Mehr auf Reden als aufs Reden konzentrieren

Von unserem Altkanzler Helmut Schmidt ist bekannt, dass er schon immer ein gespaltenes Verhältnis zu der, wie er sie nannte, „journalistischen Klasse“ hatte. Das mag vielleicht auch damals ein wenig überzogen gewesen sein, jedoch wünscht man sich heute eine solche Haltung bei unseren Spitzenpolitikern in Ansätzen zurück. Gut, wir leben in einer Mediendemokratie, aber muss es deswegen zu solchen Verrenkungen kommen, wie sie M.C. Escher nicht besser hätte malen können, dass die Politik den Medien im Schoß hockt und die Medien der Politik?

Was sich nicht nur in der aktuell laufenden EHEC-Krise zeigt, scheint mir symptomatisch zu sein für unser heutiges Verständnis der „vierten Gewalt im Staat“. Es geht darum Meldungen zu produzieren, was in gerade zu inflationärer Weise sowohl von Journalisten als auch Politikern mit Vorliebe betrieben wird. Jeder gibt gefragt oder ungefragt zu jeder Zeit an jedem Ort zu jedem Thema sein Statement ab: Das Statement um des Statements Willen. Aktion – Reaktion, Frage – Antwort, Ereignis – Bewertung. Es wird palavert, kommentiert, beurteilt, kritisiert, angemerkt und eingeworfen – in Echtzeit und tickertauglich. Das neudeutsche Wort Statement umreißt dies sehr gut, denn im Gegensatz zur althergebrachten Aussage, sagt dieses meist wenig bis nichts aus.

Wie angedeutet liegt die Schuld nicht alleine an demjenigen, dem ein solches Statement abverlangt wird, sondern vielmehr an der Gier der Öffentlichkeit nach Schlagzeilen und Neuigkeiten. Wenn ein Politiker zu einem Treffen geht, wird er am Eingang abgefangen und von Journalisten belagert, die von ihm wissen möchten, was denn jetzt besprochen werde und es sind dieselben Journalisten, die am Ausgang auf ihn warten, um ihn zu fragen, was denn jetzt besprochen wurde. Da dies natürlich zu jeder Zeit und jedem Ort mit jedem Politiker passiert, ergibt sich eine Flut der Statements, aus der ein Politiker nur dadurch herausstechen kann, in dem er sich selber noch einmal äußert. Um sich zu profilieren, ist er genötigt, sich zu äußern. Ich rede, also bin ich.

Um das aktuelle Beispiel aufzugreifen: Herr Bahr versichert am vergangenen Samstag der Öffentlichkeit, dass die Quelle des Darmkeims definitiv bei den Gurken zu finden sei, obwohl eben jene Öffentlichkeit längst von anderen Stellen eines besseren belehrt wurde und weiß, dass die Sprossen der neue Staatsfeind Nummer Eins sind. Einen Tag darauf sitzt er bei Frau Will im Studio und verlautbart mit derselben Selbstsicherheit, dass nun doch die Sprossen an allem Schuld seien, obwohl er weiß, dass die nötigen Überprüfungen erst am Folgetag stattfinden. Hauptsache etwas gesagt und dem nach Nachrichten geifernden Volk einen Brocken hingeworfen. Es wird sich sowieso nur einen Happen davon nehmen, bis ihm das nächste Stück vor Füßen liegt – verdaut wird hier nichts mehr. Dafür gibt’s nach jedem Essen eine eigens einberufene Pressekonferenz.

Auch der Tag eines Politikers hat nur vierundzwanzig Stunden, schaut man sich jedoch die Nettoredezeit einiger exponierter Exemplare an, so hat man den Eindruck, dass neben anderer Termine, Reden und Talkshows da nur noch wenig Zeit bleibt, sich auch einmal mit der Sache zu beschäftigen, um die es einem geht. Natürlich besteht Politik zu einem großen Teil aus Sprache, aus der Fähigkeit andere durch seine Argumente zu überzeugen und seine Sicht der Welt anderen kundzutun. Jedoch gehört zu einem solchen Prozess notwendigerweise auch die Zeit des Denkens, Grübelns und Reflektierens dazu.

Doch diese gibt es in unserer heutigen Zeit nicht mehr und für das Eingeständnis: „Entschuldigen Sie, darüber muss ich erst nachdenken“ oder gar „Tut mir leid, aber das weiß ich nicht“, hat keiner die Courage. Egal ob es zum eigenen Thema gehört oder nicht, es wird sich geäußert. Da lassen sich Außenpolitiker über Sozialgesetzgebung aus, Innenpolitiker kommentieren die Gesundheitspolitik und Justizpolitiker erklären, was es mit was weiß ich nicht auf sich hat. Die Medienvertreter sind oftmals froh, dass jemand mit ihnen spricht und befragen denjenigen gleich zum kompletten Parteiprogramm und verstärken dies dadurch noch. „Herr Westerwelle, was sagen sie zu der Gesundheitsreform?“ „Frau Aigner, wie stehen Sie zu den Äußerungen des Herrn Ramsauers zu Stuttgart 21?“

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ so der oft fehlzitierte Satz des Sokrates, der genauer heißen müsste: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ und der exemplarisch für genau dieses Problem steht. Sokrates geht es nämlich um den Erkenntnisprozess der das wahre Wissen vom Scheinwissen, Halbwissen und Meinen abgrenzt. Ebenso wird ihm eine Anekdote zugeschrieben, in der er davon spricht, dass man bevor man eine Aussage trifft, deren Gehalt durch drei Siebe laufen lassen solle. Das erste ist die Wahrheit: Ist das, was ich sage wahr? Das zweite die Güte: Ist das, was ich sage gut? Und das letzte ist die Notwendigkeit: Ist das, was ich sage notwendig? Man soll jetzt nicht überkritisch sein, denn jeder von uns verstößt tagtäglich vielfach gegen diese Kriterien, jedoch sind ebenjene in der Politik seit langem nicht mehr beheimatet.

Ebensowenig wird beachtet, ob man überhaupt den richtigen Adressaten anspricht. Es war zwar schön und gut von Frau von der Leyen, dass die ganze Medienlandschaft in Deutschland darüber informiert wurde, wann und weshalb in ihrem Bildungspaket ein Komma durch ein Semikolon ersetzt wurde, jedoch hätte sie in der gleichen Zeit, in der sie sich mit Frau Schwesig bei Frau Will darüber stritt, sich die Mühe machen können einen Informationsbrief an die Leistungsempfänger dieses Bildungspaketes zu schreiben. Sie hätte dann sogar die Zeit gehabt, dies handschriftlich zu tun. Denn leider wurden viele der Menschen, die es angeht, nicht informiert, da sie ihr knapp bemessenes Geld meist nicht in Zeitungsabonements investieren. Aber so gab es dann wiederum Gelegenheit für einen neuerlichen Presseauftritt, um sich darüber zu wundern, dass das Paket nicht angenommen werde und medienwirksam zu verkünden, dass man jetzt die Betroffenen besser informieren wolle.

Eine sprachtheoretische Theorie, die man nicht erst im linguistischen Hauptseminar erlernt, sondern die in jedem Deutschbuch der Unterstufe zu finden ist, besagt, dass zu einer Kommunikation ein Sender eine Botschaft an einen Empfänger schickt und diese über einen gemeinsam bekannten Code transportiert. Doch dann sind wir schon beim nächsten Problem. Denn um die eben erwähnte fehlende Reflexion zu kaschieren, muss man seine Aussage dergestalt übercodieren, dass das Gegenüber nicht auf zu offensichtliche Weise mitbekommt, dass man nicht wirklich etwas zu sagen hat. An diesem Punkt beginnt dann das verbale Schaumschlagen und die Kunst der Phrasendrescherei. Zehn Minuten sprechen ohne etwas zu sagen.

Da diese Phrasen jedoch so oft genutzt werden und daher im Bewusstsein dermaßen präsent sind, kann man es eigentlich einer Frau Merkel nicht verübeln, wenn sie sich über den Tod Osama bin Ladens freut. Denn es gehört ja zu ihrem Job, sich fast schon reflexartig zu freuen, sobald das rote Licht an der Kamera angeht. „Ich freue mich, dass die Arbeitslosenzahlen…“, „Ich freue mich, mit Herrn Obama…“, „Ich freue mich, das wir in den Verhandlungen…“, „Ich freue mich…“, „Ich freue mich…“, „Ich freue mich…“

Mit dem Weber’schen Augenmaß und der Leidenschaft zur Sache hat dies nichts mehr zu tun – vielmehr liegt hier eine kommunikative Freund-Feind-Unterscheidung Schmitt’scher Prägung zugrunde: Wenn der politische Freund was sagt, muss ich ihm mit einem Statement zur Seite springen und den Feind umgehend widerlegen, um daraus meine eigene Existenz abzuleiten.

Und weil ununterbrochen geprabbelt und geschwätzt und keine Gelegenheit ausgelassen wird, die Zeitungen mit den eigenen Aussagen zu befüllen, kommt es dann auch schon mal vor, dass man Überlastungserscheinungen zeigt und innerhalb von nur zehn Minuten in einen Bahnhof einsteigt, damit die bayerischen Städte näher an die Welt heranwachsen oder so ähnlich. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, dann bindet man dem Volk noch schnell einen Problembär auf. Schon Loriot hat dies in einem seiner Sketche auf herausragende Weise persifliert, in dem er eine Bundestagsrede aus Floskeln arrangiert hat, die nichts besagt.

Dies tat er zu einer Zeit, als es noch nicht üblich war, rund um die Uhr in Kameras zu quatschen, da es diese in der heute anzutreffenden Häufigkeit noch gar nicht gab. Einmal mehr ein Beweis für die Weitsicht und Genialität dieses deutschen Komikers, der nebenbei erwähnt, sehr lange und gut über jeden seiner Scherze nachgedacht hat und in dieser Hinsicht auch nicht des Probens müde wurde, bis die letzte Silbe seinem Perfektionismus gerecht wurde – etwas, was er mit einem seiner Kollegen, Heinz Erhardt teilt. Nicht wie der Großteil der heutigen Comedians – aber das führt zu weit.

Zurück zur Bundestagsrede, die eigentlich die Königsdisziplin eines jeden Politikers sein sollte. Denn hier bereitet man sich vor, macht sich Gedanken und ist auch in der Lage komplexere Sachverhalte im ihnen angemessenen Umfang auszuformulieren. Freilich hat es auch hier in der Vergangenheit immer wieder dummes Geschwätzt gegeben – allerdings war dies dann meist sorgfältig vorbereitet und auf einem qualitativ höheren Level als das Dahingeseiere heutzutage. Jedoch verkommt diese Art der Präsentation zunehmens und gäbe es nicht einen öffentlich-rechtlichen Auftrag, der wenigstens Phoenix dazu bringt, die Debatten zu übertragen, so würden diese in der Öffentlichkeit wohl nur in Form zusammenfassender Statements von aus dem Bundestag eilenden Politikern wahrgenommen werden.

Im Geschichtsleistungskurs mussten wir damals bändeweise Parlamentsreden lesen, da unser Lehrer der Meinung wahr, dass wir nur so, die zum Teil recht komplexen Zusammenhänge verstünden. Doch was werden kommende Generationen studieren und als Quelle für ihre Erkenntnis zugrunde legen? Ich wage es mir nicht auszumalen, aber ich befürchte, es werden Quellen sein, die über maximal 140 Zeichen verfügen.

Man wünscht den ganzen Statementgebern heutzutage viel öfter, dass ihnen ihre dahingeworfenen Sätze ebenso zum Verhängnis werden wie seinerzeit, aus seiner Sicht, Herrn Schabowski. Getreu der Kette: Uninformiert – unverzüglich – unabänderlich. Mit fehlendem Detailwissen Geschichte schreiben. Doch leider wird das Spiel weitergehen und es nach jeder Talkshow, nach jedem Interview und jeder Pressekonferenz weiterhin heißen: Die Klappe zu und alle Fragen offen. Der Rest wäre manchmal besser Schweigen. Cogito ergo sum!

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s