Schlafes Bruder

Gerade bin ich von einem sehr erholsamen und ruhigen Wochenende in meiner alten Heimat zurückgekehrt. Da ich am Samstag komplett alleine in meinem Elternhaus weilte, gönnte ich mir ein bis ins kleinste durchdachte Erholungsbad, was nach den letzten Wochen auch einmal dringend nötig war.

Das Bad wurde abgedunkelt, Teelichter wurden entzündet, das heiße Badewasser wurde mit Aromashampoo versetzt und zudem legte ich mir eine entspannende Musik auf und zündete ein Räucherstäbchen. Natürlich durfte die Tasse Kaffe, die Zigaretten und das Glas trockenen Rotweins auch nicht fehlen.

Als ich dann so in der Wanne lag, eingehüllt von wabernden Rauchschwaden, genüsslich meinen Wein trank, da hatte ich wieder einen dieser Momente, in denen man das Gefühl hat, die Zeit bliebe stehen und man sei ganz allein mit der Schöpfung. Ich genoss diesen Zustand aufs Äußerste und verfiel meinen Gedanken, erfreute mich des Lebens und dachte über selbiges nach. Zum Leben gehört allerdings auch der Tod und obwohl ich mich ja eigentlich aus zwei sehr lebendigen Gründen in die Eifel gezogen sah – ein Geburtstag lag hinter, eine Taufe vor mir – dachte ich über einen idealen Tod nach und überlegte mir – auch durch die Sterbehilfe-Diskussion, die in der letzten Zeit ja wieder an Aktualität gewonnen hat, beflügelt – wie ich denn am liebsten eines Tages diese schöne Erde würde verlassen wollen.

Ich stellte mir Folgendes vor:

Ich möchte, dass das ganze in einer lauen Spätsommernacht geschieht. Auf einer Waldlichtung umringt von hohen Tannen steht auf einer kleinen Erhebung eine Badewanne. Dampf steigt von ihr auf und wohltuende Düfte werden von ihr freigesetzt. Auf einer hohen Schaumdecke liegen verstreut einzelne, getrocknete Rosenblätter, die vom Mond als auch vom leicht flackernden, warmen Lichte hunderter Kerzen beleuchtet werden. Von weitem hört man leise Chormusik. In der Wanne liege ich in den Armen meines Prinzen, in dessen Schoß ich meinen Oberkörper liegen habe und der mir mit einer sanften Zärtlichkeit durch die nassen Haare streicht. Ich habe ein Glas eines edlen, trockenen Rotweins in der Hand und rauche.

Der Chor verstummt einige Sekunden, so dass nur noch das hektische Glühen der Zigarette zu hören ist. Dann setzt er einige Sekunden später mit dem Choral „Kömm, O Tod, du Schlafes Bruder“ wieder ein und ich greife mit meiner rechten Hand durch den Schaum hinaus und lange zu der Rasierklinge, die neben der Wanne auf einem Beistelltischchen liegt, führe sie zu meinem betäubten linken Unterarm und schneide mir im warmen Wasser die Pulsader auf.

Nach der ersten Strophe des Chorals verklingt die Musik erneut und im Takt meines nun langsam heraus pulsierenden Blutes, das peu a peu das Wasser und den Schaum hellrot färbt, erklingt nun das „Lacrimosa“ aus Mozarts Requiem und ganz langsam, vom Wein berauscht und von dem schwindenden Leben benebelt sinke ich immer mehr in einen Dämmerzustand zwischen dem Hier und dem Jenseits und entschlummere ganz gemächlich, gleite sanft in eine andere Form des Dasein und lasse das Leben los.

Um dem ganzen noch einen gewissen Touch zu geben, wählte ich – man mag mich jetzt für vollends verrückt halten – sogar schon ein Datum. Da ich am 8.2.82 geboren wurde, wäre es der 2.8.28, dann würde auch mein jetziges Alter die genaue Mitte meines Lebens darstellen, dem seit dem 2.8. auch eine gewisse Logik zugrunde liegen würde.

Es wird jedoch leider an der Realisierbarkeit scheitern. Und wer mich am 3.8.2028 noch in einer kölner Kneipe oder sonst wo sieht, der weiß, dass es mir dann doch zu aufwendig war, ein solches Ableben zu inszenieren.

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