Die heilige Schrift

In meiner Tätigkeit als Research Assistent hatte ich bei dem letzten Projekt, der Vorbereitung einer zweisprachigen Ausgabe eines italienischen Textes von 1613, die leidvolle Aufgabe Wörter zu zerschneiden. „Wieso das?“, wird sich nun der ein oder andere fragen. Ganz einfach deshalb, weil uns für das Manuskript eine Ausgabe von 1913 zur Verfügung stand, die jedoch in ihrere Seitenaufteilung dem Layout von 1613 angepasst werden sollte. Da man jedoch damals auch Worttrennungen über Seitenumbrüche hinweg vorgenommen hat, sollte ich, um wirklich genau zu sein, einzelne Wörter eben an jenen Stellen durchschneiden, an denen sie auch im Original getrennt wurden.

Zuerst weigerte ich mich dies zu tun, denn ich konnte es einfach nicht. Es schien mir Vergewaltigung am Text, Mord des Wortes, Zerstümmelung der Schrift. Allerdings wusste ich auf die Frage, woher ich denn diese Abneigung zum zerstückeln von Worten haben könne, erst keine Antwort, da moralische Grundsätze in Bezug auf das Objekt Text nicht galten.

Meine Mutter, der ich von dieser Aufforderung zur Greueltat berichtete, meinte daraufhin, es habe wohl mit meinem „Scherentrauma“ zu tun, wobei ich nicht einmal wußte, dass ich ein solches mein Eigen nennen darf, ganz geschweige, woher dieses denn komme. Doch sie erzählte mir daraufhin, dass ich als kleiner Junge einst aus dem Kindergarten gekommen sei und wohl so voller Elan und Stolz war, endlich das rundschneiden gelernt zu haben, dass ich dieses sofort im Bezug unseres heimischen Sofas ausprobierte und weiterentwickeln wollte, bis mich jemand dabei sah und es eine Menge Ärger gab.

Diese Erklärung schien mir jedoch nicht haltbar, denn dann müsste ich heute auch ein „Lochertrauma“ haben, da ich ebenfalls, jedoch im Grundschulalter, einmal in freudiger Erwartung des Karnevals nachts – ja, ich war zum Leidwesen meiner Eltern schon immer nachtaktiv (Höhepunkt: Ich stelle die Möbel meines Zimmers um, da ja Neujahrsnacht ist und man sich dann am besten verändern kann, auch wenn es schon 4 Uhr ist) – auf die lustige Idee kam Konfetti herzustellen, mir jedoch leider im Zuge des eifrigen Arbeitens nebenbei auch halbkreisförmige Löcher aus meinen herunterhängenden, weiten Pyjamaärmeln stanzte. Da ich dieses Trauma jedoch nicht habe, glaube ich auch nicht an das „Scherentrauma“, obwohl mir gerade auffällt, dass ich seit dieser Zeit keine Pyjamas mit weiten Ärmeln mehr trage, mittlerweile sogar gar keine mehr.

Naja, jedenfalls war die erste Ad-hoc-Erklärung, die mir zu meinem Widerwillen einfiel, dass ich ja schon eine gespaltene Persönlichkeit habe und nicht auch noch gespaltene Wörter brauche, was jedoch den Nagel auch nicht ganz auf den Kopf trifft. Ich denke es hat eher damit zu tun, dass mir Texte und vor allem Bücher heilig sind. Ich habe schon immer Menschen mit Abscheu und Ekel betrachtet, die keine Lesezeichen nutzen sondern die Seiten mit einem Eselsohr markieren. Schrecklich! Wie kann ein Mensch so grausam sein?

Ebenso verzweifelte meine Deutschlehrerin seinerzeit daran, mich davon zu überzeugen, wie wichtig doch ein Textrelief sei. Ich jedoch weigerte mich zu makern, anzustreichen oder gar – Gott bewahre – Randbemerkungen zu machen. Bücher, die ich gelesen habe, sehen meist druckfrisch und jungfräulich aus, wenn ich diese gelesen ins Regal zurückstelle, es sei denn es ist ein Paperback mit mehreren hundert Seiten, bei dem sich unweigerlich der Buchrücken mit der Zeit abnutzt und diese abgrundtief hässliche Falte entsteht, was ich jedoch bis heute aller Bemühungen zum Trotz noch nicht zu umgehen herausgefunden habe.

Und immer wenn ich an der Haltestelle lesend vom Regen überrascht werde und das Buch nass wird, würde ich am liebsten sofort nach Rom fahren und den Petersdom in Brand stecken nur um mich am heiligen Petrus zu rächen und auch ihm etwas zu zerstören, was ihm wichtig ist.

Ich behandle Bücher eben wie Menschen. Jedoch wenn ich jetzt länger darüber nachdenke, so fällt mir auf, dass ich es im umgekehrten Sinne viel eher tue: Ich behandle Menschen wie Bücher.

Ok, spinnen wir den Gedanken doch einfach einmal weiter: Es gibt sehr viele Menschen, die schlage ich auf, lese ein paar Zeilen darin und stelle sie wieder zurück ins Regal. Deweiteren gibt es Menschen, mit denen ich einen ganzen Abend lang wirklich Spaß habe, die ich jedoch danach nicht noch einmal lese. Dann wiederum gibt es Menschen, in die ich immer mal wieder bei Gelegenheit hineinschaue, sei es zum Vergnügen oder aus sonstigen Gründen, wobei wir auch schon bei den Menschen wären, die nur dann kurz aufgeschlagen werden, um etwas herauszufinden oder nachzuschauen. Es gibt Menschen, die mir empfohlen werden und Menschen, die ich guten Freunden ans Herz lege. Manchmal bekommt man einen geschenkt oder man verschenkt einen. Ein weiterer Fall sind die Menschen, die man irgendeinmal gelesen hat und die einen ein Leben lang im Gedächtnis bleiben. Allerdings gibt es ebenfalls Menschen, die man selber gar nicht lesen muss um zu wissen, was drin steht, wobei hier eine Kenntnis der Literatur als Ganzem notwenig ist, da man sonst diese Selektion nicht treffen kann. Man kann Menschen oberflächlich überfliegen oder jede einzelne Zeile genau betrachten und dies immer und immer wieder. Manche Menschen bekommt man ausgeliehen, andere verlegt man und findet sie erst Jahre später wieder. Es gibt Menschen, die man immer einmal lesen möchte, jedoch nie die Zeit und Muse dazu findet. An manche Menschen kommt man erst gar nicht ran, obwohl man sie sehr gerne lesen würde.

Ein herrlicher Gedanke, der erst kürzlich in einem anderen Kontext, von eben meinem Chef, dem Professor für den ich tätig bin und der mich dazu verführte Worte grausam abzuschlachten und dies mit Zustimmung seiner Kollegen, auf den Punkt gebracht wurde:

Bei Typen ist es wie bei Büchern. Es ist immer schade, wenn man eins verliert, jedoch hat man am Schluss eh zu viele.

P.S.: Diese Kolumne ist JulianMR gewidmet, dem ich hiermit noch sagen möchte: Ich weiß bis heute nicht, warum ich es doch geschafft habe -unter Blutschweiß und Tränen und in Angst um die Rache der Musen- die Wörter zu zerschneiden. Wahrscheinlich weil du mir ein sehr guter Mentor und enger Freund bist (oder aber weil du es so wolltest).

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s