Monthly Archives: December 2005

Mach’s gut 2005

Ein Jahr ist schnell vorüber… wie wahr diese Zeile aus dem bekannten Song der Münchner Freiheit doch ist. Und dieses vergangene Jahr brachte nicht nur Deutschland eine Menge Veränderungen. Es ist doch immer wieder interessant, wenn man am Jahresende eine Bilanz zieht und sich mit demjenigen vergleicht, der man 365 Tage zuvor noch war.

Und jedes Mal ist es bei mir dasselbe. Zuerst denkt man sich: „Oh, Gott! Das war das beschissenste Jahr überhaupt.“ Aber wenn man sich dann einmal die Mühe macht und genauer hinsieht, so stellt man doch immer wieder mit Erstaunen fest, das dem dann doch nicht so ist.

Das Interessante ist, dass es in jedem Jahr einen gewissen Aspekt gibt, der das ganze Jahr in gewisser Weise dominiert. Wenn ich so die letzten Jahre überschaue und Überschriften für die einzelnen Jahre finden müsste, so würde ich wohl 2001 mit „Gute alte Heimat“, 2002 mit „Ankunft in Köln“, 2003 mit „Studiumsfortschritte“ und 2004 mit „Beziehung und was man damit machen kann“ betiteln. Doch dieses Jahr fällt mir ein Titel unwahrscheinlich schwer.

Was war denn nun der Stern, unter dem mein Jahr stand? War es das Kündigen meines Jobs und eine Jobsuche, die mich bis an den Rande der Verzweiflung trieb? War es die daraus resultierende Unliquidität und das Erlernen der Fähigkeit aus nichts ein Essen zu machen? Oder war es eben doch meine Diagnose, die nach einem kurzen souffléartigen Aufbauschen schnell abkühlte und als Alltagsgegebenheit in sich zusammen fiel? Oder vielleicht doch, das anfänglich zögerliche Engagement fürs Studium und der daran anschließende Endspurt Richtung Zwischenprüfung? Oder war es gar die Grundsteinlegung für meine Laufbahn als Textproduzierender, in welcher Form auch immer?

Irgendwie ist in diesem Jahr sehr, sehr viel geschehen und es wird auch in der nächsten Zeit Einiges passieren, denn wie heißt es so schön: „Große Ereignisse werfen ihre Schatten voran.“ Und hier stehe ich nun im Schatten der kommenden Ereignisse und in der Grauzone zwischen den Jahren. Wie soll man sich denn da vernünftig definieren können bei so wenig Licht? Also verschiebe ich das mit der Selbstdefinition auf meinen Geburtstag im Februar, da scheint dann auch wieder etwas mehr die Sonne und kehre zurück zur Frage, was denn das Entscheidende in diesem Jahr war.

Was sich heuer wie ein rotes Band durch das Jahr gezogen hat, war, dass ich unwahrscheinlich hochwertige, neue Kontakte geknüpft habe und eine Menge toller Gespräche geführt habe. Auch wenn es ein Jahr mit vielen Reibereien und Diskussionen war, so jedoch oder zum Teil auch gerade deshalb ist es ein Jahr, in dem ich die Möglichkeit hatte die soziale Komponente in meinem Leben um ein Vielfaches zu steigern. Und an dieser Stelle möchte auch ich Danke sagen, allen Menschen die in irgendeiner Weise zu diesem Jahr 2005 beigetragen haben und mir mit Witz, Intellekt, Trost, Ablenkung oder was auch immer zur Seite standen.

Was mir gerade auffällt ist, dass viele dieser Einflüsse, die mir in diesem Jahr geschenkt wurden, sich auch hier in meiner Kolumne niedergeschlagen haben. Überhaupt sind meine Kommentare zu Gott und der Welt, eigentlich nur ein Zufallsprodukt anfänglicher Langeweile. Was wohl die wenigsten wissen, es war eigentlich nur so, dass ich dachte: „och, veränderst du mal deinen Profiltext“, weil die 24 Punkte schon so gut ankamen und ich mich mal wieder von sinnvoller Arbeit ablenken wollte. Leider hatten die Administratoren von Gayromeo nicht die Einsicht, warum sie die maximale Zeichenzahl im Profil für einen User erhöhen sollten. Rauswerfen wollte ich aber auch nichts, also dachte ich mir, es wäre doch eine geschickte Lösung, mir selber etwas ins Gästebuch zu schreiben. Gedacht, getan, schnell noch einen Hinweis dazu in die Headline und siehe da: Es kamen Reaktionen darauf.

Und noch seltsamer war, dass man mich bat weiter zu schreiben, was ich dann auch tat. Erst nur im Gästebuch, dann auf Anraten eines Bekannten im Blog, wegen der Lesbarkeit, daraufhin, nachdem mich einige User baten, um sich unnötige Klicks zu ersparen, dass ich sie doch informieren solle, gründete ich den Club, indem dann auch später, wieder auf Anraten eines Lesers die Artikel selbst erschienen, um sie besser kommentieren zu können. Es folgte die internetweite Einzelveröffentlichung meines Artikels „Positive Neuigkeiten“ und die Bundesweite Veröffentlichung des etwas veränderten Beitrags „Sehnsucht nach der Verkleidung“ unter dem Titel „Des Kaisers neue Kleider“ im Connection spezial – Magazin, das bundesweit zu erhalten ist. Wahnsinn: Da hat man 10 Minuten Langeweile und daraus entsteht dann so ein Konstrukt, dass mit diesem Beitrag inklusive der Gastartikel schon in die 65ste Runde geht.

Irgendwie kann ich es manchmal nicht glauben, dass diese knapp 250.000 Zeichen (dieses Mal exklusive der Gäste) von mir sein sollen. Ebenso verwunderlich ist es, dass es wirklich Menschen gibt, die sich besser in meinem Werk auskennen als ich selber, da ich meist schon nach einigen Wochen nicht mehr unbedingt weiß, was ich denn genau geschrieben habe und ab und an von mir selbst überrascht bin, wenn ich alte Beiträge lese, jedoch oft auch die Augen verdrehe und denke: So was hast du geschrieben? Aber was soll’s: Was steht, das steht.

Jedenfalls hat jedes einzelne Wort mir Spaß gemacht, sei es nun in einem politischen, gesellschaftlichen, lustigen, ernsten, privaten oder kirchlichen Beitrag gewesen, wobei letztere ja immer wieder tagelange theologische Chatdiskussionen nach sich zogen. Es freut mich sehr, dass ihr mich durch meine Welt begleitet und mit mir lacht, wenn ich meine Kaffeemaschine entkalke und mit mir weint, wenn ich gerade mal wieder in einer Sinnkrise stecke, mit mir diskutiert, wenn die Politik mal wieder unglaubwürdig scheint und generell meinen Senf nehmt und euch damit euer Würstchen würzt…. Oh, das klingt jetzt auf einem Schwulenportal etwas anzüglich, aber was soll’s. Habe ja nie behauptet, immer richtig zu liegen und bin natürlich für Korrekturen, Anregungen und Wünsche offen.

Ich freue mich schon auf ein kommendes, hoffentlich genau so erfülltes Jahr 2006 und werde weiterhin für euch schreiben, auch wenn ich zum Teil keine Ahnung habe, wer ihr denn seid…. irgendwo da draußen in den weiten der Welt.

Somit schließe ich mit den Worten meines Jahresabschlusslieblingsliedes aus Sunset Boulevard:

I don’t need a crowded ballroom
Everything I want is here
If you’re with me, next year will be
The perfect year.

In diesem Sinne…. Rutscht gut!

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Verwalter der Alter

Heute hat ein lieber Freund von mir seinen Jubeltag und da ich ja erst kürzlich einen Geburtstag eines ganz besonderen Freundes vergessen habe, so habe ich natürlich Besserung gelobt und mir auch fürs kommende Jahr vorgenommen, keinen Geburtstag mehr zu vergessen. Ob ich’s schaffe? – mal sehen.

Also eigentlich haben heute zwei Menschen in meinem Leben Geburtstag, allerdings habe ich mit der einen mittlerweile nur noch einen dergestaltigen Kontakt, dass das Wort „flüchtig“ schon eine Übertreibung wäre. Die zweite Person soll auch nicht Gegenstand meiner heutigen Ausschweifungen sein, denn soweit ich weiß, hatte und hat sie keine Probleme mit dem Älterwerden.

Der erste Kandidat hingegen schon, jedoch werde ich den Namen hier nicht erwähnen, da ich ja von seinen Schandtaten berichten möchte. Denn dieser eigentlich noch junge Herr, der heute seinen 25. Geburtstag feiert, hat ein klitzekleines Problemchen damit älter zu werden, was auch daher rühren mag, dass er noch gut als Zwanziger durchgehen könnte, wenn man ihn sieht. Und gerade weil hier bei Gayromeo die Altersfilter, mit denen man ein Höchstalter für die Suchmaschine festlegen kann immer bei den geraden Zahlen liegen, hatte er schon das ganze Jahr über Angst, dass er nun ab heute durch den 24-Jahre-Filter fallen würde, was ihn dann in der Mitte des Jahres schon dazu veranlasste, sein Alter wieder auf 23 Jahre zurückzusetzen, so dass es eigentlich geplant war, dass sein Alter genau heute auf die noch nicht im Filter erfasste 24 umspringen würde. Weiterhin hatte er vor, dieses und alle folgenden Alter jeweils 1,5 Jahre laufen zu lassen und somit langsamer zu altern.

Da wir uns einmal darüber unterhalten hatten, wie lächerlich es doch sei, das eigene Alter auf 30 herunterzuschrauben, wenn man beispielsweise 35 ist, so habe ich ihm dann einfach vorgerechnet, dass dies jedoch bei ihm genau so der Fall sein wird, wenn er so verfährt, wie er es vorhat. Nach vielen kleinen Sticheleien und zahlreichen Gedanken, die er sich um sein Alter und die ordnungsgemäße Angabe in seinem Profil gemacht hat, hat er dann vor wenigen Tagen beschlossen, doch wieder seine richtigen Daten einzugeben, was allerdings jetzt zur Folge hat, dass er für den aufmerksamen Beobachter binnen 7 Tagen um 2 Jahre altert.

Doch genau dies ist ja eben das entlastende am Älterwerden: Man wird es nur langsam und unmerklich. Natürlich hätte auch ich ein Problem damit, wenn morgen eine gute (???) Fee käme und mich sofort 30 Jahre alt machte. Denn dann hätte ich wohl so einige Probleme, alleine schon mit meinen Gewohnheiten und meinem Umfeld. Jedoch ist es ja so, dass, wenn man selber älter wird, das eigene Umfeld ja nicht stehen bleibt und man gemeinsam altert. Eine Angst von Menschen, die Probleme damit haben ist ja immer, dass sie befürchten zunehmend zu isolieren. Welch ein Humbug! Denn die Freunde, Bekannte und das ganze Umfeld wird ja mit älter und somit sollte dies dann kein Grund gegenseitiger Diskriminierung sein. Wäre ja auch reichlich albern.

Zudem ist doch so, dass unsere Definitionen von „alt“ sich immer wieder anpassen und neu festgelegt werden. Mein kleiner Bruder ging vor vielen Jahren einmal bei uns im Dorf einkaufen und kam zurück und sagte: „Mama, ich soll dir einen schönen Gruß von so einer alten Frau sagen, die war etwa so alt wie du.“ Zu dieser Zeit befand sich meine Mutter in der ersten Hälfte der Dreißiger. Heute, wo er selber die zwanzig schon überschritten hat, hat er zum Teil nach damaliger Definition Freunde, die „alte Leute“ sind, da auch sie die berühmte 30er-Marke schon hinter sich haben, jedoch würde er diese heute nicht mehr als „alt“ bezeichnen.

Genau das kann jeder in seinem Leben nachschauen. Man führe einmal das einfache Gedankenexperiment weiter. Wenn der oben beschriebene Freund wirklich dann schon de facto 35 ist und demnach pro forma 30 und er wird von einem 5 Jahre jüngeren angechattet, so ist das eine Person, die heute gerade mal 15 ist. Na gut, Paare mit solchen Altersunterschiede gibt es auch, jedoch sind sie nicht unbedingt die Regel und ich glaube, wenn man ihn heute fragte, ob er sich vorstellen könne mit jemandem zusammen zu sein, der Jahrgang 1990 ist, der also die noch nicht einmal die Wiedervereinigung mitbekommen hat, so würde er garantiert bestätigen, dass er die Wahrscheinlichkeit als verschwindend gering einstufen würde.

Mit der Wiedervereinigung bin ich dann auch schon direkt bei meinem nächsten Punkt angekommen. Denn es sind ja nicht nur die faktischen und unpersönlichen Zahlen, die uns älter werden lassen, sondern oder gerade vor allem die ganz persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen. Wir werden ja nicht einfach so älter, nein wir werden gleichzeitig auch reifer und im Idealfall sogar weiser. Und an dieser Stelle, sollte sich nun ein jeder mal die Frage stellen, ob er wirklich, seine Erfahrungen und Lehren des Lebens, die er in den letzten 5 Jahren gemacht hat, missen möchte. Also ich keineswegs.

Mein lieber Freund, jetzt hätte ich fast den Namen erwähnt, ist auch ein Kandidat, dessen Badezimmerarmatur einem Museum internationaler Kosmetika gleicht. Töpfchen reiht sich an Tiegelchen und alles ist vorhanden. Von der tönenden Antifaltentagesundnachtcreme über den abdeckenden hautstraffenden Augenkonturstift bis hin zur Antiaginghandlotion mit Q 10, B6, C4, und sontigen Buchstaben. Alles natürlich Vitaminkomplexe um selbige des Alters zu kompensieren. Ich will so altern wie ich will – du darfst!

Also ich benutze davon nur etwas, wenn meine Haut mal wieder so trocken ist, dass ich denke, es sei mal wieder nötig, sie einzucremen und dann tut es für mich auch eine ganz gewöhnliche Creme, egal was sie dann enthält. Denn selbst wenn ich eines Tages hie und da ein Fältchen habe, so weiß ich doch, dass es nur dadurch existiert, weil ich auch gelebt habe. Wer keine Falten hat, der hat auch nicht wirklich gelebt, denn er scheint sich dann nie Sorgen gemacht oder gelacht zu haben. Um faltenfreie Haut zu haben, darf man nicht auf der Baustelle oder in der Sonne arbeiten, darf die Nächte nicht durchzechen, sich nicht auf die Sonnenbank begeben und eigentlich nur in einem hochsterilen gleich bleibend klimatisierten Raum sitzen und das Leben an sich vorbei ziehen lassen ohne eine Mine zu verziehen, denn alles andere macht Falten.

Als Kind fand ich es immer faszinierend, die Hände alter und damit meine ich wirklich alter Menschen zu betrachten. Dünne, in sich eingefallene Haut mit braunen Altersflecken, hervorstehende Gelenke und sich abzeichnende Sehnen, Knochen und durchschimmernde Adern. Ich saß davor und konnte ohne Unterbrechung mehrere Minuten lang auf solche dürerschen Hände schauen, die man heute auch noch auf vielen Gebetskarten finden kann. Ich schaute sie dann immer an und hatte den Eindruck, dass diese Finger, diese Falten, Sehnen und Flecken mir eine Geschichte erzählen können. Seinerzeit dachte ich dann immer, dass diese Hände den Krieg erlebt hatten, sie hatten das Land wieder mit aufgebaut und soviel erlebt und getan durch ihre Zeit hindurch. Und somit denke ich, sollten wir jede kleine Falte an unserem Körper schätzen lernen, denn sie ist Zeugnis eines ereignisreichen Lebens.

P.S.: Dieser Beitrag ist den beiden Geburtstagskindern von heute gewidmet, denen ich in den letzen Tagen des Einsteinjahres nur eins mit auf den Weg geben möchte: Alter ist relativ! Herzlichste Glückwünsche.

Weihnachten mal anders

Eigentlich sollte dies die letzte Kolumne in diesem Jahr werden, doch irgendwie finde ich gerade den Jahresabschlussbeitrag heute dann doch noch etwas verfrüht und da ich zwischen den Jahren sowieso noch einmal nach Köln kommen werde, wo ich dann auch den Zugang in die Weiten des WorldWideWeb habe, wird dies dann doch nicht der letzte Beitrag für dieses Jahr sein.

Morgen ist es so weit: Das Hochfest der Kapitalismus wird allerorts gefeiert. Auch wenn ich Weihnachten sehr mag und sogar diesem ganzen Konsumrummel etwas abgewinnen kann, so denke ich doch, dass es erschreckend ist, wenn man die alljährlichen Straßenbefragungen sieht, bei denen sich herausstellt, dass die meisten gar nicht mehr wissen, warum wir dieses Fest überhaupt feiern. Zu Gute halten muss man den Befragten dann zumindest, dass sie wissen, dass es was mit Jesus zu tun hat.

Hier für alle, die ebenfalls nicht mehr so genau wissen worum es geht eine kurze Zusammenfassung: Maria Laach – und Josef stand daneben. Wem dies nicht reich, der möge dann in einem der vier Evangelien nachschauen. (Kleiner Tipp: Die Weihnachtsgeschichte findet man immer am Anfang eines Evangeliums)

Aber zurück zum Kapitalismus. Die schönste Weihnachtspredigt, die ich in meinem Leben gehört habe, war die unseres ehemaligen Pfarrers, der auf der Schulweihnachtsfeier selbige mit den Worten begann: „Das Christkind kotzt vor lauter Geschenken die Krippe voll!“, worauf sich sowohl die ältere Lehrergeneration als auch die Pädagogen des Fachbereichs Religion vergleichsweise blass und angewidert ins Lehrerzimmer zurückzogen.

Ich finde es immer wieder schön zu Weihnachten zwischen den ganzen Vorbereitungen sich mit alternativen Weihnachtsgedanken auseinander zu setzen. Und somit lese ich mir jedes Jahr ein Gedicht durch, welches ich als Liebhaber des bitterbösen Sarkasmus zu meinen Lieblingsgedichten zähle und welches ich euch nicht vorenthalten will:

Erich Kästner

Weihnachtslied, chemisch gereinigt
(Nach der Melodie: „Morgen, Kinder, wird’s was geben!“)

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht –
weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit…
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

In dem Gedichtband, den ich besitze, steht unter diesem Gedicht – und ich finde, dies macht das Gedicht noch um einiges reizvoller – folgende Anmerkung: Dieses Lied wurde vom Reichsschulrat für das Deutsche Einheitslesebuch angekauft.

Herrlich, da kommt man ins Grübeln. Und das nicht nur aufgrund der Tatsache, dass man nicht weiß, welche der zwei Melodien des Liedes man nun zugrunde legen soll.

Aber genauso viel Vergnügen hatte ich beim Lesen des Romans „Der Club der Weihnachtshasser“ von Michael Curtin. In diesem Buch geht es um eine Solorunde, die sich einmal in der Woche in einem Pub trifft und Karten spielt. Alle Mitglieder dieser Gruppe sind auf ihre Weise seltsam und abgedreht. Doch sie alle verbindet eine Gemeinsamkeit: Sie hassen Weihnachten, weil ihre familiären Umstände total im Argen liegen. Deshalb planen sie in diesem Jahr sich an Weihnachten zu rächen und dies auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel Verraten, denn das würde demjenigen, der es liest nur das weihnachtliche Lesevergnügen nehmen, jedoch kann ich diesen Roman nur wärmstens als leichtbekömmliche Lektüre für den ersten Weihnachtstagsmorgen empfehlen, wenn man vom Rotwein verkatert unter dem Tannenbaum zwischen Bergen von Papiermüll sitzt und angewidert auf den Plätzchenteller starrt, von dem man am vorigen Abend dann doch etwas zu viel genascht hat. In dieser Situation ist man genau in der richtigen Stimmung für dieses Buch gefüllt mit skurrilen Charakteren, verqueren Vitae und verrückten Ideen und man möchte am liebsten sofort nach London fahren und den Pub suchen, in dem sich diese durchgeknallte Gruppe trifft und mit ihnen ihren Plan zur Vollendung bringen.

So, ich werde nun jedoch erstmal noch die letzten Dinge, die noch zu tun sind, erledigen und dann morgen gen Heimat fahren um dort dann wieder ganz klassisch Weihnachten zu feiern, mit im Gepäck natürlich die beiden DVDs „Ist das Leben nicht schön?“ und „Die Muppets Weihnachtsgeschichte“, denn ein Weihnachtsfest ohne Ebeneezer Scrooge ist wie Silvester ohne Miss Sofie.

Ich wünsche euch allen ein paar schöne und besinnliche Tage und hoffe, dass ihr alle mit den beiden größten Geschenken dieser Erde beglückt werdet: Glück und Gesundheit. Wenn dies der Fall ist, dann ist es ganz egal, wie und wo und mit wem ihr das Fest begeht.

In diesem Sinne: Stille mich, du Fröhliche!

Selbstverständlich schwul

Am vergangenen Sonntag habe ich mir den letzten Kulturschock in diesem Jahr angeschaut und dieser war traditionell der „Klassik-Schock“, was soviel heißt, dass dort nur Wort- und Livegesangsbeiträge aufgeführt werden. In den letzten Jahren ist dort dann eine weitere Tradition entstanden, da ein betagter Stammzuschauer jedes Jahr seine selbstgeschriebenen Gedichte und Texte verliest. So auch in diesem Jahr, in dem er in einem ersten Text seine Gedanken zur Ernennung zum Austragungsort der GayGames 2010 in Köln zum Ausdruck brachte. In seinem Text sprach er davon, dass es ihn sehr freue, dass Köln dann der ganzen Welt zeigen könne, was Toleranz und Offenheit bedeutet. Dies hat mich zutiefst berührt.

Zwei Reihen vor mir, saß ein junger Schwuler, den ich auch flüchtig kenne und bei dem ich mir nicht sicher war, ob er in diesem Moment ähnliches empfand, was mich auf den Gedanken für diese Kolumne brachte.

Die Worte Helmuts haben mich nämlich nicht nur aufgrund ihres Inhalts berührt, sondern gerade deshalb, weil für ihn, der ja doch einige Jahrzehnte älter ist als ich, „Schwulsein“ ganz anders konnotiert ist.

Was ist denn heutzutage noch dabei schwul zu sein? Wenn man es nicht gerade auf dem Land ist, wo es sicherlich noch sehr viele damit einhergehende Probleme gibt, ist es doch heute überhaupt kein Problem mehr zu sagen: Ich bin schwul (und das ist auch gut so). Denken wir uns doch einfach einmal wenige Jahrzehnte zurück: Kneipen mit Schmuddelambiente in zwielichtigen Vierteln, anonyme Treffpunkte, offene Gewalt gegen Schwule, Lesben und Transgender, Razzien in Lokalitäten, das Gefühl politisch in keiner Weise wahrgenommen zu werden, Doppelleben, Selbstverleugnung, psychische Probleme aufgrund der eigenen Empfindungen, ein schlechtes Gewissen bis hin zum Suizid. Alles gehörte damals zum Themenkomplex „Schwulsein“ dazu. Und was ist davon heute noch geblieben? Allerhöchstens, die schnelle unverbindliche Nummer im Darkroom oder in einer Cruising-Area.

Heute ist Schwulsein doch schon hip – nicht die Homosexualität wohlgemerkt. Es gibt Modeschwule, Glamourtucken, Puscheltrinen, Lackschwestern, Lederkerle, alles was das Herz begehrt und dank Serien wie „Queer Eye fort the Straight Guy“ und dem Zauberwörtchen „metrosexuell“ fangen selbst die Heten jetzt an, sich gegenseitig im Schwulsein zu übertreffen. Jeder hat ein Coming-out in welcher Form auch immer und das ganze wird nur noch dadurch getoppt, dass sich langjährige Schwule, die außer der besten Freundin über Jahre keine Frau auch nur wahrgenommen haben, auf einmal „bi“ sind, nur weil „bi“ gerade in ist.

Ist ja auch nichts gegen einzuwenden, denn schließlich ist das ja genau das Farbenspiel, welches unter einen Regenbogen gehört. Jedoch denke ich, dass es sich heute in den meisten Fällen bei solchen „Selbstinszenierungen“ lediglich um mit Luft gefüllten, aufgebauschten Baisers handelt. Nicht der Dunst des Anscheins eines Schimmers von Selbstreflexion. Und wenn man mal die jungen Schwulen fragt, was Stonewall für sie bedeutet, dann darf man sich nicht wundern, wenn man zur Antwort bekommt, dass sie mit alten Steinkreisen nichts zu tun haben.

Ich bin froh, dass wir heute da sind, wo wir sind, jedoch denke ich, dass der schwulen Community oder besser gesagt dem jüngeren Teil von ihr ganz wie der Jugend im Allgemeinen das Geschichtsverständnis fehlt. Und dies sollte doch gerade als Minderheit von Interesse sein, da man dadurch auch einen Großteil der eigenen Identität erkennt. Bei den Afro-Amerikanern ist dies zum Beispiel ander, denn dort kennt jeder die Martin Luther King – Rede und der historische Kampf wird immer wieder in Songtexten oder ähnlichem thematisiert.

Und so lange ist das mit der Selbstverständlichkeit noch gar nicht her, wenn man bedenkt, dass „Homosexualität“ erst seit dem Abschließen der 10. Auflage der „International Classification of Diseases and Related Health Problems“ der Weltgesundheitsorganisation im Jahre 1992 und der zweiten Auflage des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ der American Psychiatric Association im Jahre 1974 nicht mehr als psyschiche Erkrankung geführt wird.

Um so bewegender ist es dann, jemandem zuzuhören und seinen Gedanken zu Lauschen, der auch die dunklen Tage des Schwulseins mitbekommen hat. Der sich zeitlebens auch dafür stark machen musste, so sein zu dürfen, wie er ist und deswegen noch ein ganz anderes Verständnis von der gesellschaftlichen Situation hat wissend zu was emanzipatorischer Aktivismus fähig ist und der genau deshalb heute Tränen in den Augen hat, wenn er sieht, dass wir zwar noch nicht völlig gleichberechtigt sind, jedoch heute in einem Paradies leben verglichen zu seiner eigenen Ausgangssituation.

Somit kann ich nur sagen, dass ich auch hier nur dazu raten kann, sich mit älteren Menschen auch einmal auseinander zu setzen und ihnen einfach zuzuhören, nicht nur in dem oben beschriebenen Kontext, sondern generell. Denn nur, wenn man sich der Vergangenheit bewusst ist, kann man die Gegenwart wertschätzen und beurteilen und eventuell die Zukunft nachhaltig gestalten.

Gedanken im Jardin du Luxembourg

(Gastbeitrag von Chris)

Heute morgen kam ich spontan auf die Idee, etwas zu tun, was ich nun schon seit drei oder vier Wochen nicht mehr gemacht habe: Ich habe einen Blick in Bennys Kolumne geworfen; aus diesem “einen Blick” wurde dann aber sehr schnell eine ganze Stunde – eine Stunde, die wie im Flug verging und in der ich mich unbewusst einer unglaublichen Masse an unterschiedlichen Stimmungen und Strömungen aussetzte.

Zuerst habe ich den Gastbeitrag von Bennys Mutter gelesen, der mich so gerührt hat, dass ich mir meine Tränen in diesem Moment nicht verkneifen konnte. In ihrem Beitrag setzt sie sich mit einer Vielzahl von Dingen auseinander, die auch mich in den vergangenen Tagen hier in Paris sehr beschäftigt haben. Obwohl ich diese Floskel, dass jemand “einem aus der Seele spricht” eigentlich nicht mag, so muss ich an dieser Stelle zugeben, dass wohl kein anderer Spruch meine Empfindungen in Bezug auf ihren Beitrag besser beschreiben kann.

Es ist sehr selten, dass Menschen in einer solchen Form “Danke” sagen. Ein “Danke” für ein Geschenk, für das Anreichen des Salzstreuers am Frühstückstisch, für ein “Schönes Wochenende”, für ein “Gesundheit” oder für einen Freundschaftsdienst, das sind die alltäglichen Formen des “Danke”-Sagens, die einem jeden von uns gut bekannt sind. Aber ein “Danke, dass es euch gibt!” ist ein ganz besonderes “Danke”, ein “Danke” fürs Dasein, für die eigene Existenz, für die man eigentlich ja nichts kann…. oder doch? Mit einem solchen “Danke” ist natürlich nicht die körperliche Anwesenheit gemeint (denn sonst müsste man unseren Eltern danken), sondern es ist ein “Danke”, was persönlicher nicht sein könnte, da es sich an die innere, eigene Persönlichkeit eines Menschen richtet, so wie er in diesem Augenblick für den Danksagenden existiert. Bennys Mutter richtet diesen Dank an uns als Bennys Freunde und verdeutlicht damit, dass wir in seinem Leben einen äußerst wichtigen Posten einnehmen. Ihre Worte erfüllen mich mit Wärme und Stolz und sprechen etwas aus, was man selbst wahrscheinlich wirklich positiv weiß, was man sich im Leben aber viel zu selten bewusst macht.

Gerade in den letzten Tagen und Wochen habe ich mir über diese Menschen, die Bennys Mutter in ihrem Beitrag erwähnt und die zum Teil ja auch meine Freunde sind, Gedanken gemacht. Ich habe mich gefragt, was das eigentlich für Menschen sind, wie ich sie eigentlich sehe und wie sie mich sehen, was bedeuten sie mir und was bedeute ich ihnen, was sind wir für eine Gruppe und warum genau sind gerade sie meine Freunde und keine anderen? Fragen über Fragen, die ich mir nur zum Teil beantworten kann und die ich wahrscheinlich niemals vollständig beantworten können werde. Auf den ersten Blick muss man sagen, dass wir eine Gruppe darstellen, deren Mitglieder verschiedener nicht sein könnten. Es sind die unterschiedlichsten Persönlichkeiten, jede auf ihre Art und Weise absolut bizarr, aber wahrscheinlich gerade deswegen so besonders. Manchmal denke ich, dass es sich um eine verrückte Mischung handelt, die nur deswegen funktioniert, weil jeder dem anderen ein angemessenes Maß an Respekt und Toleranz entgegenbringt und weil man sich so akzeptiert, wie man ist, mit allen Ecken und Kanten und mit allen liebens- und verachtenswerten Seiten.

Fraglich ist an dieser Stelle, was man persönlich für Erwartungen an die einzelnen Personen unserer Gruppe stellt und ob diese Erwartungen oder Hoffnungen, die man in eine Freundschaft investiert, von diesen Menschen erfüllt werden können. Hierzu eine kleine “Geschichte”, die mich vor zwei Tagen absolut traurig gemacht hat, die aber heute, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, fast schon wieder lustig erscheint:

Am 13.12. diesen Jahres, also vor zwei Tagen, wurde ich 24 Jahre alt. Wie das an einem Geburtstag so ist, bekommt man von allen möglichen und unmöglichen Seiten SMS, Briefe, Anrufe und Emails mit netten Worten, Glückwünschen, Gratulationen etc. In diesem Jahr verbrachte ich meinen Geburtstag studienbedingt in Paris, ich war also nicht zu Hause und hatte daher auch keine Möglichkeit, eine kleine Party zu geben und Leute zu mir einzuladen. Dennoch war ich überrascht, wer alles an mich gedacht hat. Es waren sogar Menschen darunter, die ich eigentlich eher weniger leiden kann und über deren Gruß ich mich umso mehr gewundert habe. Im Laufe des Tages trudelten Grüße aus allen möglichen Orten dieser Erde ein, so dass ich das Gefühl hatte, dass unsere Welt wirklich klein ist. Eine Freundin, die zur Zeit eine Rundreise durch Nicaragua macht und von der ich glaubte, sie sei im Dschungel verschollen, hat extra ein Hotel aufgesucht, um mir eine E-Mail zu schreiben, meine Großeltern haben es irgendwie geschafft, mir eine Geburtstagskarte nach Paris zu schicken, die trotz der hier absolut unberechenbaren “la poste” auf den Tag genau eintraf und meine früheren Kolleginnen, mit denen ich während meiner Schulzeit in einer Bäckerei zusammengearbeitet habe, riefen mich kollektiv an, um zu gratulieren… irgendwann im Laufe des Tages fiel mir auf, dass sich aus meinem “schwulen Freundeskreis” noch niemand gemeldet hatte. Allerdings beunruhigte mich das nicht wirklich, da ich mir zu diesem Zeitpunkt noch sicher war, dass sie mich nicht vergessen würden. Für den Abend hatte ich ein paar Leute eingeladen und gegen 19 Uhr wurde ich dann doch nervös, da sich immer noch niemand gemeldet hatte und da auch das mir von Benny täglich per E-Mail zugeschickte “Türchen” meines virtuellen Adventskalenders bisher ausgeblieben war. Nun fing ich an, mir die unglaublichsten Dinge auszumalen. Mir kam es beinahe verdächtig vor, dass sich noch niemand gemeldet hatte und ich kam auf die Idee, dass das irgendeinen bestimmten Hintergrund haben könnte… vielleicht wollten sie mich überraschen und mich hier in Paris besuchen??? Das konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen, aber irgendwie wollte ich für diesen äußerst außergewöhnlichen Fall vorbereitet sein (denn generell kann man meinen Freunden derartige Aktionen durchaus zutrauen!). Daher flitzte ich noch schnell aus dem Haus in den gegenüberliegenden Supermarkt und erweiterte meinen Lebensmittelvorrat um einige Pizzen, Brot, Käse, Salat und zusätzliche Getränke. Irgendwie kam ich von diesem Gedanken nicht mehr los und ich malte mir aus, in welchen Personen-Konstellationen meine Freunde hier auftauchen könnten, wer wahrscheinlich nicht mitkommen könnte etc… einmal hatte ich sogar die Idee, dass Benny mit seiner Mutter kommen würde, wie gesagt, ich hatte die verrücktesten Gedanken. Wer mich kennt weiß, dass das bei mir auch keine Besonderheit ist, eher der Normalfall. Nun, natürlich kam kein “unerwarteter Besuch”, allerdings kam auch keine E-Mail, kein Anruf, keine SMS und in den nächsten zwei Tagen auch kein Brief (wobei man hier bzgl. der Adresse auch meinen Bruder hätte fragen müssen, der mir sagte, dass niemand ihn nach der Adresse gefragt hat). Bevor ich dann nach der Party ins Bett gefallen bin, habe ich noch beunruhigt im Internet nachgeschaut, ob irgendwo ein schwerer Unfall passiert ist oder ein germanwings-Flieger abgestürzt ist. Hier war ich dann zumindest beruhigt, dass sich nichts dergleichen ereignet hatte. Als ich dann am nächsten Tag von Benny das verspätete “Türchen 13” sowie “Türchen 14” erhielt und er mir auch eine kurze Mail geschrieben hatte, in der er meinen Geburtstag nicht erwähnte, wurde mir klar, dass dieser Tag schlichtweg vergessen worden war.

Und nun? Mir gingen in den vergangenen zwei Tagen 1000e Gedanken durch den Kopf und ich habe mich daher auch gefragt, was ich eigentlich von Freunden erwarte. Muss man ein gayromeo-Profil haben, damit die Freunde anhand der Änderung der Altersangabe erkennen, dass es “soweit” ist? Sicher nicht. Ein Geburtstag ansich bedeutet mir im Prinzip nicht viel, materielle Werte in Form von Geschenken schon gar nicht. Ich könnte auch ohne diesen Tag das Jahr sehr gut überstehen und würde dabei nichts vermissen. Dennoch ist es natürlich so, dass man weiß, dass an diesem Tag, der ja auch manchmal als “Ehrentag” bezeichnet wird, die Menschen besonders an einen denken und daher rechnet man auch damit, dass sich Freunde, Familienmitglieder, Arbeitskollegen und Bekannte auf irgendeine Art und Weise melden. Für mich persönlich ist es gerade in meiner momentanen Verfassung das schönste Geschenk zu sehen oder zu merken, dass Menschen, die mir nahe stehen, an mich denken. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, so erinnere ich mich, dass mein Geburtstag immer ein ganz besonderes Ereignis war. Obwohl mein Bruder drei Jahre später am selben Tag zur Welt kam und wir uns daher oft “größere” Geschenke, wie eine Lego-Ritterburg oder eine Stereo-Anlage teilen mussten, habe ich mich stets sehr darauf gefreut und mir oft sogar einen eigenen “Warte-Kalender” gebastelt, der mir die letzten Tage bis zum 13.12. das Warten erleichterte (zu meinem Bruder kann ich aus heutiger Sicht natürlich sagen, dass er das schönste Geburtstags-Geschenk ist, was meine Eltern mir jemals machen konnten – meinen 3. Geburtstag werden sie wohl daher nie übertreffen können). Heute hat der Geburtstag viel von seinem Zauber verloren und an dieser Stelle muss ich mich Bennys Kritik aus seinem Beitrag “Erwachte Prinzessinnen oder wie Dickens uns die Weihnacht versaut” anschließen, denn auch dieser Tag wird in der heutigen Zeit zumindest für einen erwachsenen Menschen oft zu einem “übermaterialisierten” und stressigen Tag, an dem man nicht dazu kommt, zu sich selbst zu finden und sich selbst wirklich wertschätzend zu behandeln. In einer eher “depressiv angehauchten Phase” am gestrigen Tage begegnete mir ein Musiktitel, der mit den folgenden Zeilen begann:

Wenn dich alles verlassen hat, kommt das Alleinsein.
Wenn du alles verlassen hast, kommt die Einsamkeit.

Ich überlegte daraufhin, mit welchem dieser beiden Übel ich mich nun in Zukunft herumschlagen muss: Mit dem “Alleinsein” oder mit der “Einsamkeit”? Ziemlich schnell kam ich aber zu dem Entschluss, dass mich keines von beiden quälen wird, tatsächlich möglich wäre nämlich nur die “Einsamkeit” und in diesem Fall wäre ich es selbst schuld, folgt man dem Inhalt der o. g. Zeilen. Meine Freunde würden mich nicht verlassen und warum sollte ich etwas dergleichen tun? Weil mein Geburtstag vergessen wurde? Unsinn. Im Prinzip ist es eine Kleinigkeit, auch wenn es an dem Tag selber schmerzt. Zu Toleranz und Respekt gehört auch die Fähigkeit zu verzeihen und nicht wegen irgendwelchen eigentlich unwichtigen Dingen nachtragend zu sein.

Dennoch können Respekt, Toleranz und die Fähigkeit, Fehler zu verzeihen, ja nicht alles sein, was uns zu einem Kreis macht, der von Bennys Mutter zutreffend und witzig als “Humanität Im Verbund” bezeichnet wird. Da muss noch mehr sein, ein noch wichtigeres Band, welches uns alle verbindet. Und hier komme ich dann zu dem Entschluss, dass wir doch nicht so unterschiedlich sind, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Eine sehr gute Freundin von mir hat einmal zu mir gesagt, dass jeder sein “Päckchen zu tragen” habe und damit hat sie verdammt recht. Was uns vor allem verbindet ist die Tatsache, dass jeder das “Päckchen” des anderen kennt und in der Lage ist, zu bemerken, wann dieses “Päckchen” vielleicht zu schwer für den Einzelnen wird, wann also eingegriffen werden muss. Ein Päckchen kann eine kleine oder eine längere Strecke auf dem Lebensweg von zwei oder mehr Personen getragen werden oder man kann eine Pause einlegen – eine Pause, in der ein anderer dein Päckchen so lange festhält, bis du wieder zu Kräften gekommen bist und wieder selbst übernehmen kannst. Ich behaupte, dass manche von uns den Inhalt ihres Päckchens nicht so genau kennen (das ist auch nicht verwunderlich, denn am Hinterkopf hat man gewöhnlich keine Augen und was man auf dem Rücken trägt, kann man daher schlecht fortwährend betrachten). Es ist aber nicht schlimm, wenn man den Inhalt seines eigenen Päckchens nicht genau kennt, denn es reicht vollkommen aus, wenn die Freunde wissen, was drin ist.

Als ich das letzte Mal in Köln war, habe ich einen Menschen kennengelernt, der mich auf eine gewisse Art und Weise verzaubert hat. Als er mir von seiner momentanen Situation erzählte, beschrieb er sein Leben als Baustelle. Eigentlich ist jedes Leben eine dauernde Baustelle, mal wird mehr gebaut und mal weniger. Aber eine solche Baustelle kann zu keiner Zeit etwas Negatives sein. Wo gebaut wird, entsteht etwas Neues. Freunde können helfen, damit das Bauwerk schneller fertig wird, oder man baut einzelne Teile lieber alleine, das ist ganz normal. Eine Freundschaft macht es aber aus, dass Menschen wissen, welche Schwächen der Baumeister hat und wo sie diesem mit Rat und Tat zur Seite stehen können. Wer ein Haus mit einer porösen Wand baut, ist nicht ausreichend gegen Angriffe von außen geschützt und wer in sein Haus trübe Fenster einsetzt, kann nicht sehen, was draußen passiert. Freunde helfen einem auf der Baustelle und ich glaube für mich, dass mein Haus wunderschön werden kann.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auch an Bennys Beitrag “Immer wenn ein Glöckchen klingelt, bekommt ein Engel seine Flügel” anknüpfen. Hier beschreibt Ben den Inhalt eines Filmes, in dem ein Mann, der sich wünscht, nicht geboren worden zu sein, die Chance bekommt, zu sehen, wie “sein” Leben ohne seine Existenz ausgesehen hätte. Übertrage ich nun diesen Gedanken auf uns, so wird klar, dass es unmöglich ist, einen Einzelnen aus unserer Gruppe hinwegzudenken. Jeder hat auf seine Art und Weise zu dieser besonderen Freundschaft beigetragen und erst die isolierten Verursachungsbeiträge des Einzelnen haben uns in dieser Konstellation zusammengeführt, in der wir uns heute befinden. Jede Handlung, jede gemeinsame Unternehmung oder Unterhaltung, jede Diskussion und sogar jeder Streit führte zu dem, was wir heute sind. Jeder hat seine eigene Rolle, wenn auch nie ganz klar ist, welche Rolle das genau ist. Es ist auch unwichtig.

Es ist seltsam, welche Gedanken mich im Moment beschäftigen. Ich habe das Gefühl, noch nie in meinem Leben so in mich gekehrt gewesen zu sein und so ruhig und klar und befreiend über einzelne Dinge nachgedacht zu haben. Paradox eigentlich, da ich mich im Moment in einer Phase befinde, in der auch auf meiner Baustelle besonders viel gebaut wird: Ich bereite mich auf die Examensprüfungen meines Studiums in Deutschland vor, lerne nebenbei für meine Prüfungen hier in Frankreich, kann manchmal nachts nicht einschlafen, da mir meine drei Geschwister Sorgen machen und uns vielleicht in den nächsten Wochen ein Umzug bevorsteht, schlage mich mit meinem Gewerbe, dem Finanzamt und meiner Steuerberaterin herum und muss nebenbei für drei Personen finanziell wirtschaften, was mich zugegeben manchmal maßlos überfordert. Neben meinem momentanen Aufenthaltsort, der auf mich aufgrund zahlreicher für mich neuer Dinge, wunderschönen Parks und vielfältigen Mentalitäten auf eine mir bisher unbekannte Art und Weise inspiriert, trägt auch Bennys virtueller Adventskalender maßgeblich zu meiner momentanen emotionalen Situation bei; jedes Zitat regt mich zum Nachdenken an und erlaubt mir, bekannte Sachverhalte mit neuen Gedanken oder aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich fühle mich gedanklich frei und das ist ein Gefühl, was mir in den vergangenen Jahren fremd geworden ist. Ich kann mich zum Beispiel nicht daran erinnern, jemals das Bedürfnis gehabt zu haben, meine Gedanken oder Gefühle bezüglich eines bestimmten Menschen in Form eines Gedichtes niederzuschreiben. Ein Gedicht zu schreiben liegt mir normalerweise ebenso fern wie die Idee, dass ich mich irgendwann in meinem Leben einmal als Spieler auf einem Fußballplatz wiederfinden könnte. Nun habe ich gleich zwei geschrieben, beide für den Menschen, den ich seit meinem letzten Köln-Aufenthalt nicht mehr vergessen kann. Ich habe keine Ambitionen, mit diesen Gedichten irgendetwas zu erreichen, diesen Menschen zu beeindrucken oder gar zu “erobern”, im Gegenteil. Ich habe akzeptiert, dass ich nicht das bekommen werde, was ich mir im Moment vielleicht wünschen könnte; dennoch finde ich, dass es etwas ganz Besonderes ist, wenn ein Mensch ein Gedicht nur für einen anderen schreibt. Es ist ausschließlich persönlich und hat keinen anderen Bezug als den, den es haben soll. Es ist ein Geschenk, ganz egal mit welchem Motiv oder mit welcher Intention. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, beide Gedichte an dieser Stelle einzufügen:

Warten

Ich schaue aus dem Fenster – es ist Herbst;
die Blätter an dem Baum vor unserem Haus sind bunt, aber noch zahlreich vorhanden.

Ich warte.

Ich lese, recherchiere und subsumiere,

ich warte.

Ich lausche den Klängen von Schiller,

ich warte.

Ich trainiere, gehe spazieren und einkaufen,

ich warte.

Ich schaue in mein E-Mail-Postfach,

ich warte.

Ich rede, höre zu und gebe Rat,

ich warte.

Ich gehe schlafen, träume und erwache,

ich warte.

Ich gebe der Katze Futter, streichele sie und muss niesen,

ich warte.

Ich denke nach, erkenne und weine,

ich warte.

Ich schaue aus dem Fenster – es ist Herbst;
der Baum vor unserem Haus trägt nur noch wenige Blätter. Bald ist Winter.

Und ich warte.

für S., 6.12.2005

Einst lauschte ich einem leisen Lied,
sanfte Töne, geheimnisvoll und doch vertraut –
ich versuchte, mich an die Melodie zu erinnern,
aber ich war zu weit entfernt.
Eines Tages hatte ich diese Klänge wieder vergessen.

Einst kostete ich von einer Speise,
süß und vollmundig, ein wahrer Genuss –
ich versuchte, dieses Rezept nachzuahmen,
aber die Zutaten waren mir fremd.
Eines Tages hatte ich diesen Geschmack wieder vergessen.

Einst streifte mich eine sanfte Brise,
warm und weich, eine Wohltat für meine Haut –
ich suchte den Ort, an dem ein solcher Wind weht,
aber ich konnte ihn nicht finden.
Eines Tages hatte ich diesen Wind wieder vergessen.

Einst erblickte ich einen Schmetterling,
bunt und leuchtend tanzte er anmutig durch die Luft –
ich versuchte, ihn einzufangen um ihn zu behalten,
aber es misslang, zu schnell war er wieder verschwunden.
Eines Tages hatte ich seinen Anblick wieder vergessen.

Einst ersuchte mich ein komisches Gefühl,
eine Mischung aus Wärme, Nähe, Neugier und Lust –
Ich versuchte, dieses Gefühl weiter zu ergründen,
aber bisher ward mir keine Möglichkeiten gegeben.
Und doch kann ich dieses Gefühl nicht vergessen!

für S., 14.12.2005

Meine Gedanken, die durch meine momentane Situation, durch die bewegenden literarischen Beiträge von Benny und seiner Mutter und durch die Ereignisse in den letzten Tagen und Wochen geprägt wurden, führen mich letztendlich zu dem Schluss, dass ich mich den Worten von Bennys Mutter uneingeschränkt anschließen kann: Ich liebe meine Freunde und was kann diese Liebe besser ausdrücken als die schlichte aber bedeutungsvolle und wahre Aussage: “DANKE, dass es euch gibt!” Mit Sicherheit wird es in naher Zukunft wieder einige Dinge geben wird, die Einzelnen von uns Schwierigkeiten bereiten werden, aber ich habe davor keine Angst. Im Grunde wird sich nämlich nichts an unserer Situation ändern.

Denjenigen von euch, die ich zwischen meiner Rückkehr aus Paris und den Feiertagen – gleich aus welchen Gründen – nicht mehr sehen werde, wünsche ich ein wunderschönes und besinnliches Weihnachtsfest!

Gleiches wünsche ich natürlich auch Bennys Mutter, mit der ich oftmals nur “mittelbar” kommuniziere, was aber im Prinzip keinen Unterschied macht, denn wie sie meiner Meinung nach ganz richtig erkannt hat: Es gibt keine Entfernung für die Strömungen von Mensch zu Mensch! Für Barbara Streisand habe ich leider absolut überhaupt nichts übrig, allerdings spielt das auch gar keine Rolle. Wie wir uns berühren lassen, ist vollkommen gleichgültig; wichtig ist nur, dass wir es überhaupt zulassen.

Alles Liebe,

Chris

Fest der Liebe

(Gastbeitrag meiner Mutter)

Es gibt in meinem Leben ein paar Dinge, die mir heilig sind. Dazu gehört der Sonntagmorgen! Bei Zeiten aufstehen, alleine am Küchentisch sitzen und grünen Tee trinken, während ich in den nun winterlichen Garten blicke. Anschließend eine CD einlegen und zu guter Musik den großen Korb Wäsche bügeln. Ja, Wäsche bügeln kann dann zur meditativen Tätigkeit werden und die Gedanken kommen zur Ruhe.

Am 2. Adventsonntag lief meine z. Zt. liebste CD: „Higher Ground“ von Barbara Streisand.

Ist euch schon mal aufgefallen, dass es eine CD mit unglaublich spirituellen Texten ist?

Stets habe ich das Gefühl, die Essenz oder göttliche Präsenz selbst möchte uns durch die Stimme von Barbara Streisand erreichen und bin immer wieder aufs Neue von „Lessons to be learned“ und „Everything must change“ berührt.

Und genau dabei kam mir der Gedanke, euch Allen, die ihr Wegbegleiter von Benny seid, auf dieser Seite Danke zu sagen. DANKE, dass es auch gibt!

Ben lässt mich sehr viel an seinem Leben teilhaben und ließt mir jede Kolumne sofort nach „Erscheinen“ vor und anschließend auch eure Reaktionen darauf. Und so kenne ich euch von Benjamins Erzählen, einige auch persönlich und immer habe ich das sichere Gefühl, dass auf dieser Seite eine tiefe Verbindung von besonderen Menschen entstanden ist. Mich begeistert die Ehrlichkeit, mit der ihr untereinander kommuniziert und die Freundschaft, die ich immer wieder spüren kann. Ihr alle habt dazu beigetragen, dass der feste Begriff HIV eine ganz neue Bedeutung bekommen hat: H-umanität I-m V-erbund.

Es tut mir als Mutter gut zu wissen, dass Benny nicht allein gelassen wird mit all seinen Sorgen, Nöten und Freuden. Ich hoffe, dass ihr alle weiterhin das Internet nutzt um euch auszutauschen, auszuweinen und herumzublödeln. Denn für Strömungen von Mensch zu Mensch gibt es keine Entfernung und die von Herzen ausgedrückten Worte erreichen auch durch die Tastatur des Computers die Seele dessen, der sie liest.

Um den Bogen zur CD zu schlagen, auch die Seele dessen, der die Musik hört. Gute klassische Musik komponiert von Bach, Beethoven, Mozart und Co. bringen etwas von uns in Schwingung, etwas berührt uns tief im Innern und unsere Stimmung wird beeinflusst. Für mich sind alle Arten von Musik Ausdruck durch die jeweilige Person gefiltert, die sie uns zu Gehör bringt. Wenn Benjamin in der vorletzten Kolumne von John Lennons „Imagine“ schreibt, so wissen wir alle, dass Lennon eine Vision von Frieden in sich trug. Wenn Udo Jürgens vom „ehrenwerten Haus“ singt, so appelliert er auch an unsere Toleranz und selbst Eminems „motherfucking Songs“ lassen uns spüren, welche Wut in ihm brodelt und selbige kann auch manchmal in uns Resonanz finden.

Alles, was uns im Außen berührt – egal ob positiv oder negativ – es gehört zu uns. Jedoch sehr oft in verdrängtem Zustand. Wir wollen nicht gerne zugeben, dass auch wir Wut auf unsere Mütter haben, dass wir über die Nachbarn tratschen oder manchmal etwas in die Luft jagen könnten. „Da“ wird gewaltig verdrängt, was trotzdem da ist. Eine für mich gute Lösung ist das drauf zu gehen bzw. kennen lernen von „Fremdem“, egal ob es ein Gespräch mit Punks ist, das mir viele Einblicke in ihre Denkensart gibt oder mal Karneval in der Brennerei zu feiern (natürlich im Outfit einer frommen Eifeljungfer), die heilige Messe in einem Kloster zu besuchen oder den Worten von Osho während eines Satsangs zu lauschen. Da prallen Welten aufeinander und können sich annähern.

Wir sind alle miteinander vernetzt, warum also krampfhaft ausgrenzen? Ich selbst erlaube mir mit zunehmendem Alter immer mehr „verrückte“ Dinge zu tun um dem Leben mehr Farbe zu verleihen und genieße diese Momente dann als etwas sehr Kostbares. Was steht im Wörterbuch unter „gay“?: Nicht nur schwul, sondern auch lustig, vergnügt, lebenslustig und bunt. Somit trifft ein Großteil der Bedeutung gay auch auf mich zu.

Ich wünsche euch allen jedenfalls ein schönes Weihnachtsfest – Wo auch immer, Wie auch immer und vor allem Wann auch immer ihr es feiert. Für mich ist das „Fest der Liebe“ in jedem Augenblick möglich und nicht an ein kalendarisches Datum gebunden. Fragt mal Chris, der mit Benny und mir am Pfingstsamstagnachmittag dieses Jahres im Dimenti Weihnachtsgeschenke auspackte (Hallo Chris, dir an dieser Stelle eine Extra-Umarmung).

Hier ein Tipp für eine besinnliche Stunde: Kerze anzünden, Tee mit oder ohne Rum eingießen, aufs Sofa kuscheln und den Texten von Barbara Streisand lauschen. Ich erkläre den Dritten Song (At the same time) dieser CD für mein persönliches Weihnachtslied 2005, kommt doch darin die Textzeile vor: The time has come to be a family.

Gott versteckt sich nicht nur zwischen Kirchenbänken sondern ist in jedem einzelnen Menschen zuhause und tritt durch dessen Einzigartigkeit in Erscheinung in millionenfacher Verpackung und zwar in ALLEN Menschen: Ob mit Tiara oder nackt und schwarz unter Afrikas Sonne, ob in Lack und Leder oder als Astronautin im Weltall, ob sie nun Dennis, Sascha, Wolfgang, Kathrin, Thorsten, Thomas, Chris, Nina, Benjamin, Daniel, René heißen oder DEINEN Namen tragen. Und genau das verbindet uns alle miteinander.

Wem der Text zu esoterisch abgehoben erscheint, der schaue doch einmal bei der Physik nach. Das holistische Weltbild besagt, dass das Universum ein dynamisches Gewebe ist und es so was wie einen Teil nicht wirklich gibt. Wenn in jedem Teil das Ganze enthalten ist und das Ganze (Gott, Buddha, Essenz, Allgegenwärtigkeit, Präsenz) aus dem Teil rekonstruiert werden kann, dann sind wir wohl alle miteinander verbunden und gleichsam Schöpfer unserer Erfahrungen. Die Kirche mit ihrem uns Glauben machen wollenden Theorien von Gut und Böse und einem richtenden Gott im Himmel ist für mich etwas Überholtes. Also mag es zwar Menschen (physikalisch gesehen Ereignisse oder materiell betrachtete Verdichtungen) geben, die Homosexualität intensiver spüren und ihr auch Ausdruck geben, aber für mich ist sie überall enthalten, in Allem. (Und nun, Herr Ratzinger?)

Es lohnt sich tatsächlich, über Einsteins Relativitätstheorie, Rupert Sheldrakes schöpferisches Universum, J. S. Bells Theorem nachzudenken und sich mit den Gedanken der Ganzheit zu befassen!

Eine subluminale Umarmung full of Jesus-Christ-energy und alles Gute für den aus linearer Sichtweise anschließend folgenden Jahreswechsel! Auf gut Deutsch: Gesegnete Weihnachten und ein frohes, neues Jahr.

Sibylle

P.S.: Zur Erklärung für alle, die mich nicht kennen: Ich bin ganzheitlich praktizierende Heilpraktikerin, unter dem Stern des Wassermanns geboren und oft von meinem queer- (seltsam, sonderbar!) denkendem Sohn Benjamin inspiriert. Das erklärt wohl Vieles.

Erwachte Prinzessinen oder wie Dickens uns die Weihnacht versaut

Hatte gestern einen Anflug von vorweihnachtlicher Wehmut. Einerseits gibt es kaum Schlimmeres andererseits hat diese Stimmung auch Schönes. Doch zu einem Schluss bin ich gekommen. Das 19. Jahrhundert und insbesondere die Romantik hat uns, die wir uns die Erben dieser Epoche nennen können, das Leben ganz schön versaut. Nicht, dass ich nicht auch bisweilen gerne ein romantischer Träumer bin, jedoch wird mir das gerade in der Weihnachtszeit ganz deutlich bewusst.

Wenn ich an Weihnachten denke, dann entstehen vor meinem geistigen Auge eichendorff’sche Landschaften und dickens’sche Städte, verschneite Tannenwaldlichtungen, Eisblumen auf Domfenstern, aromatisch duftende, wohlgewärmte Stuben, ein Hauch von Seeligkeit in der Luft und sonstige archetypische Vorstellungen. Doch wenn ich dann auf die Weihnachtsfeste zurückblicke, die ich bisher erlebt habe, so muss ich feststellen, so schön diese auch waren, wurden sie dem dennoch nicht gerecht. Sie waren einfach zu…. zu…. weltlich, zu real, zu greifbar.

Auch andere Kulissen wie Liebe, Zärtlichkeit, Frühlingserwachen, Sommerabenteuer und was es sonst noch gibt, alles wird durch die Realität gewisser Maßen verklärt. Nichts ist so schön, wie man es sich denken kann. In solchen Momenten empfinde ich meine Phantasie als Geißel, da sie mein wirkliches Dasein in gewisser Weise stumpf erscheinen lässt und sich die Erwartungen, die man an die Empfindung von etwas stellt, nicht erfüllen und dann spiele ich in Gedanken durch, ob es nicht vielleicht besser sei, wenn man keine Phantasie hätte, es die Romantik nicht gegeben hätte, man als Kind keine Märchen erzählt bekommen und nie etwas von Prinzen, Einhörnern und Elfen gehört hätte.

Denn so gesehen ist das Gefühl während der Vorstellung immer wesentlich erfüllender als das Gefühl während des Erlebens. Jeder wird sich daran erinnern, dass der Nikolaus, als man noch an ihn glaubte nur dann wirklich interessant und ergreifend war, wenn er eben nicht da war. Stand er dann vor einem, ganz egal wie gut er inszeniert war, war es doch ein alter Mann in einem roten Gewand wie so viele andere. Kaum hatte er jedoch den Raum verlassen kam eben das Bild des Nikolaus wieder und er war wieder etwas Besonderes.

Was hat sich unser Schöpfer dabei gedacht? Warum schlägt er uns dieses Schnippchen des Denkens? Warum sind wir in der Lage uns etwas schöner vorzustellen als es ist? Ist dies nicht paradox, dass wir Dinge denken können, die wir nie erfahren haben? Gleich den platonischen Ideen schwebt uns etwas Perfektes vor, obwohl es dies weder gibt noch geben kann. Und dieser Mechanismus ist dann nicht nur auf die sinnliche Wahrnehmung begrenzt sonder weitet sich auf die Emotionen aus. Und somit schaffen uns die Szenarien, die uns eigentlich aus der Tristigkeit des Lebens herausreißen sollen, die prächtigsten Depressionen, da uns bewusst wird, dass sie nicht mehr sind als Seifenblasen, deren Glanz und Schimmer mit dem In-Kontakt-Kommen zerplatzt. Pitsch! Und man ärgert sich über die kleinen Tropfen auf der Brille, die man jetzt schon wieder sauber machen kann.

Und dennoch tun wir uns diese Enttäuschung immer und immer wieder an. Sei es im Kino, in der Literatur oder im Disneypark. Immer auf der Spur der Träume. Immer wieder wollen wir mit Alice durch den Spiegel hindurch ins Wunderland springen und immer wieder knallen wir mit der Stirn gegen die kalte Oberfläche, gehen zurück, nehmen erneut Anlauf und… Klonk! Ganz wie ein dummes Kind, das immer wieder auf die rote Herdplatte fasst, nur weil es nicht wahrhaben will, dass diese wirklich immer heiß ist. Immer mit dem tröstenden Gedanken: Beim nächsten mal klappt’s. Und das Einzige, was uns erfreut ist der Schmerz, wenn er nachlässt.

Welch großes Geheimnis der Welt sich doch darin widerspiegelt. Unser Verstand ist einerseits so genial, dass er durch kreative Energie der Phantasie Flügel verleiht und Unmögliches wahr werden lässt und im krassen Gegensatz dazu auf gut Deutsch zu bescheuert, zu realisieren, dass es eben nie so sein kann.

Doch genau diese Differenz, dieses kleine Stückchen unerfüllter Erwartung ist unser Antriebsmotor. Das Super-bleifrei des menschlichen Geistes. Der Grund weiterzumachen. Eben die Hoffnung.

Ohne diese würde kein Arzt auf dieser Welt jemals wieder sagen: „Der Nächste, bitte“, wenn er nicht dieses Fünkchen in sich tragen würde, welches ihm einflüstert: „Eines Tages schaffst du es einen Menschen vor dem Tod zu retten und diesen ganz aufzuheben.“ Wie die Möhre vor des Esels Antlitz am Stock so schweben auch unsere hausgemachten Täuschungen vor uns. Wir laufen ihnen nach und sind ihnen ganz nahe, können sie jedoch nie erreichen, doch würden wir dies in letzter Konsequenz begreifen, so blieben wir mangels Motivation stehen und wären selbst so überflüssig wie ein Kropf. Demnach ist also eben nur der Mensch der strebt, der, der lebt.

Somit schwelge ich jetzt in weihnachtlicher Vorfreude wissend, dass es garantiert nicht so romantisch wird wie ich es mir jetzt vorstelle. Aber wie heißt es so schön? Vorfreude ist die schönste Freude.