einfach den richtigen Moment abwarten möchte, alleine schon um sie nicht mit einem “muss-Artikel” abzuspeisen, sondern Ihnen dann auch meine ganze “Schreiblust” zu widmen

Uneingeschränkte Solidarität

Dieses Unwort dürfte wohl jedem noch ein Begriff sein, jedoch habe ich in den letzten Wochen einmal bemerkt, dass es viel zu oft als Aushängeschild für den guten Ton in inflationärer Weise gebraucht wird.

Man ist solidarisch, genauso wie man geschieden ist oder bestürzt ist. Ach, was wird sich doch hierzulande zurechtgeheuchelt. Da biegen sich die Balken ja so, dass man ohne sie zu bespannen eine Harfe draus machen könnte.

Man sieht die Gehaltsabrechnung mit dem Soli-Zuschlag und denkt, man habe seinen Teil getan. Wie es dem Nachbarn im Osten geht, interessiert doch nicht die Bohne. Und warum soll ich als Firmenchef denn eine Standorterweiterung im Osten Deutschlands machen? Ist doch viel zu weit weg, dann gehe ich doch lieber nach Polen, dann wird’s auch billiger.

Man zeigt sich solidarisch mit Greti und Pleti, seien es Anschlagopfer, Hochwassergeschädigte, Waisenkindern oder sonstigen Gebeutelten. Doch eben den Beutel will man zusätzlich dann doch nicht aufmachen. Es reicht ja, wenn man die Solidarotät zeigt wie einen Pass an der Grenze. Interessiert doch eh keinen, außer natürlich die Betroffenen, aber die haben ja eh andere Sorgen.

Warum komme ich auf dieses Thema? Ganz einfach dadurch, dass ich leider Gottes feststellen durfte, dass Solidarität meist weit weg ist von dem, was das Woert ausdrückt. Heuchelei wäre da eine treffendere Beschreibung. Mir wird es zum Teil speiübel, wenn ich sehe, wie mit dem “red ribbon”, welches ja Solidarität mit HIV-Infizierten und Aidskranken zum Ausdruck bringen soll, umgegangen wird.

Wie viele User hier, haben es in ihrem Profil ohne auch nur einen Moment darüber nachgedacht zu haben, ob ihre Solidarität nicht vielleicht etwas zu sehr dadurch bedingt ist, dass die rote Schleife nun mal optisch als auch moralisch das Profil verschönert. Wenn man sich die Sache genauer anschaut und auch einmal den Mut hat, Dinge zu hinterfragen, so kommt man vermutlich zu dem Schluss, dass eben dieses “red ribbon” mit genauso durchdachter Konsequenz “getragen” wird wie seinerzeit das Hakenkreuz. Man macht halt mit, weil alle es tun und denkt nicht darüber nach, welche Gedanken damit einhergehen und was es alles impliziert.

Wenn man ein solches Zeichen setzt, so sollte man sich ernsthaft fragen, ob man wirklich solidarisch ist. Würde man einem Opfer wirklich beistehen? Handelt man so, dass man etwas gegen dieses Problem unternimmt? Geht man vorurteilsfrei mit den Betroffenen um?

Wenn nicht, dann steckt dahinter soviel Ernsthaftigkeit wie hinter der BSE-Schleife Harald Schmidts und dann kann man auch getrost darauf verzichten, zumindest als Betroffener. Keine Solidaritätsbekundung ist immer noch besser als eine unaufrichtige. Wenn man ein solches Zeichen nutzt, gleichzeitig jedoch auch Aussagen tätigt, deren Bezeichnung “Diskriminierung” schon den Gipfel des Euphemismus darstellt, dann sollte man seine Konsequenz vielleicht doch noch einmal überdenken. Ansonsten werden solche Bekundungen sehr schnell zu leeren Hülsen ohne Bedeutung und werden nicht mehr wahrgenommen, sind redundant und verfehlen ihren eigentlichen Zweck vollends.

Und wenn man schon nicht solidarisch ist, dann sollte man zumindest authentisch bleiben, aber Authentizität ist wieder ein anderes Thema und da sieht es nicht gerade besser aus.