Zeige mir deinen Blog und ich sage dir, wer du bist

So könnte eine der ersten Weisheiten des neuen Jahrhunderts lauten. Dies wurde mir kürzlich wieder sehr bewusst gemacht, als eine Arbeitskollegin auf mich zukam und mir berichtete, sie habe versucht, etwas über mein Alter Ego Cressida herauszufinden und sei dabei auf diesen Blog gestoßen. Sie meinte, sie habe Stunden gebraucht, bevor sie sich habe lösen können und merkte an, dass ich mich nun nicht wundern solle, wenn sie mich wie einen alten Bekannten behandeln würde, obwohl wir uns erst kurz kennen, denn sie kenne mittlerweile schon so viel von mir, dass es fast schon unheimlich sei. Als sie dann auch noch erwähnte, dass sie den Link direkt mal einigen Bekannten und Freunden geschickt habe und sich darauf eine andere Kollegin zu mir umdrehte und gestand, dass auch sie stundenlang gelesen habe, wurde mir plötzlich wieder bewusst, was dies alles impliziert.

Damals, als ich seinerzeit den Blog regelmäßig schrieb (was ich nun auch wiederzubeleben versuche – erneut, man darf gespannt sein, ob es dieses Mal gelingt), war ich es in gewisser Weise gewohnt, dass mich Menschen in meinem Umfeld darauf ansprachen und es gab sogar einige, die mir ganze Passagen daraus zitieren konnten oder Insidergags machten, die ich dann wiederum nicht verstand, da ich den korrespondierenden Eintrag Monate zuvor geschrieben hatte. Doch in letzter Zeit kam dies, bis auf wenige Ausnahmen kaum mehr vor, weshalb mir gar nicht klar war, dass ich ja über diese Vergangenheit im Netz verfüge und nicht nur im virtuellen Raum, sondern auch in Magazinen, auf DVDs, Livemitschnitten, Fotos und sonstigen Medien meine Spuren hinterlassen habe. So fern mir diese Aufzeichnungen selber sind, so neu sind sie für den, dem sie in die Hände fallen.

Wenn ich nun einmal bedenke, was man bei einer ausführlichen Recherche über mich erfahren kann, über meine Gedanken, meine Sünden, mein Verhalten und meine Gewohnheiten, so wird mir schnell etwas wirr in den Winkeln meines Denkens. Da ja Personen googeln heute schon alltäglich ist, sieht man sich der Tatsache gegenüber, dass quasi die ganze Welt einen kennen könnte und muss sich dann unweigerlich immer wieder fragen, was denn das Gegenüber über einen selber wissen könnte. Zudem muss man aufpassen, was man der Welt preisgibt. Aus diesem Grunde bin ich bestrebt, nur bewusste Spuren zu hinterlassen und hoffe, dass es niemals Partyfilmchen von mir auf youtube geben wird oder, wie es vor einiger Zeit einem Freund von mir passiert ist, ich einen Kamerachat-Mitschnitt von mir auf irgendwelchen Seiten wiederfinde, die man(n) meist nur nach 22 Uhr aufruft. Bei diesem bin ich mir jedoch recht sicher, da sie mein Untenrum immer noch realiter und nicht virtuell stattfindet, bei jenem jedoch habe ich ein wenig Bedenken, denn der nächste Karneval kommt bestimmt und ich kann nur hoffen, dass dann das Kostüm seine Bestimmung erfüllt, denn der Karneval in Köln kann – und da wird mir jeder recht geben, der ihn mal mitgemacht hat – schon manchmal zu Aktionen verleiten, an die man sich in der Form am nächsten Tag nicht erinnern mag, geschweige denn, sie im Netz sehen möchte.

Doch zurück zum Ergoogeln, denn damit habe auch ich schon meine Erfahrungen gemacht. Eine alte Klassenkameradin kam vor etwa 3 Jahren auf die Idee, einfach mal einige ihrer ehemaligen Mitschüler über Google zu suchen, um zu schauen, wer denn in der Zwischenzeit, was gemacht habe und wer gerade wo ist. Dabei stieß sie auf den Beitrag „Positive Neuigkeiten“, der damals ja auch im Tantra-Newsletter des Magazins Connection erschien. Natürlich konnte sie mit den darin enthaltenen Informationen, nachdem der erste Schock und das schlechte Gewissen darüber, jemanden auf frischer Tat ertappt zu haben, abgeklungen waren, nicht hinterm Berg halten, weshalb ich dann auch bald über eine Kette von Mittelsmännern von ihrer Entdeckung erfuhr. Als wir uns dann das nächste Mal begegneten war es eine fast schon kafkaeske Situation, da ich ja wusste, dass sie es weiß, sie jedoch nicht wusste, dass ich um ihr Wissen wusste. Ich klärte diese Situation erst auf, als sie mich zum dritten Mal fragte, ob es mir denn gut ginge und sagte: „Ja, und wenn du weiter gegoogelt hättest, wüsstest du das auch“, woraufhin sie etwas errötete.

Damit mir dies nicht mal im Arbeitsumfeld passiert und somit zu Ärger führen könnte, spiele ich diesbezüglich auch dort mit offenen Karten, eben weil man es recht einfach findet. Dies tue ich jedoch immer erst, nachdem ich ein, zwei Wochen irgendwo gearbeitet habe, da selbst meine Offenheit nicht so weit geht, dass ich es im Vorstellungsgespräch sagen würde, zumal ich nicht möchte, dass diese Information eine Entscheidung in welcher Weise auch immer beeinflusst. Außerdem kann man gewisse Fakten meinem Lebenslauf auch ansehen, denn man schreibt nicht einfach so einen Artikel über „HIV und Recht“.

Dabei fällt mir gerade eine weitere unterhaltsame Situation ein, die ich einmal in einem Vorstellungsgespräch erlebte, beziehungsweise sie später erzählt bekam. Denn unter meinen Veröffentlichungen gibt es auch einen Artikel über eine Aufführung des Musicals Hair in Köln. Diese ist übertitelt, wer mich kennt weiß um die Formulierungen meiner Titel, mit „Kamasutra everyone“, weil dieses Zitat mir damals als ein guter Eyecatcher in einem Schwulenmagazin erschien. Allerdings wurde ich, nachdem man eine Weile über Lebenslauf und Vergangenheit gesprochen hatte, und zu den Veröffentlichungen kam, sofort darauf angesprochen, weil sich meine ehemaligen Kollegen mehr darunter vorstellten und auch etwas enttäuscht schauten als ich lapidar gestand, dass es sich nur um einen einfachen Kulturartikel handele.

Es ist schon seltsam, wobei das Ganze ja nicht neu ist, sondern lediglich ein neues Ausmaß erreicht hat. Denn Informationen über einen hat es seit jeher gegeben und auch dies nicht immer zur eigenen Freude – nur ging es damals eben nicht so einfach und schnell und man benötigte die richtigen Kontakte, um an Wissen zu gelangen. Doch auch diese alten Wege existieren noch fort und so kam kürzlich jemand zu mir und sagte bei unserer zweiten Begegnung, er wolle gerne den Dokumentarfilm mit mir sehen, da er sich in der Zwischenzeit, wer weiß wo, kundig gemacht hatte und an die Information um dessen Existenz herangekommen war. Doch so erschreckend solche Augenblicke auch immer wieder sind, so schön kann es auch sein, wenn jemand neben einem steht und die Bemerkung, ich müsse mal wieder meine Wohnung verschönern, mit der Antwort kommentiert: „Aber bitte nicht mit einem Zimmerbrunnen.“ Im ersten Moment versteht man diese Anspielung nicht, im zweiten steigt man dann ins Lachen ein, bis man sich fragt, woher die Person dies weiß, da man es ihr nie erzählt hat und einem dann die eigenen Texte einfallen.

Deswegen freue ich mich immer wieder darüber, dass sich Spurensucher auch zu erkennen geben, auch wenn dann das mulmige Gefühl der Unsicherheit bleibt, was genau denn nun das Gegenüber weiß, zumal man ja selbst oft nicht mehr weiß, was man so alles vom Stapel gelassen hat, was mir immer wieder klar wird, wenn ich alte Beiträge lese und mich wundere, dass ich das geschrieben haben soll oder über eigene Gedanken schmunzeln muss. Daher danke ich auch den beiden, die mich in jüngster Vergangenheit wieder an meinen Blog erinnert haben und in gewisser Weise eine Mitschuld daran tragen, dass ich nun bestrebt bin, weiter Spuren zu hinterlassen, auf dass die nächste Generation der Ben-Detektive auch fündig wird.

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