Verlorene Kontakte: Ein etwas anderer Rückblick auf ein Jahrzehnt

Jedes Jahr im Dezember ist es soweit. In den letzten Wochen des Jahres denke ich viel über die zurückliegenden zwölf Monate zurück und schwelge in Erinnerungen. Dieses Jahr kommt noch hinzu, dass ich versuche, mir das letzte Jahrzehnt – seines Zeichens das erste des neuen Jahrhunderts – vor Augen zu führen. Die Rückblicke in den Medien sind da auf politisch-gesellschaftlicher Ebene immer ganz hilfreich und man ist doch alljährlich immer wieder auf’s Neue erstaunt, was man im Laufe des Jahres schon wieder alles vergessen hatte und ein subjektiv vielleicht unspektakulär empfundenes Jahr wird zu einem Feuerwerk der Ereignisse. Der private Rückblick ist da schon ein wenig aufwendiger und es benötigt einiges an Erinnerungsvermögen.

Interessanterweise habe ich eben eine neue Erfahrung gemacht, die zu einer ganz eigenen Art von Rückblick geführt hat: Ich habe mir die Liste der Menschen angeschaut, von denen Facebook denkt, dass sie meine Freunde sein könnten. Ein skurriler Gedanke, den sich wohl vor zehn Jahren noch keiner hätte träumen lassen. Denn wer hätte zu Zeiten, als das World Trade Center noch stand und man noch mit der guten, alten D-Mark bezahlte, gedacht, dass der Computer einmal zu mehr zu gebrauchen sei, als ein paar Emails zu verschicken und SimCity zu spielen? Die Welt hat sich doch sehr gewandelt in diesem ersten Jahrzehnts, an das viele damals große Hoffnungen stellten, das aber auch große Ängste hervorrief. Man erinnere sich nur an die Milleniumspanik, die damals quer durch die Gesellschaft Ängste auslöste, dass die IT-Infrastruktur in Kraftwerken aussetzen könne oder sonst ein großer Knall passieren würde. Doch es passierte nichts dergleichen, das Leben beschritt langsam aber stetig seinen Weg in die Zukunft.

Ich könnte kaum etwas benennen, was in den letzten zehn Jahren mein Leben drastisch verändert hätte und alles ging irgendwie logisch ineinander über, doch fasse ich nun zusammen, wie sich das Leben im Allgemeinen und meins im Speziellen verändert hat, so komme ich zu dem erschreckenden Ergebnis, dass doch wesentlich mehr passiert sein muss, als es mir bewusst war. Ohne es zu merken, hat die Welt sich grundlegend verändert, habe ich mich grundlegend verändert, meine Ansichten, meine Erfahrungen, meine Gefühle. Alles was sonst so normal zu sein scheint, wird außergewöhnlich, sobald man einmal zwei entfernte Punkte des eigenen Lebens miteinander vergleicht. Hätte man mir im Januar 2000 eine Beschreibung meiner selbst im Dezember 2010 vorgelegt, wie hätte ich dann wohl reagiert? Einmal mehr kommt mir nun die klassische Frage von Vorstellungsgesprächen: „Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?“, albern und naiv vor. Wäre es möglich, dass sich die beiden Bens, die ja doch ein und derselbe sind, treffen können, sie würden wohl an die Grenzen der Kommunikation stoßen und der heutige müsste ständig Begriffe und Dinge erklären.

Doch zurück zu den Freundesvorschlägen: Schaut man sich seine direkten Kontakte an, so gerät man manchmal schon ins Grübeln, obwohl man hier bei vielen, jedoch nicht bei allen, weiß, was sie gerade tun, wo sie sich aufhalten, vielleicht auch was sie denken. Doch eben bei denjenigen, die aktuell nur in der zweiten Reihe der eigenen Kontakte stehen, ist das Sinnieren darüber schon um ein Vielfaches ausgeprägter. Wer sind diese Menschen heute? Was tun sie? Was denken sie? Würde man sagen, sie hätten sich sehr verändert oder hätte man das Gefühl, dass sie doch eigentlich im Kern die geblieben sind, die sie waren? Wie würde deren Urteil über einen selbst wohl ausfallen? Es ist in etwa so, wie wenn man in einem Anflug von Sentimentalität eine alte Fotokiste hervor holt oder in Kisten wühlt, in denen man Erinnerungsstücke aufbewahrt. Es kommen einem Dinge und Menschen in den Sinn, die man lange vergessen hatte. Situationen entstehen vor dem geistigen Auge, an die man lange nicht gedacht. Bilder, Emotionen und Gedanken tauchen aus der Tiefe wieder auf.

Dann setzt ein zweiter Schritt ein: Das in solchen Momenten unweigerlich einsetzende „Was wäre wenn?“. Wer hat unser Leben bestimmt und wer hätte es bestimmen können? Welche Entscheidungen hätten auch ganz anders ausfallen können, wenn zum Zeitpunkt des Fällens andere Menschen einem näher gestanden hätten? Bei welchen Menschen bereut man es, dass man jahrelang nichts mehr mit ihnen zu tun hatte? Wie hätten diese das eigene Leben eventuell verändern, bereichern oder umlenken können? So sehr es stimmt, dass das Leben die Summe der Erfahrungen und Entscheidungen eines Menschen ist, so sehr stimmt es auch, dass es ebenso die Summe der verpassten Gelegenheiten ist. Man kann nicht nicht handeln und auch das unterlassen muss in diese Rechnung mit aufgenommen werden. Doch woher soll man wissen, ob man den richtigen Weg eingeschlagen hat?

Solche Gedanken haben nichts damit zu tun, dass man zwangsläufig denkt, man habe sich falsch entschieden – im Gegenteil. Doch hätte es auch anders sein können. Allerdings stellen sich dann zwei weitere spannende Fragen: Zum einen die, ob man sich hätte überhaupt anders entscheiden können und zum anderen, ob dies dann wirklich einen Unterschied gemacht hätte. Ein Gedankenspiel, dass den Menschen schon immer beschäftigt hat und wohl immer beschäftigen wird, wie zahlreiche Beispiele aus Literatur, Film aber auch der Wissenschaft zeigen. Nicht umsonst ist die Debatte um den freien Willen oder eine wie auch immer geartete Vorbestimmung heute so aktuell wie eh und je. Treffen wir Entscheidungen bewusst oder sind sie Ergebnis biochemisch oder neurologisch vorgezeichneter Prozesse? Und wenn wir sie bewusst treffen, sorgt nicht dann eine Art von Schiksal oder Fügung doch wieder dafür, dass wir an den selben Punkt gelangen? Gibt es so etwas wie einen Lebensweg oder nicht?

Selbst wenn man Antworten auf diese Fragen fände, wären sie dann überhaupt relevant? Ergibt sich daraus eine Einsicht, die dann wieder produktiv umgesetzt werden kann? Entscheide ich mich künftig anders, wenn ich mir darüber Gedanken gemacht habe oder ist dies irrelevant, da es sowieso nicht real ist, wenn ich mir vorstellen, was hätte sein können? Im gestrigen Interview von Sandra Maischberger mit Helmut Schmidt, kam von ihm oft die Antwort, dass er zu einer abstrakten Frage keine Antwort gebe, da sich die Frage nicht stelle – etwa, ob es in der heutigen Zeit wieder eine Kanzlerschaft annähme. Dies ist natürlich eine Möglichkeit, damit umzugehen. Doch kann man sich auch von der Welle des Konjunktivs mitreißen lassen und vielleicht ergibt sich daraus dann auch eine gewisse Orientierung. Eine Orientierung, die wir doch alle, so hat man zumindest den Eindruck, immer mehr benötigen, doch immer seltener finden.

„Da steh‘ ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.“ Wahrscheinlich werde ich auch im kommenden Jahr und mehr noch im kommenden Jahrzehnt immer wieder denken, ich würde mich bewusst entscheiden. Ob dem dann so ist, sei dahingestellt. In die Welt der Alltagssprache schauend, sieht es eher so aus, als werde ich weiterhin nur ein Spielball der Prädestination sein, da „alles seinen Lauf“ nehmen wird. Selbst wenn es totaler Unsinn war, sich mit diesen Gedanken zu beschäftigen, so hatte es zumindest ein Gutes: Es hat Spaß gemacht.

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