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Weltbilder

Vor Jahren als ich noch selber ein Auto hatte, fuhr ich ein mal ein sehr riskantes Überholmanöver, welches um ein Haar in einem Frontalzusammenstoß mit einem Tieflaster geendet wäre. Ich kann mich noch sehr gut an diese Situation erinnern. Es war einer der Momente, indem man das Paradoxe tun muss, obwohl sich in einem etwas dagegen streubt. Ich musste einfach Gas geben und somit den aufblinkenden Lichtern und der Front des Lkws entgegenfahren, da ich den Vorgang, hätte ich ihn abgebrochen, nicht überlebt hätte. Nur die Flucht nach vorne bot eine Chance.

In solchen Momenten, wird meine eigene Körperwarnehmung um ein Vielfaches sensibilisiert und ich spüre, wie sich kleinste sonst nicht wahrnehmbare Dinge in mir und meinem Empfinden verändern. Dieses Gefühl, welches ich damals in der Brust hatte, habe ich auch immer, wenn ich mit spirituellen Dingen, die in direktem Zusammenhang mit meiner Person stehen, in Kontakt komme. So beispielsweise in der vergangenen Woche, als ich mir bei der Ausstellungseröffnung von „Circus Roncalli – zwischen Gestern und Morgen“ im Stadtmuseum aus der Hand lesen lies oder aber auch heute, wo ich mir mal wieder die Karten habe legen lassen. Etwas, was ich immer wieder mal tue, aber dazu später mehr.

Erst einmal werde ich nun versuchen, dieses Gefühl zu beschreiben, was mir einerseits gerade schwer fällt, da Gefühle sich nur schwer in Worte fassen lassen, andererseits auch recht einfach, da die Nachwehen dieser Empfindung noch ausklingen während ich diesen Beitrag schreibe. Äußerlich empfinde ich einen belastenden Druck auf den Brustkorb, was sich in anfangs beschriebener Situation in dem Gefühl äußerte, dass ich dachte, dass jemand zunehmend fester an dem Anschnallgurt ziehen würde und ich immer weniger Bewegungsfreiheit auch zur Atmung hatte. Innerlich kann man dieses Gefühl kaum beschreiben. Es ist eine Leere, jedoch gleichzeitig auch ein Druck nach Außen, als würde diese Leere, dieses Vakuum nicht wie gewöhnlich alles in sich aufsaugen, sondern vielmehr fühlt es sich an, als würde die kleinste Bewegung dazu führen, dass man zerberste und das Nichts explodierte. Jedoch hat man schon eine Ahnung in sich, dass man sich nach dieser Explosion befreiter und besser fühlen wird, auch wenn diese dann nicht eintritt, was ein Mitgrund dafür sein mag, dass dieses Gefühl nur ganz langsam abklingt und noch sehr lange Zeit präsent ist. Das ganze wird mit der Wahrnehmung extremer Dünnhäutigkeit begleitet und man könnte aufgrund einer Kleinigkeit in diesem Moment sofort in Tränen ausbrechen.

Dieses Gefühl empfinde ich also in solchen Momenten, sei es, wenn die Handleserin meine Hand hält und mit ihrem Stift die Linien entlang fährt oder aber sobald die Karten offen auf dem Tisch liegen. Zudem reagiere ich sehr oft ziemlich sensibel auf energetische Dinge, seien es besondere Orte, Situationen oder auch Texte, denn ein ähnliches Gefühl habe ich beispielsweise auch bei der Lektüre des Faust oder des Hamlet.

Und in Letzterem sagt der Titelheld zu seinem Freund und Vertrauten: „There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.“ (I,5: 167ff) Wie wahr, wie wahr. Lange Zeit bin ich ganz Horatio durch die Welt gegangen und habe alles geglaubt, was man mir erzählte, zumindest solange es die gängige Meinung war. Das endete damals mit Scherben in Form meiner Lieblingstasse, die zu Bruch ging, in dem Moment, in dem ich ganz und gar schulmedizinisch verankert meiner Mutter, die sich damals mitten in ihrer Ausbildung zur Heilpraktikerin befand, sagte, dies sei doch alles „Hokuspokus“. Erst als mir ein Schulmediziner sagte, dass er der Meinung sei, diese beiden doch recht verstrittenen da gegensätzlichen Bereiche der Heilkunde, sollen mehr miteinander denn gegeneinander arbeiten in der Form, dass die einen die Ursachen, die anderen die Wirkungen bekämpfen, begann ich mein Weltbild zu öffnen.

Ich bin kein Esoteriker, denn dazu steht mein Selbstbild zu sehr auf den Grundfesten der Ratio und des Humanismus, jedoch bin ich offen für esoterische und spirituelle Einflüsse, denen ich mich immer mal wieder aussetze oder ihnen ausgesetzt werde. Diese vergleiche ich dann mit bisher Gelerntem und Erfahrungen, die das Leben mir schon geschenkt hat und versuche scheinbar Unverträgliches in Einklang zu bringen. Dies ist nicht immer begreifbar und man stößt oft an die Grenzen seiner Überzeugungen, die man daraufhin überprüfen, anzweifeln und wenn nötig sogar erneuern muss. Jedoch ist dies bei den Fortschritten der neueren Forschung und hier ganz speziell der Erkenntnisse der Physik nicht anders und jeder, dem Schrödingers Katze schon einmal über den Weg gelaufen ist, wird wissen, was ich meine. Ebenso verzweifelt steht man auch heute vor der Tatsache, dass die Quanten- und die Relativitätstheorie für sich gesondert beweisbare Gültigkeit besitzen, jedoch unmöglich kombinierbar sind nach den heutigen Gesetzen der Logik.

Mittlerweile stellt sich immer klarer heraus, dass ich sehr kartesianisch geprägt bin und grundsätzlich erst einmal alles bezweifle, wobei „Zweifel“ hier der falsche Ausdruck ist, da ihm etwas Destruktives und somit Negatives anhängt. „Früchtebringendes Hinterfragen“ wäre hier schon einer bessere Umschreibung: Nicht einfach glauben, was man erfährt, liest oder hört, sondern das ganze mit einer kritischen Distanz versuchen in sein schon existierendes Weltbild einzufügen. Seien es nun „wissenschaftliche“ oder „spirituelle“ Einflüsse mit denen man sich konfrontiert sieht.

Natürlich birgt die Esoterik auch Gefahren und ich habe mehr als einmal in meinem Umfeld sehen dürfen, wie sie Menschen Problemlösungen vorgegaukelt hat und diese in Zeiten einer Schwächung der Persönlichkeit manipulierte und diese Personen eben nicht mehr in der Lage waren kritisch zu distanzieren und leichtgläubig hinter einem Guru hergelaufen sind, ähnlich wie es zur Zeit in meiner Lieblingsserie „Queer as folk“ Emmett tut, der nur darauf wartet, endlich „das Licht zu sehen“. Generell finde ich, dass man sich nur in Zeiten innerer Stabilität mit solchen Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Wesen allen Daseins und dem eigenen Ich beschäftigen sollte. Andernfalls läuft man Gefahr sich mehr Leid denn Freud anzutun. Doch gilt dies auch im Gegenteiligen Sinne, wenn man leichtgläubig den Medien oder gar der Kirche glaubt, einer Organisation, die genau darauf mehrere Jahrhunderte ihre Hegemonie begründete, dass sie die Menschen ungebildet hielt und sie am Hinterfragen hinderte.

Mein Selbstverständnis geht mit der Zeit immer mehr in die Richtung, dass ich mich als „weltlicher Spiritueller“ bezeichnen würde. Jemand, der dieser zweiten Welt offen gegenüber steht, sie jedoch der sinnlich wahrnehmbaren und gängigen Welt gegenüberstellt und aus diesem Kontrast heraus sein Handeln als auch seine Wertvorstellungen ableitet und diese immer wieder auf Richtigkeit und Stimmigkeit überprüft. Auch bin ich der Meinung, dass man nicht alles erleben muss, was mir dahingehend bestätigt wurde, dass ich in der Auflistung der Autoren eines spirituellen Magazins für welches ich schreibe, der einzige bin, der weder einen Yogakurs oder gar eine Sanyas-Celebration hinter sich hat, geschweige denn in Poona war. Aber wie sagt der Volksmund: „Man muss nicht Koch sein, um zu wissen, wann eine Suppe versalzen ist.“

Jetzt sitze ich gerade hier und mir fehlen abschließende Worte, was mich nicht verwundert, da ich mich ja in einem fortwährenden Prozess befinde, der wohl nie abgeschlossen sein wird. Und genau durch diese Erkenntnis kommt mir gerade ein Satz in den Sinn, den mein Klavierlehrer immer am Ende einer Stunde zu mir sagte: „Lassen wir das nun als im Prozess befindliches Zwischenergebnis stehen!“

P.S.: Dieser Beitrag ist ganz besonders den Menschen gewidmet, durch die ich mit Spirituellem in Kontakt gekommen bin, darunter unter anderem einer sehr guten Freundin meiner Mutter, die mir auch schon Karten gelegt hat und mit der ich mich auch über kilometerweite Distanz und ganz ohne Telefon austauschen kann, natürlich wieder einmal meiner Mutter, die zeitweise Gefahr lief die Dinge zu leichtgläubig aufzunehmen, jetzt jedoch seit langem ihren Weg gefunden hat, aber auch meinem Vater, der mir das richtige Gefühl für einen kritischen Blick gegeben hat und last but not least der Person, die Auslöser dieses Beitrags war und die mich heute ad hoc bei unserer ersten Begegnung beeindruckt und bewegt hat, was nicht viele Menschen vermögen und dies sogar schon bevor er mir die Karten gelegt hat und mir einmal mehr die Möglichkeit gab, hinter die Kulissen des Sichtbaren zu blicken. Ganz besonderen Dank an Tobias („Bastard2006“), meinen neuen Nachbarn, der über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt.

Die heilige Schrift

In meiner Tätigkeit als Research Assistent hatte ich bei dem letzten Projekt, der Vorbereitung einer zweisprachigen Ausgabe eines italienischen Textes von 1613, die leidvolle Aufgabe Wörter zu zerschneiden. „Wieso das?“, wird sich nun der ein oder andere fragen. Ganz einfach deshalb, weil uns für das Manuskript eine Ausgabe von 1913 zur Verfügung stand, die jedoch in ihrere Seitenaufteilung dem Layout von 1613 angepasst werden sollte. Da man jedoch damals auch Worttrennungen über Seitenumbrüche hinweg vorgenommen hat, sollte ich, um wirklich genau zu sein, einzelne Wörter eben an jenen Stellen durchschneiden, an denen sie auch im Original getrennt wurden.

Zuerst weigerte ich mich dies zu tun, denn ich konnte es einfach nicht. Es schien mir Vergewaltigung am Text, Mord des Wortes, Zerstümmelung der Schrift. Allerdings wusste ich auf die Frage, woher ich denn diese Abneigung zum zerstückeln von Worten haben könne, erst keine Antwort, da moralische Grundsätze in Bezug auf das Objekt Text nicht galten.

Meine Mutter, der ich von dieser Aufforderung zur Greueltat berichtete, meinte daraufhin, es habe wohl mit meinem „Scherentrauma“ zu tun, wobei ich nicht einmal wußte, dass ich ein solches mein Eigen nennen darf, ganz geschweige, woher dieses denn komme. Doch sie erzählte mir daraufhin, dass ich als kleiner Junge einst aus dem Kindergarten gekommen sei und wohl so voller Elan und Stolz war, endlich das rundschneiden gelernt zu haben, dass ich dieses sofort im Bezug unseres heimischen Sofas ausprobierte und weiterentwickeln wollte, bis mich jemand dabei sah und es eine Menge Ärger gab.

Diese Erklärung schien mir jedoch nicht haltbar, denn dann müsste ich heute auch ein „Lochertrauma“ haben, da ich ebenfalls, jedoch im Grundschulalter, einmal in freudiger Erwartung des Karnevals nachts – ja, ich war zum Leidwesen meiner Eltern schon immer nachtaktiv (Höhepunkt: Ich stelle die Möbel meines Zimmers um, da ja Neujahrsnacht ist und man sich dann am besten verändern kann, auch wenn es schon 4 Uhr ist) – auf die lustige Idee kam Konfetti herzustellen, mir jedoch leider im Zuge des eifrigen Arbeitens nebenbei auch halbkreisförmige Löcher aus meinen herunterhängenden, weiten Pyjamaärmeln stanzte. Da ich dieses Trauma jedoch nicht habe, glaube ich auch nicht an das „Scherentrauma“, obwohl mir gerade auffällt, dass ich seit dieser Zeit keine Pyjamas mit weiten Ärmeln mehr trage, mittlerweile sogar gar keine mehr.

Naja, jedenfalls war die erste Ad-hoc-Erklärung, die mir zu meinem Widerwillen einfiel, dass ich ja schon eine gespaltene Persönlichkeit habe und nicht auch noch gespaltene Wörter brauche, was jedoch den Nagel auch nicht ganz auf den Kopf trifft. Ich denke es hat eher damit zu tun, dass mir Texte und vor allem Bücher heilig sind. Ich habe schon immer Menschen mit Abscheu und Ekel betrachtet, die keine Lesezeichen nutzen sondern die Seiten mit einem Eselsohr markieren. Schrecklich! Wie kann ein Mensch so grausam sein?

Ebenso verzweifelte meine Deutschlehrerin seinerzeit daran, mich davon zu überzeugen, wie wichtig doch ein Textrelief sei. Ich jedoch weigerte mich zu makern, anzustreichen oder gar – Gott bewahre – Randbemerkungen zu machen. Bücher, die ich gelesen habe, sehen meist druckfrisch und jungfräulich aus, wenn ich diese gelesen ins Regal zurückstelle, es sei denn es ist ein Paperback mit mehreren hundert Seiten, bei dem sich unweigerlich der Buchrücken mit der Zeit abnutzt und diese abgrundtief hässliche Falte entsteht, was ich jedoch bis heute aller Bemühungen zum Trotz noch nicht zu umgehen herausgefunden habe.

Und immer wenn ich an der Haltestelle lesend vom Regen überrascht werde und das Buch nass wird, würde ich am liebsten sofort nach Rom fahren und den Petersdom in Brand stecken nur um mich am heiligen Petrus zu rächen und auch ihm etwas zu zerstören, was ihm wichtig ist.

Ich behandle Bücher eben wie Menschen. Jedoch wenn ich jetzt länger darüber nachdenke, so fällt mir auf, dass ich es im umgekehrten Sinne viel eher tue: Ich behandle Menschen wie Bücher.

Ok, spinnen wir den Gedanken doch einfach einmal weiter: Es gibt sehr viele Menschen, die schlage ich auf, lese ein paar Zeilen darin und stelle sie wieder zurück ins Regal. Deweiteren gibt es Menschen, mit denen ich einen ganzen Abend lang wirklich Spaß habe, die ich jedoch danach nicht noch einmal lese. Dann wiederum gibt es Menschen, in die ich immer mal wieder bei Gelegenheit hineinschaue, sei es zum Vergnügen oder aus sonstigen Gründen, wobei wir auch schon bei den Menschen wären, die nur dann kurz aufgeschlagen werden, um etwas herauszufinden oder nachzuschauen. Es gibt Menschen, die mir empfohlen werden und Menschen, die ich guten Freunden ans Herz lege. Manchmal bekommt man einen geschenkt oder man verschenkt einen. Ein weiterer Fall sind die Menschen, die man irgendeinmal gelesen hat und die einen ein Leben lang im Gedächtnis bleiben. Allerdings gibt es ebenfalls Menschen, die man selber gar nicht lesen muss um zu wissen, was drin steht, wobei hier eine Kenntnis der Literatur als Ganzem notwenig ist, da man sonst diese Selektion nicht treffen kann. Man kann Menschen oberflächlich überfliegen oder jede einzelne Zeile genau betrachten und dies immer und immer wieder. Manche Menschen bekommt man ausgeliehen, andere verlegt man und findet sie erst Jahre später wieder. Es gibt Menschen, die man immer einmal lesen möchte, jedoch nie die Zeit und Muse dazu findet. An manche Menschen kommt man erst gar nicht ran, obwohl man sie sehr gerne lesen würde.

Ein herrlicher Gedanke, der erst kürzlich in einem anderen Kontext, von eben meinem Chef, dem Professor für den ich tätig bin und der mich dazu verführte Worte grausam abzuschlachten und dies mit Zustimmung seiner Kollegen, auf den Punkt gebracht wurde:

Bei Typen ist es wie bei Büchern. Es ist immer schade, wenn man eins verliert, jedoch hat man am Schluss eh zu viele.

P.S.: Diese Kolumne ist JulianMR gewidmet, dem ich hiermit noch sagen möchte: Ich weiß bis heute nicht, warum ich es doch geschafft habe -unter Blutschweiß und Tränen und in Angst um die Rache der Musen- die Wörter zu zerschneiden. Wahrscheinlich weil du mir ein sehr guter Mentor und enger Freund bist (oder aber weil du es so wolltest).