F-ormulierungen A-us Z-eitungen

Heute findet man in sämtlichen Medien einen neuen Skandal um den Umfrageliebling Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Freiherr muss sich dem Vorwurf stellen, etwas frei(h)err zitiert zu haben, als eigentlich von akademischen Gepflogenheiten vorgesehen. Eine Untersuchung der Sachlage ist im Gange, jedoch sieht es zumindest den in den Medien veröffentlichten Auszügen und Gegenüberstellungen so aus, als sei an dem Vorwurf etwas dran, da hier zum Teil ganze Passagen, die wortwörtlich übereinstimmen, aufgezeigt werden.

Dies ist natürlich eine recht unschöne Situation für den Herrn Minister, der nun einmal mehr sich selbst verteidigen muss, könnte es ihn schlussendlich gar den Titel kosten. Dabei wäre dies doch auf einfache Weise zu verhindern gewesen. Denn schließlich ist das Zitieren erlaubt und somit sollte man keine Scheu haben, eine Übertragung auch kenntlich zu machen. Aus eigener Erfahrung kann ich dazu sagen, dass ich es auch teilweise beim Verfassen von Hausarbeiten und sogar im Rahmen meiner Magisterarbeit, extrem unbefriedigend fand, dass in einigen Passagen sehr viele Zitate nötig waren. Beim Verfassen habe ich mir dann oftmals selbst die Frage gestellt, ob dann überhaupt noch etwas Eigenes im Text steckt. Allerdings machte ich mir dann klar, dass durch die Kombination verschiedener Zitate und Passagen im Rahmen meiner Überlegungen meist eine neue Richtung eingeschlagen wurde und der „Mehrwert“ somit im Neuarrangieren schon Vorhandenen Wissens lag und weniger in den einzelnen Details.

Genau dadurch zeichnet sich wissenschaftliches Arbeiten ja zum Teil auch aus, denn man hat nicht bei jedem Thema die Möglichkeit, etwas komplett neues zu kreieren oder von Null anzufangen, sondern behandelt, gerade während des Studiums oftmals Themen, die schon von allen möglichen Seiten beleuchtet und behandelt worden sind. Dann geht es eben nicht darum, etwas neues zu sagen, sondern schon Gesagtes neu zu ordnen oder zu bewerten. Persönlich habe ich immer gerne vergleichende Themen präferiert, etwa den Vergleich mit einem viel rezensierten und einem nicht rezensierten Roman, so dass ich zum einen Passagen hatte, die einer Aneinanderreihung von Zitaten glichen, jedoch im Gegenzug ähnliche Überlegungen bei dem nichtbesprochenen Werk anhand der vorher wiedergegebenen „Rezepte“ anstellen konnte.

Man bricht sich keinen Zacken aus der Krone (,die ein Freiherr eh nicht trägt), wenn man angibt, dass eine Idee nicht von einem selber stammt. Doch wie schwimmend hier die Grenzen sind, habe ich schon ganz am Anfang meines Studiums gelernt. In der Besprechung einer Hausarbeit zu einem Linguistikgrundseminar diskutierte ich mit meiner Dozentin über einen solchen Grenzfall. Es handelte sich um eine Tabelle, in der die Sonorität der verschiedenen Laute dargestellt wurde. Um den Anschein zu erwecken, dass es sich nicht um eine direkte Übertragung handelte, hatte ich die Tabelle einfach um 180 Grad gedreht, so dass die Laute nicht von links nach rechts, sondern von rechts nach links geordnet waren. Dies war natürlich ein dilletantischer Fehler, der diesen Verdacht überhaupt erst erzeugte, denn schließlich ist eben besagte Tabelle in jedem Lehrbuch zur Phonetik enthalten. Dies war dann auch meine Rechtfertigungsgrundlage. Meine Dozentin war der Meinung, es sei ein Plagiat und hätte müssen gekennzeichnet werden, ich vertrat den Standpunkt, es handele sich um so fundamentales Grundwissen, welches in jedem Einführungsseminar gelehrt werde und in jedem Nachschlagewerk zu finden sei, dass es mittlerweile eher als fachliches Allgemeinwissen angesehen werden könne. Schließlich kann man gerade bei grundlegenden Aussagen nicht jede Quelle nachweisen, da dies zur Folge hätte, dass bei jeder Erwähnung, dass die Erde keine Scheibe ist, Gallileo Gallilei als Quelle angegeben werden müsste. Da es sich hierbei also nur um einen kleinern Fall handelte, drückte meine Dozentin damals ein Auge zu und beließ es bei einer Verwarnung. Jedoch hatte ich somit schon frühzeitig gelernt (und das war wahrscheinlich auch ihre primäre didaktische Absicht), dass es besser ist, einer Quelle zuviel anzugeben, als eine zu wenig. Fortan entschied ich im Zweifelsfall immer so, dass ich mich für das Zitat und gegen das Allgemeinwissen entschied.

Eine komplett andere Erfahrung habe ich dann ein paar Semester später im Rahmen eines Shakespeare-Seminars gemacht. Anhand der schier unendlichen Sekundärliteratur über Shakespeare, bestand unser Professor darauf, dass man sich maximal eine handvoll Sekundärtexte anschauen solle, um einen generellen Zugang zum Thema zu bekommen, jedoch nicht versuchen solle, das ganze wissenschaftliche Spektrum zu sichten. Er meinte, dass es fast nicht möglich sei eine Aussage über ein Stück Shakespeares zu treffen, die nicht schon einmal irgendwer anders getroffen habe. Somit riet er uns, den Text eher anhand unserer eigenen Überlegungen zu gestalten, so dass er unsere Sicht der Dinge nachvollziehen könne und er nicht so sehr danach schauen würde, ob wir eine Idee von irgendwem kopiert hätten. Denn er war der Überzeugung, dass er, als Fachmann, sowieso bei jedem Satz in den Untiefen der Regalkilometer irgendwo einen ähnlichen Gedanken würde finden können. Außerdem stellt sich gerade in Bezug auf Shakespeare ein zweiter Umstand ein: Shakespeares Stücke sind schon zu einem solch hohen Maße in unserem kulturellen Gedächtnis verankert, dass man, selbst wenn man etwa Hamlet zum ersten Mal liest, ihn schon zu kennen scheint, wie es Marjorie Garber in ihrem Buch Shakespeare After All schreibt: „Indeed, as many commentators have observed, the experience of Hamlet is almost always that of recognition, of recalling, remembering, or identifying some already-known phrase or image.“ An diesem Zitat zeigt sich eine weitere Möglichkeit, wie man dieses Problem geschickt umgehen kann. Man kann durch einen einfachen Einschub auf „viele andere“ verweisen sofern dem so ist, ohne dann zwangsläufig eine genaue Quelle anzugeben.

Oft hat man ja auch Gedanken während der Behandlung eines Themas, von denen man zwar genau weiß, dass man sie irgendwann einmal gelesen oder gehört hat, jedoch nicht mehr weiß wann, wo oder in welchem Zusammenhang. Auch wenn dies gerne als Ausrede vorgeschoben wird, so sollte man in einem solchen Falle doch sehr kritisch mit etwaigen Vorwürfen sein, denn dies ist nun auch mal dem lebenslangen Lernprozess an sich geschuldet, da man sich teilweise über Jahre an etwas erinnert, jedoch nicht mehr an den Ursprung dieses Wissens. Auch hier gibt es eine persönliche Episode von mir. Ich wusste genau, dass ich irgendwann einmal gehört oder gelesen hatte, dass das Nicht-Erwähnen von Frauen in dem Gesetz zur Bestrafung von Homosexualität auf die Tatsache zurückzuführen sei, dass Königin Victoria, unter deren Regiment ein solches Gesetz erstmals verfasst wurde, der Meinung war, dass so etwas unter Frauen nicht vorkäme. Da gerade bei Gesetzestexten sehr viel abgeschrieben wird, jedoch in diesem Falle nicht im Sinne des Plagiats sondern da man gewohnheitsmäßig auf schon bestehende Regelungen im In- und Ausland zurückgreift, tauchten die Frauen daher in kaum einem Gesetzestext auf. Im Zuge meiner Magisterarbeit, die sich mit den Oscar-Wilde-Prozessen beschäftigte, wollte ich dies in einer Fußnote anmerken und war überglücklich, als ich genau diese Anekdote in einer Fußnote der Oscar-Wilde-Biografie von Richard Ellmann fand. Andernfalls hätte ich vor der Entscheidung gestanden, es als vages Halbwissen kennzeichnen oder aber diese Information ganz streichen zu müssen – beides lediglich suboptimale Lösungen.

Im literaturwissenschaftlichen Kontext kommen Plagiate zwar vor, jedoch nutzt es meist nichts, sich einfach irgendwo zu bedienen, da man hier meist mit ja auch die eigene Leseerfahrung verarbeiten möchte und meist genügend eigene Gedanken und Interpretationsansätze hat, die man ausbauen kann. Bei eher faktisch orientierten Themen wie im aktuellen Fall beispielsweise die Jura betreffend, bei denen der Auslegungsspielraum um einiges begrenzter ist, könnte man schon eher auf die Idee kommen, sich kleinerer oder größerer Hilfestellungen zu bedienen. Dies spiegelt auch meine eigene Erfahrung wieder, denn mehr als einmal wunderte ich mich gerade bei Kommilitonen der juristischen Fakultät, dass sie seltsamerweise immer extrem gute Arbeiten ablieferten, jedoch in den Seminardiskussionen ein tieferes Verständnis der Materie vermissen ließen und dem Diskurs nur zweifelhafte Beiträge beisteuerten, wohingegen in den anglistischen Seminaren die Vorhersagbarkeit der Zensuren recht einfach zu sein schien. Ich möchte jetzt keinesfalls behaupten, dass Juristen eher plagiieren, jedoch würde es mich nicht überraschen, fände ich eine Studie, die genau dies nachweist. Es mag auch daran liegen, dass gerade solch renommierte Fachrichtungen wie Jura oder auch BWL oftmals von Studenten aus Tradition ergriffen werden (zum Teil auch auf Druck der Familie) – nicht umsonst trifft man hier häufig angehende Juristen, deren Eltern sich auch schon diesem Fach gewidmet haben – teilweise kommen die Studenten aus reinsten Juristendynastien, wohingegen man in den anderen Geisteswissenschaften eher Studenten trifft, die das Fach aus einem eigenen Interesse ergriffen haben – oftmals sogar gegen gutes Zureden der Eltern, die dann doch lieber wollen, man studiere etwas Sinnvolles wie Jura. Zum anderen fällt es auch nicht so sehr auf, dass jemand etwas abgekupfert hat, zumindest nicht in dem Maße wie etwa in den Naturwissenschaften.Wer eine Kurvendiskussion fehlerfrei durchführen kann, der kann es auch für eine neue, ihm unbekannte Formel, was die Überprüfung des wirklichen Wissensstandes erleichtert.

Gerade jedoch die Überprüfung, ob es sich bei einem Verdacht wirklich um ein Plagiat handelt, kann im Einzelfall sehr kompliziert sein, wenn es sich nicht gerade um eine wörtliche Übertragung handelt. Dass man solche Stellen in der Arbeit von Herrn zu Guttenberg gefunden hat, ist hochgradig peinlich. Natürlich kann es einem passieren, dass man eine Quellenangabe vergisst, jedoch bei solchen Eins-zu-Eins-Übertragungen hat man den Text normalerweise vor sich liegen, um ihn abzutippen und kann eine Angabe sehr einfach und schnell einfügen. Zudem kann einem das ein oder zwei Mal passieren, jedoch scheint es ja in seinem Falle gleich mehrere Stellen zu geben, die dahingehend Mängel aufweisen. Ob und wenn ja, in welchem Maße er gegen Zitationsregeln verstoßen hat, wird festzustellen sein. Dass es jedoch kein gutes Licht auf ihn wirft und er sich diesem Thema mit mehr Ernsthaftigkeit widmen sollte, als er es bisher getan zu haben scheint, liegt auf der Hand. Sollten sich die Vorwürfe gar bewahrheiten, dann könnte dies noch weitere Kreise ziehen. Aber um eines muss er nicht bangen: Den Titel Freiherr kann man ihm nicht aberkennen.

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