Es muss nicht immer der Gärtner sein

Gestern habe ich durch Zufall zum allerersten Mal die Verfilmung von „Tod auf dem Nil“ mit David Suchet in der Rolle des Hercule Poirot gesehen, erstaunlicherweise kam sofort im Anschluss auf einem anderen Sender die Verfilmung mit Sir Peter Ustinov. Somit hatte ich die perfekte Gelegenheit diese beiden Versionen miteinander zu vergleichen. Auch wenn Ustinov eigentlich nicht wie Hercule Poirot aussieht, da dieser in den Romanen als etwas kleiner, untersetzter Herr mit schwarzen Haaren und Oberlippenbart beschrieben wird, was besser auf das äußere Erscheinungsbild Suchets zutrifft, so finde ich dennoch, dass Ustinov die geeignetere Besetzung ist – dies gilt auch im Vergleich zu Albert Finney. Denn Ustinov schafft es, dieser Figur seinen ganz eigenen Charme zu verleihen.

Vor über zehn Jahren habe ich mal einen ganzen Sommer lang einen Agatha-Christie-Roman nach dem anderen gelesen und schon damals, weil ich zuvor als Kind schon die Filme gesehen hatte, gab es für mich nur einen phänotypischen Poirot und das was Ustinov. Beim gestrigen Direktvergleich fiel mir auch auf, dass die Ustinov-Version generll etwas geschickter gemacht ist. Der ganze Film wirkt dramaturgisch runder und etwas spannender, wohingegen die Suchet-Variante undramatischer daherkommt, wenn sie auch in den Außenszenen, also dann, wenn sich die Reisetruppe nicht gerade auf dem Schiff befindet, etwas unruhiger wirkt. Die frühere Ustinov-Inszenierung rückt zudem einige Dinge eher in den Vordergrund. So werden beispielsweise die verschiedenen Optionen, die Poirot durchspielt, wenn er jeden Einzelnen beschuldigt auch ausgespielt, was zur Veranschaulichung aber auch zur Verwirrung beiträgt. Die Hinweise, die den Zuschauer lenken sollen, werden feiner herausgearbeitet und alles in allem ist mehr Dramatik im Geschehen, auch weil die persönlichen Empfindlichkeiten und Eitelkeiten der Charaktere in dieser wesentlich hochkarätigeren Besetzung besser dargestellt werden.

Auch die Figur Poirots selber, kommt um einiges überzeugender daher, nicht zuletzt aufgrund des schauspielerischen Genies Ustinovs. Zum einen wäre da die Mischung aus britischer Überheblichkeit und kontinentalem Habitus zu nennen, die Poirot an den Tag legt. Diese Attitude des Empires mit einer Brise französicher – Entschuldigung, belgischer – Grundstimmung. Dies kommt auch dadurch, dass auf disen Running-Gag hier wesentlich mehr Wert gelegt wird und auch der Sprachwitz öfter zum Tragen kommt, etwa wenn Poirot eine Muräne serviert bekommt, obwohl er darum bat, dass man ihm Morcheln bestelle, nur weil der Beauftragte „morille“ falsch übersetzt, oder der übezeugte Junggeselle verdutzt angeschaut wird, weil statt „j’ai faim“, „j’ai famme“ verstanden wurde.

Doch die besondere Gabe von Ustinovs Darstellung ist, dass man ihm quasi dabei zuschauen kann, wie Poirot denkt. Fast gewinnt man den Eindruck, sein Gehirn funktioniere mechanisch und man könne jeden Moment die Räder rattern hören. Auch steht wesentlich deutlicher im Vordergrund, dass er alle Anwesenden so lange verdächtigt, bis er sich ihrer Unschuld bewusst ist – ein zentrales Element der Figur Poirot, der via Ausschlussverfahren mit Hilfe seiner „kleinen grauen Zellen“ noch jeden Fall gelöst hat.

Diese Herangehensweise unterscheidet ihn nämlich von der anderen großen Christie-Figur Miss Marple, die ihrerseits den Möder meist dadurch findet, dass sie Analogien entwickelt. Entweder indem sie die Beteiligten mit ihr Bekannten Personen vergleicht, um Rückschlüsse auf den Charakter zu ziehen oder indem sie in dem Fall eine Parallele zu einem ihrer heißgeliebten Kriminalromane entdeckt, wie es in „Mörder Ahoi“ der Fall ist.

Letzteres ist übrigens ein wunderbares Beispiel, wie Agatha Christie durch Querverweise das Lesevergnügen um ein vielfaches erhöht. Der Roman im Roman trägt nämlich in diesem Falle den Titel „The Mousetrap“, eben jenen Titel, den Shakespeare in Hamlet seinem Spiel im Spiel verleiht. Auch sonst findet man bei der Krimiautorin eine vielzahl von Referenzen. So kann man fast sagen, dass Agatha Christie in ihrem ganzen Werk immer wieder Werbung für die eigenen Geschichten versteckt. So zum Beispiel, wenn Nebencharaktere Hercule Poirot ansprechen um ihm mitzuteilen, dass sie schon viel von seinen Fällen gehört hätten, allen voran den „ABC-Morden“ oder gar eine Reise sich über mehrere Romane erstreckt, wie im Falle von „Tod auf den Nil“, welches auf der gleichen Reise Poirots angesiedelt ist, wie „Mord im Orientexpress“.

Zu „Mord im Orientexpress“ gibt es noch eine interessante persönliche Anekdote: Seinerzeit hatte ich den Roman gelesen und war, wie so oft, bis zum Schluss nicht auf die Lösung gekommen. Als ich mir dann den Film anschaute, stieß mein Bruder hinzu, der damals noch die Angewohnheit hatte, ständig zu fragen, was denn nun passieren würde. Da ich jedoch mit der Antwort nicht rausrückte, stand er irgendwann verärgert auf und meinte: „Der Film ist langweilig – entweder war es keiner oder es waren alle.“ Eben jene beiden möglichen Ausgänge, die Poirot bei der Auflösung skizziert.

Generell mag ich die Art und Weise, wie Agatha Christie in ihren Romanen die Handlung entspinnt, uns auf falsche Fährten setzt aber dennoch genug Hinweise streut, die einen den Fall eigentlich auch selber lösen lassen könten. Meine beiden Lieblingsgeschichten sind zum einen „Zehn kleine Negerlein“ (weder mit Miss Marple noch mit Poirot), in der es eine erstaunliche Wendung gibt, sowie „Nikotin“ (so der etwas unglückliche deutsche Titel von „Three Act Tragedy“, der jedoch vom deutschen Filmtitel „Tödliche Partys“ noch unterboten wird), in dem Hercule der Erkenntnis wegen sogar einen Mord inszeniert – nicht, dass es nicht auch den Fall gäbe, indem er sogar persönlich zur Waffe greift oder gar selbst zum Opfer wird.

Leider ist bei den Titeln immer etwas Verwirrung angesagt, da die Filme zum Teil anders heißen als die Romane und auch die Übersetzungen teilweise völlig daneben sind. Da wird aus dem Roman „Das Rätsel um Arlena“ mal eben „Das Böse unter der Sonne“ oder es wird noch dreister verfälscht, indem eine Geschichte, die ursprünglich ein Poirot-Fall war, Miss Marple zur Lösung gegeben wird wie in „Der Wachsblumenstrauß“. Dabei ist es nicht nur die unterschiedliche Herangehensweise, die diese beiden Reihen voneinander unterscheidet, sondern eben auch die jeweils innere Logik der Fälle. So sind auch andere Figuren über Romangrenzen hinweg in sich konsistent und geschlossen, wie etwa Athur Hastings oder Tommy und Tuppence Beresford, deren Geschichten eher den Spionageromanen zuzurechnen sind.

Auch wenn ich lange keinen ihrer Romane mehr gelesen habe, so liebe ich die Geschichten von Agatha Christie ganz besonders natürlich auch die Verfilmungen mit den beiden besten Darstellern für ihre jeweiligen Rollen – Ustinov als Poirot und Rutherford als Marple. Sehr empfehlen kann ich auch „Zeugin der Anklage“ mit der göttlichen Marlene Dietrich in der Titelrolle, was unter anderem auch das erste Theaterstück war, in dem ich mitgewirkt habe. Dieses ganze Krimiuniversium ist immer wieder ein Ort, in den man gerne eintaucht und besonders die Poirot’sche Welt hat es mir angetan – nicht zuletzt habe ich durch ihn gelernt, dass „Guiseppe Verdi“, wäre er Deutscher gewesen, „Josef Grün“ geheißen hätte.

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