Monthly Archives: July 2011

Gealterte Geilheit – Geteilte Gerontophilie

Als in der vergangenen Woche zum Ende der Tagesthemen der Programmhinweis gegeben wurde, dass nun „Wolke 9 – Cloud 9“ folge, dachte ich zuerst an eine Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Caryl Churchill und freute mich, da ich nicht einmal wusste, dass es davon eine Verfilmung gibt. Jedoch war ich schon in den ersten Minuten des Filmes etwas verstört, da ich die Anfangsszene nicht in Zusammenhang bringen konnte, mit dem Stück, das ich seinerzeit im Studium gelesen hatte. Also schaltete ich in den Videotext und stellte fest, dass es sich nicht um Churchills Drama handelte, sondern um den Film von Andreas Dresen aus dem Jahre 2008 über Sex im Alter.

Da es schon zu Beginn des Films, der nicht mit eindeutigen Bildern geizt, ziemlich zur Sache geht, stellte sich bei mir der Drang ein, das Programm zu wechseln. Dennoch sagte ich mir: „Du wolltest den Film damals im Kino schauen, also stell dich dieser Thematik jetzt auch!“ Doch blieb ein Gefühl der Beklemmung und eine gewisse Unwohlheit. Im Nachhinein muss ich auch sagen, dass dieser Film insofern eine Bereicherung für mich war, als dass er mich mit etwas konfrontierte, was in meiner Welt bisher nicht vorkam. Es gibt zwar nicht viel, was ich in sexueller Hinsicht nicht schon einmal irgendwo gesehen hätte, doch dies hier war fremdartig und neu. Zum ersten Mal verstand ich die heterosexuellen Jungs, die mir immer davon berichten, wie unwohl sie sich gefühlt hatten, als sie das erste Mal einen schwulen Porno sahen – warum auch immer sie ihn sich angesehen hatten.

Was dort auf dem Bildschirm zu sehen war, waren Bilder, die mein Kopfkino bisher nicht zu erzeugen in der Lage gewesen ist. Es scheint, als sei mein werbeindustriell-medial geprägtes Ich nicht reif genug, die Kategorien „Sex“ und „Alter“ zu verbinden, was jedoch nicht daran liegt, dass das, was ich da sah, in irgendeiner Weise „unnormal“ oder „unnatürlich“ ist, sondern lediglich einen Mangel an Kreativität meinerseits offenbart. Dies ist auch in anderen Fällen so, wie etwa bei extrem fettleibigen Menschen, guten Bekannten oder gar den eigenen Eltern.

Eine Freundin von mir, reagierte früher immer extrem echauffiert, wenn man ihr sagte: „Auch deine Eltern haben Sex.“ Dann rief sie sofort aus: „Hallo!!! Bitte!!! Das will ich nicht hören!!!“ Und geht es uns nicht allen so, dass wir uns wider besseres Wissen einfach gewisse Menschen nicht im sexuellen Kontext vorstellen können? Wer hatte nicht schon den falschen Gedanken, dass die Anzahl der elterlichen Liebesakte die der Kinder nicht übersteigt? Oder wer kennt das nicht? Man sieht Paare, von denen man sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass und wie diese Sex haben. Wenn ich so darüber nachdenke, so gibt es sogar Personen, mit denen ich selbst schon Sex hatte, von denen ich mir aber dennoch nicht vorstellen kann, wie sie mit anderen im Bett mehr tun als nebeneinander zu liegen und zu reden. Und auch wenn ich mir Menschen im Alter meiner Eltern nicht bei Sex vorstellen kann, so muss ich doch feststellen, dass ich selber schon Sex mit Personen hatte, die älter waren. Dennoch scheint meine Wahrnehmung dies nicht verbinden zu können. Dies ist dann an falscher Logik und unsinniger Paradoxie nicht mehr zu übertreffen.

Doch zurück zum Sex im Alter. Die hierbei zu überwindende Abstraktionskluft war bisher zu groß, als dass ich mich als junger Mensch hätte hinein denken können. Verstärkt wurde dieses Empfinden noch, als der Chor der Protagonistin gezeigt wurde, der auf einer Probe das Lied „Oh, du schöner Rosengarten“ singt. Ein Lied, welches ich seinerzeit auf dem Land im dörflichen Kirchenchor gesungen habe, was ganz spontan, ein ganz neues Licht auf die Thematik warf. Ich dachte plötzlich über die Sexualität von Menschen nach, die für mich seit Kindestagen in meiner Rezeption „asexuell“ waren.

Um eines an dieser Stelle klarzumachen: Es geht nicht darum, dass ich alten Menschen die Sexualität absprechen möchte, es ist lediglich die Unvorstellbarkeit des Aktes. Die geistigen Bilder, die mein Gehirn erzeugen müsste, um sich diesen vor Augen zu führen, werden durch eine mir Unbekannte Kraft unterdrückt, so dass es in der Regel nicht möglich ist, eine konkrete Vorstellung zu entwickeln.

Dank des Filmes war dies jedoch auch nicht nötig – hatte ich die Bilder doch schon vor Augen. Wie schon gesagt, schont der Film den Zuschauer nicht und so sah ich eine Frau, deren nackter, füllige Körper mit den tief hängenden Brüsten mich unweigerlich an die Venus von Willendorf erinnerte. Allerdings assoziierte ich in diesem Moment nicht Fruchtbarkeit damit, vielmehr stellte sich eine Invokation des Verfalls ein. Und auch wenn man das Geschlechtsteil des alten Mannes nicht explizit sieht, so war mir doch klar, dass – und dies gilt schon für einen nicht-errigierten Schwanz eines jungen Menschen – eine verwelkte Nelke nicht tiefer sinken kann. Mit Lust verband ich dies alles nicht.

Doch ist ein Element des Films, was ihn unter anderem so sehenswert macht, die Tatsache, dass er in gewisser Hinsicht selbstreferentiell ist und mit den selbst thematisierten Klischees spielt. Denn auch die Protagonisten scheinen sich nicht vorstellen zu können, wie noch ältere Menschen sexuell aktiv sind. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass die Protagonistin sich köstlich über folgenden Witz amüsiert: „Wie haben Achtzigjährige Sex?“ – „Sie macht einen Kopfstand und er lässt ihn reinhängen.“

Später gibt es eine weitere Szene, die mich irritierte. Die Protagonistin führt ein Gespräch mit ihrer Stieftochter auf deren Balkon. Währenddessen platzt die Enkelin unbekleidet in die Konversation, um ihre Mutter etwas zu fragen. Der Körper der nackten Enkelin im Hintergrund hat eine Aura des Unangetasteten und Unantastbaren, was sich in diesem Moment in keiner Weise mit den zuvor gesehenen Bildern vereinbaren lässt. Dennoch war mir klar, dass auch die Protagonistin einst über einen solchen Körper verfügt hatte und irgendwann der deformierte, gealterte Körper auch das Schiksal des Kindes sein würde. Doch so sehr ich mir die beiden nackten Körper nebeneinander vorstellte, so bekam ich nicht die Verbindung zwischen beiden hin. Ich stieß an die Grenzen meiner Imaginationskraft – ganz zu schweigen davon, dass ich mir das mittlere Stadium, welches ich mir sehr wohl beim Sex vorstellen könnte, nicht in dieses Bild hineindenken konnte, um die Brücke von dem einen zum anderen Extrem zu schlagen.

Nichtsdestominder hatte die Auseinandersetzung mit diesem Film auch etwas sehr Erbauliches: Er hat mir Mut gemacht. Auch wenn die Geschichte kein gutes Ende nimmt, so habe ich doch dank des Film die Hoffnung (ja gar die Gewissheit), dass ich mit meinem „jugendlichen“ Denken falsch liege. Vielmehr wird es eines Tages so sein, dass ich feststelle, dass ich die unsichtbare und rein imaginäre Altersgrenze zwischen Sex und Nicht-Sex werde überwunden haben und trotz alledem noch immer ein erfüllendes und befriedigendes Sexualleben lebe. Ich werde sehen, dass ich in diese Daseinsweise im wahrsten Sinne des Wortes „hineingewachsen“ bin ohne mir dessen bewusst zu sein. Es kann kein Zufall sein, dass gegen Ende des Filmes bei einer Chorprobe die „Ode an die Freude“ gesungen wird.

Somit habe ich die Hoffnung, dass ich auch mit meinem jetzigen Empfinden nicht richtig liege. Denn oftmals habe ich schon in den letzten Jahren rückblickend auf mein Leben Parallelen zu Nannas Lied aus „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“ von Brecht und Weill gezogen (wenn auch nur in depressiven Momenten):

Meine Herren, mit siebzehn Jahren
kam ich auf den Liebesmarkt,
Und ich habe viel erfahren
Böses gab es viel
Doch das war das Spiel.
Aber manches habe ich doch verargt.
(Schliesslich bin ich auch ein Mensch.)
Gottseidank geht alles schnell vorüber
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

Freilich geht man mit den Jahren
Leichter auf den Liebesmarkt
Und umarmt sie dort in Scharen.
Aber das Gefühl
Wird erstaunlich kühl
Wenn man damit allzuwenig kargt.
(Schliesslich geht ja jeder Vorrat zu Ende.)
Gottseidank geht alles schnell vorüber
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

Und auch wenn man gut das Handeln
Lernte auf der Liebesmess’:
Lust in Kleingeld zu verwandeln
Wird doch niemals leicht.
Nun, es wird erreicht.
Doch man wird auch älter unterdes.
(Schliesslich bleibt man ja nicht immer siebzehn.)
Gottseidank geht alles schnell vorüber.
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

Wie dem auch sei: Ich habe durch diesen Film ein neues Ziel in meinem Leben gefunden: „So lang‘ es geht, lass‘ ich’s nicht sein – danach gibt’s blaue Helferlein.“

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+++ Eil: Amy verdrängt Oslo aus dem FB- Newsfeed +++

Die Verbreitung von Nachrichten im Internet ist ein hammerharter Konkurrenzkampf bei dem es nur darum geht, wer die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Vor allem ist dies in den Social Media so, denn hier ist man meist eine Informationsquelle von vielen in einer ganzen Liste von Inputgebern. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal die BILD-Zeitung loben würde, jedoch lässt sie, die sonst immer ob ihrer Sensationsgier gescholten wird, etwas vermissen, was einige „seriösere“ Medien durchaus auf die Spitze treiben: Fast jede Meldung als „Eilmeldung“ oder „Breaking News“ zu verkaufen.

Ganz vorneweg in diesem Zirkus sind die Facebookpräsenzen von n-tv und der Süddeutschen. Hier wird alles als dringliche Nachricht verkauft, ob Ankündigung eines Interviews, Transferzusage in der Bundesliga oder sonstigem Bullshit. Wirklich relevante und „umwerfende“ Nachrichten gehen so in der Kakophonie der „Eils“ und „Breakings“ unter.

Anhand der beiden im Titel genannten Meldungen, kann man eigentlich sehr schön erkennen, was eine Eilmeldung ist und was nicht. Breaking News sind Terroranschläge, Naturkatastrophen oder Ereignisse, die das Potential haben, die Gesellschaft zu erschüttern und meist tiefgreifende Folgen haben. Gerade in diesem Jahr, haben wir leider Gottes davon schon viel zu viele erlebt. Doch diese Abart, uns alles als „hichgradig wichtig“ und „brennend interessant“ unterjubeln zu wollen, nur um aus dem infiniten Grundrauschen der Meldungen herauszustechen ist einfach nur billig und führt dazu, dass man solches Jahrmarktgeschrei gar nicht mehr wahrnimmt.

In meiner Kindheit hatte ich eine Hörspielkassette auf der es eine Geschichte gab, in der ein Hirtenjunge auf eine Herde Schafe aufpasst. Da die Weide etwas den Berg hinauf oberhalb des Dorfes liegt, macht sich der Junge in seinem jugendlichen Leichtsinn einen Spaß daraus, immer wieder die gesamte Dorfgemeinschaft aufzuscheuschen, in dem er ruft: „Ein Wolf, ein Wolf! Ich werde von einem Wolf angegriffen!“ Die Bauern, um ihre Schafe bangend, eilen jedes Mal herbei, um dem Hirten beizustehen und ihm zu helfen, die Gefahr abzuwenden. Doch immer, wenn sie auf der Weide ankommen, stoßen sie lediglich auf den Hirtenjungen, der sich vor Lachen den Bauch hält. Als eines Tages dann wirklich ein Wolf sich der Herde nähert und der Junge abermals um Hilfe schreit, eilt niemand mehr zu ihm, da man der festen Überzeugung ist, er erlaube sich abermals einen Scherz.

Es scheint mir so als würden einige der verantwortlichen Redakteure diese Geschichte nicht kennen. Oder aber sie setzen einen Praktikanten an die Facebookseiten und geben ihm den Hinweis, dass eine Meldung mehr Klicks bekommt, wenn man „Eil“ davor schreibt und drei Kreuzchen macht. Der Leser macht indes drei Kreuze und betet darum, dass dies lediglich ein Ausfluss von Effekthascherei ist und die Wahrnehmung der Redaktionen nicht schon soweit verzerrt ist, dass sie wirklich glauben, dass es sich hierbei um relevante Neuigkeiten handele. Ansonsten kann einem um den seriösen Journalismus Angst und Bange werden.

Um zu den aktuellen Beispielen zurückzukommen: Wenn im Regierungsviertel einer Nation, die sich weder in einer politischen Krise noch in einem Krieg oder einem kriegsähnlichen Zustand befindet, Bomben detonieren, so ist dies eine Eilmeldung wert, wenn eine überdrehte, Drogenabhängige, die neben ihre Drogenkarriere auch noch eine im Popgeschäft gemacht hat, tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, so mag dies zwar tragisch sein, eine Eilmeldung ist es jedoch nicht.

Dass Amy Winehouse seit einigen Stunden den Newsfeed dominiert und die Anschläge von Oslo verdrängt hat, ist an sich nicht tragisch – denn viele, gerade junge Menschen, haben zu ihrem Tod einen direkteren Bezug als zu einem politischen Anschlag. Dass jedoch die Medien hiermit versuchen Aufmerksamkeit zu bekommen, ist eigentlich mehr als widerlich. Dabei ist es in den meisten Fällen recht einfach mittels des vernünftigen Menschenverstandes zu erkennen, was die wirklich relevanten Informationen sind, die es Wert sind besonders gekennzeichnet zu werden:

+++ Eil: Flugzeugabsturz von polnischer Regierungsmaschine +++
aber:
Dirk Nowitzki verlängert Vertrag

+++ Eil: John F. Kennedy erschossen +++
aber:
Johannes Rau verstorben

+++ Eil: Tsunami in Japan +++
aber:
Diese Woche im Interview: Christian Wulff

+++ Eil: Bombe auf Hiroshima abgeworfen +++
aber:
Merkel und Sarkozy einigen sich auf Griechenlandhilfe

+++ Eil: Papst Johannes Paul II gestorben +++
aber:
Guttenberg zurückgetreten

+++ Eil: Explosion in Atomkraftwerk Fukushima +++
aber:
Rheinpegel erreicht Jahreshöchststand

+++ Eil: Grubenunglück in Chile +++
aber:
Demonstration um Stuttgart 21 eskaliert

+++ Eil: Mubarak dankt ab – Kriegshandlungen eingestellt +++
aber:
Koalition beschließt Atomausstieg bis 2021

Diese Liste könnte beliebig weitergeführt werden und wird wahrscheinlich je nach Verfasser ein wenig anders aussehen. Jedoch ist es ein hilfreiches Unterscheidungskriterium, wenn man darauf schaut, ob eine Meldung plötzlich und unerwartet eintritt und eine besondere Relevanz für das Weltgeschehen hat. Es kommt nicht darauf an, wie groß die zu erwartende Resonanz auf die Meldung ist, die eine solche zu „Breaking News“ werden lässt.

Natürlich war der Tod von Michael Jackson für viele ein bewegender Einschnitt, jedoch war es in gewisser Hinsicht das Lebensende eines gewöhnlichen Stars. Eine Nachricht also, die viele zwar erschüttert, bei der es jedoch nicht darauf ankommt, dass man ihr sofort und unverzüglich seine Aufmerksamkeit schenkt. Nimmt man ein anderes Kriterium hinzu – namentlich die potentielle Vorhersehbarkeit eines Ereignisses – so käme man vielleicht zu dem Schluss, dass auch der Tod des Papstes keine Meldung mit Durchschlagskraft war. Hier könnte man jedoch aufgrund der exponierten Stellung, die dieser genießt, durchaus die Relevanz so hoch ansetzen, um eine Rechtfertigung für ein „Eil“ zu haben.

Gerade Ergebnisse eines längeren Prozesses taugen nicht zur Eilmeldung. Wenn sich Politiker in wochenlangen Auseinandersetzungen doch irgendwann einig darüber werden, wie genau eine Hilfe für Griechenland auszusehen habe, so ist dies zwar durchaus von einer politschen Tragweite, jedoch nichts, auf das man sofort den Fokus richten müsste – zumal in diesem Falle auch erst die tiefere Auseinandersetzung mit der Materie das eigentlich Gehaltvolle ist. Allenfalls würde ich eine solche Meldung als „Breaking News“ in Finanzmedien akzeptieren wollen, da in diesem Bereich aus dieser Meldung eine schnelle Reaktion oder eine besondere Vorsicht in der Überwachung der Geschäftsabläufe resultieren könnte.

Unsere Welt und das Weltgeschehen im Ganzen ist gerade in den letzten Wochen und Monaten per se so hektisch wie selten zuvor und die Nachrichtendicht ist bei Gott hoch genug, dass man auf solche Spielereien getrost verzichten kann. Wir kommen doch schon so nicht hinterher, alle Neuigkeiten zu verdauen und adäquat in unser Weltbild zu integrieren – warum also diese künstlich erzeugte Aufgeregtheit?

So sehr der Begriff „Freunde“ in der neuen Medienwelt durch inflationäre Benutzung eine fundamentale, semantische Verlagerung durchgemacht hat und wir demnach eigentlich ein neues Wort für die wirklichen Freunde brauchen, so sehr wird auch der Begriff „Eilmeldung“ obsolet geworden sein, wenn man irgendwann feststellt, dass er vor jeder Schlagzeile zu finden ist.

Hier gilt, wie so oft im Leben: Weniger ist Mehr.

Die Guten zu Kindern, die Schlechten verhindern

Auch wenn dieser Beitrag zur PID-Debatte urlaubsbedingt etwas spät kommt, so ist er jedoch gerade heute am Geburtstag Gregor Mendels zumindest gut terminiert. Schließlich legte er mit seinen Erbsen die Grundlage für den aktuellen Zwist, der, wie ich im Folgenden darstellen möchte selbst für mich nicht zu einem befriedigenden Ergebnis führt. Wieso „selbst für mich“? Diejenigen, die mich länger kennen, werden vermuten, dass gerade ich hierzu eine dezidierte und klare Stellung habe. Für die Anderen muss ich vorweg eine kleine Anekdote aus meiner Schulzeit zum Besten geben:

In der Unter- oder Mittelstufe (so ganz kann ich dies nicht mehr zeitlich einordnen), diskutierten wir im Religionsunterricht immer wieder über moralische Grenzfragen und ethische Probleme. Jetzt muss man erwähnen, dass der damalige Stundenplan so gestaltet war, dass der Religionsunterricht donnerstags in der ersten Stunde stattfand. Da wohl jeder die Motivation und vor allem den Wachheitsgrad von Schülern zu diesem Zeitpunkt wird einordnen können, erübrigt es sich wohl zu erwähnen, dass die Diskussionen oftmals schleppend verliefen und den nötigen Biss vermissen ließen. Daher machte ich, der ich noch nie ein Verächter scharfer Formulierungen und ungeschönter Meinungen war, es mir immer wieder zur Aufgabe, den Disput mit provokativen – teilweise polemischen – Beiträgen anzuheizen. Zu Beginn einer jeden Diskussion wurde über eine bestimmte Frage abgestimmt, dann wurde diskutiert und am Ende der Stunde wurde erneut abgestimmt, um zu sehen, ob sich am Meinungsbild etwas verändert habe.

Als wir zu Beginn der Stunde darüber abstimmten, ob Abtreibungen in den ersten Schwangerschaftswochen vertretbar seien oder nicht, ergab sich ein in etwa ausgeglichenes Meinungsbild in der Klasse. Die Diskussion begann und beide Seiten brachten ihre Argumente pro beziehungsweise contra Abtreibung vor. Damit der gleich beschriebene Effekt verständlich wird, sollte man im Hinterkopf haben, dass diese Diskussion vor knapp zwanzig Jahren stattfand und zudem in der doch sehr katholisch geprägten Eifel.

Inmitten der Diskussion, an der ich mich bis dahin rege beteiligt hatte, konterte ich auf einen Einwand gegen eines meiner Argumente mit der Formulierung, dass ich dies als nicht problematisch ansähe, da es sich doch nur um einen „Klumpen lebender Zellen“ handele. Während mich mein Vorredner entsetzt anstarrte, gingen die Köpfe der letzten Reihe blitzartig nach oben, die Gesichtsfarbe unseres Religionslehrers schlug von jetzt auf gleich in Bleichheit um und plötzlich hatte ich selbst diejenigen gegen mich, die sich bis dahin selbst noch für die Abtreibung eingesetzt hatten. Es schien unmöglich, eine solch provokative und menschenverachtende Formulierung in die Runde zu werfen. Es war nicht das, was ich gesagt hatte, sondern die Art und Weise, wie ich es dargestellt hatte, über die sich aufgeregt wurde. Die Rationalität des Arguments wich der Empörung über die Wortwahl. Eine Wortwahl wohlgemerkt, die wohl in der aktuellen Diskussion kaum noch für Aufsehen sorgen würde – denn nicht selten habe ich in den letzten Tagen von „Zellhaufen“ und Ähnlichem gehört.

Diese Formulierung sollte mir noch Jahre nachgetragen werden und selbst in der Oberstufe, als wir im Englishkurs das Sachthema „Genetic Engineering“ behandelten und unsere Lehrerin beiläufig meinte: „It’s only a cell heap“, kam umgehend der Hinweis, dass sie damit in bester Gesellschaft mit mir sei, der dies genauso sehen würde.

Somit würden wohl viele, die damals dabei waren oder im Laufe der Jahre ebendiese Anekdote erzählt bekommen haben, denken, dass die Frage, ob ich die Präimplantationsdiagnostik für moralisch vertretbar halte, eigentlich keine Überraschung erwarten lassen würde – sicherlich ist Benjamin für ein solches Vorgehen.

In gewisser Weise ist dem auch so, jedoch ist dies nur ein Teil meiner aktuellen Überlegungen. Auch heute finde ich, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob man über eine befruchtete Eizelle oder ebenjenen „Klumpen lebender Zellen“ spricht oder von einem menschlichen Lebewesen mit vollumfänglichen Rechten. Jener verfügt lediglich über das Potential sich zu diesem zu entwickeln. Doch ist diese Welt voller un- beziehungsweise unterentwickelter Potentiale, auf die man sich nicht berufen kann. Ich mag, wenn ich einen Pinsel halten kann, das Potential zum Künstler haben, bin aber deswegen noch kein Picasso.

Obschon ich intuitiv keinen Zeitpunkt benennen könnte, wann die entscheidende Transformation vom Zellhaufen hin zum menschlichen Leben stattfindet, finde ich, dass man in Bezug auf Abtreibungen, mit der zwöften Schwangerschaftswoche eine sinnvolle Grenze gefunden hat. Denn selbst ich bin nicht so rational, dass ich einem Fötus kurz vor der Geburt die Eigenschaft als Mensch würde absprechen wollen, nur weil er noch nicht entbunden ist. Somit ist meine Antwort hinsichtlich der Frage, ob es statthaft sein solle, befruchtete Eizellen zu verwerfen, eindeutig und klar und wirft auch in Bezug auf die PID für mich keine neuen Probleme auf.

Doch ist dies ja nur eine Seite der Medaille. Demgegenüber steht nämlich eine zweite Komponente in der aktuellen Diskussion, die anders als in der Debatte um Abtreibung, hier eine wesentliche Rolle spielt. In der Abtreibungsdebatte würde ich – wie auch viele andere – mich auf das Recht und den Willen der Mutter berufen, um einen solchen Eingriff zu rechtfertigen. Jedoch spielt dies im Zusammenhang mit der PID nur eine nachrangige Rolle, denn hier ist das Entscheidungskriterium für oder gegen die Einpflanzung der Eizelle, dergestalt, dass anhand der Eigenschaft der Zellen entschieden wird. Es geht also um eine wie auch immer geartete Unterscheidung von lebenswertem und lebensunwertem Leben ergo eine bestimmte Form der Eugenik.

Um gleich den auf der Hand liegenden Einwand vorwegzunehmen, möchte ich klarstellen, dass nun garantiert keine historische Bewertung dieses Sachverhalts von mir kommen wird. Denn auch wenn die Eugenik in der deutschen Geschichte eine traurige Vergangenheit hat, so finde ich es albern und der Ernsthaftigkeit der Sache nicht direkt, wenn man an diesem Punkt der Argumentation den Nationalsozialismus ins Spiel bringt. Denn auch wenn dieser seinerzeit im Rahmen seiner Rassenhygiene den Begriff des lebensunwerten Lebens instrumentalisiert hat, so muss man doch auch im Auge behalten, dass die Nazis fast alles instrumentalisiert haben, was ihren Zielen diente. Daher greift das Argument: „Das haben schon die Nazis gemacht“ hier beiweitem zu kurz – denn nur weil die Nazis etwas gemacht haben, ist es nicht per se schlecht, sonst müssten wir heute viele Dinge in sämtlichen Lebensbereichen überdenken und folglich verdammen.

Was jedoch in diesem Zusammenhang für mich ausschlaggebend ist, ist der Fakt, dass hier eine Definition vorgenommen wird. Es wird ein bestimmter Katalog aufgestellt, der eben einer solchen Entscheidung zugrunde liegt. Auch wenn sich hier dann die Furcht vor einem Dammbruch breit macht, so habe ich diesbezüglich genug Vertrauen in die Vernunft des Menschen, dass es nicht so weit kommen wird, dass man die Eizellen mit Genen für blaue Augen denen mit Genen für grüne vorziehen wird. Aber wer entscheidet darüber, welche Krankheiten oder Behinderungen noch innerhalb der Toleranzgrenze liegen und welche nicht? Womit ich ein immenses Problem habe, ist die Tatsache, dass es kein Kriterium gibt – und auch keines geben kann – nach dem sich der Lebenswert bemessen lassen könnte. Nicht nur deswegen, weil Menschen immer eine Bereicherung für unsere Gesellschaft sind, selbst wenn sie schwerste Behinderungen haben, sondern auch deswegen, weil ich mir, wenn ich diesen Gedanken bis zum Äußersten treibe (was bei ethischen Überlegungen immer ein gutes Hilfsmittel ist), streng genommen meine eigene Existenzgrundlage entziehen würde: Als schwuler HIV-Positiver werde ich höchstwahrscheinlich keine Nachkommen zeugen und im schlimmsten Fall eventuell die Krankenkassen mehr belasten als ich der Volkswirtschaft nutze.

Auch wenn dies ein Gedankengang ist, bei dem man mir zurecht vorwerfen kann, dass er übertrieben ist und sich viel zu weit vom Ausgangspunkt entfernt hat, so macht er doch eines klar: Man kann einen Menschen nicht allein anhand der Kategorien „nützlich“ und „unnütz“ bewerten. Wer dies tut, der hat sich wortwörtlich ins eigene Fleisch geschnitten und offenbart die größtmögliche Behinderung, die ein Mensch haben kann – einen Mangel an „Menschlichkeit“. Somit, diesen Aspekt der aktuellen Diskussion betrachtend, komme ich zu einem ebenso klaren „Nein“ zur PID , wie ich eben mich für selbige aussprach, als ich die Komponente betrachtete, ob eine Eizelle schon menschliches Leben sei.

Dieses „Nein“ wird noch dadurch verstärkt, dass es in dem Falle, indem sich Eltern für die Geburt einer genetisch vorbelasteten Eizelle entscheiden, zu einer gesellschaftlichen Anforderung einer Rechtfertigung kommen könnte nach dem Motto: Wie konntest du dich nur wider besseres Wissen für dieses Kind entscheiden? Oder gar: Warum hast du es nicht vorher testen lassen?

Bis zu diesem Punkt meiner Überlegungen würde ich mich bei einer Abstimmung über die Frage der gesetzlichen Regelung der PID wahrscheinlich gegen ein solches Verfahren aussprechen. Jedoch ist auch dies noch nicht der Weisheit letzter Schluss, denn was in diesen ganzen Diskurs ebenso mit hineinspielt, ist eine gewisse Einordnung in den status quo der schon geltenden gesetzlichen Regelungen und somit ein pragmatischer Zugang zur Materie.

Denn welche Alternativen stünden Eltern denn zur Verfügung, gesetzt den Fall, sie würden sich gegen ein behindertes Kind entscheiden? Wenn man die PID verböte, so könnten man über andere Diagnoseverfahren während der Schwangerschaft dennoch zu dem gleichen Ergebnis kommen und dies selbst innerhalb des legalen Zeitfensters einer etwaigen Abtreibung. Man hat also gemäß der aktuellen Gesetzeslage die Wahl zwischen dem Verwerfen einer befruchteten Eizelle und einer Abtreibung nach einer Fruchtwasseruntersuchung. Obschon man in moralischen Fragen nicht unbedingt auf das Argument des „kleineren Übels“ zurückgreifen sollte, so ist es meines Erachtens in diesem Falle sehr wohl geboten, dies zu tun. Schließlich birgt die Abtreibung nicht zuletzt auch für die Mutter gewisse Risiken und Gefahren, die in der Petrischale noch nicht vorliegen.

Letztendlich würde ich mich also hinsichtlich dieser pragmatischen Überlegung doch für die Präimplantationsdiagnostik aussprechen, allerdings wäre dieses Urteil gewissermaßen mit einem moralischen Zweifel befleckt und ich könnte es nicht mit der gleichen Inbrunst und derselben felsenfesten Überzeugung verteidigen, die ich bei anderen moralischen Abgrenzungen an den Tag lege.

Man mag mir nun, in Anbetracht dieses argumentativen Seitenwechsels vorwerfen, ich sei kleinkariert oder gar ein Erbsenzähler. Jedoch ohne den Erbsenzähler Mendel würden wir uns mit dieser Diskussion heute gar nicht konfrontiert sehen.