Subtext der Realität

“Aber sobald er eingeschlafen war, begann er zu träumen und träumte fast unaufhörlich bir zum anderen Morgen. Hauptsächlich sah er Joachim Ziemßen in sonderbar verrenkter Lage auf einem Bobschlitten eine schräge Bahn hinabfahren. Er war so phosphoreszierend bleich wie Dr. Krokowski, und vorneauf saß der Herrenreiter, der sehr unbestimmt aussah, wie jemand, den man lediglich hat husten hören, und lenkte. ‘Das ist uns doch ganz einerlei, – uns hier oben‘, sagte der verrenkte Joachim, und dann war er es, nicht der Herrenreiter, der so grauenhaft breiig hustete. Darüber mußte Hans Castorp bitterlich weinen und sah ein, daß er in die Apotheke laufen müsse, um sich Cold-cream zu besorgen. Aber am Wege saß Frau Iltis mit einer spitzen Schnauze und hielt etwas in der Hand, was offenbar ihr ‘Sterilett‘ sein sollte, aber nichts weiter war als ein Sicherheits-Rasierapparat. Das machte Hans Castorp nun wieder lachen, und so wurde er zwischen verschiedenen Gemütsbewegungen hin und her geworfen, bis der Morgen durch seine halboffene Balkontür graute und ihn weckte.”

Eine schönere und treffendere Traumsequenz, wie diese, die Thomas Mann zu anfang seines „Zauberbergs“ beschreibt, wird sich schwer finden lassen. Zeigt diese doch auf, wie das Alltägliche und Profane Einzug erhält in die Welten der Transzendenz, wie ein einfacher Bobschlitten zum bedeutungsschwangeren Symbol wird, wie sich die Realität zu verkehren scheint um selbige erst ins rechte Licht zu rücken. Reale wird irreal, damit das Unbewusste bewusst wird. Oder wie Harper zu Prior Walter in „Angels in America“, übrigens ein in höchstem Maße genialer Film, der hier auch irgendwann noch besprochen werden soll, es ebenfalls in einer Traumszene ausdrückt: „The threshold of revelation“.

Die „Schwelle der Offenbarung“, der Punkt an dem man dem Göttlichen oder Übermenschlichen fast todesgleich ins Auge blickt. Ein Ort jenseits von Bedeutung, Regeln und Grammatiken, wo ein Stuhl nicht ein Stuhl und nicht ein Stuhl ist. Der Traum ist Faszinosum und Schrecken zugleich, eine nur fast greifbare Enthüllung des menschlichen Geistes. Ein Metaprozess des Denkens, der uns Einblick gewährt ins Selbst – nicht nur in seiner sondern auch in unser Selbst. Hier sind wir ganz selbst und doch auch ganz Mensch, hier treffen sich Individualität und Kollektivgedächtnis und Archetypen kommunizieren mit Privatem.

Ich selbst finde es immer faszinierend, was einem in Träumen offenbar wird. Ich habe das große Glück, sehr deutlich und, was viel wichtiger ist, erinnerbar zu träumen. Nicht selten passiert es, dass mein Morgen (oder wann sonst ich den Fängen des Schlafs entkommen bin) mit Selbstreflektion und Interpretation meiner Träume beginnt. Ähnlich wie Hans Castorp träume auch ich nicht von irgendwelchen Bildern, sondern verarbeite immer in Träumen kürzlich oder einstmals Erlebtes, doch das eigentlich atemberaubende ist die Kombination. Man erkennt die Funktionalität des Traums, der mehr ist als bloße Verarbeitung und Aufbereitung des Gehirns. Hier werden Szenarien entwickelt, die eine klare Aussage haben, wenn man sie auch nicht immer heraus destillieren kann. Dennoch, wenn man genau hinschaut, so kann man hierdurch erfahren, wer man ist, wo man ist, wohin man will, was einen beschäftigt und Vieles mehr.

So wirr meine Träume auch in der Regel sind, da sie sich nicht an logische, örtliche oder zeitliche Grenzen halten, so habe ich dennoch festgestellt, dass es gewisse Muster gibt und gewisse Bilder nur in bestimmten Zusammenhängen erscheinen. Die Ausgangssituation ist meist klar definiert und ich schaue gleich einem olympischen Erzähler auf eine Handlung mir bekannter Personen, mich inbegriffen, weiß, was Personen fühlen, wie sie zueinander stehen, warum sie dort sind. Auch wenn hierbei ab und an vernünftige Szenen entstehen, also Szenen, in denen Personenkonstellationen und Orte übereinstimmen, so ist dies doch meist nicht die Regel. Es kann gut vorkommen, dass man mit dem ehemaligen Musikverein und seinen Mitgliedern eine Wanderung beginnt und bei der Rast plötzlich Personen aus dem universitären Umfeld neben einem sitzen, man sich umdreht und feststellt, dass man mitten auf einer Familienfeier ist, wobei jedoch auch Gäste der schwulen Szene Kölns anwesend sind. Doch eben genau hier kommt ein sehr spannendes Element ins Spiel. Mit der Zeit konnte ich herausfinden, welche Personen was symbolisieren, also welche Menschen oder Gegenstände, die auftauchen für welche Thematiken oder archetypische Eigenschaften stehen. Dies kann zweierlei Bedeutung haben. Entweder sie befinden sich historisch dort, weil sie eben zu einer gewissen Situation gehören oder mich an eine reale Situation erinnern sollen oder aber sie tauchen ihrer Funktionalität wegen auf und repräsentieren in diesem Moment nur abstrakte Eigenschaften wie Stärke, Neid, Schwäche oder Spezielleres.

Ganz wie Harper in oben erwähnter Szene feststellt, werden jedoch meist nur Bekannte Dinge gebraucht, also Puzzleteile der Realität werden zu einem neuen Bild zusammen gesetzt, doch nie ohne einen gewissen Mehrwert. Dieser besteht darin, dass man Einsicht erhält in gewisse Dinge und einen anderen Blickwinkel bekommt. Durch die Neuordnung werden plötzlich Zusammenhänge klar, die einem gar nicht so offensichtlich waren und erst durch einfache Veränderungen der Bilder zutage treten. Zum Beispiel hatte ich kürzlich einen Traum, der mir erklärt hat, warum ich von einer Person aus meinem Umfeld so begeistert bin. Es wurde mir dadurch klar, dass ich mich mit dieser Person in einem örtlichen Szenario meiner Vergangenheit wiederfand, welches eindeutig auf gewisse Aspekte verweist. Dies jedoch nicht zufällig, sondern es wurden Elemente von damals in einen direkten Zusammenhang mit dieser Person der Gegenwart gesetzt. Leider kann ich aus persönlichen Gründen jetzt nicht detaillierter darauf, doch es war erstaunlich dass eben die Übereinstimmungen und Differenzen zwischen den beiden Kontexten mir Aufschlüsse darüber gaben, wie die gegenwärtige Situation vor mir liegt. Es hat also meine Wahrnehmung bereichert.

Durch meine damalige Tätigkeit während meines Zivildienstes in einer Rehaklinik für ehemalige Abhängige mit der Doppeldiagnose Sucht und psychologische Erkrankung habe ich eine klar ablehnende Haltung gegenüber illegalen Drogen und Psychopharmaka, doch aus philosophischer Neugier heraus, wollte ich dann doch einmal etwas bewusstseinsveränderndes probieren, was jenseits des Alkohols liegt und habe vor Jahren einmal die Gelegenheit ergriffen, in vollem Bewusstsein um mein persönliches Suchtpotenzial, sei es Literatur, Nikotin, Kaffee, Alkohol oder Online-Games, das mich immer dazu treibt, über die Stränge zu schlagen, dass es sich um ein einmaliges Experiment handelt, was es auch bis heute geblieben ist. In meinem Rausch hatte ich das Gefühl den Prozess des Denkens und Empfindens zu durchschauen. Mein Gegenüber, welches ich den ganzen Abend schon attraktiv fand, mir dies jedoch wie immer nicht erklären konnte, veränderte seine Gestalt in der Hinsicht, dass sich nacheinander verschiedene Gesichter mir liebgewonnener Personen über seines legten und dies immer damit zu tun hatte, dass ein gewisser Gesichtsaspekt wie die Augenpartie, die Mundwinkel oder aber die Anordnung der Falten auf der Stirne sich entsprachen und ich somit nachverfolgen konnte, dass mein Gehirn eben diese Bruchstücke wiedererkannte und dieses neue Gesicht nicht als neu wahrnahm, sondern als Zusammensetzung des Alten. Dadurch wurde mir dann klar, warum ich eben dieses mir unbekannte Gesicht mit gewissen Gefühlen und Charaktereigenschaften verbunden hatte.

Einschub: Nein, man sollte dies nicht unbedingt nachmachen, denn eben meine Zivitätigkeit hat mir gezeigt, dass es immer sehr riskant ist, sich auf solche Substanzen einzulassen und dass manchmal ein einziges Probieren dazu führt, dass man über Jahre mit einer Psychose zu kämpfen hat. Weshalb man besser in der Realität bleibt und die Wirkung von Drogen weder unterschätzen noch herunterspielen sollte und theoretisch hätte es auch in meinem Falle anders enden können, selbst wenn es „nur“ Substanzen sind, mit deren Legalisierung man sich selbst im Bundestag schon auseinander gesetzt hat.

Doch genau dies passiert auch im Traum, das Neue wird durch das Alte erklärt, das Irreale wird durch das Reale sichtbar gemacht und Gefühle werden als Erfahrungen dargestellt. Möge die moderne Wissenschaft auch noch so viele Elektroenzephalogramme und Hirnscans machen, ich denke nicht, dass sie dieses Wunder wird je zur Gänze entschlüsseln können, auch wenn dies wohl der größte Entwicklungssprung des Menschen aller Zeiten wäre, wenn er eben dieses große Geheimnis zu Lüften in der Lage wäre.

Daher wünsche ich allen Lesern, dass sie ihre Träume im Auge behalten und dies nicht metaphorisch sondern wörtlich. Denn kann es Schöneres geben, als sich in Form nächtlicher Begegnungen –wenn auch nur kurz – ganz in die Welt des Irrealen begeben zu können?

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