Die Magie des Wiederentdeckens

Gestern stieß ich, während ich mich durch die Kanäle schaltete, auf einen ganz besonderen Film. An sich ist dieser Film nichts Besonderes, jedoch hat er für mich eine besondere Bedeutung. Es handelt sich um einen französischen Zweitteiler von 1990, basierend auf dem autobiographischen Roman „Eine Kindheit in der Provence“ des französichen Schriftstellers und Regisseurs Marcel Pagnol. Der erste Teil heißt „Der Ruhm meines Vaters“, der zweite „Das Schloss meiner Mutter“. Beide Titel habe ich etwa 20 Jahre wie einen Schatten in meinem Unterbewusstsein getragen, ohne mich konkret an den Film erinnern zu können.

Ich konnte mich lediglich an das Gefühl erinnern, welches ich damals verspührte, als ich diesen Film als kleiner Junge sah. Seinerzeit hatte ich einen kleinen Fernseher auf meinem Zimmer, da dieser als Monitor für meinen Computer diente. Dadurch war es mir möglich, auch wenn nicht unbedingt gerne von meinen Eltern gesehen, abends, wenn ich nicht schlafen konnte, noch fernzusehen. Ebenso wie gestern stieß auch auch damals durch Zufall auf diesen Film. Dieser muss mich auf eine unerklärliche Art und Weise fasziniert haben, denn seltsamerweise musste ich, obwohl ich ihn seitdem nie wieder gesehen hatte, immer wieder an ihn denken. Gewissermaßen stellte dieser Film für mich ein Kleinod der Kindheit dar, etwa wie ein geheimer Ort, an dem man sich als Kind versteckte oder ein Schatz, den man in jungen Jahren hegte. Der Film hatte etwas Magisches an sich und soweit ich mich erinnern kann, habe ich dennoch nie mit irgendjemandem darüber gesprochen – ein Aspekt mehr, der mich verwundern lässt, warum ich mich gestern sofort daran erinnerte. Denn das, was man wiederholt, weitererzählt und mit anderen teilt, lässt sich gemeinhin gut behalten, zu dieser Kategorie gehört dieser Film jedoch bei weitem nicht. Umso gespannter schaute ich ihn mir gestern an. Ich wollte herausfinden, was mich seinerzeit so in den Bann gezogen hatte.

Was dies war, ist mir auch jetzt noch schleierhaft. Denn es ist einfach ein schöner, idyllischer Film über die Kindheit des Erzählers, die dieser mit seiner Familie in den Ferien immer in einem kleinen Haus in den Hügeln der Provence verbringt. Dort verliebt er sich – nicht in irgendwen, sondern in die Hügel, die ihn auf ganz eigene Weise verzaubern. Er lernt einen Freund dort kennen und erfährt eine kurze, wenn auch enttäuschende erste Liebe zu einem Mädchen. Im Gegensatz zum ersten spielt jdoch im zweiten Teil nicht so sehr der Aufenthalt in dem Häuschen die zentrale Rolle, sondern der Weg dorthin. Denn dadurch, dass sich Privateigentümer und Schlösser zwischen der Stadt und den Hügeln befinden, ist die Familie gezwungen, immer einen mehrstündigen Umweg um diese Anwesen herum zu gehen.

Eines Tages jedoch trifft der Vater des Protagonisten einen alten Schüler. Dieser ist mittlerweile Kanalwächter des Kanals, welcher mitten durch die Anwesen fließt und verfügt über einen Schlüssel, mit dem man durch verschiedene Türen die Gärten entlang dieses Kanals durchqueren und somit eine Abkürzung nehmen kann. Der Vater, der als Volksschullehrer und aufrichtiger Beamter anfangs noch zögert, das Privateigentum anderer Menschen zu betreten, gibt dem Drängen der Familie jedoch nach. Doch bleibt dieser Weg weiterhin ein Abenteuer. Auch wenn man sich mit dem Besitzer des ersten Anwesens und einem Bediensteten des zweiten mit der Zeit anfreundet, so muss die Familie zuletzt durch den Garten eines Schlosses, in dem nach den Erzählungen des ehemaligen Schülers ein böser Aufseher mit einem großen Hund zu lauern droht. Deswegen hat besonders die zarte und vom Jungen heiß geliebte Mutter immer wieder Angst davor, dieses letzte Anwesen zu betreten. Natürlich werden sie eines Tages von dem Aufsehen ertappt, was den Vater in eine prekäre Lage versetzt, aus der ihn jedoch der ehemalige Schüler sowie dessen Freunde mit Hilfe einer List befreien können.

Wunderschöne Landschaftsaufnahmen umrahmen die nostalgische Geschichte, die jedoch nicht über ein bestimmtes Element verfügt, von dem ich sagen könnte, dass dies der Grund gewesen sei, weshalb ich eine so seltsame Beziehung zu diesem Film gehegt habe. Dennoch hat mich die Magie gestern wieder gepackt und ich fühlte mich wie der acht- oder neunjährige Junge, der ich damals war. Auch habe ich im Rückblick einige interessante parallelen zwischen dem Film und meinem Leben gefunden, jedoch nichts davon hätte ich seinerzeit schon wissen, geschweige denn vorausahnen können – am allerwenigsten dass es gerade die Schlüsselszene in den letzten Minuten des zweiten Teils ist, die jetzt dafür sorgt, dass der Film eine zusätzliche Bedeutung bekommt.

Der Erzähler lässt die Geschichte hier abrupt enden mit dem Verweis darauf, dass die sich wiederholenden Ferien nach fünf Jahren durch den Tod der Mutter jäh beendet wurden und in der Zwischenzeit sowohl sein Freund aus Kindertagen als auch sein kleiner Bruder verstorben sind. Er selbst ist mittlerweile Regisseur und kauft sich als Filmkulisse ein Schloss. Als er dieses jedoch zum ersten Mal sieht, erkennt er darin, eben jenes Anwesen, vor dem seine Mutter sich immer so fürchtete. Ebenso wie er nun etwas immer im Unterbewusstsein vorhanden Gewesenes, doch scheinbar Vergessenes wiederentdeckt, habe ich nun diesen Film wiederentdeckt. Und während ich hier sitze und über diese paradoxe, fast schon ironische Parallele nachdenke, fällt mir auf, dass der Film auch mich an eine Zeit erinnert, an dem alles noch idyllisch und in Ordnung war. Mittlerweile habe auch ich liebgewonnene Menschen verloren, die seinerzeit noch lebten.

So befinde ich mich nun in genau dem gleichen, verwirrenden Geisteszustand, der einem das Gefühl gibt, zwischen den Zeiten zu schweben, wie der Protagonist des Films beim Anblick des Schlosses. Durch eine Begegnung herausgerissen aus dem Hier und Jetzt; physich in der Gegenwart, doch emotional in der Vergangenheit sinniere ich über einen Satz, der den Zeitsprung des Films einleitet: „Die Zeit vergeht und dreht das Rad des Lebens wie ein Mühlrad.“

P.S.: Gerade erinnere ich mich auch wieder an eine Situation, in der ich mich, lange nach dem Schauen des Film, immer wieder an diesen erinnerte: Jahre nachdem ich ihn gesehen hatte, ging ich dann auf’s Gymnasium. Da dieses sich auf einem Hügel befand, dessen Aufstieg meist recht lästig war, nahmen wir damals immer eine Abkürzung von der Bushaltestelle, die durch einen kleinen Wald führte, dann musste man einen Waldweg überqueren, der an einer Mauer entlangführte, einen steilen aber kurzen Hang hinaufklettern, aufdem eine Eisenbahnlinie verlief, die man dann zu überwinden hatte, um auf die dahinter befindliche Straße zu gelangen, die dann wiederum zur Schule führte. Dies war der kürzeste Weg, der jedoch offiziell verboten war, eben weil man dabei die Gleise zu überqueren hatte – wir nahmen die Abkürzung dennoch immer dann, wenn wir uns sicher waren, nicht von einem selbst auf dem Schulweg befindlichen Lehrkörper erwischt zu werden. Die Kombination aus Wald, Weg, Verbotenem und Abkürzung, hat wohl damals immer die Erinnerung an den Film wachgerufen, zumal das doch irgendwie gefährlichste und gefürchtetste Teilstück des Weges der letzte Teil war. Wahrscheinlich verknüpfe ich deswegen diese Anekdote auch jetzt mit dem Film und löse vielleicht bei dem ein oder anderen Leser, der diesen Weg damals ebenfalls gegangen ist, ein ähnliches Erlebnis des Erinnerns aus.

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