Monthly Archives: September 2010

In der Wanne mit Hannah Arendt zum ideellen locus amoenus

Gerade habe ich mir, nach einer Woche voller Neuerungen, ein ausgiebiges Bad gegönnt. Konnte ich früher zum Teil stundenlang baden, so verweile ich ob meiner Vorliebe für etwas zu heißes Wasser in letzter Zeit jedoch meist nur kurz in der Wanne. Heute jedoch habe ich es – etwas wohltemperierter – ausgiebig zelebrieren können: Man nehme einen anregend duftenden Badezusatz, stelle ein Glas Rotwein sowie eine Tasse Kaffee und Zigaretten in greifbare Nähe, lege klassische Musik auf und nehme sich ein gutes Buch zur Hand. In meinem Falle war letzteres heute „Vita activa“ von Hannah Arendt, was auch den Titel erklärt.

Ich habe allerdings jetzt nicht vor, über die Gedanken dieser Philosophin zu räsonieren – das werde ich an anderer Stelle tun -, sondern möchte über das schreiben, was eben vor sich ging und was in unserer heutigen, multimedialen und von rasanter Schnelligkeit geprägten Welt allzu kurz kommt: über die Hingabe an den Gedanken.

Wir leben in einer Zeit, in der jeder Einzelne mehr liest als jemals in der Geschichte der Menschheit zuvor: Werbeslogans, Hinweisschilder, Schlagzeilen, etc.. Doch verlieren sich die meisten Informationen, die wir auf diese Weise gelangen im Nichts und verlassen unverarbeitet unser Kurzzeitgedächtnis. Was uns also droht, verloren zu gehen, ist die Fähigkeit, einem bestimmten Gedanken zu folgen. Jedoch ist dies eine Grundbedingung des Verständnisses und viele Texte lassen sich nur so in Gänze erfassen – sofern man annimmt, dass sich ein Text überhaupt bis zum Letzten begreifen lassen (Gruß an den hermeneutischen Zirkel).

Natürlich kann man Texte auch einfach nur lesen, unter anderen Bedingungen, ohne dass dadurch ein Verständnis vollkommen fehlen würde. So habe ich selbst oft genug im Zuge des Studienalltags die Notwenidigkeit gehabt, mir beispielsweise Kant auch einmal in der Straßenbahn zu Gemüte zu führen. Doch auch wenn ein Verständnis so möglich sein kann, so hat es nicht die gleiche Qualität wie das Lesen in oben beschriebener (oder ähnliche entspannender, angenehmer) Situation. Denn um einen dargestellten Gedankengang intensiv nachzuvollziehen, bedarf es verschiedener Vorraussetzungen.

Eine dieser Vorraussetzungen ist die Ruhe, das Nicht-Abgelenkt-Sein, fernab von externen Einflüssen und Unterbrechungen. Nicht dass eine Unterbrechung an sich schlecht wäre, allerdings sollte sie dann internen Ursprungs sein, so dass man selber innehält, seine Gedanken schweifen lässt oder sich in einem Teilsatz oder sogar Wort verliert. Gerade auch die Ruhe und die damit verbundene Entspannung ist auch ein wesentlicher Faktor zur Entstehung von Kreativität, wie selbst die Wissenschaft heutzutage anerkennt. Nicht umsonst sind einige der genialsten Erfindungen der Welt nicht im Labor sondern auf der Toilette oder unter der Dusche entstanden.

Eine weitere Bedingung für diesen Zustand der Hingabe ist, dass man sich aus der Welt begibt. Dies klingt jetzt sehr hochtrabend, doch meine ich damit einen ganz einfachen Umstand: Natürlich liege ich in genau diesem Moment in der Wanne und weiß, dass ich dort nicht ewig liegen kann, allerdings kann ich mich über diese Begrenzung hinwegsetzen, indem ich mit der Grundhaltung die Wanne besteige, dass ich dort unbegrenzt liegen könne und kraft meiner Vorstellungskraft auch nicht lokal gebunden sei.

Den Gesetzen von Zeit und Raum entbunden, kann man sich so auf eine Reise begeben – eine Reise in die Welt des Denkens, hin zu dem Ort, an dem die Quellen von Verstand, Vernunft, Erkenntnis und Urteilskraft leise vor sich herplätschern. Der locus amoenus der Ideen, Ursprung und Ausgangspunkt des Menschlichen jenseits der Natur, Wiege der Philosophie und der schönen Künste.

Dieser Ort ist die ideale Heimstatt all derer, die das künftige Schiksal der Welt bestimmen (Gruß an Platons Philosophenknig). Jedoch ist es leider nicht möglich für immer dort zu verweilen. Denn auch, wenn man sich, wie oben beschrieben, der weltlichen Begrenztheit entziehen kann, so ist dies immer nur für kurze Zeit möglich und selbst ohne aktives Hinzutun speist uns dieselbe Kraft, die uns an diesen Ort führte, wieder mit Gedanken an das Weltliche und Triviale. Und nur einen Augenblick später befinden wir uns wieder in einem Umfeld von Verpflichtungen, zu erledigenden Dingen und Terminen. Doch auch wenn wir (in Anlehung an Jostein Gaarder) den seltenen Vogel, der sich an diesem wundersamen Ort aufhält, nur kurz sehen können, so lohnt doch sein Anblick, denn er ist das herrlichste Geschöpf dem wir begegnen können.

(Wer in dieser Argumentation gewisse Parallelen zum neuen Buch „The Shallows“ von Nicolas Carr entdeckt, welches in Kürze auf deutsch unter dem – meines Erachtens schlecht gewählten – Titel „Wer bin ich, wenn ich online bin…: und was macht mein Gehirn solange?“ erscheint, wird merken, dass dieses Buch mich sehr fasziniert. Wer die Parallele nicht erkannt hat, dem kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen.)

Sarajevo 2.0

Heute vor neun Jahren hielt die Welt den Atem an. Schaut man sich die Entwicklung seither an, dann kann man getrost feststellen, dass der 11. September das Sarajevo des 21. Jahrhunderts ist. Hier die Attacke auf die beiden Türme des WorldTradeCenters, dort Schüsse auf den österreich-ungarischen Erzherzog Franz-Ferdinand und seine Gattin. Letzteres hatte zwei Weltkriege zur Folge, Ersteres den „war on terror“, der sich bisher in zwei Kriegen geäußert hat, in denen ebenfalls „die ganze Welt“ beteiligt war, und der uns wohl noch eine ganze Weile beschäftigen wird.

Doch hat sich in den letzten 100 Jahren sehr viel verändert: der Charakter von „Krieg“ hat sich gewandelt. Man könnte sogar soweit gehen und behaupten, dass wenn jemand von „Krieg“ spricht, diese Klassifizierung so undeutig geworden ist, dass sie näher spezifiziert werden muss. Spricht man von einem Krieg im klassischen, prä-modernen Sinne und meint damit eine Auseinandersetzung zwischen Herrschenden oder Ländern mittels fester Heere, die hauptsächlich aus dem Kampf Mann-gegen-Mann bestehen und vergleichsweise wenige Opfer in der Zivilbevölkerung fordern, da sie „auf dem Feld“ ausgetragen werden? Oder meint man damit die technologisierte Kriegsführung der beiden Weltkriege, die nicht mehr nur Sache der Armeen sind, sondern, in denen ganze Städte auf Knopfdruck ausradiert werden? Oder meint man damit gar ein Konstrukt wie den Kalten Krieg, also eine latente Bedrohung, die eher einer Aneinanderreihung von Krisen beschreibt, die jederzeit eine militärische Auseinandersetzung zur Konsequenz haben könnten? Oder meint man das, was im Zusammenhang mit dem „Krieg gegen den Terrorismus“ meinen, in dem die Staaten nicht mehr nur militärisch oder politisch agieren, sondern die Gesellschaft als Ganzes zum „Kriegsschauplatz“ wird?

Gerade eben habe ich eine Demonstration für Datenschutz von meinem Balkon aus beobachtet und dabei ist mir einmal mehr klar geworden, dass wir uns im „Krieg“ befinden. Nicht nur, dass Soldaten sich noch immer in den beiden direkt resultierenden militärischen Kriegen befinden, darüber hinaus gibt es auch seit den Anschlägen von 2001 einen politisch-juristischen Krieg, der sich dergestalt äußert, dass seither immer wieder massiv in die Freiheitsrecht des Einzelnen eingegriffen wurde. Was wurde nicht alles mit diesen Anschlägen oder eben der Bekämpfung des Terrorismus begründet? Seit nunmehr fast zehn Jahren ist fast jeder Lebensbereich damit in Verbindung gebracht worden und ich ersprare mir jetzt eine Aufzählung der Konsequenzen, da zum einen jeder weiß, wovon ich spreche, und zum anderen eine solche sowieso unvollständig sein müsste. Man kann ganze Bücher damit füllen – „Von der Rasterfahndung zum Bundestrojaner: Die Geschichte staatlicher Überwachung im 20. und 21. Jahrhundert“. Der vielzitierte Orwell hat sich halt lediglich um ein paar Jahre verrechnet.

In diesem Zusammenhang stellen sich mir zwei Fragen. Einerseits die Legitimationsfrage, die auch in den letzten Jahren sehr breit diskutiert wurde und noch wird. Diese schwebt so gesehen auch über der heutigen Demonstration, da die Meinungen darüber, wie weit Freiheiten zum Zwecke einer möglichen Verbesserung der Sicherheit eingeschränkt werden dürfen, weit auseinander gehen. Man kann sich hier nur differenziert mit jedem Punkt hinsichtlich der Nützlichkeit sowie dem Grad des Eingriff beschäftigen, wobei jedoch festgestellt werden kann, dass es doch zum Teil paranoide Züge aufweist, wenn man so manche Begründung von Maßnahmen in diesem Bereich hört. Eine Antwort könnten wir jedoch bei meinem Namensvetter Benjamin Franklin finden, dessen Aussage hierzu gerne verkürzt dargestellt wird und der sagte: „Those who would give up essential Liberty to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.“ Er bezieht sich nämlich in diesem Satz nicht auf eben den verkürzten – leider oft so zitierten –  Gedanken, dass, wer Sicherheit mit der Aufgabe von Freiheit bezahle, am Ende beides verliere, sondern sein Satz zeigt in sich schon eine differenzierte Sichtweise. Zum einen ist er keine Warnung, sondern eine moralische Aussage. Er sagt nicht: „if you give up…, then…“, sondern „those who would give up…, deserve neither…“. Es handelt sich also um eine Bewertung eines solchen Verhaltens. Darüberhinaus spricht er auch nicht von „der Freiheit“ oder „der Sicherheit“ per se, sondern bezieht sich auf essentielle Eingriffe in die Freiheitsrechte sowie eine kurzfristig dadurch erlangte Sicherheit, beides bleibt natürlich jenseits dieses Zitats zu definieren, weshalb dieser Satz auch so gesehen nicht allzu viel ausdrückt. Dennoch kann er als ein leitender Gedanke weiterführende Fragen aufwerfen und dient somit sehr gut als eine paradigmatische Richtungsweisung.

Doch die zweite Frage, könnte ebenso bedeutsam sein und noch weitreichendere Folgen haben: Welche Geister rufen wir gerade, die wir dann nicht mehr los werden? Schaut man sich die verschiedenen Phasen der oben verkürzt dargestellten Historie der Kriege an, stellt man fest, dass sich immer wieder grundlegende Strukturen verändert haben. Zum einen natürlich die Allianzen – die Nationalstaaten der beiden Weltkriege, ordneten sich neu und bildeten zwei Blöcke, die im Kalten Krieg aufeinander trafen und zum Teil eben jene Organisationen unterstützten, gegen die sie nun nach einer erneuten Reorganisation zu einem großen Block bekämpfen. Auch der Einsatz von Waffen verändert sich konstant – war die Atombombe ursprünglich als einfache Angriffswaffe gedacht, mutierte sie im Kalten Krieg zu einer psychologischen Größe, die eine konstante Bedrohung darstellte und führte zu einem Wettrüsten und einem ständigen Gefühlen  und mitlerweile ist zu befürchten, dass sie irgendwann auch terroristischen Orginastionen in die Hände fallen könnten. Somit stellt sich die Frage, was wohl im nächsten „Level“ – sprich: nachdem der Kampf gegen den Terrorismus überwunden wurde und ein neues Feindbild gefunden wurde (denn Feindbilder wird es immer geben, da sie unter anderem auch eine konjunkturfördernde Komponente haben) – was also wird dann passieren? Was wenn die nun geschaffenen Such- und Überwachungspraktiken modifiziert und nicht mehr im Sinne der Sicherheitswahrung verwendet werden? Wir schaffen also eine Waffe, deren Auswirkungen nicht vollends abzusehen sind, bevor sie nicht misbraucht wurde.

Andererseits ist die heutige Demo und das Thema dieses Beitrags sowieso in gewisserweise nicht die Hauptgefährdung hinsichtlich unserer Datenhoheit – denn die staatliche Datenspeicherung, gegen die hier argumentiert wird, ist ein verschwindend geringes Phänomen, wenn man es mit kommerzieller Datenspeicherung á la Google vergleicht. Wenn diese mal in falsche Hände gerät (sofern sie nicht schon dort ist), dann: Good Night, and Good Luck.

Das Aufdienerven-Ge(h)n

Ach, wäre doch über allen Wipfeln Ruh, wie es so schön in Goethes „Wanderers Nachtlied“ heißt, dem Thilo Sarrazin eine nicht so optimistische Zukunft vorraussagt, dann würde sein Hohelied des Rassismus wohl im Walde verklingen. Denn etwas anderes als blanker Rassenwahn kann man seinen Aussagen nicht entnehmen. Würde man diesem Geschwätz Glauben schenken, wäre es an der Zeit Schulmaterialien der zwanziger Jahre wieder vom Dachboden der Geschichte zu holen: Mir schweben da, diese überaus wissenschaftlichen Biologiekarten vor, bei denen phänotypische Merkmale der verschiedenen Rassen dargestellt werden – Stichwort an der Nase eines Mannes erkennt man, dass seinem Johannes der Religion wegen was fehlt.

Seiner Logik folgend, kann man von ihm jedoch nichts anderes erwarten. Denn warum sollte er, der quasimodeske Gesichtszüge hat, über einen höheren Reifegrad als dieser Glöckner verfügen? Da gibt es doch bestimmt einen genetischen Zusammenhang zwischen körperlicher Deformation und rechtspopulistischem Gehabe, was dann auch die Gemeinsamkeiten zwischen Vorstand Knitschauge und Minister Klumpfuß erklären könnte. Wobei es wohl einfacher wäre irgendwo eine Studie sarrazinischer Art aufzutreiben, die belegt, dass Heimkinder nie wirklich in einer demokratischen Gesellschaft ankommen, da sie schon in frühen Jahren mit Gewalt und Isolation konfrontiert wurden – denn das hat bestimmt auch schon wer behauptet und erforscht.

Wer anderen in einem solchen Maße die Intelligenz abspricht, sollte sich bewußt sein, dass er damit nur seinen eigenen Mangel offenbart. Denn gelernt zu haben scheint er nichts, zumindest nichts aus der Geschichte der „Rasse“ seiner hugenottischen Vorfahren, die sich vor einigen Jahrhunderten mit einer solchen Stimmungsmache in Frankreich konfrontiert sahen – allerhöchstens hat er, diese Vermutung legt sein Alter nahe, dem ein oder anderen entnazifizierungsresistenten Lehrer zu genau zugehört. Aber vielleicht ist ja der Nathan irgendwo dort draußen, der Sultan Sarrazin die Augen öffnet – bis dahin wird Lessing noch eine Weile im Sarg rotieren.

Derweil zieht die Karawane dann weiter – leider. Denn der eigentliche Skandal sind nicht seine Äußerungen, die man noch in die Ratzinger-Mixa-Hermann-Kiste packen könnte, sondern die breite öffentliche Zustimmung dazu. Auch wenn die Argumente zum Teil in die richtige Richtung zielen, den Kern im Apfel der Debatte treffen sie nicht, lediglich den noch jungen Sohn Demokratie, auf dessen Haupt dieser Apfel berhaupt erst seine Grundlage findet. So ist es unverständlich, dass so viele nun den Birnenkompott der eigenen Stammtischmeinungsmache mit diesem Apfel vergleichen. Doch man möchte Ihnen á la Loriot zurufen: „Ein Apfel ist ein Apfel und eine Birne ist eine Birne!“ Man sollte es halt stehen lassen, wenn es einem nicht schmeckt – doch die Auswüchse dieser Debatte können einem überzeugten und aufgeklärten Demokraten einfach nicht schmecken. Um es einmal ganz überspitzt in einem „Modellvergleich“ (in Anlehnung an Sarrazins „Modellrechnung“) auszudrücken: Während in Auschwitz getanzt wird, werden andernorts schon wieder neue Steine für neue Barracken geschleppt.

Innerhalb einer Woche hat „der Deutsche“ (der Zwillingsbruder von „dem Wähler“) mit breiter Zustimmung sowohl dem tanzenden Juden Jubel entgegengebracht, um dann diesen Applaus ohne Unterbrechung der These, es gäbe ein „Juden-Gen“, zukommen zu lassen. Man mag mir jetzt nahelegen, dass dies nicht die selben Individuen gewesen seien, jedoch geht es doch in diesem ganzen Diskurs sowieso nur um Kollektive ergo nur um „den Deutschen“ per se, der eben mit etwa 80% zustimmt – wahrscheinlich mit den 80% seiner Intelligenz, die er von seinen Ahnen der Herrenrasse vererbt bekommen hat.

Dieser Beitrag mag ebenso oberflächlich argumentieren, wie es seine Bezugsperson tut, jedoch kann man sich gerne mal auf die Ebene des Gegenübers begeben, wenn es der Sache dient. Wobei der eigentlichen Sache dient dieser ganze Lärm um nichts ja eben nicht und von einer differenzierten Debatte kann beiweitem nicht die Rede sein. Denn dann müsste sie auch einbeziehen, dass unsere Kultur und Zivilisation von den Menschen begründet wurden, deren Gene nun von Herrn Sarrazin entlarvt wurden. Im Grunde genommen haben uns die Vorfahren der arabisch-islamischen Kultur erst das gebracht, was der gute Herr nun verkörpert: Denn er ist wahrlich die größte Null im Lande.