Monthly Archives: May 2011

Drum singe, wem Gesang gegeben

Als ich noch zuhause lebte, habe ich Jahre lang im Chor gesungen. Erst im Kinderchor unseres Ortes, dem ich von der ersten Stunde an angehörte und später dann im Kirchenchor. Später wirkte ich dann in einigen semiprofessionellen Musicalproduktionen mit, sang in der Bigband unserer Schule und hin und wieder mal zu Hochzeiten oder ähnlich feierlichen Anlässen und nicht zuletzt dann als Cressida Treulos auch auf einigen Kölner Bühnen.

Doch neben all diesen offiziellen Gelegenheiten, gab es auch das ganz private Singen. Da aus unserer Familie zeitweise fast alle gemeinsam im Chor sangen und passenderweise somit alle vier Stimmen besetzt waren, kam es nicht selten vor, dass man sich hin und wieder um das Klavier versammelte und gemeinsam die kürzlich einstudierten Chorstücke sang. Auch besaß meine Mutter in ihrem alten Auto kein Radio, was dann dazu führte, dass wir, wenn wir gemeinsam irgendwohin fuhren, sämtliche Lieder in unserem Repertoire sangen und wenn uns dieses ausging, so sangen wir alles Mögliche querbeet und ich erfand einfach ad hoc eine zweite Stimme hinzu.

Noch heute kann ich die meisten der damals einstudierten Stücke auswendig – nicht nur den Text sondern bei manchen auch alle vier Gesangsstimmen. Nicht zuletzt lässt sich damit auch bei Altsprachlern Eindruck schinden, da man durch diverse Messen, die lateinischen Texte alle Auswendig kann – sei es das „Te deum“, das „Gloria“ oder Sonstiges.

Seit meiner Zeit in Heidelberg beschränkt sich mein Gesang leider nur noch auf gelegentliches Singen unter der Dusche oder wenn einem eben gerade danach ist, was insofern bedauerlich ist, dass ich merke, dass die Stimme zunehmend an Übung verliert und der Tonumfang insbesondere nach oben hin, langsam aber stetig nachlässt. Naja, ich denke, das wird sich wohl auch irgendwann wieder reaktivieren lassen. Dennoch bin ich in den letzten Jahren eher zum Konsumenten von Tönen geworden statt zum Produzenten. Dabei gibt es eigentlich – außer Tanzen, was ich jedoch auch vernachlässige, vielleicht – nichts Schöneres und Befreienderes als den Gesang.

Der Volksmund sagt so schön: „Wo man singt, da lass‘ dich nieder. Böse Menschen haben keine Lieder.“ In gewisser Weise stimmt dies auch. Wenn auch nicht in der Hinsicht, dass Musik nicht auch für üble Zwecke instrumentalisiert würde, so jedoch hinsichtlich der Gemeinsamkeit, die man miteinander erleben kann, wenn man zusammen singt. Man kann schwerlich zusammen reden – zusammen singen kann man schon. Viele individuelle Stimmen fügen sich zu einem einheitlichen Ganzen zusammen und selbst wenn jeder eine andere Stimme singt, so verliert sich jeder Einzelne doch im Ganzen und es entsteht eine Harmonie. Das gilt sogar für den Fall, in dem man zueinander passende Lieder miteinander kombiniert also so genannte Quodlibets. Für alle, die den Begriff zum ersten Mal hören, sei hier ein Beispiel gegeben:

Man kann die Kanons „Es tönen die Lieder“, „C-A-F-F-E-E“, „Heut‘ kommt der Hans zu mir“ und „Hab mein‘ Wagen vollgeladen“ miteinander kombinieren, so dass man bei entsprechender Besetzung nicht nur jeden Kanon für sich dreistimmig singen kann, sondern alle vier Kanons zu je drei Stimmen, ergo zwölfstimmig singen kann. Allerdings klappt dies meist nur dann, wenn jeder auch gewohnt ist, etwa dadurch, dass er einmal eine Zeit lang in einem Chor gesungen hat, ganz auf sich alleine gestellt, gegen andere anzusingen. Schließlich hat jeder der zwölf in dem Fall nicht nur eine eigene Melodie sondern auch einen eigenen Text. Doch gerade dies macht den Reiz daran aus: Der Verstand sagt einem, dass dies ein reines Chaos ergeben müsse, doch die Logik der Musik belehrt einen eines Besseren.

Solche komplexen Stücke singe und höre ich am liebsten. So überrascht es auch nicht, dass mein Lieblingsstück aus „Phantom der Oper“ das Ensemblestück „Primadonna“ ist – ein achtstimmiges Lied, in dem ebenfalls verschiedene Melodien, Rhythmen und Texte miteinander kombiniert werden. Herrlich, wenn dies sich dann doch zum reinsten Hörerlebnis zusammenfügt.

In meiner Familie waren eigentlich immer schon viele Sänger, einer jedoch, ein entfernter Verwandter mütterlicherseits, leitete mehrere überregionale Chöre: Werner Lohner. Mit seinen Chören bereiste er die halbe Welt um Konzerte zu geben. Wann immer er mich traf oder gar singen hörte, war er nicht müde, mich einzuladen, doch in einem seiner Chöre mitzuwirken. Leider kam es nie dazu, denn da es sich um überregionale Chöre handelte, die sich an wechselnden Orten zu Proben trafen und auch durch die Auftrittsreisen immer viel Zeit beansprucht hätten, konnte ich dieser Einladung leider nicht folgen. Gerne hätte ich jedoch bei so einem großen Chor einmal mitgesungen.

Aber was nicht ist oder besser war, kann ja noch werden. Allerdings schiebe ich meine Sangesaktivitäten noch etwas hinaus, bis zu dem Zeitpunkt, wenn ich wieder etwas mehr Zeit dafür habe und wie auch immer seßhaft geworden bin. Denn eins habe ich schon damals gelernt: Zum Singen ist man nie zu jung und nie zu alt und im Gegensatz zum Fahrradfahren verlernt man es wirklich nicht.

P.S.: Dieser Beitrag ist Regina Görner gewidmet, die sich für Ihren Geburtstag statt eines Präsents etwas „Selbstgebasteltes respektive –geschriebenes“ gewünscht hat. Herzlichen Glückwunsch, liebe Regina. Da ich weiß, wie viel Freude dir der Chorgesang macht, dachte ich mir, dass dies ein schönes Thema für einen Beitrag sei. Habe einen schönen Tag, wir sehen uns heute Abend.

Wildes Klagen

„Sex and Crime sells“ – erst recht, wenn sie aufeinandertreffen; wenn dann noch eine berühmte Persönlichkeit in die Sache verwickelt ist, ist es eine Goldgrube für die Medien. Ob Straus-Kahn oder Kachelmann, die Gier der Öffentlichkeit stürzt sich darauf. Doch Moment mal – das erinnert mich doch an etwas. Ich  habe mich doch vor nicht all zu langer Zeit, mit genau diesen Fragen beschäftigt, als ich meine Abschlussarbeit zu einem der ersten und prominentesten Fälle geschrieben habe: Oscar Wilde.

Der englische Autor irischer Abstammung Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde kann als einer der ersten „Celebrities“ angesehen werden und hätte er nicht im 19. Jahrhundert gelebt, so könnte man meinen, er sei der Popkultur entsprungen. Wie kaum ein anderer vor ihm, verstand er es, sich selbst zu inszenieren und medial zu präsentieren, was natürlich seinerzeit noch ganz anders vonstatten ging als in der heutigen, multimedialen Welt. Bezieht man solche historischen Unterschiede mit ein, so kann man jedoch viele Parallelen zu heutigen Stars wie etwa Madonna oder Lady Gaga erkennen: Er setzte sich, wo er konnte ihn Szene, erfand sich immer wieder neu, spielte mit gewissen Klischees, suchte die Öffentlichkeit und stieß damit bei nicht wenigen seiner Zeitgenossen auf Ablehnung und Neid.

Auf der Spitze seines Erfolgs – zwei Stücke von ihm liefen gerade sehr erfolgreich in London – kam jedoch ein abruptes Ende und ein tiefer Fall, an dem er jedoch mindestens genauso viel Mitschuld hatte, wie an dem vorangegangenen Höhenflug. Nachdem der Marquis von Queensberry, der Vater seines Geliebten Alfred ‚Bosie‘ Douglas, ihn der Sodomie bezichtigte, klagte er diesen wegen Verleumdung an und läutete somit sein eigenes Ende ein. Nicht selten ist es ja so, dass Menschen in so exponierter Stellung vorrübergehend – und ich betone vorrübergehend – Fehlentscheidungen treffen, die ihre Ausgangslage noch verschärfen und das endgültige Aus erst besiegeln. So auch bei Wilde. Denn durch eben jenen Prozess, in dem die Verteidigung der Gegenseite keine Mühen scheute, wurde der breiten Öffentlichkeit bekannt, was viele insgeheim schon wussten oder vermuteten: Oscar Wilde hatte Unzucht mit jungen Männern betrieben, was an sich schon ein arges Vergehen in jener Zeit war. Darüber hinaus waren dies jedoch auch Jungen niederer Herkunft gewesen, was im viktorianischen England der Zeit, welches sehr vom gesellschaftlichen Klassendenken geprägt war, die ganze Sache noch schlimmer machte. Als seine Anwälte während des Prozesses merkten, dass es ihnen nicht gelingen würde, diesen erfolgreich zuende zu bringen, zogen sie die Anklage zurück und Lord Queensberry ging als Sieger aus diesem Prozess hervor.

Doch nun standen die Anschuldigungen im Lichte der Öffentlichkeit und es folgten zwei Prozesse, in denen nun Wilde selbst angeklagt wurde und die damit endeten, dass er mit zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit bestraft wurde. Zurecht, wenn man die damaligen Gesetze zugrunde legt, denn Oscar Wilde hatte ein noch viel zügelloseres Leben geführt als man ihm nachweisen konnte. Auch wenn dieses Bild sich aus heutiger Sicht wesentlich differenzierter darstellt und die meisten seiner Taten heute, Gott sei Dank, nicht mehr unter Strafe stehen, so könnte er jedoch auch heute noch juristische Probleme bekommen, da seine Gespielen ähnlich den Gespielinnen eines italienischen Staatsmannes, noch minderjährig waren.

Es lässt sich also festhalten, dass er aus damaliger Sicht sehr wohl eine Strafe bekommen hatte, die den geltenden Gesetzen entsprach und ihm somit auch Gerechtigkeit widerfahren ist. Doch ebenso wie in den eingangs erwähnten Fällen, war das Prozedere bis zum Urteil alles andere als fair. Gerade der erste Prozess wurde zu einem medialen Spektakel, der dem Namen „Schauprozess“ alle Ehre macht. Schon Stunden vor der Prozesseröffnung füllte sich der Gerichtssaal und es schien als versuche ganz London diesem Spektakel beizuwohnen. Die Presse, die ihn kurze Zeit zuvor noch hochgejubelt hatte, begleitete den Prozess mit einer hämevollen Berichterstattung und nicht zuletzt die Gegenseite sorgte dafür, dass Wilde zeitweise nicht einmal eine Unterkunft fand, da man ihm in sämtlichen Hotels der Stadt die Tür wies. Wer die aktuelle Berichterstattung verfolgt erkennt die Parallele.

In den letzten Tagen liest man sehr viel von der Unschuldsvermutung, ein Konzept, das seinerzeit beiweitem nicht den Stellenwert von heute hatte. Doch ist dies ein grundlegendes Prinzip im Verständnis des modernen Rechtsstaats. Lediglich ein Gericht hat das Recht, einen Angeklagten für schuldig zu befinden und bis zur Urteilsverkündung gilt, dass man ihn nicht vorverurteilt. Ein solches Vorgehen hat auch einen Sinn, denn gesetzt den Fall, jemand ist wirklich unschuldig, so darf er eigentlich auch keinen persönlichen Schaden aus der Anklage ziehen – abgesehen vom Aufwand den ein solcher Prozess mit sich bringt. Denn anders hätte jeder Mensch die Möglichkeit, das Leben eines anderen Menschen vollends zu zerstören, alleine nur dadurch, dass er ihn einer Tat beschuldigt – somit wäre ein Schlachtfeld eröffnet, indem der Staat nur tatenlos zuschauen kann, wie sich seine Bürger gegenseitig ins Aus katapultieren. Man muss nicht lange suchen, um auch hierfür prominente Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zu finden.

Jahrzehntelang war der persönliche Schutz eines Angeklagten in den meisten Fällen ein hohes Gut innerhalb der deutschen Gerichtsbarkeit, doch stellt man in den letzten Jahren gerade bei berühmten Persönlichkeiten eine zunehmende Amerikanisierung fest. Denn unsere Nachbarn auf der anderen Seite des Teichs haben diesbezüglich schon immer ein etwas anderes Verständnis gehabt. Doch selbst dort hat sich die Situation noch durch die Omnipräsenz der Medien zunehmend verschärft.

Natürlich gehört es auch zum Rechtsstaat, dass ein Prozess vor den Augen der Öffentlichkeit stattfindet und keiner möchte irgendwelche Hinterzimmerprozesse einführen. Doch gibt es verschiedene Grade der Öffentlichkeit, die in einem solchen Fall einen gravierenden Unterschied darstellen. Zum einen hat jeder Bürger das Recht, einem Prozess beizuwohnen und somit eine Art von öffentlicher Konrolle auszuüben. Auch ist nichts dagegen zu sagen, dass ein Prozess von Berichterstattung begleitet wird und somit auch „die Öffentlichkeit“ Anteil daran nimmt. Es ist jedoch ein qualitativer Unterschied, wenn Letzteres in einem solchen Ausmaß geschieht, dass schon vor der Anklageerhebung der Beschuldigte auf allen Titelblättern zu sehen ist. Das hat nichts mehr mit einem neutralen öffentlichen Bewusstsein zu tun.

Es ist selbstverständlich klar, warum sich die Medien auf einen solchen Fall stürzen: Sie befriedigen damit die Sensationlust der Leser und Zuschauer, die nur darauf warten, dass endlich mal einer zur Rechenschaft gezogen wird. In einem solchen Fall finden sie darin ein Ventil für all das angestaute Ungerechtigkeitsempfinden, das sich alltäglich in jedem von uns aufstaut. Auch ich kann mich nicht davor schützen, dass mir ab und der Gedanke „Recht so!“ kommt. Doch schadet diese Gier nach Vergeltung mehr als sie nützt. Umso wichtiger ist es, dass es dann ein Korrektiv gibt – sowohl ein persönliches, sprich, dass man sich vor Augen führt, dass eine solch impulsive Reaktion über das Ziel hinaus schießt, als auch ein gesellschaftliches. Genau hier liegt die Verantwortung der Medien.

Man könnte ja noch darüber hinwegsehen, wenn sich nur jene Medien darauf stürzen, die angeblich nur beim Friseur- oder Arztbesuch gelesen werden und deren Darstellung man als aufgeklärter Bürger sowieso nur mit einem Lächeln bedenkt. Dass aber mittlerweile in solchen Fällen zudem fast alle seriösen Medien – nicht zuletzt auch die öffentlich-rechtlichen – auf einen solchen Fall stürzen und ihn in aller Länge und Breite auseinandernehmen, ist bedenklich. Der einzige Unterschied bei eben jenen Medien besteht darin, dass sie gebetsmühlenartig erwähnen, dass ja eigentlich die Unschuldsvermutung gelte, bevor sie ihre bunte Schilderung aller schmutzigen Details breit treten.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Oscar Wilde einige Jahre vor seinem Prozess dieses mediale Vorgehen in seinem Essay „The  Soul of Man under Socialism“ kritisierte und somit die Beschreibung seines eigenen Schiksals vorwegnahm: „The harm is done by the serious, thoughtful, earnest journalists, who solemnly, as they are doing at present, will drag before the eyes of the public some incident in the private life of a great statesmen, of a man who is a leader of political thought as he is a creator of political force, and invite the public to discuss the incident, to exercise authority in the matter, to give their views, and not merely to give their views, but to carry them into action, to dictate to the man upon all other points, to dictate to his party, to dictate to his country; in fact, to make themselves ridiculous, offensive, and harmful. The private lives of men and women should not be told to the public. The public have nothing to do with them at all.”

Auch wenn ich jetzt klinge wie ein konservativer Reaktionär, so möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass es einst einen seriöseren Umgang mit solchen Themen gegeben hat. Zwischen Oscar Wilde und Kachelmann hatte man besonders in den mittleren Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts einen gemäßigten modus operandi gefunden: man sprach über so etwas nicht und es schickte sich nicht, solche Fälle öffentlich zu debattieren. So sehr ich in vielen Fällen der Schicklichkeit dieser Zeit kritisch gegenüberstehe, so sehr finde ich sie in diesem Fall gerechtfertigt und angebracht. Einschränkend zu Wilde würde ich auch zwischen dem ex post und dem ex ante unterscheiden: Wenn das Urteil gefällt ist, ist immer noch genug Gelegenheit den Fall zu diskutieren und dann wäre es bis zu einem gewissen Grade auch notwendig, um geltende Normen und Wertvostellungen in der Gesellschaft zu manifestieren. Doch bevor es keine unabhängigen Untersuchung mit abschließendem Urteilsspruch gegeben hat, haben Spekulationen und Diskurse über die Sache in der Öffentlichkeit nichts verloren.

Es grenzt schon an Paradoxie, wenn auch an eine nachvollziehbare, dass die Staatsanwaltschaft, um das aktuelle Beispiel Kachelmanns aufzugreifen, eine Strafe unterhalb des Mindeststrafmaßes fordert, weil der Angeklagte durch den bislang schon genommenen Schaden einen Teil der Schuld schon gebüßt habe. De facto heißt dies nämlich, dass er schon jetzt in gewissem Maße bestraft wurde. Doch was ist in dem Fall, dass das Gericht zu dem Schluss kommt, dass er unschuldig sei? Dann hat ein Mensch eine Strafe bekommen, die er nicht verdient hat und sein Leben wurde grundlos zerstört. Dies könnte dann auch schlecht wieder gut gemacht werden. Zudem hätte der Staat in einem solchen Falle keine Schuld an der Zerstörung eines Lebens, sehr wohl jedoch die Gesellschaft – doch von dieser eine Wiedergutmachung zu bekommen ist ausgeschlossen.

Natürlich ist es vermessen, anzunehmen, dass sich die mediale Aufmerksamkeit in irgendeiner Weise auf ein gesundes Maß zurückdrehen ließe – denn irgendwer wird solche Bilder und Diskussionen immer verbreiten in der heutigen Zeit und die Öffentlichkeit wird sie dankend annehmen und teilen. Doch sollte ein jeder auch einen Moment innehalten und sich fragen: „Was ist, wenn ich eines Vergehens beschuldigt werde – ob zurecht oder zu unrecht? Wie möchte ich dann, dass mit mir umgegangen wird?“

Somit ist zu hoffen, dass sich unsere Gesellschaft in zwei Lager teilt: Diejenigen, die dieses Schlammschlachtspiel mitmachen und diejenigen, die sich dem verweigern. Leider habe ich die Befürchtung, dass es eine idealistische Hoffnung ist, dass letztere Gruppe wachsen wird, denn bedauerlicherweise sind wir in unserer Gesamtheit unzivilisierter und mittelalterlicher als wir es wahr haben wollen. Doch kann ich nur jedem ans Herz legen: Bild dir deine Meinung.

Die Magie des Wiederentdeckens

Gestern stieß ich, während ich mich durch die Kanäle schaltete, auf einen ganz besonderen Film. An sich ist dieser Film nichts Besonderes, jedoch hat er für mich eine besondere Bedeutung. Es handelt sich um einen französischen Zweitteiler von 1990, basierend auf dem autobiographischen Roman „Eine Kindheit in der Provence“ des französichen Schriftstellers und Regisseurs Marcel Pagnol. Der erste Teil heißt „Der Ruhm meines Vaters“, der zweite „Das Schloss meiner Mutter“. Beide Titel habe ich etwa 20 Jahre wie einen Schatten in meinem Unterbewusstsein getragen, ohne mich konkret an den Film erinnern zu können.

Ich konnte mich lediglich an das Gefühl erinnern, welches ich damals verspührte, als ich diesen Film als kleiner Junge sah. Seinerzeit hatte ich einen kleinen Fernseher auf meinem Zimmer, da dieser als Monitor für meinen Computer diente. Dadurch war es mir möglich, auch wenn nicht unbedingt gerne von meinen Eltern gesehen, abends, wenn ich nicht schlafen konnte, noch fernzusehen. Ebenso wie gestern stieß auch auch damals durch Zufall auf diesen Film. Dieser muss mich auf eine unerklärliche Art und Weise fasziniert haben, denn seltsamerweise musste ich, obwohl ich ihn seitdem nie wieder gesehen hatte, immer wieder an ihn denken. Gewissermaßen stellte dieser Film für mich ein Kleinod der Kindheit dar, etwa wie ein geheimer Ort, an dem man sich als Kind versteckte oder ein Schatz, den man in jungen Jahren hegte. Der Film hatte etwas Magisches an sich und soweit ich mich erinnern kann, habe ich dennoch nie mit irgendjemandem darüber gesprochen – ein Aspekt mehr, der mich verwundern lässt, warum ich mich gestern sofort daran erinnerte. Denn das, was man wiederholt, weitererzählt und mit anderen teilt, lässt sich gemeinhin gut behalten, zu dieser Kategorie gehört dieser Film jedoch bei weitem nicht. Umso gespannter schaute ich ihn mir gestern an. Ich wollte herausfinden, was mich seinerzeit so in den Bann gezogen hatte.

Was dies war, ist mir auch jetzt noch schleierhaft. Denn es ist einfach ein schöner, idyllischer Film über die Kindheit des Erzählers, die dieser mit seiner Familie in den Ferien immer in einem kleinen Haus in den Hügeln der Provence verbringt. Dort verliebt er sich – nicht in irgendwen, sondern in die Hügel, die ihn auf ganz eigene Weise verzaubern. Er lernt einen Freund dort kennen und erfährt eine kurze, wenn auch enttäuschende erste Liebe zu einem Mädchen. Im Gegensatz zum ersten spielt jdoch im zweiten Teil nicht so sehr der Aufenthalt in dem Häuschen die zentrale Rolle, sondern der Weg dorthin. Denn dadurch, dass sich Privateigentümer und Schlösser zwischen der Stadt und den Hügeln befinden, ist die Familie gezwungen, immer einen mehrstündigen Umweg um diese Anwesen herum zu gehen.

Eines Tages jedoch trifft der Vater des Protagonisten einen alten Schüler. Dieser ist mittlerweile Kanalwächter des Kanals, welcher mitten durch die Anwesen fließt und verfügt über einen Schlüssel, mit dem man durch verschiedene Türen die Gärten entlang dieses Kanals durchqueren und somit eine Abkürzung nehmen kann. Der Vater, der als Volksschullehrer und aufrichtiger Beamter anfangs noch zögert, das Privateigentum anderer Menschen zu betreten, gibt dem Drängen der Familie jedoch nach. Doch bleibt dieser Weg weiterhin ein Abenteuer. Auch wenn man sich mit dem Besitzer des ersten Anwesens und einem Bediensteten des zweiten mit der Zeit anfreundet, so muss die Familie zuletzt durch den Garten eines Schlosses, in dem nach den Erzählungen des ehemaligen Schülers ein böser Aufseher mit einem großen Hund zu lauern droht. Deswegen hat besonders die zarte und vom Jungen heiß geliebte Mutter immer wieder Angst davor, dieses letzte Anwesen zu betreten. Natürlich werden sie eines Tages von dem Aufsehen ertappt, was den Vater in eine prekäre Lage versetzt, aus der ihn jedoch der ehemalige Schüler sowie dessen Freunde mit Hilfe einer List befreien können.

Wunderschöne Landschaftsaufnahmen umrahmen die nostalgische Geschichte, die jedoch nicht über ein bestimmtes Element verfügt, von dem ich sagen könnte, dass dies der Grund gewesen sei, weshalb ich eine so seltsame Beziehung zu diesem Film gehegt habe. Dennoch hat mich die Magie gestern wieder gepackt und ich fühlte mich wie der acht- oder neunjährige Junge, der ich damals war. Auch habe ich im Rückblick einige interessante parallelen zwischen dem Film und meinem Leben gefunden, jedoch nichts davon hätte ich seinerzeit schon wissen, geschweige denn vorausahnen können – am allerwenigsten dass es gerade die Schlüsselszene in den letzten Minuten des zweiten Teils ist, die jetzt dafür sorgt, dass der Film eine zusätzliche Bedeutung bekommt.

Der Erzähler lässt die Geschichte hier abrupt enden mit dem Verweis darauf, dass die sich wiederholenden Ferien nach fünf Jahren durch den Tod der Mutter jäh beendet wurden und in der Zwischenzeit sowohl sein Freund aus Kindertagen als auch sein kleiner Bruder verstorben sind. Er selbst ist mittlerweile Regisseur und kauft sich als Filmkulisse ein Schloss. Als er dieses jedoch zum ersten Mal sieht, erkennt er darin, eben jenes Anwesen, vor dem seine Mutter sich immer so fürchtete. Ebenso wie er nun etwas immer im Unterbewusstsein vorhanden Gewesenes, doch scheinbar Vergessenes wiederentdeckt, habe ich nun diesen Film wiederentdeckt. Und während ich hier sitze und über diese paradoxe, fast schon ironische Parallele nachdenke, fällt mir auf, dass der Film auch mich an eine Zeit erinnert, an dem alles noch idyllisch und in Ordnung war. Mittlerweile habe auch ich liebgewonnene Menschen verloren, die seinerzeit noch lebten.

So befinde ich mich nun in genau dem gleichen, verwirrenden Geisteszustand, der einem das Gefühl gibt, zwischen den Zeiten zu schweben, wie der Protagonist des Films beim Anblick des Schlosses. Durch eine Begegnung herausgerissen aus dem Hier und Jetzt; physich in der Gegenwart, doch emotional in der Vergangenheit sinniere ich über einen Satz, der den Zeitsprung des Films einleitet: „Die Zeit vergeht und dreht das Rad des Lebens wie ein Mühlrad.“

P.S.: Gerade erinnere ich mich auch wieder an eine Situation, in der ich mich, lange nach dem Schauen des Film, immer wieder an diesen erinnerte: Jahre nachdem ich ihn gesehen hatte, ging ich dann auf’s Gymnasium. Da dieses sich auf einem Hügel befand, dessen Aufstieg meist recht lästig war, nahmen wir damals immer eine Abkürzung von der Bushaltestelle, die durch einen kleinen Wald führte, dann musste man einen Waldweg überqueren, der an einer Mauer entlangführte, einen steilen aber kurzen Hang hinaufklettern, aufdem eine Eisenbahnlinie verlief, die man dann zu überwinden hatte, um auf die dahinter befindliche Straße zu gelangen, die dann wiederum zur Schule führte. Dies war der kürzeste Weg, der jedoch offiziell verboten war, eben weil man dabei die Gleise zu überqueren hatte – wir nahmen die Abkürzung dennoch immer dann, wenn wir uns sicher waren, nicht von einem selbst auf dem Schulweg befindlichen Lehrkörper erwischt zu werden. Die Kombination aus Wald, Weg, Verbotenem und Abkürzung, hat wohl damals immer die Erinnerung an den Film wachgerufen, zumal das doch irgendwie gefährlichste und gefürchtetste Teilstück des Weges der letzte Teil war. Wahrscheinlich verknüpfe ich deswegen diese Anekdote auch jetzt mit dem Film und löse vielleicht bei dem ein oder anderen Leser, der diesen Weg damals ebenfalls gegangen ist, ein ähnliches Erlebnis des Erinnerns aus.

Willkommen auf meinem neuen Blog…

Nach über 5 Jahren wurde es mal Zeit für einen neuen Anstrich. Nach und nach werden auch alle alten Beiträge hier veröffentlicht werden – bis alle Texte umgezogen sind, kann es jedoch noch etwas dauern. Der alte Blog ist natürlich weiterhin unter http://ben82cgn.blogspot.com zu finden.

„Freude, schöne Götterkugel,…

… Kopfschuss tief in Pakistan. Wir hier beten feuertrunken dich und deinen Schützen an.“ So könnte sie lauten, die neue Hymne der westlichen Welt, nachdem gestern der weltweit meistgesuchte Terrorist im Kugelhagel starb. Ich dachte gestern, ich höre nicht recht, als den Mündern sämtlicher führender Politiker die Worte „Freude“ und „Gerechtigkeit“ entsprangen. Selbst unsere Bundeskanzlerin und unser Bundespräsident „stimmen in den Jubel ein“, wie es bei Beethoven in einer späteren Strophe heißt. Doch das gestern Geschehene, ist weder ein Grund zur Freude, noch ein Akt der Gerechtigkeit.

Bevor ich jedoch näher auf dieses Thema eingehe, sehe ich mich gezwungen, mich vorab von jedweder Art des Terrorismuses zu distanzieren, denn allzu schnell kommt dieser Tage der Vorwurf auf, man wolle die Taten von al-Qaida oder ähnlichen Organisationen rechtfertigen oder gar verteidigen. Doch darum geht es nicht, wie ich im weiteren darlegen werde. Bedauerlich ist nur, dass man einen Absatz wie diesen hier, überhaupt niederschreiben muss, wenn man darauf aufmerksam machen möchte, dass gestern mehr falsch gelaufen ist, als es der sogenannten „westlichen, zivilisierten Welt“ eigentlich recht sein kann – doch scheint dies niemanden zu stören.

Heute entnahm man der Berichterstattung ein Szenario, mit welchem ich keinerlei Probleme hätte: Bin Laden wurde im Zuge seiner anvisierten Festnahme deshalb getötet, weil er sich mit Waffengewalt gewehrt hat. Er ist quasi im Kugelhagel gestorben, wie es oft bei der Überführung von Gewalttätern geschieht. Kein Problem damit. Doch gestern – und die meisten Jubelsbekundungen, auf die ich mich beziehe stammen von gestern – wurde selbst von Obama in seiner Ansprache ein anderer Eindruck erweckt. Es hatte vielmehr den Anschein, als sei bin Laden gezielt durch einen Kopfschuss hingerichtet worden.

Wäre ich Berater von Obama, so hätte ich ihm gestern schon zu einer Darstellung wie der von heute geraten und hätte ihm gesagt, er solle den Menschen bewusst machen, dass man ihn eigentlich hätte lebend fassen und vor ein internationales Gericht stellen wollen. Denn dies wäre einem Land mit einer rechtsstaatlichen Verfassung der einzig legitime Weg gewesen. Auch wenn der Vergleich hinkt, so sei hier nur daran erinnert, dass selbst Eichmann seinerzeit ein fairer Prozess gebilligt wurde – vor einem israelischen Gericht. Das hatte die nötige Größe, die allzuoft gegen jene ins Feld geführt wird, über die man gestern einen Sieg errungen hat. Doch der Jubel, etwa vor dem Weißen Haus, unterscheidet sich in nichts von dem ebenso widerwärtigen Jubel in der arabischen Welt seinerzeit nach den Anschlägen des 11. Septembers. Geiches mit Gleichem – Auge um Auge – Zahn um Zahn.

Eigentlich sollten wir jedoch nicht mehr in ein so mittelalterlich anmutendes Verständnis von Strafe zurückfallen und dennoch hat man den Eindruck als stünde die Weltöffentlichkeit gerade jubelnd vor dem Schaffott und würde mit Begeisterung darauf warten, dass der Kopf endlich aufgespießt an der Tower Bridge präsentiert würde. Wie anders erklärt man sich die mediale Gier nach der Veröffentlichung der Fotos der Leiche. Doch befinden wir uns nicht mehr im 18. Jahrhundert sondern vielmehr in einer Welt die es geschafft hatte, selbst nach der unmenschlichsten Katastrophe, dem Holocaust, Grundsätze des verantwortungsbewussten Umgangs mit dem staatlichen Gewaltmonopol einzuhalten.

Ungeachtet der Tatsache, dass ich selbst die Todesstrafe für eine zurecht überwundene Strafform halte, und gesetzt den Fall ich würde ihr zustimmen, so doch nicht durch ein wie auch immer geartetes Exekutivkommando, sondern lediglich als potentieller Ausgang eines richterlichen Urteils im Anschluss an einen Prozess. (Hierbei sei noch einmal darauf hingewiesen, dass ein Kugelhagelszenario, wie oben beschrieben, etwas anderes ist.) Dies hätten sollen die Jubelnden mit in ihre Reden aufnehmen müssen, wenn sie glaubhaft als moralisch überlegene Akteure, als die sie sich in anderen Fällen wie etwa Steinigungen oder Ehrenmorden darstellen, hätten auftreten wollen. Auch hätte man, wie beispielsweise Helmut Schmidt gestern Abend darauf hinweisen können, dass sich der ganze Einsatz in einem Kontext abgespielt hat, dem ein Beigeschmack der Zweischneidigkeit anhaftet. Denn ob es rechtens ist, dass die Amerikaner in Pakistan zugeschlagen haben, hängt auch von anderen komplexen juristischen Fragen ab: Lässt sich das Kriegsrecht oder gar das Völkerrecht auf einen Gegner anwenden, der nicht über eigenes Territorium verfügt wie der international agierende Terrorismus? Darf ein Staat in den Souveränitätsbereich eines anderen Staates eingreifen, um den eigenen Gegner zu fassen? Wie müssen international anerkannte Regeln in einer Zeit des globalen Terrorismus umgedeutet werden? All dies sind Problemfelder, die jedweden Jubel hätten im Keime ersticken müssen.

Der Gipfel meiner Abscheu war jedoch heute erreicht, als ich zum ersten Mal das Bild aus dem Situation Room des Weißen Hauses sah. Für viele mag dies ein Beleg für die Betroffenheit der Verantwortlichen sein, die mit gespanntem Entsetzen den Ereignissen aus der Ferne und somit in gewisser Weise ohnmächtig folgen. Für mich ist die Veröffentlichung dieser Bilder eine widerwärtige Demonstration von Überlegenheit und eine unverhältnismäßige und anachronistische Inszenierung von Macht. Der Kaiser und seine Gefolgsleute schauen zu, wie der Verbrecher in der Arena vom Gladiatoren den Todesstoss versetzt bekommt. Einzig der gesenkte Daumen fehlt.

Eine andere Assoziation kam mir gleich darauf, die diesem Bild eine perfide Aura der Unschuldigkeit verleiht: Man hat fast den Eindruck, als schaue man auf eine Gruppe pubertierender Jungs bei einer Counterstrike-LAN-Party. Alle schauen gebannt und adrenalinüberflutet auf die Bildschirme und nur die Freundin des Gastgebers findet das, was sich im Flimmerkasten abspielt anstößig, zumal sie den Abend lieber mit ihrem Schatz zu zweit bei einem romantischen Film verbracht hätte und nun feststellen muss, dass ihr lieber, zärtlicher Freund auch über eine gewaltverherrlichende Schattenseite verfügt – selbst die gerade ins Zimmer gekommene kleine Schwester im Hintergrund fehlt in diesem modernen Alltagsidyll nicht.

Wer immer dieses Bild in die Öffentlichkeit gebracht hat und was immer er damit ausdrücken und bezwecken wollte, sollte sich fragen, ob er das nötige Feingefühl hat, auf das es in der Welt der medialen Politik ankommt. Solche Bilder, gerade in einem solchen Kontext, enthalten mehr Bedeutung als das, was sie zeigen. Sie generieren auf vielfältigste Weise zusätzliche Bedeutung – aus der Situation, aus der Rezeption und nicht zuletzt aus der Interpretation des Betrachters. Politische Semiotik ist nicht die Stärke gewesen von dem, der dieses Bild nach außen getragen hat – oder gerade doch, was wiederum darauf ankommt, wie man das Gesamtgefüge bewertet.

Meines Erachtens trägt dieses Bild nur zu einem bei: Die durch die gestern dargestellte Mär einer heroischen Hinrichtung im Namen der Gerechtigkeit gesäte und posthum bin Laden gewährte Märtyrer-PR noch weiter aufzublasen. Hier wird ein Ereignis mystifiziert und medial aufgebauscht, dass daraus nur eine die Zeiten überlebende Legene werden kann. Ich wäre nicht erstaunt, wenn es in Kürze schon die ersten bin Laden-Shirts gäbe – selbst bei uns und in Amerika. Hier wird der Nährboden für einen künftigen Kult gelegt, den man an sich hätte einfach verhindern können.

Aber um zurück zu kommen auf das eingangs Geschriebene und um klar zu machen, um was es mir mit diesem Beitrag geht: Mir persönlich bedeuten die Worte „Freude“ und „Gerechtigkeit“ zu viel, als dass ich sie für eine so niedere Rachsucht instrumentalisiert sehen möchte – ganz gleich wie erleichtert ich darüber bin, dass bin Laden nun keinen weiteren Schaden wird anrichten können. Wobei man nicht weiß, ob man durch diesen Märtyrertod nicht Geister gerufen hat, die man dann ihrerseits nicht los wird. „Freude“ empfindet man nicht wenn man der Realität von Krieg, Elend und Terror entgegensieht und „Gerechtigkeit“ war einst eine Tugend – höher noch als „Recht“, da selbst letzteres immer wieder daran scheitert, erstere zu verwirklichen.

Angesichts dessen kann ich Peter Scholl-Latour nur zustimmen, der gestern bei Beckmann sagte: „Ich hab‘ ihm keine Träne nachgeweint, ich hätte aber auch nicht in diesen Jubel eingestimmt, der da auf den Plätzen in Amerika stattgefunden hat. Das ist was vulgär.“ Bei all dem Schrecken und Leid, was Osama bin Laden der Welt beschert hat, so gilt immer noch: Wir sind hier nicht bei „Lynch dir was“.