Die Passion eines jeden – eine unchristliche Interpretation

Warum fasziniert das Leben und Leiden Christi uns Menschen so? Welche Erkenntnisse kann man auch heute noch daraus ziehen, in einer Zeit, in der die eigentlich religiöse Komponente uns ferner liegt denn je? Was macht diese „Geschichte“ aus, was auch uns selbst betrifft? Fernab einer theologischen Auslegung, liegt in der Beschreibung des Leidens Jesu etwas, was selbst dem Ungläubigen Hoffnung und Stärke geben kann.

Der folgende Text erhebt keinesfalls den Anspruch in irgendeiner Weise konform mit dem zu sein, was die Lehre der römisch-katholischen Kirche ausmacht. Dies kann er auch gar nicht, da eine wie auch immer geartete Trivialisierung des eigentlichen Kerns dieser Religion immer gleich auch den Beigeschmack der Blasphemie hat. Dennoch liegt in diesem Stoff, wenn man ihm säkularisiert und aus einer rein literarischen Sichtweise entgegentritt, etwas, was den Leser fesselt. Wie in allen großen Stoffen ist auch hierin ein großes Potential zur Identifikation enthalten. Denn nur, wenn ich mich in einer Handlung auch wiedererkennen kann, birgt sie für mich die nötige Relevanz, um mich damit auseinander zu setzen. Daher versuche ich einmal zu schauen, was die Passionsgeschichte Christi im Transreligiösen ausmacht und staune darüber, dass sich hierin ein idealisierter Lebensweg von uns allen widerspiegelt.

Schaut man sich die Abfolge der Ereignisse dieser zentralen Episode des neuen Testaments einmal so an, wie es etwa auch Strukturalisten tun würden, so stellt man fest, dass eine Analogie zu vielen individuellen Biographien gar nicht so fern ist. Natürlich kann man jeden Stoff im Lichte verschiedenster Kontexte betrachten und auf unzählige Situationen übertragen, doch will ich mich heute einmal darauf konzentrieren, das Ganze als eine Art „Bildungsroman“ zu verstehen.

In einem jeden Leben kommt irgendwann der Punkt, an dem man sich selbständig macht und beginnt, sich auf die eigenen Beine zu stellen – heraus aus der Geborgenheit der Vergangenheit hinein in eine ungewisse Zukunft. Nicht selten ist dies auch mit einem örtlichen Wechsel verbunden, was zum Beispiel in alten traditionellen Modellen wie etwa der Walz der Zimmermannsgesellen deutlich wird. Man zieht in eine große Stadt, um dort das Leben zu erfahren. Anfangs scheint diese neue Welt aufregend und berauschend zu sein, man lernt neue Menschen kennen und hat das Gefühl, die Welt jubele einem zu. Man zieht ein in einen neuen Daseinsabschnitt, der einem viel verspricht. Die Zukunft scheint einen mit Palmwedeln zu empfangen.

Doch es dauert meist nicht lange, bis die ersten Widerstände kommen. Die ersten Probleme, denen man sich zu stellen hat. Von außen wird man mit Dingen konfrontiert, die man bis dahin nicht kannte. Man muss sich Institutionen stellen, verschiedenste Prozesse durchlaufen und insgesamt scheint es, als sei die Welt ein unbezwingbarer Gegner. Schaut man dann zurück und sucht den Schutz des alten Umfeldes, so stellt man fest, dass viele alte Freunde einen nun verlassen haben und teilweise sogar judasgleich hintergehen. Selbst die Liebe der Eltern scheint einem entrissen zu sein. Auch wenn die eigene Mutter noch weinend und mitfühlend unter dem Kreuz steht, weiß man, dass man nun auf sich gestellt ist und stellt sich die Frage: „Vater, warum hast du mich verlassen?“ Die Antwort, die einem die Welt darauf gibt ist: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“

Wie gerne würde man diesen Kelch an sich vorrüber gehen lassen? Doch dieses Sterben des alten Ichs ist notwendig und ohne diesen Prozess des Sterbens gäbe es kein Wiederauferstehen. Im Grunde ist dies die konstruktive Destruktion, die so oft als Metapher für Entwicklungsprozesse heran gezogen wird. Man steigt nun hinab in das Reich des Todes – allein, verlassen und und für eine unbekannt lange, jedoch auch zeitlich begrenzte Periode. Erst dadurch, dass man den Tod erfährt, wird einem bewusst, was Leben bedeutet. Erst durch diese Definition ex negativo entwickelt man ein Gespühr für Werte. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, sagt der Volksmund und umschreibt damit genau diesen Prozess des Haderns, Kämpfens aber auch Wachsens. Man wächst an den Herausforderungen, die an einen gestellt werden. Auch wenn es oftmals scheint, als würde man an diesen nun vollends zugrunde gehen, so sind doch auch gerade diese Erlebnisse des Scheitern und diese Erfahrungen der Ohnmacht Grundlage für den künftigen Erfolg.

Dieser stellt sich im Anschluss an diesen Lebensabschnitt dann auch ein. Man entkommt dieser düsteren Zeit, um sich dann im neuen Lichte glanzvoll der Welt zu präsentieren. Man ist danach ein anderer Mensch, was sich auch daran zeigt, dass alte Freunde einen wie Thomas nicht wiedererkennen. Man fährt sogar hinauf gen Himmel, um dort dann wieder vereint mit dem Vater und den alten Freunden die Schöpfung in vollem Umfange genießen zu können. Durch das erfahrene Leiden hat man nun sogar selbst die nötige Weisheit erlangt, um selber richten zu können. Vergleicht man dann rückblickend das Vorher mit dem Nachher, so stellt man fest, dass man durch diesen Prozess auf vielfältigste Weise hinzugewonnen hat.

Deshalb enthält diese Geschichte für uns alle, ganz gleich welcher Religion wir angehören und jenseits der Frage, ob wir überhaupt gläubig sind, nicht nur das Geheimnis des Glaubens, sondern vielmehr das Geheimnis des Lebens. Egal auf welche individuelle Situation wir dieses Gleichnis anwenden (ob auf Trennungen, Ausbildung, schmerzliche Erfahrungen oder sonstige Rückschläge), gibt es uns auf essentielle Weise die Kraft und den Mut durchzuhalten. Darum schadet es auch nicht, sich diese Zusammenhänge immer wieder vor Augen zu führen und sei es nur einmal im Jahr, wenn man durch Ostern an diese Geschichte erinnert wird.

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