Das viel zu kleine Stück des Himmels

Gestern bin ich auf eine CD in meinem Regal gestoßen, die ich lange nicht mehr gehört habe und die meine derzeitige Lage sehr gut beschreibt – der Soundtrack des Films „Yentl“ mit Barbra Streisand.

Egal wie man nun zu Barbra Streisand steht, denn mir ist natürlich bewußt, dass sie einer der beiden schwulen Ikonenpole ist, denn schließlich habe auch ich schon einmal eine S/M-Beziehung geführt, wie Armistead Maupin sie in den „Tales of the City“ beschreibt (für alle, die es nicht gelesen haben: eine S/M-Beziehung ist, wenn einer der Partner Streisand mag, der andere jedoch lieber Bette Midler mag und es somit immer wieder zu Ärger vor der Stereoanloage kommt), so denke ich doch, dass diesen Film jeder einmal gesehen haben sollte, der mehr aus seinem Leben machen möchte, als man ihm zutraut.

Es wird die Geschichte eines jüdischen Mädchens erzählt, das im Osteuropa des beginnenden letzten Jahrhunderts gerne studieren möchte, dem dieses jedoch aufgrund des Geschlechtes verwehrt ist. Sie ist getrieben von dem faustischen Verlangen wissen zu wollen, „was die Welt im innersten zusammen hält“. Sie stellt sich ganz zu Beginn Fragen, die sie laut der sie umgebenden Gesellschaft nicht stellen sollte. Warum haben Vögel flügel, wenn nicht zum Fliegen? Warum haben wir den Geschmackssinn, wenn nicht zum Genuss von Wein? Und warum haben wir warum wir einen Geist haben, wenn nicht zum nachdenken und hinterfragen? „And tell me please, why have a mind if not to question why?“

Also macht sie sich auf, denn sie will ihren “share of ev’ry sweet imagined possibility”, weshalb sie sich als Junge verkleidet und sich aufmacht um in einer Yeshiva in Bechev zu studieren, wo sie auf Avigdor trifft, in den sie sich verliebt, der jedoch Hadass liebt und heiraten möchte. Wiederum durch verstockte Normen einer rückständigen Gesellschaft kommt es nicht zu der Ehe, die daraufhin zwischen Yentl und Haddas geschlossen wird und so lange hält, bis Yentl ihr Geheimnis preisgibt und diesem Leben der Verwirrungen entflieht und ihre Reise fortsetzt „to a plave where she hears things are different.“

Dieser Film zeigt genau und dies auch jenseits des symbolischen Cross-Dressings, wie man sich fühlt, wenn man ein Verlangen hat, etwas zu ändern. Wenn einem die Welt, so wie sie einem präsentiert wird nicht mehr ausreicht und man nicht einsieht, warum man nun gerade dies tun und jenes lassen soll, nur weil alle es so tun und es schon immer so getan haben. Denn genau dies ist es, was uns doch immer wieder davon abhält, etwas zu verändern. Gepolt von den Konventionen unserer Gesellschaft trauen wir uns nicht, neue Wege zu beschreiten, Mut zu zeigen und ungewöhnliche Dinge zu tun. Man sagt uns, es sei gefährlich, falsch, verrückt oder nicht richtig und schon geben wir auf und lassen unsere Möglichkeiten, die wir uns so süß vorgestellt haben brach liegen und verharren im gewohnten Trott.

Laut allen physikalischen Gesetzen der Aerodynamik ist eine Hummel nicht in der Lage zu fliegen. Wäre sie ein Mensch und wüßte dies, so würde sie es wahrscheinlich gar nicht erst versuchen, da sie ja ganz sicher wüßte, dass sie dazu nicht in der Lage ist, doch eben weil sie nicht darüber nachdenkt, fliegt sie. Ohne wenn und aber – einfach so.

Im Film wird jedoch auch die andere Möglichkeit gezeigt, in Form von Haddas, die ganz brav in dem ihr vorgeschriebenen Leben lebt, immer artig am Herd steht und einfach ihre Pflicht erfüllt, getreu dem Motto: „Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab.“ Dafür wird sie in gewisser Hinsicht auch von Yentl beneidet, denn sie hat dadurch auch keine Sorgen, kann sich sicher und geborgen fühlen und empfindet nicht diese Angst und die zermarternden Schmerzen des Selbstzweifels, wenn man auf dem unbetretenen Weg stehen bleibt und sich weder sicher ist, wo man sich gerade befindet oder wo und wie es weitergehen soll, keiner einem sagen kann, wie man sich nun verhalten soll.

Wer sein Leben verändert und neue Wege einschlägt ist meist allein – niemand um ihn herum, der diesen Weg mitgegangen ist. Verwirrung, das Gefühl verloren zu sein – zwischen Zeit und Raum treibend, ohne Halt, ohne Orientierung, ohne Sicherheit und zudem das Gefühl, immer weiter vom eigentlichen Ziel wegzukommen, je weiter man geht. Jeder, der sich einmal in einer größeren Stadt verlaufen hat, kennt dieses Gefühl. Wenn man an jeder Ecke denkt, man sei hier schon mal gewesen und irgendwann alle Ecken gleich aussehen, die Anhaltspunkt nicht mehr auffindbar sind und man immer mehr den Eindruck bekommt, hinter der nächsten Biegung komme eher der Nordpol als ein Punkt an dem man sich orientiern könne.

Und das alles nur, weil man nicht genug bekommen konnte. Man fühlt sich gestraft für die Unvernunft und denkt sich: „Hättest du doch besser auf die Anderen gehört und wärst zuhause geblieben.“ Aber man wollte ja „Hänschen Klein“ spielen und dachte man könne mit Stock und Hut bewaffnet, die Welt erkunden und jetzt sitzt man da, wie Yentl im Wald in der Finsternis und betet im Schein einer Kerze gen Himmel etwas Höheres an und bittet darum, dass man ein Zeichen bekommen solle.

Doch gerade das letzte Lied im Film macht Mut, denn es beschreibt einen solchen Weg vom Beginn an:

“It all began the day I found that from my window I could only see a piece of sky.”

Ja, so fängt’s meistens an. Man merkt, dass das, was man hat, nicht alles sein kann, dass es doch noch mehr geben muss.

“I stepped outside and looked around, I never dreamed it was so wide or even half as high.”

Ein Faszinosum, dass wohl jeden schon einmal erfasst hat – die Weite. Egal ob nun im Wildwestfilm oder beim Mitfiebern bei Star Trek es sind immer die „unendlichen Weiten“, die uns begeistern und nach Abenteuern rufen.

“The time had come to try my wings and even though it seemed at any moment I could fall, I felt the most amazing things, the things you can’t imagine if you’ve never flown at all.”

Fliegen, wer hat nicht als Kind davon geträumt. Einfach die Flügel ausbreiten und diese Welt verlassen. Doch eines Tages akzeptierte man dann, dass es dafür Maschinen gibt und begeisterte sich höchstens noch für die technische Seite und die Träume schwanden wie Sand in der Eieruhr. Doch spätestens, wenn man in einen Stau gerät, dann wünscht man es sich wieder: Einfach beschleunigen und abheben.

“Though it’s safer to stay on the ground, sometimes where danger lies there the sweetest of pleasures are found.”

Die Ängste, die uns hindern kämpft den ewigen Kampf mit dem Reiz des Verbotenen, denn dort wo Dornen sind, wird man auch Rosen finden und schon früher lagen die Süßigkeiten im Regal immer oben und man musste die Gefahr auf sich nehmen, sich bei einem Sturz zu verletzen, wenn man in ihren Genuss kommen wollte.

“[…] The more I live – the more I learn. The more I learn – the more I realize the less I know. Each step I take – each page I turn – each mile I travel only means the more I have to go.”

Die klassische Feststellung Sokrates: “Ich weiß, dass ich nichts weiß”. Und dies festzustellen ist nicht angenehm und auch Descartes zweifelte so lange bis er nur noch das Zweifeln als solches als gesichert ansah und sich aufgrund dessen seiner selbst sicher sein konnte. Es ist die grausame Tatsache, dass sich bei jeder Antwort, die wir erlangen, mindestens zwei neue Fragen stellen. Es verhält sich hier wohl wie bei der Relation der natürlichen Zahlen zu den irrealen Zahlen zwischen null und eins: Obwohl beide Mengen unendlich sind, so gibt es doch von Letzteren mehr, da sie nicht mehr abzählbar sind. Die Antworten des Lebens sind begrenzt unendlich, die Fragen jedoch unbegrenzt unendlich.

“What’s wrong with wanting more? If you can fly – then soar! With all there is – why settle for just a piece of sky?”

Die alles entscheidende Frage: Warum sich zufrieden geben? Warum nur das kleine Stück vom großen Glück nehmen und sich tatenlos in die Ecke setzen? Gibt es dafür einen Grund? Sollten wir nicht unsere Höhenangst überwinden und den Regenbogen überschreiten, damit auch wir den Topf voll Gold am anderen Ende unser Eigen nennen können? Gibt es irgendeinen Grund etwas nicht zu tun? Widersprechen sich hier nicht die Ratschläge, die wir in der Kindheit bekommen haben? Denn wie sagte meine Oma immer in Bezug auf’s Essen: „Man kann immer sagen, dass einem etwas nicht schmeckt, jedoch probieren muss man!“ Doch warum versteht es keiner, wenn man probiert, experimentiert und auf Dinge stößt, die nicht ins gewohnte Bild passen? Warum wird man für verrückt erklärt, als Ketzer verbrannt oder als Dummschwätzer in eine Schublade gesteckt? Oder warum tut man es sich zum Teil selber an und geht ganz wie die Wissenschaftler in Dürrenmatts „Die Physiker“ freiwillig in die Psychatrie um die Welt vor der gefundenen Erkenntnis zu schützen, wissend, dass man zuviel böses damit anrichten könne oder es zu große Konsequenzen hätte, würde man versuchen am guten, alten Weltbild zu rütteln?

Wäre Christopher Kolumbus nicht losgesegelt, wir würden heute noch Angst haben vom Rand zu purzeln. Doch er hat es getan und so sollte jeder, wenn er eine Chance sieht, so schwer zu erreichen sie auch aussieht, sie ergreifen und etwas daraus machen, auch wenn es sich vielleicht nur um etwas Kleines handelt, ein Denkmuster, eine Gewohnheit, einen Job, ein Partner, ein Wohnort oder was auch immer. Wenn man das Gefühl hat, dass es nicht mehr stimmt, nicht mehr reicht oder einfach nur dessen überdrüssig ist, dann sollte man die Arche des Neubeginns besteigen bevor die Sinnflut des Alltags über einen hereinbricht. Und dass nur aus einem einzigen Grund:

Denn sie dreht sich doch!

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