Gealterte Geilheit – Geteilte Gerontophilie

Als in der vergangenen Woche zum Ende der Tagesthemen der Programmhinweis gegeben wurde, dass nun „Wolke 9 – Cloud 9“ folge, dachte ich zuerst an eine Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Caryl Churchill und freute mich, da ich nicht einmal wusste, dass es davon eine Verfilmung gibt. Jedoch war ich schon in den ersten Minuten des Filmes etwas verstört, da ich die Anfangsszene nicht in Zusammenhang bringen konnte, mit dem Stück, das ich seinerzeit im Studium gelesen hatte. Also schaltete ich in den Videotext und stellte fest, dass es sich nicht um Churchills Drama handelte, sondern um den Film von Andreas Dresen aus dem Jahre 2008 über Sex im Alter.

Da es schon zu Beginn des Films, der nicht mit eindeutigen Bildern geizt, ziemlich zur Sache geht, stellte sich bei mir der Drang ein, das Programm zu wechseln. Dennoch sagte ich mir: „Du wolltest den Film damals im Kino schauen, also stell dich dieser Thematik jetzt auch!“ Doch blieb ein Gefühl der Beklemmung und eine gewisse Unwohlheit. Im Nachhinein muss ich auch sagen, dass dieser Film insofern eine Bereicherung für mich war, als dass er mich mit etwas konfrontierte, was in meiner Welt bisher nicht vorkam. Es gibt zwar nicht viel, was ich in sexueller Hinsicht nicht schon einmal irgendwo gesehen hätte, doch dies hier war fremdartig und neu. Zum ersten Mal verstand ich die heterosexuellen Jungs, die mir immer davon berichten, wie unwohl sie sich gefühlt hatten, als sie das erste Mal einen schwulen Porno sahen – warum auch immer sie ihn sich angesehen hatten.

Was dort auf dem Bildschirm zu sehen war, waren Bilder, die mein Kopfkino bisher nicht zu erzeugen in der Lage gewesen ist. Es scheint, als sei mein werbeindustriell-medial geprägtes Ich nicht reif genug, die Kategorien „Sex“ und „Alter“ zu verbinden, was jedoch nicht daran liegt, dass das, was ich da sah, in irgendeiner Weise „unnormal“ oder „unnatürlich“ ist, sondern lediglich einen Mangel an Kreativität meinerseits offenbart. Dies ist auch in anderen Fällen so, wie etwa bei extrem fettleibigen Menschen, guten Bekannten oder gar den eigenen Eltern.

Eine Freundin von mir, reagierte früher immer extrem echauffiert, wenn man ihr sagte: „Auch deine Eltern haben Sex.“ Dann rief sie sofort aus: „Hallo!!! Bitte!!! Das will ich nicht hören!!!“ Und geht es uns nicht allen so, dass wir uns wider besseres Wissen einfach gewisse Menschen nicht im sexuellen Kontext vorstellen können? Wer hatte nicht schon den falschen Gedanken, dass die Anzahl der elterlichen Liebesakte die der Kinder nicht übersteigt? Oder wer kennt das nicht? Man sieht Paare, von denen man sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass und wie diese Sex haben. Wenn ich so darüber nachdenke, so gibt es sogar Personen, mit denen ich selbst schon Sex hatte, von denen ich mir aber dennoch nicht vorstellen kann, wie sie mit anderen im Bett mehr tun als nebeneinander zu liegen und zu reden. Und auch wenn ich mir Menschen im Alter meiner Eltern nicht bei Sex vorstellen kann, so muss ich doch feststellen, dass ich selber schon Sex mit Personen hatte, die älter waren. Dennoch scheint meine Wahrnehmung dies nicht verbinden zu können. Dies ist dann an falscher Logik und unsinniger Paradoxie nicht mehr zu übertreffen.

Doch zurück zum Sex im Alter. Die hierbei zu überwindende Abstraktionskluft war bisher zu groß, als dass ich mich als junger Mensch hätte hinein denken können. Verstärkt wurde dieses Empfinden noch, als der Chor der Protagonistin gezeigt wurde, der auf einer Probe das Lied „Oh, du schöner Rosengarten“ singt. Ein Lied, welches ich seinerzeit auf dem Land im dörflichen Kirchenchor gesungen habe, was ganz spontan, ein ganz neues Licht auf die Thematik warf. Ich dachte plötzlich über die Sexualität von Menschen nach, die für mich seit Kindestagen in meiner Rezeption „asexuell“ waren.

Um eines an dieser Stelle klarzumachen: Es geht nicht darum, dass ich alten Menschen die Sexualität absprechen möchte, es ist lediglich die Unvorstellbarkeit des Aktes. Die geistigen Bilder, die mein Gehirn erzeugen müsste, um sich diesen vor Augen zu führen, werden durch eine mir Unbekannte Kraft unterdrückt, so dass es in der Regel nicht möglich ist, eine konkrete Vorstellung zu entwickeln.

Dank des Filmes war dies jedoch auch nicht nötig – hatte ich die Bilder doch schon vor Augen. Wie schon gesagt, schont der Film den Zuschauer nicht und so sah ich eine Frau, deren nackter, füllige Körper mit den tief hängenden Brüsten mich unweigerlich an die Venus von Willendorf erinnerte. Allerdings assoziierte ich in diesem Moment nicht Fruchtbarkeit damit, vielmehr stellte sich eine Invokation des Verfalls ein. Und auch wenn man das Geschlechtsteil des alten Mannes nicht explizit sieht, so war mir doch klar, dass – und dies gilt schon für einen nicht-errigierten Schwanz eines jungen Menschen – eine verwelkte Nelke nicht tiefer sinken kann. Mit Lust verband ich dies alles nicht.

Doch ist ein Element des Films, was ihn unter anderem so sehenswert macht, die Tatsache, dass er in gewisser Hinsicht selbstreferentiell ist und mit den selbst thematisierten Klischees spielt. Denn auch die Protagonisten scheinen sich nicht vorstellen zu können, wie noch ältere Menschen sexuell aktiv sind. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass die Protagonistin sich köstlich über folgenden Witz amüsiert: „Wie haben Achtzigjährige Sex?“ – „Sie macht einen Kopfstand und er lässt ihn reinhängen.“

Später gibt es eine weitere Szene, die mich irritierte. Die Protagonistin führt ein Gespräch mit ihrer Stieftochter auf deren Balkon. Währenddessen platzt die Enkelin unbekleidet in die Konversation, um ihre Mutter etwas zu fragen. Der Körper der nackten Enkelin im Hintergrund hat eine Aura des Unangetasteten und Unantastbaren, was sich in diesem Moment in keiner Weise mit den zuvor gesehenen Bildern vereinbaren lässt. Dennoch war mir klar, dass auch die Protagonistin einst über einen solchen Körper verfügt hatte und irgendwann der deformierte, gealterte Körper auch das Schiksal des Kindes sein würde. Doch so sehr ich mir die beiden nackten Körper nebeneinander vorstellte, so bekam ich nicht die Verbindung zwischen beiden hin. Ich stieß an die Grenzen meiner Imaginationskraft – ganz zu schweigen davon, dass ich mir das mittlere Stadium, welches ich mir sehr wohl beim Sex vorstellen könnte, nicht in dieses Bild hineindenken konnte, um die Brücke von dem einen zum anderen Extrem zu schlagen.

Nichtsdestominder hatte die Auseinandersetzung mit diesem Film auch etwas sehr Erbauliches: Er hat mir Mut gemacht. Auch wenn die Geschichte kein gutes Ende nimmt, so habe ich doch dank des Film die Hoffnung (ja gar die Gewissheit), dass ich mit meinem „jugendlichen“ Denken falsch liege. Vielmehr wird es eines Tages so sein, dass ich feststelle, dass ich die unsichtbare und rein imaginäre Altersgrenze zwischen Sex und Nicht-Sex werde überwunden haben und trotz alledem noch immer ein erfüllendes und befriedigendes Sexualleben lebe. Ich werde sehen, dass ich in diese Daseinsweise im wahrsten Sinne des Wortes „hineingewachsen“ bin ohne mir dessen bewusst zu sein. Es kann kein Zufall sein, dass gegen Ende des Filmes bei einer Chorprobe die „Ode an die Freude“ gesungen wird.

Somit habe ich die Hoffnung, dass ich auch mit meinem jetzigen Empfinden nicht richtig liege. Denn oftmals habe ich schon in den letzten Jahren rückblickend auf mein Leben Parallelen zu Nannas Lied aus „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“ von Brecht und Weill gezogen (wenn auch nur in depressiven Momenten):

Meine Herren, mit siebzehn Jahren
kam ich auf den Liebesmarkt,
Und ich habe viel erfahren
Böses gab es viel
Doch das war das Spiel.
Aber manches habe ich doch verargt.
(Schliesslich bin ich auch ein Mensch.)
Gottseidank geht alles schnell vorüber
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

Freilich geht man mit den Jahren
Leichter auf den Liebesmarkt
Und umarmt sie dort in Scharen.
Aber das Gefühl
Wird erstaunlich kühl
Wenn man damit allzuwenig kargt.
(Schliesslich geht ja jeder Vorrat zu Ende.)
Gottseidank geht alles schnell vorüber
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

Und auch wenn man gut das Handeln
Lernte auf der Liebesmess’:
Lust in Kleingeld zu verwandeln
Wird doch niemals leicht.
Nun, es wird erreicht.
Doch man wird auch älter unterdes.
(Schliesslich bleibt man ja nicht immer siebzehn.)
Gottseidank geht alles schnell vorüber.
Auch die Liebe und der Kummer sogar.
Wo sind die Tränen von gestern abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

Wie dem auch sei: Ich habe durch diesen Film ein neues Ziel in meinem Leben gefunden: „So lang‘ es geht, lass‘ ich’s nicht sein – danach gibt’s blaue Helferlein.“

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s