Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Dreisteste im Land?

„Karl-Theodor, ihr seid der Dreisteste hier. Aber Silvana ist tausend mal dreister als ihr.“ So könnte es in einem modernen Märchen lauten. Bis zur Aberkennung ihres Doktorgrades, fand ich den Umgang Koch-Mehrins mit der Sache an sich recht clever. Hatte sie sich doch, anders als zu Guttenberg, bisher bedeckt gehalten und darauf verwiesen, dass man erst die Prüfung durch die Universität abwarten solle. Zumindest hat sie nicht gleich die Abstrusitätskeule geschwungen und Familie und Politik als relativierendes Überbelastungselement in die Diskussion geworfen. Doch was sie sich jetzt geleistet hat, übertrifft die Perfidität des ehemaligen Verteidigungsministers noch um Längen. Dieser hatte nämlich wenigstens nach seiner Entlarvung eingesehen, dass es besser sei, sich jetzt ruhig und unauffällig zu verhalten.

Auch wenn ich an sich kein gewalttätiger Mensch bin, so verspühre ich in diesem Falle das dringende Bedürfnis, sie an ihrem blonden Schopf zu packen und ihren Kopf so lange auf die Schreibtischkante zu schlagen, bis sie nicht mehr weiß, dass sie je eine Doktorarbeit geschrieben hat. „Doch warum erregt ihn ihr Verhalten so?“, wird sich jetzt der ein oder andere Fragen: „Sie hat doch auch ‚nur‘ abgeschrieben, wie zu Guttenberg.“

Richtig, hat sie, was an sich schon schlimm genug ist und warum dies an sich schon eine nicht zu akzeptierende Tatsache ist, habe ich hier im Zusammenhang mit der Causa Guttenberg schon lang und breit dargelegt. Doch sie geht jetzt noch einen Schritt weiter und verteidigt ihr Fehlverhalten damit, dass sie versucht, den schwarzen Peter der Universität zuzuschieben. Sinngemäß hat sie geäußert, dass man schon damals in den Gutachten darauf hingewiesen habe, dass es Mängel bei der Angabe von Quellen gegeben habe, ihre Arbeitsweise mithin bekannt gewesen und die Vergabe des Titels somit rechtens sei, da man ja in Kenntnis der eklatanten Schwächen der Arbeit dennoch zu dem Schluss gekommen sei, dass sie des Doktortitels würdig ist.

Es mag sein, dass die Gutachter seinerzeit Zweifel an ihrer Arbeitsweise hatten und diese auch in ihrer Beurteilung berücksichtigt hatten und daraufhin Abstriche in der Benotung gemacht hatten, was etwa auch die Bewertung „cum laude“ erklärt. Ich glaube allerdings nicht, dass den Gutachtern damals bewusst war, in welchem Umfang sie hier getäuscht worden sind. Zudem muss man bedenken, dass die Arbeit vor über zehn Jahren geschrieben worden ist, zu einer Zeit, in der es bei weitem nicht die technischen Möglichkeiten der Überprüfung gab wie heute.

Um es einmal zu versinnbildlichen: Sie verhält sich wie ein Mörder, den man aufgrund von Mangel an Beweisen freispricht, obwohl man berechtigte Zweifel hat, dass er wirklich unschuldig sei. Nach Jahren kann man ihn dann mittels neuer DNA-Analysen der Tat eindeutig überführen, was seinerzeit nicht möglich war. Und nun stellt sich dieser Mörder hin und sagt: „Ätsch – ich bin aber unschuldig, weil ihr mich durch das Urteil zu einem Unschuldigen gemacht habt. Es ist somit eure Schuld, dass ich nicht hinter Schloss und Riegel sitze.“ Dies ist eine so rotzfreche Umkehrung der Schuldfrage, dass einem die Worte fehlen, dies in vollem Umfang zu beschreiben.

Was glaubt sie eigentlich, wer sie ist, dass sie sich das Recht herausnimmt auf so nassforsche Weise der Universität Heidelberg ans Bein pinkeln zu wollen? Nicht nur, dass es sich hierbei um die Universität handelt, an der ich selber studiert habe, was meine Erregung zum Teil mitbegründet. Es ist nämlich eben keine Universität wie Bayreuth, die in der Nachkriegszeit erst aufgrund infrastruktureller Maßnahmen gegründet wurde, sondern die älteste Universität auf dem heutigen deutschen Staatsgebiet – nur Prag und Wien, die seinerzeit noch als deutsche Universitäten galten, sind älter. Als man hier schon im Jahre 1386 wissenschaftlich arbeitete, befand sich der Rest des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation noch weitestgehend in dem allumfassenden Bildungsvakuum des Mittelalters. Alleine die Philosophische Fakultät, gegen die sich diese FDP-Quotenbarbie jetzt auflehnt, hat Namen hervorgebracht wie Hannah Arendt, Joseph von Eichendorff, Hans-Georg Gadamer, Jürgen Habermas oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel – um nur einen Bruchteil zu nennen.

Ein bischen mehr Demut und Respekt – um nicht zu sagen Ehrfurcht – stünde ihr besser zu Gesicht. Wer jemals durch die Heidelberger Altstadt flaniert ist, weiß, dass dies einer der wenigen Orte ist, wo man europäische Geistesgeschichte quasi spüren kann. Bisher hatte ich ein solches Gefühl nur in Weimar und an der Pariser Sorbonne. Jeder Stein scheint einem zuzuflüstern, dass hier seit Jahrhunderten das Denken beheimatet ist. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Tag an der Universität Heidelberg, als ich damals von der Betonklotzuni Köln kommend, das erste Mal durch diese alten Gemäuer schritt und mir fast schon vor Ehrfurcht die Tränen kamen und ich mich am liebsten auf den Marmorboden der Treppe geworfen hätte, um meinem Schöpfer zu danken, dass er mir die Chance gegeben hat, in diesen heiligen Hallen zu studieren.

Somit ist ihr Verhalten nicht nur, wie im Falle zu Guttenbergs durch das Plagiieren ein Terroranschlag auf die Wissenschaft als solche, sondern hat in diesem speziellen Falle noch eine besondere Qualität. Wenn das Plagiieren dem Verfassen von heretischen Schriften gegen die katholische Kirche gleichkäme, so wäre ihre Verteidigung in etwa gleichzusetzen damit, dass sie auf den Altar des Petersdoms geschissen hätte.

Man mag jetzt dagegen halten, dass es diese Erhabenheit akademischer Institutionen eigentlich seit der 68er-Zeit nicht mehr geben sollte und in vielen Punkten finde ich auch persönlich, dass wir einen Modus gefunden haben, der der Überheblichkeit der Wissenschaften zurecht Schranken gesetzt hat. Doch geht es hier immer auch noch um etwas wie Würde einer Institution. Es gibt Dinge, die man nicht tut und die einfach indiskutabel sind: Man beschmiert keine Kirchenwände mit Graffitis.

Und ähnlich wie im Falle zu Guttenbergs wird dieses Verhalten auch noch von den eigenen Leuten kleingeredet. Dabei schadet sich die FDP, die sowieso nicht mehr viel zu verlieren hat, hiermit am meisten. Wer bereit ist, solch fundamentale Verstöße hinzunehmen, hat sich jedwede Grundlage selbst entzogen, noch in irgendeiner glaubhaften Weise für eine Leistungsgesellschaft einzutreten. Da wird das „Leistung muss sich wieder lohnen“ zum „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ des 21. Jahrhunderts.

Aber man muss dieser Abziehbildpolitikerin eins zu Gute halten: Auf Wahlplakaten und in Talkshows sieht sie unwahrscheinlich gut aus – wahrscheinlich der Hauptgrund, weshalb man sie hält. Schließlich gibt es genug Menschen in diesem Land, die sich in der Wahlkabine von optischen Qualitäten leiten lassen.

Sie kann nur froh sein, dass der Hexenturm, der sich gleich angrenzend an die Universitätsgebäude in Heidelberg befindet, nicht mehr in Betrieb ist. Denn in diesem Falle würde ihr auch das Motto der Uni „semper apertus“, welches für eine offene und vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit dem Gegenüber steht, nicht mehr helfen.

„Dem lebendigen Geiste“ zuliebe darf man ihr diese Dreistigkeit nicht nachsehen. Erbärmlich!

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4 responses to “Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Dreisteste im Land?

  1. Sehr gut auf den Punkt gebracht. Das Sahnehäubchen war ja, dass sie im Wahlkampf mit “Leistung muss sich lohnen” Floskeln herumgerannt ist. Wenn Scheinheiligkeit reich machen würde, dann müsste Forbes seine Liste neu schreiben.

  2. Pingback: Die Schreibtischkante und die Quotenbarbie «

  3. Und wie schon in einem Ihrer früheren Blogs, Herr Merkler, sei auch hier angemerkt, das der Umgang der selbsternannten Eliten dieses Landes (nicht zuletzt auch das konsequente Nichtpositionieren unseres Bundeswulffes) mit solcherlei bodenloser Unverschämtheit einfach, unaktzeptabel und beschämend ist. Man möchte heulen vor Zorn . LG , daniel

  4. Vor allem, wenn man sieht, dass besagte Dame sogar noch befördert wurde – ironischerweise im Kompetenzbereich der Forschung.

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