+++ Eil: Amy verdrängt Oslo aus dem FB- Newsfeed +++

Die Verbreitung von Nachrichten im Internet ist ein hammerharter Konkurrenzkampf bei dem es nur darum geht, wer die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Vor allem ist dies in den Social Media so, denn hier ist man meist eine Informationsquelle von vielen in einer ganzen Liste von Inputgebern. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal die BILD-Zeitung loben würde, jedoch lässt sie, die sonst immer ob ihrer Sensationsgier gescholten wird, etwas vermissen, was einige „seriösere“ Medien durchaus auf die Spitze treiben: Fast jede Meldung als „Eilmeldung“ oder „Breaking News“ zu verkaufen.

Ganz vorneweg in diesem Zirkus sind die Facebookpräsenzen von n-tv und der Süddeutschen. Hier wird alles als dringliche Nachricht verkauft, ob Ankündigung eines Interviews, Transferzusage in der Bundesliga oder sonstigem Bullshit. Wirklich relevante und „umwerfende“ Nachrichten gehen so in der Kakophonie der „Eils“ und „Breakings“ unter.

Anhand der beiden im Titel genannten Meldungen, kann man eigentlich sehr schön erkennen, was eine Eilmeldung ist und was nicht. Breaking News sind Terroranschläge, Naturkatastrophen oder Ereignisse, die das Potential haben, die Gesellschaft zu erschüttern und meist tiefgreifende Folgen haben. Gerade in diesem Jahr, haben wir leider Gottes davon schon viel zu viele erlebt. Doch diese Abart, uns alles als „hichgradig wichtig“ und „brennend interessant“ unterjubeln zu wollen, nur um aus dem infiniten Grundrauschen der Meldungen herauszustechen ist einfach nur billig und führt dazu, dass man solches Jahrmarktgeschrei gar nicht mehr wahrnimmt.

In meiner Kindheit hatte ich eine Hörspielkassette auf der es eine Geschichte gab, in der ein Hirtenjunge auf eine Herde Schafe aufpasst. Da die Weide etwas den Berg hinauf oberhalb des Dorfes liegt, macht sich der Junge in seinem jugendlichen Leichtsinn einen Spaß daraus, immer wieder die gesamte Dorfgemeinschaft aufzuscheuschen, in dem er ruft: „Ein Wolf, ein Wolf! Ich werde von einem Wolf angegriffen!“ Die Bauern, um ihre Schafe bangend, eilen jedes Mal herbei, um dem Hirten beizustehen und ihm zu helfen, die Gefahr abzuwenden. Doch immer, wenn sie auf der Weide ankommen, stoßen sie lediglich auf den Hirtenjungen, der sich vor Lachen den Bauch hält. Als eines Tages dann wirklich ein Wolf sich der Herde nähert und der Junge abermals um Hilfe schreit, eilt niemand mehr zu ihm, da man der festen Überzeugung ist, er erlaube sich abermals einen Scherz.

Es scheint mir so als würden einige der verantwortlichen Redakteure diese Geschichte nicht kennen. Oder aber sie setzen einen Praktikanten an die Facebookseiten und geben ihm den Hinweis, dass eine Meldung mehr Klicks bekommt, wenn man „Eil“ davor schreibt und drei Kreuzchen macht. Der Leser macht indes drei Kreuze und betet darum, dass dies lediglich ein Ausfluss von Effekthascherei ist und die Wahrnehmung der Redaktionen nicht schon soweit verzerrt ist, dass sie wirklich glauben, dass es sich hierbei um relevante Neuigkeiten handele. Ansonsten kann einem um den seriösen Journalismus Angst und Bange werden.

Um zu den aktuellen Beispielen zurückzukommen: Wenn im Regierungsviertel einer Nation, die sich weder in einer politischen Krise noch in einem Krieg oder einem kriegsähnlichen Zustand befindet, Bomben detonieren, so ist dies eine Eilmeldung wert, wenn eine überdrehte, Drogenabhängige, die neben ihre Drogenkarriere auch noch eine im Popgeschäft gemacht hat, tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, so mag dies zwar tragisch sein, eine Eilmeldung ist es jedoch nicht.

Dass Amy Winehouse seit einigen Stunden den Newsfeed dominiert und die Anschläge von Oslo verdrängt hat, ist an sich nicht tragisch – denn viele, gerade junge Menschen, haben zu ihrem Tod einen direkteren Bezug als zu einem politischen Anschlag. Dass jedoch die Medien hiermit versuchen Aufmerksamkeit zu bekommen, ist eigentlich mehr als widerlich. Dabei ist es in den meisten Fällen recht einfach mittels des vernünftigen Menschenverstandes zu erkennen, was die wirklich relevanten Informationen sind, die es Wert sind besonders gekennzeichnet zu werden:

+++ Eil: Flugzeugabsturz von polnischer Regierungsmaschine +++
aber:
Dirk Nowitzki verlängert Vertrag

+++ Eil: John F. Kennedy erschossen +++
aber:
Johannes Rau verstorben

+++ Eil: Tsunami in Japan +++
aber:
Diese Woche im Interview: Christian Wulff

+++ Eil: Bombe auf Hiroshima abgeworfen +++
aber:
Merkel und Sarkozy einigen sich auf Griechenlandhilfe

+++ Eil: Papst Johannes Paul II gestorben +++
aber:
Guttenberg zurückgetreten

+++ Eil: Explosion in Atomkraftwerk Fukushima +++
aber:
Rheinpegel erreicht Jahreshöchststand

+++ Eil: Grubenunglück in Chile +++
aber:
Demonstration um Stuttgart 21 eskaliert

+++ Eil: Mubarak dankt ab – Kriegshandlungen eingestellt +++
aber:
Koalition beschließt Atomausstieg bis 2021

Diese Liste könnte beliebig weitergeführt werden und wird wahrscheinlich je nach Verfasser ein wenig anders aussehen. Jedoch ist es ein hilfreiches Unterscheidungskriterium, wenn man darauf schaut, ob eine Meldung plötzlich und unerwartet eintritt und eine besondere Relevanz für das Weltgeschehen hat. Es kommt nicht darauf an, wie groß die zu erwartende Resonanz auf die Meldung ist, die eine solche zu „Breaking News“ werden lässt.

Natürlich war der Tod von Michael Jackson für viele ein bewegender Einschnitt, jedoch war es in gewisser Hinsicht das Lebensende eines gewöhnlichen Stars. Eine Nachricht also, die viele zwar erschüttert, bei der es jedoch nicht darauf ankommt, dass man ihr sofort und unverzüglich seine Aufmerksamkeit schenkt. Nimmt man ein anderes Kriterium hinzu – namentlich die potentielle Vorhersehbarkeit eines Ereignisses – so käme man vielleicht zu dem Schluss, dass auch der Tod des Papstes keine Meldung mit Durchschlagskraft war. Hier könnte man jedoch aufgrund der exponierten Stellung, die dieser genießt, durchaus die Relevanz so hoch ansetzen, um eine Rechtfertigung für ein „Eil“ zu haben.

Gerade Ergebnisse eines längeren Prozesses taugen nicht zur Eilmeldung. Wenn sich Politiker in wochenlangen Auseinandersetzungen doch irgendwann einig darüber werden, wie genau eine Hilfe für Griechenland auszusehen habe, so ist dies zwar durchaus von einer politschen Tragweite, jedoch nichts, auf das man sofort den Fokus richten müsste – zumal in diesem Falle auch erst die tiefere Auseinandersetzung mit der Materie das eigentlich Gehaltvolle ist. Allenfalls würde ich eine solche Meldung als „Breaking News“ in Finanzmedien akzeptieren wollen, da in diesem Bereich aus dieser Meldung eine schnelle Reaktion oder eine besondere Vorsicht in der Überwachung der Geschäftsabläufe resultieren könnte.

Unsere Welt und das Weltgeschehen im Ganzen ist gerade in den letzten Wochen und Monaten per se so hektisch wie selten zuvor und die Nachrichtendicht ist bei Gott hoch genug, dass man auf solche Spielereien getrost verzichten kann. Wir kommen doch schon so nicht hinterher, alle Neuigkeiten zu verdauen und adäquat in unser Weltbild zu integrieren – warum also diese künstlich erzeugte Aufgeregtheit?

So sehr der Begriff „Freunde“ in der neuen Medienwelt durch inflationäre Benutzung eine fundamentale, semantische Verlagerung durchgemacht hat und wir demnach eigentlich ein neues Wort für die wirklichen Freunde brauchen, so sehr wird auch der Begriff „Eilmeldung“ obsolet geworden sein, wenn man irgendwann feststellt, dass er vor jeder Schlagzeile zu finden ist.

Hier gilt, wie so oft im Leben: Weniger ist Mehr.

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One response to “+++ Eil: Amy verdrängt Oslo aus dem FB- Newsfeed +++

  1. Wie kann so etwas nur passieren. Breivik war in der Nacht zum Sonntag verhört worden. Stundenlang habe man ihm “das unglaubliche Ausmaß des Schadens und die Zahl der Toten erklärt”, sagte Lippestad. Die Reaktion des vielfachen Mörders war nach Angaben des Anwalts enorm kaltblütig. Er habe die Tötungen “als grausam, aber notwendig erachtet”, sagte Lippestad. Angeblich hat er diese Greultaten jahrelange vorbereitet. Ich frage mich, wozu haben wir unseren Überwachungsstaat? Der hat doch in Norwegen total versagt.

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