Vita brevis – Ars longa

Mit diesen Worten beginnen die “Aphorismen” des Hippokrates. Und wahrlich ist das Leben kurz – zu kurz um eben die langen Künste in ihrer Gänze zu erschöpfen. Ausgelöst durch ein einfaches Wort auf einer medizinischen Nachricht tritt das “Memento mori” plötzlich in mein Leben und einerseits bin ich froh darum, dass ich darauf aufmerksam gemacht werde und die Chance bekomme, dies frühzeitig zu akzeptieren, andererseits bekommt man in einem solchen Moment dann Angst. Denn getreu dem aktuellen Motto “Du bist Deutschland” schlummert in einem ein gewisser Drang in irgendeiner Hinsicht der Welt etwas zu hinterlassen und seine Spuren für immer in den Sand der Geschichte einzuprägen.

Auch wenn sich ein Kinderwunsch bei mir schon immer in dem Bereich des Unwahrscheinlichen befand, so ist er nun vollends in die Tiefen der Unmöglichkeit versunken, denn es wäre mir nicht möglich zu verkraften, dass mein Kind ein solches Willkommensgeschenk bekäme, welches ich ihm unweigerlich mit auf den Weg geben würde. Und somit bleibt mir nur eines: Ich sehe mich in der Pflicht, der welt etwas Nichtmaterielles zu überlassen.

In den letzten Wochen habe ich, wenn ich es jetzt aus der Retrospektive betrachte, meine Emotionen zurückgeschraubt und mich zunehmend in die Gefielde des Rationalen begeben. An jedem einzelnen Morgen bekam der Geist Flügel und ließ das Herz hinter sich, wissend, dass er dies eines Tages sowieso wird tun müssen. Die körperlichen Orgasmen wichen den geistigen.

Im Französischen wird der Orgasmus “le petit mort” genannt: Der kleine Tod. Ein herrliches Bild in meinen Augen, denn es zeigt uns auf eine sehr einfache Weise wie sehr doch Lust und Leid, Leid und Lust miteinander verschmolzen sind oder wie Goethe es ausdrückt: “Es wechselt Pein und Lust. Genieße, wenn du kannst und leide, wenn du musst.”

Und genau dies wird uns beim “kleinen Tod” bewußt, den ich hier ausweiten möchte, da er meines Erachtens mehr ist als nur der körperliche Orgamsus und geistige Lichtblicke sowie Glücksmomente und andere Momente der inneren Zufriedenheit gleichermaßen umfassen sollte: Auf dem Gipfel des Einklangs zwischen sich und der Welt empfindet man kurz, sehr kurz nur das, was uns Menschen normalerwiese verwehrt bleibt – Ewigkeit. Die Zeit steht still und man sieht in gewisserweise auf die Lösung zur Frage nach dem Sinn des Lebens. Der faustische Moment ist gekommen und man möchte ausschreien: “Verweile doch! Du bist so schön!”

Noch ehe man jedoch die Möglichkeit hat, die Lippen zu diesem Bekenntnis zu formen, ist er auch schon verstrichen und man ist zurückgeworfen in das gemeine Dasein, jenseits den Pforten des Garten Eden und fernab den himmlischen Sphären, denen man in einem kurzen Aufflackern doch fast greifbar nahe war. Die soeben gewährte Erkenntnis schwindet und ganz im brecht’schen Sinne stellt man fest: “Der Vorhang zu und alle Fragen offen.”

Und ebenso offen wie alle Fragen sind dann auch wieder die Aufgaben des eigenen Lebens und man bezweifelt seine Fähigkeiten. Ein jeder hat von uns schon viel erreicht in seinem Leben, jedoch egal was man auch schafft und zur Vollendung bringt, so hat man immer das Gefühl es sei nicht genug. Als ich eben einem Freund meine Gedanken unterbreitete, meinte dieser doch nur, dass ich doch schon sehr viel erreicht habe, in meinem Leben und diesem schon sehr viel sinn gegeben hätte, was ich jedoch dadurch relativierte, dass es ncihts Besonderes und vielmehr eine Selbstverständlichkeit war. An diesem Punkt stellt sich dann die Frage: Gibt es überhaupt “das Besondere”, was man erreichen kann? Wächst man nicht mit jedem erreichten Ziel so sehr, dass dieses einem im Nachhinein als klein erscheint, so sehr man auch darum kämpfen musste? Macht man diese Erfahrung nicht jeden Tag? Haben wir uns nicht alle nach unserem achtzehnten Geburtstag gesehnt um dann festzustellen, dass er uns eigentlich nichts Besonderes brachte? Doch worauf kommt es dann an im Leben?

So nach und nach scheint es mir, als sei hier -wie so oft- der Weg das Ziel und es kommt nicht darauf an, was wir Außergewönliches leisten sondern vielmehr, dass wir uns dessen, was wir leisten bewußt sind und es wertschätzen. Es sind die vielen “kleinen Tode”, die unserem Leben den erhofften Sinn verleihen und wir sollten jeden einzelnen genussvoll “sterben”. Denn nur so haben wir die Möglichkeit Whitmans Aufforderung zu folgen und zum ‘Spiel der Mächte unseren Vers beitragen zu können’.

Seit jeher habe ich nur eine einzige Angst: Angst davor, dass Leben nicht zu nutzen und die mir gebotenen Möglichkeiten sinnlos verstreichen zu lassen und somit schließe ich mit Henry David Thoreaus “Walden”:

Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben, nur den wesentlichen Wahrheiten des Lebens gegenüberstehen und sehen, ob ich nicht lernen könnte, was es zu lehren hatte, damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das Leben, was kein Leben war, das Leben ist so wertvoll; auch wollte ich mich nicht in Resignation üben, außer wenn es wirklich notwendig war. Intensiv leben wollte ich und das Mark des Lebens in mich aufsaugen…

I wanted to live deep and suck out all the marrow of life!!!

P.S.: Eigentlich sollte heute hier einer der in der letzten Zeit gewünschten Beiträge stehen und es tut mir auch leid, dass ich nicht in der Stimmung war, diesem Wunsch zu entsprechen. Aber versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen und somit bitte ich dieFreunde, die mir Anregungen für ein Thema gegeben haben, mir zu verzeihen und es mir nachzusehen, dass ich einfach den richtigen Moment abwarten möchte, alleine schon um sie nicht mit einem “muss-Artikel” abzuspeisen, sondern Ihnen dann auch meine ganze “Schreiblust” zu widmen

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