Wahlen und Qualen

Eigentlich sollte man sich heute ja freuen, denn schließlich ist gestern das Unmögliche wirklich geworden: Zum ersten Mal seit 1949 ist in allen Bundesländern eine funktionierende Demokratie das herrschende Herrschaftsmodel – streng genommen ist dies sogar das allererste Mal in der deutschen Geschichte allgemein der Fall, wenn man einmal vom System der goldenen Bulle absieht, was ja auch in Ansätzen demokratisch war und relativ stabil funktionierte. Da dieser Eintrag jedoch mit „eigentlich“ beginnt, wartet der aufmerksame Leser nun schon gebannt auf das Aber. Dies muss auch nicht lange auf sich warten lassen, wenn man sich die jüngsten Entwicklungen auf den internationalen Finanzmärkten anschaut. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Denn nicht nur war München Mittelpunkt jenes gestrigen Desasters, sondern auch dieses heutigen, welches dazu führte, dass nun auch hierzulande eine private Bank auf die Hilfe vom Staat angewiesen ist, der nun, nachdem man ihm Jahrzehnte übelst nachrief, er solle doch abspecken, doch wieder alle ernähren soll.

Wie gerne würde ich heute noch einmal mit all den tüchtigen BWL-Studenten sprechen, mit denen ich in den letzten Jahren diskutiert habe und die mich seinerzeit mit aufgesetzter Arroganz belächelten, da ich ja als Geisteswissenschaftler gar keine Ahnung haben könne. Wie gerne würde ich sie heute darauf hinweisen, dass ihr hochgepriesener „schlanker Staat“, wenn er denn nach ihren Ideen umgesetzt worden wäre, gar nicht mehr in der Lage wäre, die sich heuer verbreitende Krise zu kitten, geschweige denn irgendwen noch zu retten. Wie gerne würde ich ihnen nun ihre Lehrbücher unter die Nase halten, mit rot geschriebenen Fehleranmerkungen am Rand?

Aber da ich ja als Geisteswissenschaftler sowieso keine Ahnung habe – nur weil ich mich weigere, alles unhinterfragt nachzuplappern, was gerade en vogue ist –, werde ich mir auch dieses Mal meinen Kommentar denken und die kleinen Jungs weiter Monopoly spielen lassen, wissend, dass sie, wenn sie denn die nötige Reife erlangt haben, realisieren werden, dass sie doch besser mal ein gutes Buch gelesen hätten. Eins jedoch sei ihnen als Gedanke mit auf den Weg gegeben: Es gab einmal einen ziemlich blumigen Satz, der uns versprach, dass die Renten sicher seinen. Diesen jetzt in Bezug auf die Banken zu hören, lässt manch einen aufhorchen.

Doch damit befinden wir uns dann auch schon wieder Mitten im weiten Feld der Politik. Auch hier stürzte so mancher Ikarus vom Münchner Himmel. Wahrscheinlich auch, weil jenes Thema auch an diesem nicht vorüberging. Jedoch, wie wir heute gehört haben, sind die Gründe so außerordentlich vielfältig, dass man sie jetzt erst einmal gründlich analysieren muss. Man kann ja nur froh sein, dass Marie-Antoinette Haderthauer uns nicht zu Kuchen geraten hat, jetzt da wir um unser Brot zittern müssen. Und so sieht man nun dunkle Wolken am weiß-blauen Himmel ziehen und erstmalig ist es über ihm schwärzer als unten.

Man darf auf alle Fälle sehr gespannt sein, wessen Köpfe nun rollen und für wen die Guillotine bereit steht. Sollte sich dann die Situation einstellen, dass man keinen würdigen Herrscher für den Freistaat findet, so sei hier der Tipp gegeben: Im Starnberger See müsste noch einer liegen. Allerdings, ob dieser aktuell die richtige Wahl ist, in einer Zeit, in der Menschen Immobilien errichten, die kein Geld zum Bauen haben, sei dahin gestellt. Obwohl er ja damit wieder absolut im Trend läge und ihn somit zumindest oben erwähnte BWL-Studenten freudiger empfangen dürften als damals die südlichen Nachbarn ihren Exportschlager an der Spitze der deutschen Macht.

Doch diese würden auch seit gestern wieder mit Blumenkränzen im Haar am Straßenrand stehen, wenn man sich deren Wahldebakel betrachtet. Während man den oben beschriebenen Ereignissen ja noch etwas Positives abgewinnen kann – denn dass München brandte und man mehr Demokratie wagte und der Geiz des Kapitalismus nun endlich an seine Grenzen stößt, obwohl Geiz schon immer als Todsünde bekannt war, ist ja noch verhältnismäßig erfreulich – lässt dieses Wahlergebnis einen doch mit entsetzter Verwunderung zurück.

Doch wundern muss man sich eigentlich nicht, dass momentan der Ruf nach einer starken Nation wieder laut wird (man bemerke den Unterschied zwischen dieser und dem „starken Staat“, den ich eben indirekt gepriesen habe). Schließlich zeigen oben beschriebene Geschehnisse auf dem Weltmarkt ja, dass die Internationalität gerade jetzt genug Stoff zum Hinterfragen bietet. Ebenso ist es gewissermaßen eine Zwangsläufigkeit, dass in Zeiten einer stetig mächtiger werdenden EU, die Nostalgie an und der Ruf nach der Nation auflebt. Dies ist uns deutschen Nachbarn jedoch nicht so bewusst, da diese Tendenz bei uns um einiges schwächer ausfällt. Das wiederum liegt wohl daran, dass wir nie eine starke Nation hatten, mit Ausnahme der Jahre, an die wir uns nicht erinnern wollen. Wir hatten schon immer einen Bundesstaat, Staatenbund oder Flickenteppich, den wir oft uneinig und vielfältig regierten und uns nie schwer damit taten im Übergang zu leben und unsere Gesetzte auf Provisorien zu stützen. Doch andernorts in Europa sieht dies schon anders aus. Dort werden diese Strömungen anhalten, wenn nicht gar verfestigen bis zu dem Tage, an dem Europa in sich gefestigt auf ein grundsolides Rechtsgebäude verweist. Bis dahin jedoch werden noch so manche Kapriolen zu beobachten sein.

Daher bin ich zuversichtlich, dass mir auch künftig die Themen nicht ausgehen werden, sei es nun aufgrund des Untergangs der bayerischen Demokratur, der internationalen Finanzkrisen, der Seitensprünge nach rechts oder gar dem vielbesagten Linksruck, der vielleicht schon bald nicht mehr nötig sein wird, wenn sich alle privaten Banken in staatlicher Hand befinden und die Herren Beckstein und Huber, da sie gerade ihren Job verloren haben, am Tische des Zentralkomitees der deutschen Kreditinstitute sitzen. Schade für sie ist dann nur, dass es kein staatsähnliches Gebilde in der Nachbarschaft mehr gibt, dem sie dann Kredite vergeben könnten. Wobei sie sowieso dem, der ihnen dann und jetzt als Vorbild dient, nicht das Wasser reichen können.

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