Drum singe, wem Gesang gegeben

Als ich noch zuhause lebte, habe ich Jahre lang im Chor gesungen. Erst im Kinderchor unseres Ortes, dem ich von der ersten Stunde an angehörte und später dann im Kirchenchor. Später wirkte ich dann in einigen semiprofessionellen Musicalproduktionen mit, sang in der Bigband unserer Schule und hin und wieder mal zu Hochzeiten oder ähnlich feierlichen Anlässen und nicht zuletzt dann als Cressida Treulos auch auf einigen Kölner Bühnen.

Doch neben all diesen offiziellen Gelegenheiten, gab es auch das ganz private Singen. Da aus unserer Familie zeitweise fast alle gemeinsam im Chor sangen und passenderweise somit alle vier Stimmen besetzt waren, kam es nicht selten vor, dass man sich hin und wieder um das Klavier versammelte und gemeinsam die kürzlich einstudierten Chorstücke sang. Auch besaß meine Mutter in ihrem alten Auto kein Radio, was dann dazu führte, dass wir, wenn wir gemeinsam irgendwohin fuhren, sämtliche Lieder in unserem Repertoire sangen und wenn uns dieses ausging, so sangen wir alles Mögliche querbeet und ich erfand einfach ad hoc eine zweite Stimme hinzu.

Noch heute kann ich die meisten der damals einstudierten Stücke auswendig – nicht nur den Text sondern bei manchen auch alle vier Gesangsstimmen. Nicht zuletzt lässt sich damit auch bei Altsprachlern Eindruck schinden, da man durch diverse Messen, die lateinischen Texte alle Auswendig kann – sei es das „Te deum“, das „Gloria“ oder Sonstiges.

Seit meiner Zeit in Heidelberg beschränkt sich mein Gesang leider nur noch auf gelegentliches Singen unter der Dusche oder wenn einem eben gerade danach ist, was insofern bedauerlich ist, dass ich merke, dass die Stimme zunehmend an Übung verliert und der Tonumfang insbesondere nach oben hin, langsam aber stetig nachlässt. Naja, ich denke, das wird sich wohl auch irgendwann wieder reaktivieren lassen. Dennoch bin ich in den letzten Jahren eher zum Konsumenten von Tönen geworden statt zum Produzenten. Dabei gibt es eigentlich – außer Tanzen, was ich jedoch auch vernachlässige, vielleicht – nichts Schöneres und Befreienderes als den Gesang.

Der Volksmund sagt so schön: „Wo man singt, da lass‘ dich nieder. Böse Menschen haben keine Lieder.“ In gewisser Weise stimmt dies auch. Wenn auch nicht in der Hinsicht, dass Musik nicht auch für üble Zwecke instrumentalisiert würde, so jedoch hinsichtlich der Gemeinsamkeit, die man miteinander erleben kann, wenn man zusammen singt. Man kann schwerlich zusammen reden – zusammen singen kann man schon. Viele individuelle Stimmen fügen sich zu einem einheitlichen Ganzen zusammen und selbst wenn jeder eine andere Stimme singt, so verliert sich jeder Einzelne doch im Ganzen und es entsteht eine Harmonie. Das gilt sogar für den Fall, in dem man zueinander passende Lieder miteinander kombiniert also so genannte Quodlibets. Für alle, die den Begriff zum ersten Mal hören, sei hier ein Beispiel gegeben:

Man kann die Kanons „Es tönen die Lieder“, „C-A-F-F-E-E“, „Heut‘ kommt der Hans zu mir“ und „Hab mein‘ Wagen vollgeladen“ miteinander kombinieren, so dass man bei entsprechender Besetzung nicht nur jeden Kanon für sich dreistimmig singen kann, sondern alle vier Kanons zu je drei Stimmen, ergo zwölfstimmig singen kann. Allerdings klappt dies meist nur dann, wenn jeder auch gewohnt ist, etwa dadurch, dass er einmal eine Zeit lang in einem Chor gesungen hat, ganz auf sich alleine gestellt, gegen andere anzusingen. Schließlich hat jeder der zwölf in dem Fall nicht nur eine eigene Melodie sondern auch einen eigenen Text. Doch gerade dies macht den Reiz daran aus: Der Verstand sagt einem, dass dies ein reines Chaos ergeben müsse, doch die Logik der Musik belehrt einen eines Besseren.

Solche komplexen Stücke singe und höre ich am liebsten. So überrascht es auch nicht, dass mein Lieblingsstück aus „Phantom der Oper“ das Ensemblestück „Primadonna“ ist – ein achtstimmiges Lied, in dem ebenfalls verschiedene Melodien, Rhythmen und Texte miteinander kombiniert werden. Herrlich, wenn dies sich dann doch zum reinsten Hörerlebnis zusammenfügt.

In meiner Familie waren eigentlich immer schon viele Sänger, einer jedoch, ein entfernter Verwandter mütterlicherseits, leitete mehrere überregionale Chöre: Werner Lohner. Mit seinen Chören bereiste er die halbe Welt um Konzerte zu geben. Wann immer er mich traf oder gar singen hörte, war er nicht müde, mich einzuladen, doch in einem seiner Chöre mitzuwirken. Leider kam es nie dazu, denn da es sich um überregionale Chöre handelte, die sich an wechselnden Orten zu Proben trafen und auch durch die Auftrittsreisen immer viel Zeit beansprucht hätten, konnte ich dieser Einladung leider nicht folgen. Gerne hätte ich jedoch bei so einem großen Chor einmal mitgesungen.

Aber was nicht ist oder besser war, kann ja noch werden. Allerdings schiebe ich meine Sangesaktivitäten noch etwas hinaus, bis zu dem Zeitpunkt, wenn ich wieder etwas mehr Zeit dafür habe und wie auch immer seßhaft geworden bin. Denn eins habe ich schon damals gelernt: Zum Singen ist man nie zu jung und nie zu alt und im Gegensatz zum Fahrradfahren verlernt man es wirklich nicht.

P.S.: Dieser Beitrag ist Regina Görner gewidmet, die sich für Ihren Geburtstag statt eines Präsents etwas „Selbstgebasteltes respektive –geschriebenes“ gewünscht hat. Herzlichen Glückwunsch, liebe Regina. Da ich weiß, wie viel Freude dir der Chorgesang macht, dachte ich mir, dass dies ein schönes Thema für einen Beitrag sei. Habe einen schönen Tag, wir sehen uns heute Abend.

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