Die Guten zu Kindern, die Schlechten verhindern

Auch wenn dieser Beitrag zur PID-Debatte urlaubsbedingt etwas spät kommt, so ist er jedoch gerade heute am Geburtstag Gregor Mendels zumindest gut terminiert. Schließlich legte er mit seinen Erbsen die Grundlage für den aktuellen Zwist, der, wie ich im Folgenden darstellen möchte selbst für mich nicht zu einem befriedigenden Ergebnis führt. Wieso „selbst für mich“? Diejenigen, die mich länger kennen, werden vermuten, dass gerade ich hierzu eine dezidierte und klare Stellung habe. Für die Anderen muss ich vorweg eine kleine Anekdote aus meiner Schulzeit zum Besten geben:

In der Unter- oder Mittelstufe (so ganz kann ich dies nicht mehr zeitlich einordnen), diskutierten wir im Religionsunterricht immer wieder über moralische Grenzfragen und ethische Probleme. Jetzt muss man erwähnen, dass der damalige Stundenplan so gestaltet war, dass der Religionsunterricht donnerstags in der ersten Stunde stattfand. Da wohl jeder die Motivation und vor allem den Wachheitsgrad von Schülern zu diesem Zeitpunkt wird einordnen können, erübrigt es sich wohl zu erwähnen, dass die Diskussionen oftmals schleppend verliefen und den nötigen Biss vermissen ließen. Daher machte ich, der ich noch nie ein Verächter scharfer Formulierungen und ungeschönter Meinungen war, es mir immer wieder zur Aufgabe, den Disput mit provokativen – teilweise polemischen – Beiträgen anzuheizen. Zu Beginn einer jeden Diskussion wurde über eine bestimmte Frage abgestimmt, dann wurde diskutiert und am Ende der Stunde wurde erneut abgestimmt, um zu sehen, ob sich am Meinungsbild etwas verändert habe.

Als wir zu Beginn der Stunde darüber abstimmten, ob Abtreibungen in den ersten Schwangerschaftswochen vertretbar seien oder nicht, ergab sich ein in etwa ausgeglichenes Meinungsbild in der Klasse. Die Diskussion begann und beide Seiten brachten ihre Argumente pro beziehungsweise contra Abtreibung vor. Damit der gleich beschriebene Effekt verständlich wird, sollte man im Hinterkopf haben, dass diese Diskussion vor knapp zwanzig Jahren stattfand und zudem in der doch sehr katholisch geprägten Eifel.

Inmitten der Diskussion, an der ich mich bis dahin rege beteiligt hatte, konterte ich auf einen Einwand gegen eines meiner Argumente mit der Formulierung, dass ich dies als nicht problematisch ansähe, da es sich doch nur um einen „Klumpen lebender Zellen“ handele. Während mich mein Vorredner entsetzt anstarrte, gingen die Köpfe der letzten Reihe blitzartig nach oben, die Gesichtsfarbe unseres Religionslehrers schlug von jetzt auf gleich in Bleichheit um und plötzlich hatte ich selbst diejenigen gegen mich, die sich bis dahin selbst noch für die Abtreibung eingesetzt hatten. Es schien unmöglich, eine solch provokative und menschenverachtende Formulierung in die Runde zu werfen. Es war nicht das, was ich gesagt hatte, sondern die Art und Weise, wie ich es dargestellt hatte, über die sich aufgeregt wurde. Die Rationalität des Arguments wich der Empörung über die Wortwahl. Eine Wortwahl wohlgemerkt, die wohl in der aktuellen Diskussion kaum noch für Aufsehen sorgen würde – denn nicht selten habe ich in den letzten Tagen von „Zellhaufen“ und Ähnlichem gehört.

Diese Formulierung sollte mir noch Jahre nachgetragen werden und selbst in der Oberstufe, als wir im Englishkurs das Sachthema „Genetic Engineering“ behandelten und unsere Lehrerin beiläufig meinte: „It’s only a cell heap“, kam umgehend der Hinweis, dass sie damit in bester Gesellschaft mit mir sei, der dies genauso sehen würde.

Somit würden wohl viele, die damals dabei waren oder im Laufe der Jahre ebendiese Anekdote erzählt bekommen haben, denken, dass die Frage, ob ich die Präimplantationsdiagnostik für moralisch vertretbar halte, eigentlich keine Überraschung erwarten lassen würde – sicherlich ist Benjamin für ein solches Vorgehen.

In gewisser Weise ist dem auch so, jedoch ist dies nur ein Teil meiner aktuellen Überlegungen. Auch heute finde ich, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob man über eine befruchtete Eizelle oder ebenjenen „Klumpen lebender Zellen“ spricht oder von einem menschlichen Lebewesen mit vollumfänglichen Rechten. Jener verfügt lediglich über das Potential sich zu diesem zu entwickeln. Doch ist diese Welt voller un- beziehungsweise unterentwickelter Potentiale, auf die man sich nicht berufen kann. Ich mag, wenn ich einen Pinsel halten kann, das Potential zum Künstler haben, bin aber deswegen noch kein Picasso.

Obschon ich intuitiv keinen Zeitpunkt benennen könnte, wann die entscheidende Transformation vom Zellhaufen hin zum menschlichen Leben stattfindet, finde ich, dass man in Bezug auf Abtreibungen, mit der zwöften Schwangerschaftswoche eine sinnvolle Grenze gefunden hat. Denn selbst ich bin nicht so rational, dass ich einem Fötus kurz vor der Geburt die Eigenschaft als Mensch würde absprechen wollen, nur weil er noch nicht entbunden ist. Somit ist meine Antwort hinsichtlich der Frage, ob es statthaft sein solle, befruchtete Eizellen zu verwerfen, eindeutig und klar und wirft auch in Bezug auf die PID für mich keine neuen Probleme auf.

Doch ist dies ja nur eine Seite der Medaille. Demgegenüber steht nämlich eine zweite Komponente in der aktuellen Diskussion, die anders als in der Debatte um Abtreibung, hier eine wesentliche Rolle spielt. In der Abtreibungsdebatte würde ich – wie auch viele andere – mich auf das Recht und den Willen der Mutter berufen, um einen solchen Eingriff zu rechtfertigen. Jedoch spielt dies im Zusammenhang mit der PID nur eine nachrangige Rolle, denn hier ist das Entscheidungskriterium für oder gegen die Einpflanzung der Eizelle, dergestalt, dass anhand der Eigenschaft der Zellen entschieden wird. Es geht also um eine wie auch immer geartete Unterscheidung von lebenswertem und lebensunwertem Leben ergo eine bestimmte Form der Eugenik.

Um gleich den auf der Hand liegenden Einwand vorwegzunehmen, möchte ich klarstellen, dass nun garantiert keine historische Bewertung dieses Sachverhalts von mir kommen wird. Denn auch wenn die Eugenik in der deutschen Geschichte eine traurige Vergangenheit hat, so finde ich es albern und der Ernsthaftigkeit der Sache nicht direkt, wenn man an diesem Punkt der Argumentation den Nationalsozialismus ins Spiel bringt. Denn auch wenn dieser seinerzeit im Rahmen seiner Rassenhygiene den Begriff des lebensunwerten Lebens instrumentalisiert hat, so muss man doch auch im Auge behalten, dass die Nazis fast alles instrumentalisiert haben, was ihren Zielen diente. Daher greift das Argument: „Das haben schon die Nazis gemacht“ hier beiweitem zu kurz – denn nur weil die Nazis etwas gemacht haben, ist es nicht per se schlecht, sonst müssten wir heute viele Dinge in sämtlichen Lebensbereichen überdenken und folglich verdammen.

Was jedoch in diesem Zusammenhang für mich ausschlaggebend ist, ist der Fakt, dass hier eine Definition vorgenommen wird. Es wird ein bestimmter Katalog aufgestellt, der eben einer solchen Entscheidung zugrunde liegt. Auch wenn sich hier dann die Furcht vor einem Dammbruch breit macht, so habe ich diesbezüglich genug Vertrauen in die Vernunft des Menschen, dass es nicht so weit kommen wird, dass man die Eizellen mit Genen für blaue Augen denen mit Genen für grüne vorziehen wird. Aber wer entscheidet darüber, welche Krankheiten oder Behinderungen noch innerhalb der Toleranzgrenze liegen und welche nicht? Womit ich ein immenses Problem habe, ist die Tatsache, dass es kein Kriterium gibt – und auch keines geben kann – nach dem sich der Lebenswert bemessen lassen könnte. Nicht nur deswegen, weil Menschen immer eine Bereicherung für unsere Gesellschaft sind, selbst wenn sie schwerste Behinderungen haben, sondern auch deswegen, weil ich mir, wenn ich diesen Gedanken bis zum Äußersten treibe (was bei ethischen Überlegungen immer ein gutes Hilfsmittel ist), streng genommen meine eigene Existenzgrundlage entziehen würde: Als schwuler HIV-Positiver werde ich höchstwahrscheinlich keine Nachkommen zeugen und im schlimmsten Fall eventuell die Krankenkassen mehr belasten als ich der Volkswirtschaft nutze.

Auch wenn dies ein Gedankengang ist, bei dem man mir zurecht vorwerfen kann, dass er übertrieben ist und sich viel zu weit vom Ausgangspunkt entfernt hat, so macht er doch eines klar: Man kann einen Menschen nicht allein anhand der Kategorien „nützlich“ und „unnütz“ bewerten. Wer dies tut, der hat sich wortwörtlich ins eigene Fleisch geschnitten und offenbart die größtmögliche Behinderung, die ein Mensch haben kann – einen Mangel an „Menschlichkeit“. Somit, diesen Aspekt der aktuellen Diskussion betrachtend, komme ich zu einem ebenso klaren „Nein“ zur PID , wie ich eben mich für selbige aussprach, als ich die Komponente betrachtete, ob eine Eizelle schon menschliches Leben sei.

Dieses „Nein“ wird noch dadurch verstärkt, dass es in dem Falle, indem sich Eltern für die Geburt einer genetisch vorbelasteten Eizelle entscheiden, zu einer gesellschaftlichen Anforderung einer Rechtfertigung kommen könnte nach dem Motto: Wie konntest du dich nur wider besseres Wissen für dieses Kind entscheiden? Oder gar: Warum hast du es nicht vorher testen lassen?

Bis zu diesem Punkt meiner Überlegungen würde ich mich bei einer Abstimmung über die Frage der gesetzlichen Regelung der PID wahrscheinlich gegen ein solches Verfahren aussprechen. Jedoch ist auch dies noch nicht der Weisheit letzter Schluss, denn was in diesen ganzen Diskurs ebenso mit hineinspielt, ist eine gewisse Einordnung in den status quo der schon geltenden gesetzlichen Regelungen und somit ein pragmatischer Zugang zur Materie.

Denn welche Alternativen stünden Eltern denn zur Verfügung, gesetzt den Fall, sie würden sich gegen ein behindertes Kind entscheiden? Wenn man die PID verböte, so könnten man über andere Diagnoseverfahren während der Schwangerschaft dennoch zu dem gleichen Ergebnis kommen und dies selbst innerhalb des legalen Zeitfensters einer etwaigen Abtreibung. Man hat also gemäß der aktuellen Gesetzeslage die Wahl zwischen dem Verwerfen einer befruchteten Eizelle und einer Abtreibung nach einer Fruchtwasseruntersuchung. Obschon man in moralischen Fragen nicht unbedingt auf das Argument des „kleineren Übels“ zurückgreifen sollte, so ist es meines Erachtens in diesem Falle sehr wohl geboten, dies zu tun. Schließlich birgt die Abtreibung nicht zuletzt auch für die Mutter gewisse Risiken und Gefahren, die in der Petrischale noch nicht vorliegen.

Letztendlich würde ich mich also hinsichtlich dieser pragmatischen Überlegung doch für die Präimplantationsdiagnostik aussprechen, allerdings wäre dieses Urteil gewissermaßen mit einem moralischen Zweifel befleckt und ich könnte es nicht mit der gleichen Inbrunst und derselben felsenfesten Überzeugung verteidigen, die ich bei anderen moralischen Abgrenzungen an den Tag lege.

Man mag mir nun, in Anbetracht dieses argumentativen Seitenwechsels vorwerfen, ich sei kleinkariert oder gar ein Erbsenzähler. Jedoch ohne den Erbsenzähler Mendel würden wir uns mit dieser Diskussion heute gar nicht konfrontiert sehen.

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