In der Wanne mit Hannah Arendt zum ideellen locus amoenus

Gerade habe ich mir, nach einer Woche voller Neuerungen, ein ausgiebiges Bad gegönnt. Konnte ich früher zum Teil stundenlang baden, so verweile ich ob meiner Vorliebe für etwas zu heißes Wasser in letzter Zeit jedoch meist nur kurz in der Wanne. Heute jedoch habe ich es – etwas wohltemperierter – ausgiebig zelebrieren können: Man nehme einen anregend duftenden Badezusatz, stelle ein Glas Rotwein sowie eine Tasse Kaffee und Zigaretten in greifbare Nähe, lege klassische Musik auf und nehme sich ein gutes Buch zur Hand. In meinem Falle war letzteres heute „Vita activa“ von Hannah Arendt, was auch den Titel erklärt.

Ich habe allerdings jetzt nicht vor, über die Gedanken dieser Philosophin zu räsonieren – das werde ich an anderer Stelle tun -, sondern möchte über das schreiben, was eben vor sich ging und was in unserer heutigen, multimedialen und von rasanter Schnelligkeit geprägten Welt allzu kurz kommt: über die Hingabe an den Gedanken.

Wir leben in einer Zeit, in der jeder Einzelne mehr liest als jemals in der Geschichte der Menschheit zuvor: Werbeslogans, Hinweisschilder, Schlagzeilen, etc.. Doch verlieren sich die meisten Informationen, die wir auf diese Weise gelangen im Nichts und verlassen unverarbeitet unser Kurzzeitgedächtnis. Was uns also droht, verloren zu gehen, ist die Fähigkeit, einem bestimmten Gedanken zu folgen. Jedoch ist dies eine Grundbedingung des Verständnisses und viele Texte lassen sich nur so in Gänze erfassen – sofern man annimmt, dass sich ein Text überhaupt bis zum Letzten begreifen lassen (Gruß an den hermeneutischen Zirkel).

Natürlich kann man Texte auch einfach nur lesen, unter anderen Bedingungen, ohne dass dadurch ein Verständnis vollkommen fehlen würde. So habe ich selbst oft genug im Zuge des Studienalltags die Notwenidigkeit gehabt, mir beispielsweise Kant auch einmal in der Straßenbahn zu Gemüte zu führen. Doch auch wenn ein Verständnis so möglich sein kann, so hat es nicht die gleiche Qualität wie das Lesen in oben beschriebener (oder ähnliche entspannender, angenehmer) Situation. Denn um einen dargestellten Gedankengang intensiv nachzuvollziehen, bedarf es verschiedener Vorraussetzungen.

Eine dieser Vorraussetzungen ist die Ruhe, das Nicht-Abgelenkt-Sein, fernab von externen Einflüssen und Unterbrechungen. Nicht dass eine Unterbrechung an sich schlecht wäre, allerdings sollte sie dann internen Ursprungs sein, so dass man selber innehält, seine Gedanken schweifen lässt oder sich in einem Teilsatz oder sogar Wort verliert. Gerade auch die Ruhe und die damit verbundene Entspannung ist auch ein wesentlicher Faktor zur Entstehung von Kreativität, wie selbst die Wissenschaft heutzutage anerkennt. Nicht umsonst sind einige der genialsten Erfindungen der Welt nicht im Labor sondern auf der Toilette oder unter der Dusche entstanden.

Eine weitere Bedingung für diesen Zustand der Hingabe ist, dass man sich aus der Welt begibt. Dies klingt jetzt sehr hochtrabend, doch meine ich damit einen ganz einfachen Umstand: Natürlich liege ich in genau diesem Moment in der Wanne und weiß, dass ich dort nicht ewig liegen kann, allerdings kann ich mich über diese Begrenzung hinwegsetzen, indem ich mit der Grundhaltung die Wanne besteige, dass ich dort unbegrenzt liegen könne und kraft meiner Vorstellungskraft auch nicht lokal gebunden sei.

Den Gesetzen von Zeit und Raum entbunden, kann man sich so auf eine Reise begeben – eine Reise in die Welt des Denkens, hin zu dem Ort, an dem die Quellen von Verstand, Vernunft, Erkenntnis und Urteilskraft leise vor sich herplätschern. Der locus amoenus der Ideen, Ursprung und Ausgangspunkt des Menschlichen jenseits der Natur, Wiege der Philosophie und der schönen Künste.

Dieser Ort ist die ideale Heimstatt all derer, die das künftige Schiksal der Welt bestimmen (Gruß an Platons Philosophenknig). Jedoch ist es leider nicht möglich für immer dort zu verweilen. Denn auch, wenn man sich, wie oben beschrieben, der weltlichen Begrenztheit entziehen kann, so ist dies immer nur für kurze Zeit möglich und selbst ohne aktives Hinzutun speist uns dieselbe Kraft, die uns an diesen Ort führte, wieder mit Gedanken an das Weltliche und Triviale. Und nur einen Augenblick später befinden wir uns wieder in einem Umfeld von Verpflichtungen, zu erledigenden Dingen und Terminen. Doch auch wenn wir (in Anlehung an Jostein Gaarder) den seltenen Vogel, der sich an diesem wundersamen Ort aufhält, nur kurz sehen können, so lohnt doch sein Anblick, denn er ist das herrlichste Geschöpf dem wir begegnen können.

(Wer in dieser Argumentation gewisse Parallelen zum neuen Buch „The Shallows“ von Nicolas Carr entdeckt, welches in Kürze auf deutsch unter dem – meines Erachtens schlecht gewählten – Titel „Wer bin ich, wenn ich online bin…: und was macht mein Gehirn solange?“ erscheint, wird merken, dass dieses Buch mich sehr fasziniert. Wer die Parallele nicht erkannt hat, dem kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen.)

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