Panem et circenses

Millionen haben gestern den Eklat bei „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ verfolgt und die Ausstrahlung brach alle Quotenrekorde der vergangenen Jahre. Auch wenn diese Serie oftmals als Unterschichtenfernsehen belächelt wird, kenne ich dennoch viele Menschen, die die Ereignisse dieser Publicity-Reha interessiert verfolgen, die nicht dem Prekariat angehören. Doch was reizt jemanden daran, eine solche Sendung zu schauen? Ganz einfach: die blanke Unterhaltung.

Selbst intelligente Menschen, die weiß Gott besseres mit ihrer Zeit anfangen könnten, schauen dieses Trash-TV, weil auch sie ab und an auf einem Level unterhalten werden wollen, das die grundlegendsten Instinkte des unzivilisierten Menschen berührt. Der Zuschauer ergötzt sich an dem Dschungeltheater und füttert das freudsche Es einwenig, fernab eines zivilisatorischen Über-Ichs, dass vorraussetzen würde, dass ein wie auch immer gearteter kultureller Überbau dieses Verlangen verschleiert. Man könnte zwar nun versuchen, das Ganze philosophisch zu begründen und in Rückgriff auf hobbschen Naturzustand, bei dem jeder dem anderen ein Wolf ist, argumentieren, dass eben dies das spannende Element sei oder könnte anfangen, das Verhalten der Teilnehmer psychologisch zu analysieren und sich zu fragen, warum wer in dieser oder jener Situation nun so und nicht anders handelt, könnte sogar auf einzelne Prüfungen eingehen und sie etwa vor dem Hintergrund des Milgram-Experiments auseinander nehmen, jedoch geht es doch darum gar nicht. Auch wenn dies ganz nette Nebenüberlegungen wären, so geht es im Grunde genommen nur um die reine Sensationslust, die hier befriedigt werden will.

Allerdings einer Einsicht kann man sich nicht verschließen: Eine Sendung wie das Dschungelcamp kann nur dann Erfolg haben, wenn es uns gut geht. Dies genau war nämlich die Kritik des römischen Dichters Juvenal, der erstmalig von „Brot und Spielen“ sprach. Er bemängelte, dass die römische Gesellschaft mittlerweile in einer solchen Dekandenz lebe, dass sie eben nicht mehr nur das eigene Vorankommen im Blick habe, sich um Fragen der Politik oder der Gesellschaft kümmere, sondern in ihrem Wohlstand nun nur noch eines suche, nämlich die Zerstreuung und Unterhaltung. Anders herum formuliert: Da es uns so gut geht, dass wir uns nicht ständig Sorgen um die existentiellen Fragen des Lebens machen müssen, da wir wohlbehütet in einer mehr oder weniger funktionierenden Gesellschaft leben, die uns das Überleben und die eigene Weiterentwicklung sichert, können wir in letzterer auch einmal innehalten und uns mit eben solchem Schwachsinn beschäftigen. Dass diese Unterhaltung auf so niedrigem Niveau stattfindet, zeigt daher nur an, dass wir uns von einem hohen Niveau herunter lassen. Diese Sendung ist ein gesellschaftlicher Luxusartikel, wie es sie schon immer in der Menschheitsgeschichte gegeben hat.

Diejenigen, die versuchen, zu definieren, dass ein solches Format „schlecht“ sei oder „niedere Gelüste“ befriedige, haben einerseits zwar recht, doch sollten sie sich auch bewusst sein, dass vieles, was heute zur Hochkultur gehört, ursprünglich den gleichen Effekt haben sollte. Denn wo liegt der Unterschied zwischen dem heutigen Fernsehzuschauer, der mit Chips und Bier vor dem Fernseher die Winkelzüge einer Sarah Knappik verfolgt und demjenigen elisabethanischen Globe-Besucher, der fressend und saufend in der Menge der Groundlings steht und sich an den Intrigen einer Richard III ergötzt? Nur weil ein Heer von Intellektuellen in den darauffolgenden Jahrhunderten den Shakespeare-Stücken eine kulturelle Grundlage verschafft hat, sie eingebettet hat in moralische Betrachtungen, zu Bildungsgütern sublimiert hat, heißt dies nicht, dass es nicht grundlegend nur um die Unterhaltung ging.

Auch wenn nicht zu erwarten ist, dass das Dschungelgeschehen irgendwann einmal Teil des Bildungskanons sein wird, so böte es doch genug Ansatzpunkte, die dies rechtfertigen würden, wie eingangs schon erwähnt. Gibt man sich diesem Gedankenspiel einmal kurz hin, so könnte man sich ohne Probleme ausmalen, dass auf eben jenen Fernsehzuschauer in einigen hundert Jahren genauso zurückgeblickt wird, wie wir heute auf die nach Unterhaltung geifernden Zuschauer des Globe zurückblicken. Und ebenso wie sich die Bewertungsmaßstäbe in der Vergangenheit verschoben haben, so könnten sie sich auch in dieser angenommenen Zukunft verschoben haben. Wobei ich einschränkend schon sagen muss, dass ich persönlich schon den Dramen Shakespeares einiges mehr an Gehalt zuschreibe, als dieser Pseudo-Reality-Show.

Da wir die Corsage der Zivilisation im Normalfall nicht einfach ausziehen können, brauchen wir ab und zu ein solches Ventil und lassen andere sich zum Affen machen, damit wir beherzt um die Götze der Sensation tanzen können. Somit wird das goldene Kalb zum heiligen Gral, zur moralischen Selbstdefinition ex negativo. Eben weil wir uns unserer Mängel bewusst sind und mit diesen immer wieder hadern, müssen wir uns über solch niedere Impulse erheben, um nicht an der eigenen menschlichen Unzulänglichkeit zu zerbrechen. Da uns jedoch in der realen Welt ein solcher Ausgleich oftmals fehlt, greifen wir auf solch simple Mechanismen zurück. Wobei allerdings auch hier eine Einschränkung gemacht werden muss, denn oftmals spielt sich ähnliches in unserer realen Welt in ähnlicher Weise ab, sei es in Arbeit oder Politik – denn was sind die heutzutage medial inszenierten Bundestagsdebatten anderes als ein Dschungelcamp für politisch Gebildete?

Daher schäme ich mich nicht dafür, dass ich mir diesen „Schwachsinn“ allabendlich hereinziehe und akzeptiere, dass er ein Teil meines menschlichen Daseins ist, wissend, dass es ein nötiger Ausgleich zu den sonst eher vorherschenden kulturellen, politischen, philosophischen und moralischen Betrachtungen ist, mit denen ich mich ansonsten beschäftige.

Dieses Format mag zwar unterste Schublade sein, doch in dieser Schublade, liegt es ganz oben.

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