Wildes Klagen

„Sex and Crime sells“ – erst recht, wenn sie aufeinandertreffen; wenn dann noch eine berühmte Persönlichkeit in die Sache verwickelt ist, ist es eine Goldgrube für die Medien. Ob Straus-Kahn oder Kachelmann, die Gier der Öffentlichkeit stürzt sich darauf. Doch Moment mal – das erinnert mich doch an etwas. Ich  habe mich doch vor nicht all zu langer Zeit, mit genau diesen Fragen beschäftigt, als ich meine Abschlussarbeit zu einem der ersten und prominentesten Fälle geschrieben habe: Oscar Wilde.

Der englische Autor irischer Abstammung Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde kann als einer der ersten „Celebrities“ angesehen werden und hätte er nicht im 19. Jahrhundert gelebt, so könnte man meinen, er sei der Popkultur entsprungen. Wie kaum ein anderer vor ihm, verstand er es, sich selbst zu inszenieren und medial zu präsentieren, was natürlich seinerzeit noch ganz anders vonstatten ging als in der heutigen, multimedialen Welt. Bezieht man solche historischen Unterschiede mit ein, so kann man jedoch viele Parallelen zu heutigen Stars wie etwa Madonna oder Lady Gaga erkennen: Er setzte sich, wo er konnte ihn Szene, erfand sich immer wieder neu, spielte mit gewissen Klischees, suchte die Öffentlichkeit und stieß damit bei nicht wenigen seiner Zeitgenossen auf Ablehnung und Neid.

Auf der Spitze seines Erfolgs – zwei Stücke von ihm liefen gerade sehr erfolgreich in London – kam jedoch ein abruptes Ende und ein tiefer Fall, an dem er jedoch mindestens genauso viel Mitschuld hatte, wie an dem vorangegangenen Höhenflug. Nachdem der Marquis von Queensberry, der Vater seines Geliebten Alfred ‚Bosie‘ Douglas, ihn der Sodomie bezichtigte, klagte er diesen wegen Verleumdung an und läutete somit sein eigenes Ende ein. Nicht selten ist es ja so, dass Menschen in so exponierter Stellung vorrübergehend – und ich betone vorrübergehend – Fehlentscheidungen treffen, die ihre Ausgangslage noch verschärfen und das endgültige Aus erst besiegeln. So auch bei Wilde. Denn durch eben jenen Prozess, in dem die Verteidigung der Gegenseite keine Mühen scheute, wurde der breiten Öffentlichkeit bekannt, was viele insgeheim schon wussten oder vermuteten: Oscar Wilde hatte Unzucht mit jungen Männern betrieben, was an sich schon ein arges Vergehen in jener Zeit war. Darüber hinaus waren dies jedoch auch Jungen niederer Herkunft gewesen, was im viktorianischen England der Zeit, welches sehr vom gesellschaftlichen Klassendenken geprägt war, die ganze Sache noch schlimmer machte. Als seine Anwälte während des Prozesses merkten, dass es ihnen nicht gelingen würde, diesen erfolgreich zuende zu bringen, zogen sie die Anklage zurück und Lord Queensberry ging als Sieger aus diesem Prozess hervor.

Doch nun standen die Anschuldigungen im Lichte der Öffentlichkeit und es folgten zwei Prozesse, in denen nun Wilde selbst angeklagt wurde und die damit endeten, dass er mit zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit bestraft wurde. Zurecht, wenn man die damaligen Gesetze zugrunde legt, denn Oscar Wilde hatte ein noch viel zügelloseres Leben geführt als man ihm nachweisen konnte. Auch wenn dieses Bild sich aus heutiger Sicht wesentlich differenzierter darstellt und die meisten seiner Taten heute, Gott sei Dank, nicht mehr unter Strafe stehen, so könnte er jedoch auch heute noch juristische Probleme bekommen, da seine Gespielen ähnlich den Gespielinnen eines italienischen Staatsmannes, noch minderjährig waren.

Es lässt sich also festhalten, dass er aus damaliger Sicht sehr wohl eine Strafe bekommen hatte, die den geltenden Gesetzen entsprach und ihm somit auch Gerechtigkeit widerfahren ist. Doch ebenso wie in den eingangs erwähnten Fällen, war das Prozedere bis zum Urteil alles andere als fair. Gerade der erste Prozess wurde zu einem medialen Spektakel, der dem Namen „Schauprozess“ alle Ehre macht. Schon Stunden vor der Prozesseröffnung füllte sich der Gerichtssaal und es schien als versuche ganz London diesem Spektakel beizuwohnen. Die Presse, die ihn kurze Zeit zuvor noch hochgejubelt hatte, begleitete den Prozess mit einer hämevollen Berichterstattung und nicht zuletzt die Gegenseite sorgte dafür, dass Wilde zeitweise nicht einmal eine Unterkunft fand, da man ihm in sämtlichen Hotels der Stadt die Tür wies. Wer die aktuelle Berichterstattung verfolgt erkennt die Parallele.

In den letzten Tagen liest man sehr viel von der Unschuldsvermutung, ein Konzept, das seinerzeit beiweitem nicht den Stellenwert von heute hatte. Doch ist dies ein grundlegendes Prinzip im Verständnis des modernen Rechtsstaats. Lediglich ein Gericht hat das Recht, einen Angeklagten für schuldig zu befinden und bis zur Urteilsverkündung gilt, dass man ihn nicht vorverurteilt. Ein solches Vorgehen hat auch einen Sinn, denn gesetzt den Fall, jemand ist wirklich unschuldig, so darf er eigentlich auch keinen persönlichen Schaden aus der Anklage ziehen – abgesehen vom Aufwand den ein solcher Prozess mit sich bringt. Denn anders hätte jeder Mensch die Möglichkeit, das Leben eines anderen Menschen vollends zu zerstören, alleine nur dadurch, dass er ihn einer Tat beschuldigt – somit wäre ein Schlachtfeld eröffnet, indem der Staat nur tatenlos zuschauen kann, wie sich seine Bürger gegenseitig ins Aus katapultieren. Man muss nicht lange suchen, um auch hierfür prominente Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zu finden.

Jahrzehntelang war der persönliche Schutz eines Angeklagten in den meisten Fällen ein hohes Gut innerhalb der deutschen Gerichtsbarkeit, doch stellt man in den letzten Jahren gerade bei berühmten Persönlichkeiten eine zunehmende Amerikanisierung fest. Denn unsere Nachbarn auf der anderen Seite des Teichs haben diesbezüglich schon immer ein etwas anderes Verständnis gehabt. Doch selbst dort hat sich die Situation noch durch die Omnipräsenz der Medien zunehmend verschärft.

Natürlich gehört es auch zum Rechtsstaat, dass ein Prozess vor den Augen der Öffentlichkeit stattfindet und keiner möchte irgendwelche Hinterzimmerprozesse einführen. Doch gibt es verschiedene Grade der Öffentlichkeit, die in einem solchen Fall einen gravierenden Unterschied darstellen. Zum einen hat jeder Bürger das Recht, einem Prozess beizuwohnen und somit eine Art von öffentlicher Konrolle auszuüben. Auch ist nichts dagegen zu sagen, dass ein Prozess von Berichterstattung begleitet wird und somit auch „die Öffentlichkeit“ Anteil daran nimmt. Es ist jedoch ein qualitativer Unterschied, wenn Letzteres in einem solchen Ausmaß geschieht, dass schon vor der Anklageerhebung der Beschuldigte auf allen Titelblättern zu sehen ist. Das hat nichts mehr mit einem neutralen öffentlichen Bewusstsein zu tun.

Es ist selbstverständlich klar, warum sich die Medien auf einen solchen Fall stürzen: Sie befriedigen damit die Sensationlust der Leser und Zuschauer, die nur darauf warten, dass endlich mal einer zur Rechenschaft gezogen wird. In einem solchen Fall finden sie darin ein Ventil für all das angestaute Ungerechtigkeitsempfinden, das sich alltäglich in jedem von uns aufstaut. Auch ich kann mich nicht davor schützen, dass mir ab und der Gedanke „Recht so!“ kommt. Doch schadet diese Gier nach Vergeltung mehr als sie nützt. Umso wichtiger ist es, dass es dann ein Korrektiv gibt – sowohl ein persönliches, sprich, dass man sich vor Augen führt, dass eine solch impulsive Reaktion über das Ziel hinaus schießt, als auch ein gesellschaftliches. Genau hier liegt die Verantwortung der Medien.

Man könnte ja noch darüber hinwegsehen, wenn sich nur jene Medien darauf stürzen, die angeblich nur beim Friseur- oder Arztbesuch gelesen werden und deren Darstellung man als aufgeklärter Bürger sowieso nur mit einem Lächeln bedenkt. Dass aber mittlerweile in solchen Fällen zudem fast alle seriösen Medien – nicht zuletzt auch die öffentlich-rechtlichen – auf einen solchen Fall stürzen und ihn in aller Länge und Breite auseinandernehmen, ist bedenklich. Der einzige Unterschied bei eben jenen Medien besteht darin, dass sie gebetsmühlenartig erwähnen, dass ja eigentlich die Unschuldsvermutung gelte, bevor sie ihre bunte Schilderung aller schmutzigen Details breit treten.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Oscar Wilde einige Jahre vor seinem Prozess dieses mediale Vorgehen in seinem Essay „The  Soul of Man under Socialism“ kritisierte und somit die Beschreibung seines eigenen Schiksals vorwegnahm: „The harm is done by the serious, thoughtful, earnest journalists, who solemnly, as they are doing at present, will drag before the eyes of the public some incident in the private life of a great statesmen, of a man who is a leader of political thought as he is a creator of political force, and invite the public to discuss the incident, to exercise authority in the matter, to give their views, and not merely to give their views, but to carry them into action, to dictate to the man upon all other points, to dictate to his party, to dictate to his country; in fact, to make themselves ridiculous, offensive, and harmful. The private lives of men and women should not be told to the public. The public have nothing to do with them at all.”

Auch wenn ich jetzt klinge wie ein konservativer Reaktionär, so möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass es einst einen seriöseren Umgang mit solchen Themen gegeben hat. Zwischen Oscar Wilde und Kachelmann hatte man besonders in den mittleren Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts einen gemäßigten modus operandi gefunden: man sprach über so etwas nicht und es schickte sich nicht, solche Fälle öffentlich zu debattieren. So sehr ich in vielen Fällen der Schicklichkeit dieser Zeit kritisch gegenüberstehe, so sehr finde ich sie in diesem Fall gerechtfertigt und angebracht. Einschränkend zu Wilde würde ich auch zwischen dem ex post und dem ex ante unterscheiden: Wenn das Urteil gefällt ist, ist immer noch genug Gelegenheit den Fall zu diskutieren und dann wäre es bis zu einem gewissen Grade auch notwendig, um geltende Normen und Wertvostellungen in der Gesellschaft zu manifestieren. Doch bevor es keine unabhängigen Untersuchung mit abschließendem Urteilsspruch gegeben hat, haben Spekulationen und Diskurse über die Sache in der Öffentlichkeit nichts verloren.

Es grenzt schon an Paradoxie, wenn auch an eine nachvollziehbare, dass die Staatsanwaltschaft, um das aktuelle Beispiel Kachelmanns aufzugreifen, eine Strafe unterhalb des Mindeststrafmaßes fordert, weil der Angeklagte durch den bislang schon genommenen Schaden einen Teil der Schuld schon gebüßt habe. De facto heißt dies nämlich, dass er schon jetzt in gewissem Maße bestraft wurde. Doch was ist in dem Fall, dass das Gericht zu dem Schluss kommt, dass er unschuldig sei? Dann hat ein Mensch eine Strafe bekommen, die er nicht verdient hat und sein Leben wurde grundlos zerstört. Dies könnte dann auch schlecht wieder gut gemacht werden. Zudem hätte der Staat in einem solchen Falle keine Schuld an der Zerstörung eines Lebens, sehr wohl jedoch die Gesellschaft – doch von dieser eine Wiedergutmachung zu bekommen ist ausgeschlossen.

Natürlich ist es vermessen, anzunehmen, dass sich die mediale Aufmerksamkeit in irgendeiner Weise auf ein gesundes Maß zurückdrehen ließe – denn irgendwer wird solche Bilder und Diskussionen immer verbreiten in der heutigen Zeit und die Öffentlichkeit wird sie dankend annehmen und teilen. Doch sollte ein jeder auch einen Moment innehalten und sich fragen: „Was ist, wenn ich eines Vergehens beschuldigt werde – ob zurecht oder zu unrecht? Wie möchte ich dann, dass mit mir umgegangen wird?“

Somit ist zu hoffen, dass sich unsere Gesellschaft in zwei Lager teilt: Diejenigen, die dieses Schlammschlachtspiel mitmachen und diejenigen, die sich dem verweigern. Leider habe ich die Befürchtung, dass es eine idealistische Hoffnung ist, dass letztere Gruppe wachsen wird, denn bedauerlicherweise sind wir in unserer Gesamtheit unzivilisierter und mittelalterlicher als wir es wahr haben wollen. Doch kann ich nur jedem ans Herz legen: Bild dir deine Meinung.

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