Cressipedia on Tour

Nach vielen Jahren war ich vor drei Wochen ein zweites Mal in der Stadt der Liebe: Paris.

Mal davon abgesehen, dass ich „nur“ mit meiner Mutter und einem sehr guten Freund die Straßen der Metropole durchstreifte und nicht a la Hollywood mit dem Mann meiner Träume, so denke ich kann es auf der Welt auch nichts unromantischeres geben, als mit mir durch diese Straßen zu laufen. „Wieso?“, wird sich jetzt der ein oder andere fragen, „ er ist doch jung, dynamisch, sieht gut aus, hat Sexappeal…“ (Man verzeihe mir die Aufzählung, sie klingt etwas sehr selbstverliebt, jedoch muss das so kurz vor dem Älterwerden mal sein… auch ich habe ein Ego *g*).

Naja, aber warum also ist es unromantisch, mit mir durch Paris zu laufen? Ganz einfach deshalb weil zum einen dort viel zu viele Zeugnisse europäischer Geschichte zu finden sind und ich andererseits deshalb meine Klappe nicht halten kann. Sprich, es wäre romantischer mit mir durch Peterswald-Löffelscheidt zu flanieren, weil die Wahrscheinlichkeit, dass dort mein „ich bin ein Nachschlagewerk auf zwei Füßen“ – Verhalten nicht den Nährboden findet, der nun mal in Paris vorhanden ist.

Nicht nur, dass ich jedesmal wieder etwas erzähle, sobald man an einer Jahreszahl vorbeikommt, eine Büste sieht oder ein bedeutendes Bauwerk passiert, zu dem ich was zu sagen weiß. Nein, schlimmer noch ist, wenn ich nichts zu sagen weiß und dann frage, mir die Fragen unter Umständen nicht beantwortet werden und ich dann sofort nach dem Erreichen der Wohnung wieder im Netz nachschauen muss.

Irgendwann fiel es mir dann schon selbst auf, was ja immer ein sehr gutes Zeichen ist, dass man etwas mit zu großem Eifer verfolgt, und daher wanderte ich dann still durch die Gassen und dachte mir meinen Teil, was jedoch in Paris auch nicht so einfach ist, da man mit dem Denken dann gar nicht mehr nachkommt. Man sieht links ein Straßenschild mit einem Namen, wobei hier angemerkt sei, dass ich die dortigen Schilder wesentlich besser finde, als die deutschen, da dort neben dem eigentlichen Straßennamen auch, wenn sie nach einer Person benannt ist, in den meisten Fällen die Lebensdaten sowie die Tätigkeit vermerkt sind, will gerade darüber nachdenken und sieht in diesem Moment rechter Hand wieder mal eine in Stein gemeißelte Jahreszahl, die einem recht bekannt vorkommt. Doch gerade Jahreszahlen sind in dieser Hinsicht um einiges tückischer. Denn nehmen wir einmal die Zahl 1815 – klar: Wiener Kongress. Doch auch bei 1814, 1813, 1812, 1811 oder 1816, 1817, 1818 oder 1819 denkt man dann jeweils: „Oh, 1,2,3 oder 4 Jahre vor bzw. nach dem Wiener Kongress“. Somit findet man zu wirklich jeder Zahl irgend ein Ereigniss, an das man dann denkt und man kommt ins Grübeln.

Und dann geht es los, denn man weiß ja nicht immer alles genau und muss manchmal in die Tiefsten Regionen des Schulgedächtnisses zurückschauen und es kommen Gedankengänge wie: „Das müsste doch so zwei Jahre vor „Haste-Nicht-Gesehen“ gewesen sein…. Obwohl, dass kommt nicht hin, da „18-Tubak“ ja „Schlag-mich-Tod“ noch gelebt hat… Also war’s dann doch „17-Frag-mich-nicht“ als „Komm-ich-nicht-drauf“ gerade „Weiß-Gott-was“ erfunden hat.

Aber jenseits dieses Dilemmas wurde ich auch sehr oft grüblerisch und auch die Gespräche, die wir in unserer kleinen, illustren Gruppe führten waren sehr reflektiv und tiefsinnig. Man kommt eben nicht umhin, die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen und spürt gewissermaßen den Geist der großen Denker. Wenn man sensibel ist, kann man, so glaube ich, Geschichte wahrnehmen. Man fühlt sich an gewissen Orten anders – sei es dadurch, dass man wie oben beschrieben dort Assoziationen hat, oder aber dadurch, dass man es vielleicht wirklich wahrnehmen kann, was an einem Ort passiert ist.

Man mag dies jetzt für Hokus-Pokus halten und an Personen denken, die ein Haus betreten und sagen, dass hier einmal jemand gestorben sei, da sie es fühlen. Jedoch glaube ich wirklich, dass man manche Dinge in gewisser Weise jenseits der Sinne wahrnehmen kann. Als ich seinerzeit in Auschwitz war und dort durch die Mauern der Baracken streifte, hatte ich auch das Empfinden, die Schmerzens- und Leidenschreie zu hören und die Trauer aber auch die Hoffnung an sich selbst nicht zu resignieren wahrzunehmen. Ebenso wie ich im Jardin du Luxembourg ständig das Gefühl hatte, dass sich jeden Moment eine der beglasten Flügeltüren des angrenzenden Palastes öffnen würde und eine Gruppe älterer Herren in Pumphosen und mit gepuderten Perücken heraus kommen würden.

In diesen Momenten passiert dann etwas erstaunliches. Man hat das Gefühl, dass die anderen Menschen stören und beginnt sie auszublenden. Sie passen irgendwie gerade nicht in die Situation, da man sich mit den eigenen Gedanken gerade in einem ganz anderen Jahrhundert oder einer anderen Situation befindet und da kann man eben die gewöhnlichen Touristen des 21. Jahrhunderts so gar nicht gebrauchen. Man deklariert sie zu Statisten, des eigenen Daseins, die wie die Bühnenarbeiter bei einer Theaterprobe eben mal kurz mit einem Requisit über die Bühne laufen müssen, weil es eben ihre Aufgabe ist, die jedoch mit dem eigentlichen Geschehen nichts zu tun haben und in gewisser Weise nicht dazu gehören. Im ersten Moment dachte ich, dass ich jetzt total spinne, jedoch sagte mir eben jener Freund, dass es ihm ähnlich ergehe.

Es ist erstaunlich, genau wie beim Lesen eines guten Buches. Man taucht ein in eine andere Welt und lässt die hiesige hinter sich. Jedoch sind die Konsequenzen während einer Städtereise nicht allzu groß wie bei Zweiterem, da man ja zeitlich doch eher frei ist und tun und lassen kann, was man will, keine Verpflichtungen hat und es nicht schlimm ist, wenn man irgendetwas verpasst. Eben nicht wie im normalen Leben, wenn man auf dem Weg zur Arbeit die Haltestelle verpasst, da man gerade mit seinem Protagonisten auf den Schlachtfeldern des 30-jährigen Krieges kämpfte und einen deshalb die Ansage „Nächster Halt:…“ nicht interessierte, man zu spät kommt und mit Ärger rechnen muss.

Abschließend kann ich nur jedem wünschen, dass egal, welche Stadt oder welchen Ort er sich besichtigt, er auch die Ruhe findet und eintauchen kann in den Ort und sich in anderen Zeiten, Situationen und Erfahrungen wieder findet. Denn kann es etwas Schöneres geben als der gewohnten Welt, wenn auch nur kurz, einmal zu entfliehen? Denn eins ist gewiss, selbst bei Paris: Spätestens beim Betreten der Metro ist man wieder im 21. Jahrhundert.

P.S.: Diesen Beitrag widme ich meinen beiden Begleitern in andere Zeiten. Vielen Dank für die tollen Gespräche und verzeiht mir meine zum Teil doch recht nervigen Kommentare zu Zahlen und Namen.

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