Selbstverständlich schwul

Am vergangenen Sonntag habe ich mir den letzten Kulturschock in diesem Jahr angeschaut und dieser war traditionell der „Klassik-Schock“, was soviel heißt, dass dort nur Wort- und Livegesangsbeiträge aufgeführt werden. In den letzten Jahren ist dort dann eine weitere Tradition entstanden, da ein betagter Stammzuschauer jedes Jahr seine selbstgeschriebenen Gedichte und Texte verliest. So auch in diesem Jahr, in dem er in einem ersten Text seine Gedanken zur Ernennung zum Austragungsort der GayGames 2010 in Köln zum Ausdruck brachte. In seinem Text sprach er davon, dass es ihn sehr freue, dass Köln dann der ganzen Welt zeigen könne, was Toleranz und Offenheit bedeutet. Dies hat mich zutiefst berührt.

Zwei Reihen vor mir, saß ein junger Schwuler, den ich auch flüchtig kenne und bei dem ich mir nicht sicher war, ob er in diesem Moment ähnliches empfand, was mich auf den Gedanken für diese Kolumne brachte.

Die Worte Helmuts haben mich nämlich nicht nur aufgrund ihres Inhalts berührt, sondern gerade deshalb, weil für ihn, der ja doch einige Jahrzehnte älter ist als ich, „Schwulsein“ ganz anders konnotiert ist.

Was ist denn heutzutage noch dabei schwul zu sein? Wenn man es nicht gerade auf dem Land ist, wo es sicherlich noch sehr viele damit einhergehende Probleme gibt, ist es doch heute überhaupt kein Problem mehr zu sagen: Ich bin schwul (und das ist auch gut so). Denken wir uns doch einfach einmal wenige Jahrzehnte zurück: Kneipen mit Schmuddelambiente in zwielichtigen Vierteln, anonyme Treffpunkte, offene Gewalt gegen Schwule, Lesben und Transgender, Razzien in Lokalitäten, das Gefühl politisch in keiner Weise wahrgenommen zu werden, Doppelleben, Selbstverleugnung, psychische Probleme aufgrund der eigenen Empfindungen, ein schlechtes Gewissen bis hin zum Suizid. Alles gehörte damals zum Themenkomplex „Schwulsein“ dazu. Und was ist davon heute noch geblieben? Allerhöchstens, die schnelle unverbindliche Nummer im Darkroom oder in einer Cruising-Area.

Heute ist Schwulsein doch schon hip – nicht die Homosexualität wohlgemerkt. Es gibt Modeschwule, Glamourtucken, Puscheltrinen, Lackschwestern, Lederkerle, alles was das Herz begehrt und dank Serien wie „Queer Eye fort the Straight Guy“ und dem Zauberwörtchen „metrosexuell“ fangen selbst die Heten jetzt an, sich gegenseitig im Schwulsein zu übertreffen. Jeder hat ein Coming-out in welcher Form auch immer und das ganze wird nur noch dadurch getoppt, dass sich langjährige Schwule, die außer der besten Freundin über Jahre keine Frau auch nur wahrgenommen haben, auf einmal „bi“ sind, nur weil „bi“ gerade in ist.

Ist ja auch nichts gegen einzuwenden, denn schließlich ist das ja genau das Farbenspiel, welches unter einen Regenbogen gehört. Jedoch denke ich, dass es sich heute in den meisten Fällen bei solchen „Selbstinszenierungen“ lediglich um mit Luft gefüllten, aufgebauschten Baisers handelt. Nicht der Dunst des Anscheins eines Schimmers von Selbstreflexion. Und wenn man mal die jungen Schwulen fragt, was Stonewall für sie bedeutet, dann darf man sich nicht wundern, wenn man zur Antwort bekommt, dass sie mit alten Steinkreisen nichts zu tun haben.

Ich bin froh, dass wir heute da sind, wo wir sind, jedoch denke ich, dass der schwulen Community oder besser gesagt dem jüngeren Teil von ihr ganz wie der Jugend im Allgemeinen das Geschichtsverständnis fehlt. Und dies sollte doch gerade als Minderheit von Interesse sein, da man dadurch auch einen Großteil der eigenen Identität erkennt. Bei den Afro-Amerikanern ist dies zum Beispiel ander, denn dort kennt jeder die Martin Luther King – Rede und der historische Kampf wird immer wieder in Songtexten oder ähnlichem thematisiert.

Und so lange ist das mit der Selbstverständlichkeit noch gar nicht her, wenn man bedenkt, dass „Homosexualität“ erst seit dem Abschließen der 10. Auflage der „International Classification of Diseases and Related Health Problems“ der Weltgesundheitsorganisation im Jahre 1992 und der zweiten Auflage des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ der American Psychiatric Association im Jahre 1974 nicht mehr als psyschiche Erkrankung geführt wird.

Um so bewegender ist es dann, jemandem zuzuhören und seinen Gedanken zu Lauschen, der auch die dunklen Tage des Schwulseins mitbekommen hat. Der sich zeitlebens auch dafür stark machen musste, so sein zu dürfen, wie er ist und deswegen noch ein ganz anderes Verständnis von der gesellschaftlichen Situation hat wissend zu was emanzipatorischer Aktivismus fähig ist und der genau deshalb heute Tränen in den Augen hat, wenn er sieht, dass wir zwar noch nicht völlig gleichberechtigt sind, jedoch heute in einem Paradies leben verglichen zu seiner eigenen Ausgangssituation.

Somit kann ich nur sagen, dass ich auch hier nur dazu raten kann, sich mit älteren Menschen auch einmal auseinander zu setzen und ihnen einfach zuzuhören, nicht nur in dem oben beschriebenen Kontext, sondern generell. Denn nur, wenn man sich der Vergangenheit bewusst ist, kann man die Gegenwart wertschätzen und beurteilen und eventuell die Zukunft nachhaltig gestalten.

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