Die Gretchenfrage

Integration ist keine Frage von Religion. Soviel einmal vorweg. Auch wenn es jetzt scheinen mag, dass ich mit diesem Beitrag, der auf die Aussage unseres Bundespräsidenten zurückgreifen wird, an einer inaktuellen Fragestellung ansetze, so sieht man doch im Diskurs der letzten Wochen, dass diese Problematik eine gewissermaßen stetige Aktualität aufweist. Dies erkennt man nicht zuletzt daran, dass die Argumente seit der Leitkultur-Debatte eines Friedrich Merz vor zehn Jahren nichts an Einsicht dazu gewonnen zu haben scheinen.

Seit der Rede Christian Wulffs, die unter anderem darauf hinwies, dass der Islam zu Deutschland gehöre, besteigen die Kronanwälte christlich-jüdischer Kultur die Kanzeln der Republik und predigen die Hegemonie der westlichen Werte. Die Interpretation der Worte unseres Staatsoberhauptest reichen von „Beschreibung einer faktischen Realität“ über „Verklärung der Geschichte“ bis hin zu „Sensibilisierung für die Herausforderungen der Zukunft“. Meines Erachtens jedoch, ist an der genannten Aussage nur insofern etwas falsch, als dass es nicht heißen sollte, der Islam gehöre zu Deutschland, sondern vielmehr der Wahrheit entspräche, dass der Islam ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur sei.

Wer würde sich heute noch den großen Pionieren westlicher Demokratien – sprich den griechischen Philosophen – entsinnen, wenn nicht der Islam sie vor der Ausrottung durch die römisch-katholische Kirche bewahrt hätte? Mag heißen: Auch wenn uns – mir inklusive – der pöbelnde Türke auf der Straße zutiefst zuwider ist und diesem in welcher Form auch immer Einhalt geboten werden mus, so können wir doch nicht den logischen Kurzschluss zulassen, dass wir Religion mit der Vereinbarkeit mit westlichen Werten gleichsetzen.

Was überhaupt sind die vielbeschworenen westlichen Werte? Gründen diese nicht auf Denkleistungen, die ohne ein arabisches Zahlensystem nicht denkbar gewesen wären? Die Gauß’sche Glocke unter der sich heute viele unserer Berechnungen, Theorien, Statistiken und Erklärungsmodelle wiederfinden, wäre mit den klassisch europäischen, römischen Zahlen nicht erfindbar gewesen.

Es ist ja nicht so, als stünden die Türken abermals vor Wien. Zumal es nicht darum geht, dass wir bis auf’s Mark bewaffneten Islamisten gegenüberstünden – zumindest nicht in der Masse. Ich wäre der letzte der behaupten würde, dass es diese nicht auch gäbe. Daher stellt sich mir die Frage, was diese ganze Islam-Debatte überhaupt soll. Natürlich gibt es ein Problem mit Migranten – meist türkischen Mitbürgern, die sich unter dem Deckmantel des Glaubens der Integration verweigern. Aber ist dies wirklich eine Frage der Religion? Können wir wirklich den türkischen Hinterwäldler, der den Anreizen des deutschen Sozialsystems folgend hierher kommt, mit dem iranischen Immigranten, der eben wegen jener westlichen Werte, die er im Grunde seines Herzens verinnerlicht hat, hierherkommt, gleichstellen?

Ich denke, dass sich die Immigrationsfrage vor dem Hintergrund der sozialen Frage in zweierlei Hinsicht auflöst: Zum einen der pre-migrativen sozialen Frage, die anzeigt, aus welcher sozialen Schicht jemand kommt, zum anderen der post-migrativen Frage, in welcher Gesellschaftsschicht jemand nach dem Übersiedeln in unserer Gesellschaft ankommt.

Diese Frage harrt jedoch nicht der individuellen Lösung, sondern der systemischen. Auch deutschen Hartzdynastien fällt es schwer, ihren Nachkommen einen zukunftsweisenden Platz im Gefüge der krankenden sozialen Marktwirtschaft zu garantieren. Es ist keine Frage des Glaubens sondern des Blickes ins Portemonaie, auf welche Bahn ich in diesem Land gerate.

Auch wenn die nun gestellten Fragen um Kopftücher, Burkas, Imam-Ausbildung und Parallelgesellschaften durchaus ihre Berechtigung inmitten einer modernen Demokratie haben, so sollten sie doch nicht als die grundlegenden Fundamente verstanden werden, auf denen unsere westlichen Werte bergündet sind. Denn diese liegen ganz woanders. Jedem der sich solcher Polemik hingezogen fühlt, sei gesagt: Seit Leesing können wir nicht mehr wissen, wer den richtigen Ring trägt.

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