Regionale Gepflogenheiten aus (m)einer Sicht – Eine mathematische Gleichung lokaler Kopulationen

Gastbeitrag von René (check1983)

Augsburg – München – Köln, drei Städte, drei Szenen und vor allem drei ganz verschiedene Welten. Eigentlich mit dem CSD 2004 fing es an, dass ein paar Freunde und ich uns aus dem wohl behüteten Augsburg in die Szenehauptstadt Köln wagten. Das wollte man ja doch mal erlebt haben. So entstand ein gewisser Bezug zu Gaytropolis (Köln) am Rhein, auch wenn am CSD Wochenende 2004 nicht mehr passierte als ein reines „Erkunden“ von Szene, Stadt und Leuten – geschlafen wurde immer brav im Hotel. Direkt im Anschluss an das Kölner Pride-Treiben folgte München 2004 – unser quasi „Heimspiel“. Bereits damals kristallisierten sich deutliche Unterschiede heraus.

2005 – jetzt aber wirklich. Der CSD-Tourismus von Augsburg nach Köln – geplant in Perfektion. Hotel direkt in unmittelbarer Nähe zu wichtigen Szenelokalitäten war bereits im Januar gebucht worden und Kandidaten für ein Date sind bereits zwei Wochen im Vorfeld des „Cologne-Pride“ in der „blauen Welt“ (Gayromeo) aquiriert. Was wohl die „Nachbarn“ denken wenn man auf einmal nicht mehr gemäß §6 Gayromeo – Meldeverordnung in der eigenen Region gelistet wird, sondern im fremden Nordrhein – Westfalen gemeldet ist? Egal. Es folgten Grill-Meetings zur Nahrungsaufnahme und strategischen Planung in einem Augsburger Garten am Stadtbach. Allerdings gab es kaum ein Face2Face-Gespräch, stattdessen ein gemeinsames „Sit-in“ mit 3 Notebooks und pro Person zwei Profilen. Nach kurzer Zeit war man eben doch überzeugt welch effektives Flirten sich aus einem „als neuer User auf der Startseite“-Erscheinen ergibt. Lediglich das Whiteboard zur professionellen Einsatzplanung fehlte noch in der Küche.

Am 30. Juni war es dann soweit – Gaytropolis wir sind da! 5 Tage, 4 Nächte zwischen Himmel und Hölle mitten in einer Stadt, wo Heterosexualität ausgestorben zu sein scheint – zumindest für dieses eine Wochenende. Ob beim Shoppen in Wormland und Jeanspalast, im Cafe nebenan oder am Straßenfest in der Stadtmitte – alles im Zeichen des Regenbogens. Man fühlt sich direkt wie zu Hause – aber auch nur weil einem überall die bekannten Gesichter aus der eigenen, 600 Kilometer entfernt liegenden Stadt über den Weg liefen. Keiner geht hin – alle sind da.

Genau eine Woche später – CSD München, das Heimspiel für alle blau-weißen „Schwuppen“. Im Vergleich zu Köln eher ein fades Trauerspiel – zwar auch Straßenfeste und Partys, aber das gewisse Etwas fehlte. Fürs Auge nur wenig geboten und ein Drama im Abendprogramm – „Mei in Köln hatte man um 23 Uhr bereits 3 Optionen für die Nacht und bis 3 Uhr musste man sich dann entschieden haben wen man mit nimmt – hier steht man um 3 Uhr noch ohne jegliche Option da und geht mit der ganzen Clique zusammen wieder nach Hause! Laaaaangweilig!!“, so der Kommentar einer Person aus der Augsburger Tuckenkiste äh Partycrew. Die Woche darauf dann das vierzehntätige „Familientreffen“ im Kerosin Club zu Augsburg – noch finsterer, noch weniger los – wäre man nicht mit dem halben Laden gut bekannt und hätte den ganzen Abend lästernde Unterhaltung, könnte man glatt davon ausgehen hier ist ein Meditationstheater und alle unterhalten sich nur über Telepathie. Da fällt auch schon der nächste Kommentar: „Nach Köln und München ist das nun wirklich ätzend, das hätten wir uns lieber die ersten Wochen noch ersparen sollen“.

Doch wo liegen nun die genauen Unterschiede zwischen 1, 2 oder 3?

Augsburg – Wer auf der hiesigen Gay, Lesbian and Friends – Party mit einer Person zusammen gesehen wird, mit der er noch nie gesehen wurde, der ist eine Schlampe. Ist ja auch eine einfache Formel. X + Y = S² (X schläft angeblich mit Y, beide bilden somit das Schlampenquadrat). Er macht sich an jeden heran und hat in keiner Weise ein Niveau. Verlässt er dann noch mit dieser Person zusammen die Party kurz vor 3 Uhr, wenn diese sowieso vorbei ist und die Bordsteine hochgeklappt werden, dann „Hurt“ er auch noch herum. Skandal!! Wer sich dagegen nur mit seinen Freunden auf der Party abgibt, der unterliegt einem so genannten „Cliquen-Ruf“ der da z.B. lauten könnte: „Schlampenverein – schau dir die Gruppe XY an, jeder mit jedem! Ist ja widerlich! Man hört ja sogar von gemeinsamen Treffen. Grillparty nennen die das. Bei X im Garten, die reinsten Sexpartys – hab ich selber aus 7. Hand erfahren!!“ Hat man dann tatsächlich mal Sex in dieser Stadt, dann sollte man sich hüten irgendjemandem zu erzählen wer denn der Glückliche diese Nacht war. Höchste Geheimhaltung ist absolute Grundvoraussetzung um nicht vom anderen verpönt und gemieden zu werden.

Der Augsburger Durchschnittsschwule hat alle 105 Tage einen neuen Sexpartner (Schätzwert), alles was darunter liegt ist sogar eine bösartige Schlampe vor der es die gesamte Community zu warnen gilt. One-Night-Stands sind grundsätzlich unzulässig. Man muss 7 Stunden über den Ort eines Dates diskutieren, dann kann man zwei Stunden Kaffee trinken und anschließend fahren beide wieder getrennt nach Hause und das obwohl sie sich geil finden.

München – Zweigeteilt. Die eine Hälfte treibt es munter und im Englischen Garten, dass sogar der Hund von Frau Müller (drei Straßen weiter, Hausnummer 78 – Parterre links) nicht mehr nur nach hinten seiner Notdurft Ausgang gewährt, nein selbst er muss sich oral … erleichtern. Geredet wird natürlich in der High – Society – Metropole wenig darüber. Es weiß aber trotzdem jeder über jeden Bescheid. Ein anderer großer Teil der schwulen Bevölkerung wirft sich nach 20 Uhr die Federboa um den Hals, haut sich den Glitter in Haare und man erkennt bereits aus 100 Meter Entfernung welcher Sexualität die Person nachgeht. Vielleicht muss man sich in München auch einfach abheben um sich selbst zu finden? In München ist man sich meist zu fein für jeden, würdigt andere im Sinne des eigenes Rufes keines Blickes – würde aber gern. X + Y = {} (Da X und Y aus zwei verschiedenen Mengen stammen, ergibt ihre Summe eine leere Menge und somit sind die Personen inkompatibel)

Ein Extrem jagt das nächste, und so kommen wir zu:

Köln – man könnte es auch „Gaytropolis“ nennen. Heterosexualität scheint es hier auf den ersten Blick nur auf Ansichtskarten zu geben, nur noch eine Masse an frustrierten weiblichen Wesen auf verzweifelter Partnersuche blieb aus alten Zeiten übrig. Am Hauptbahnhof bereits an Gleis 6 von einem Werbeplakat für Henry Fords „Christopher-Street-Ka“ empfangen, kann man sich schon mal auf die Suche nach Café’s begeben, die nicht im Zeichen des Regenbogens firmieren. Beziehung und Treue – in Köln könnte man diese beiden Begriffe als Fremdwörter bezeichnen. Offenes Treiben, keine Hemmungen beim Flirten und am nächsten Morgen beim Frühstück kann man sich schon darauf gefasst machen, dass ein Report der Erlebnisse letzter Nacht auch in Gegenwart des Tages-Abschnitts-Gefährten gegenüber Freunden erfolgt. Nahezu jeder weiß von jedem alle Details aus erster Hand. Wer jetzt glaubt, es gäbe in Gaytropolis keinen Anlass für Klatsch & Tratsch oder gar Gerüchte, der irrt! Denn jetzt wird’s hier ja erst interessant: In einer der drei deutschen Hauptstädte (Berlin, Frankfurt, Köln) für Geschlechtskrankheiten und unheilbare Infektionen jeder Art kann theoretisch jeder alles haben und damit bleiben schon genug Gründe für Hexenjagden, Verleumdungen und somit auch alle Konsequenzen dieser zwischenmenschlichen Attacken. Achja – Buchführung über die gesamten Sexualkontakte ist hier eine Selbstverständlichkeit. So kann Problemlos ein Datenabgleich mit der Clique mit anschließender statistischer Auswertung in Excel gefahren werden, um zu ermitteln wessen Bett das höchste Verkehrsaufkommen verzeichnet. Die 32 Dates eines Freundes von mir führten letztendlich sogar zu erhöhter Staugefahr an einem Abend. Frei nach der Formel XN + YM = 0 (X der mit N Personen geschlafen hat und Y der mit M Personen geschlafen hat, – interessiert keinen). Na wenigstens muss man sich hier für nichts mehr schämen, Übertreibungen sind sogar Pflicht zum Start einer erfolgreichen Köln-Karriere.

Es gibt also deutliche Unterschiede zwischen diesen drei schwulen Welten. Jede für sich ist ein Extrem und insbesondere die Offenheit Kölns im direkten Vergleich zum verschlossenen Augsburg stellt einen vor die Frage – was ist denn überhaupt normal? Ist man im Verständnis eines Kölners ein Mauerblümchen, so zählt man in Augsburg bereits zu den Stadtmatratzen vor denen es zu Warnen gilt. In München dagegen weiß man überhaupt nicht wie man sich nun am besten in die Gesellschaft eingliedert – ja, man ist vor ein Entweder – Oder gestellt, und hat in jedem Fall mit Unverständnis zu rechnen.

Am besten man wird Schizophren und lebt in jeder Stadt die passende Persönlichkeit aus. Wie das funktioniert – demnächst in einem How To: „Szenemarketing und die berechnete Selbstdarstellung.“

Good Fuck!

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