Alles nichts oder ?!?

Gestern habe ich mit einem guten Freund telefoniert und hätte uns jemand danach gefragt, über was wir gesprochen hätten, so hätte er die antwort bekommen: „Über nichts.“ „Nee, komm jetzt sag schon, über was ihr gesprochen habt, irgendwas muss es doch gewesen sein.“ „Ja, über nichts.“ Und es war auch so: Wir haben über nichts gesprochen, also nicht, dass wir geschwiegen hätten, denn dann hätten wir ja nicht gesprochen. Aber wir haben ja gesprochen, allerdings nicht über Etwas oder eigentlich ja doch, denn es ging ja eigentlich darum, ob das Nichts etwas ist oder eben nichts, wie der Name schon vermuten lässt.

Also um mal etwas Ordnung in dieses nichts sagende Geplänkel zu bringen: Er macht sich immer zu viele Gedanken und deshalb riet ich ihm, sich einfach einmal hinzusetzen und an nichts zu denken. Er meinte daraufhin, es sei nicht möglich an nichts zu denken, was ich jedoch so nicht stehen lassen wollte, da ich fest der Überzeugung bin, dass man über nichts nachdenken kann oder anders in dem Moment nichts denkt.

Er glaubte dies nicht und forderte mich auf, ihm zu erklären, wie ich dieses denn anstelle. Also sagte ich ihm, dass ich mir einen beliebigen Punkt oder Gegenstand aussuche und quasi wie beim magischen Auge durch ihn hindurch schaue. Daraufhin meinte er jedoch, dass ich doch in diesem Moment dann an den Punkt denken würde, ich jedoch blieb auf meinem Standpunkt, dass ich dem nicht zustimmen würde, da ich ja eben nicht auf den Punkt schauen würde, sondern auf etwas oder besser gesagt eben das nichts dahinter starrte.

Jetzt ging die Diskussion erst richtig los, denn nun versuchte er andauernd, mich dazu zu bringen, dass ich dann doch an etwas denke: „Was siehst du denn dann?“ „Nichts.“ „Das geht nicht, denn du siehst ja weiterhin.“ „Aber eben nicht bewusst, sondern es scheint dann so als würde das nichts so vor mir her wabern, so in leichten Wellen.“ „Also siehst du die Wellen.“ „Nein tue ich nicht, denn da ist ja nichts, was ich sehen könnte.“ „Aber trotzdem siehst du es, wie du gerade gesagt hast.“ „Nein, das habe ich doch nur als Bild gebraucht um es dir zu erklären, aber eigentlich ist ja da nichts.“ „Aber wenn du doch das Gefühl hast, es sei wellenförmig, so muss doch da etwas sein.“ „Aber da ist ja nichts.“

Eine ganze Stunde haben wir dann über nichts, Luft und Löcher gesprochen, weil gerade Luft und Löcher ja sehr eng mit dem nichts verwandt sind, allerdings ja dann doch etwas sind, wobei ich dies dann auch wieder in Frage stellte, weil ein Loch ja eben das ist, was nicht ist und Luft, abgesehen von den Molekülen auch nichts ist. Somit versuchte er mich damit aufs Eis zu bringen, dass er sagte, dass dann ja ein Loch, wenn es nichts ist und die Luft, wenn sie nichts ist, dasselbe –eben nichts- sein müssten und man somit schlussfolgern könne, dass der Himmel, also die Luft, ein Loch sei. Dies erschien mir dann jedoch wieder nicht stimmig und im ersten Moment konnte ich nichts darauf erwidern. Irgendwann wurde es uns dann doch etwas zu bunt mit dem nichts, dass ja eigentlich nicht farbig ist und wir stellten die Diskussion ein, da sie offensichtlich zu nichts führte.

Somit steht die Frage immer noch im Raum, ob man an nichts denken kann oder eben nicht. Man kann also laut ihm nicht an nichts denken, wohingegen ich denke, dass das Nichts doch etwas ist, an das man denken kann. Allerdings wäre dann das Nichts ja etwas und das kann dann auch wieder nicht sein.

Beim Handeln hingegen habe ich da wieder eine andere Sichtweise, denn auf diesem Gebiet bin ich der Meinung, dass man nicht nicht-handeln kann, denn dann tut man ja eben das Gegenteil, von dem, was man anstatt tun könnte und somit tut man dann doch etwas, indem man sich eben entschließt nichts zu tun und somit das Tun verneint, was ja dann doch eine Handlung ist. Zum Beispiel habe ich, wenn ich in einem Raum bin, die Möglichkeit zu bleiben oder zu gehen. Wenn ich jetzt nichts tue, dann bleibe ich ja, da ich ja sonst etwas tun würde, jedoch war das Bleiben ja die Alternative zum Gehen und somit etwas und nicht nichts. Oder wenn ich in einer Situation nichts sage, dann schweige ich, was ja wiederum eine Tätigkeit ist, obwohl man ja nichts tut. Demnach müsste dies ja dann eine Art Nicht-Tätigkeit sein.

Beim denken ist es zwar so, dass ich etwas tue, wenn ich über nichts nachdenke, jedoch der Gegenstand meines Denkens ist ja nichts. Somit tue ich etwas obwohl ich nichts tue, da ich über nichts nachdenke, was mich jedoch dann wieder dazu führt, dass ich dann ja aktiv denken würde, was jedoch in solchen Situationen sich für mich nicht so anfühlt, da ich ja nicht da sitze und aktiv daran denke, dass ich an nichts denke, denn dann würde ich ja die eigentliche Ebene verlassen und mich auf der Metaebene damit auseinander setzen, dass ich ja gerade darüber reflektiere, dass ich an nichts denke. Ergo wäre dann die Reflektion über meine Gedanken Gegenstand meines Denkens.

Irgendwie bekomme ich es gerade nicht hin diesen Zustand zu beschreiben und genauso wie gestern kommt mir nun ein Text von Kurt Tucholsky in den Sinn, der sich mit einer etwas greifbareren Thematik beschäftigt, die jedoch im Grunde genommen ebenfalls nichts ist, nämlich dem Loch. Deshalb werde ich diesen Text jetzt hier zitieren und danach nichts mehr schreiben, da das sowieso zu nichts führt und es langsam etwas viel ist, was hier über das Nichts steht, denn dies würde das Nichts, wenn es denn etwas wäre nicht erfreuen, dass man über es so viel schreiben kann, denn dann würde es ja zunehmend zu etwas, was es ja, wenn es denn ein ernstzunehmendes Nichts ist, nicht möchte. Aber jetzt Tucholsky:

Zur soziologischen Psychologie der Löcher

Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.
Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut.

Wenn der Mensch “Loch” hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.

Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finsteren, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch gerade aus diesem gekommen ? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.

Wenn der Mensch ein Loch sieht, hat er das Bestreben es auszufüllen, dabei fällt er meist hinein. Man tut also gut, um die Löcher einen großen Bogen zu machen, wobei man sich nicht wundern darf, wenn man in andere fällt. Man falle also lieber in das erste. Loch ist Schicksal.

Das Merkwürdige an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Loches schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs … festlig ? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsere Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigene.

Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.

Löcher, die sich vermählen, werden eines, einer der sonderbarsten Vorgänge, unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch – ? oder der linke zum rechten ? oder jeder zu sich ? oder beide zu beiden ? Meine Sorgen möchte ich haben.

Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann ? Drückt es sich seitwärts in die Materie ? oder läuft es zu einem anderen Loch, um ihm sein Leid zu klagen ? – Wo bleibt das zugestopfte Loch: niemand weiß das: unser Wissen hat hier eines.

Wo ein Ding ist, kann kein anderes sein. Wo schon ein Loch ist: kann da noch ein anderes sein ? Und warum gibt es keine halben Löcher – ?

Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze Übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon.

Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem anderen bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas negatives. Das ist nicht richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre. LochenSie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was Leben ist. Verzeihen Sie diesen Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen und dem nächsten ein Loch ausfüllen wollen.

P.S.: Danke an Chris, der mal wieder Opfer meiner zum Teil sinnlosen Gedankengänge war. Jedoch denke ich, dass wir beide viel Spaß hatten und er zumindest in diesem Gespräch an nichts gedacht hat, oder besser an nichts Wichtiges.

P.P.S: Mit diesem Beitrag verbinde ich ein Preisausschreiben: Derjenige von euch, der rausbekommt, wie oft die Wörter nichts/nichts/Nichts vorkommen, hat etwas gewonnen und ratet mal was: Nichts!

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