Von Schienen zu Scheinen – es ging immer nur um Schotter

Was die Politik heute in Atem hält begann im Jahre 1868 im „Manual of the Railroads of the United States” als Henry Varnum Poor Informationen über die amerikanischen Eisenbahngesellschaften veröffentlichte. An sich ein sinnvoller Schritt, denn im Wettrennen der Unternehmen war es mehr als verständlich, dass Anleger wissen wollten, auf welches Pferd – oder besser welche Bahn – sie setzen sollten und welche Unternehmungen so erfolgsversprechend seien, dass sich eine Investition lohne. Jedoch tickten die Uhren seinerzeit noch anders und der Kapitalismus funktionierte noch nach klassischen Regeln. Es ging darum, denjenigen, der über Kapital verfügt mit demjenigen zusammenzubringen, der eine Geschäftsidee hat – damit ersterer sein Kapital nutzen und letzterer seine Idee umsetzen konnte.

Natürlich mag es auch damals schon Menschen gegeben haben, die auf gewisse Ereignisse spekulierten und dies zur Maxime ihrer Anlageentscheidung machten, jedoch kann man sagen, dass der Großteil der Anleger darauf bedacht war, das Kapital zu nutzen, um Wertschöpfung zu betreiben und zwar in Form einer Verbesserung der Gesellschaft, einer Erhöhung der Produktivität oder aber einer Maximierung des gesellschaftlichen Wohlstands durch Fortschritt.

Heute jedoch ist Spekulation die Regel und ehrliche Anlage die Ausnahme und auch hinsichtlich der Ziele hat sich an den Finanzmärkten der Welt eine Verschiebung ergeben. Es geht lediglich darum, dass Kapital weiteres Kapital hervorbringt. Unternehmen sind nur dann interessant, wenn die Profite stimmen, die man später abschöpfen kann – je schneller und kurzfristiger sich dieser Effekt einstellt, desto besser. Die Macht des Ratings hat sich in dieser Zeit ebenso exponentiell entwickelt wie die Höhe der Anlagesummen, die gehandelt werden.

Es hat ein Wandel stattgefunden von der gut geplanten und gezielten Geldgabe für den Bau von Gleisen hin zu einem virtellen Vabanquespiel auf den weltweiten Finanzmärkten.

Im Falle der Eisenbahngesellschaften ging es dem Anleger darum, aus dem vorliegenden Urteil das Ob und Wie seiner Investition abzuleiten. Dem ist im Grunde auch heute noch so, wenn die großen Ratingagenturen ganze Länder bewerten. Allerdings hat man in der Vergangenheit die Spielregeln immer weiter verschärft und das Ergebnis der Ratings wurde zur Prämisse immer weiterer Konditionen.

Dies führt jedoch – und dazu bedarf es keines Logikseminars – zu einem entscheidenden systemimmanenten Fehler. In dem Moment, wo sich etwa Zinsätze auf Kredite oder Konditionen für andere Finanzmaßnahmen durch eine Prognose verändern, verlässt derjenige, der diese Prognose aufstellt, den Bereich der Beurteilung und Bewertung und betritt den Bereich der Ausgestaltung der Zukunft. Das von ihm vorhergesagte Potential wird durch sein Handeln zur Realität. Für Konstruktivisten ist dies immer so, doch in diesem Falle muss man sich nicht neben Watzlawick setzen, um zu sehen, was dort vor sich geht.

Im Grunde genommen ist die Bewertung einer Ratingagentur dem in den Sprachwissenschaften gängigen Modell des Sprechaktes vergleichbar – wer je auf einer Hochzeit war, der weiß, dass erst durch den Satz: „Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau“, die Ehe geschlossen wird und in genau diesem Moment Aussage, Aktion und Ergebniss in einem Zeitpunkt vereint sind. Wenn Moody’s also ähnlich den harten Jungs auf dem Schulhof sagt: „Du Opfer“, dann wirst du es ab genau diesem Augenblick auch sein.

Mir sei an dieser Stelle eine Analogie erlaubt, über deren Schwachpunkte ich mir sehr wohl im Klaren bin, die ich dennoch als anschaulich genug ansehe, dass sie den Sachverhalt anhand eines einfachen Beispiels klar macht:

Kurz nach den Weihnachtsferien werden die Zeugnisse vergeben und die Zensuren des Schülers sind alles andere als glorreich. Die Beurteilung seiner Leistungen sind nachweisbar schlecht und für alle ersichtlich. Bis hierher ist auch alles soweit in Ordnung und es eröffnet den Eltern genug Handlungsspielraum in welcher Weise auch immer auf diese faktische Gegebenheit zu reagieren. Wenn nun jedoch der Lehrer, der ja aus Elternsicht hinsichtlich der im zweiten Halbjahr zu erwartenden Leistungen einen Wissensvorsprung hat und die Lage besser einzuschätzen weiß, jenseits der schon im Zeugnis dokumentierten Beurteilung darauf hinweist, ob der Schüler das Klassenziel wird erreichen können, so änder sich seine Funktion.

Wenn er etwa äußert, dass der Schüler es sowieso nicht schaffen werde, seine Zensuren in dem noch verbleibenden Zeitraum zu verbessern, so kann dies dazu führen, dass die Eltern auch keinen Sinn mehr darin sehen, dem Schüler Nachhilfe zukommen zu lassen, was dann letzendlich zur Folge hat, dass er sitzen bleibt. Stellt der Lehrer den Eltern jedoch in Aussicht, dass es noch eine (wenn auch geringe) Chance gibt, dass der Schüler die Kurve noch kriegt, so werden diese ihr Kind vielleicht mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln behilflich sein und mit etwas Glück auch erreichen, dass der Schüler versetzt wird.

Einem Lehrer, der sich wie im ersten Falle verhält, würde man wohl zurecht vorwerfen, dass er nicht gerade über ein ausgeprägtes pädagogisches Geschick verfügt und seine Schüler vorschnell abschreibt. Doch genau das ist es, was, um zum Thema zurück zu kommen, die Ratingagenturen tun. Sie prognostizieren, dass Griechenland das Klassenziel nicht erreicht und die Banken und Kreditinstitute der Welt verweigern die Nachhilfe.

Es geht also nicht um die Warnungen einer zur Wahrheit verdammten Kassandra, denen man besser Beachtung schenken sollte, will man nicht vom Untergang Trojas überrascht werden. Es geht vielmehr um eine pervertierte Modernisierung des Ödipus-Stoffes. Denn dadurch, dass man versucht mit dieser Warnung das Schiksal abzuwenden, beschwört man es herauf und provoziert ein Verhalten, was erst zu dem vorhergesagten Ergebnis führt. Der klassische Fall einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung.

Das Schlimme daran ist jedoch, dass dieser Effekt drastische Auswirkungen hat. Insbesondere in einem System, in dem sich die Finanzwirtschaft zunehmend von der Realwirtschaft emanzipiert hat, letztere jedoch in ebenso zunehmenden Maße von ersterer abhängig ist. Die Prognose einer Ratingagentur kann horrende Nachwirkungen haben und sogar ganze Staaten in den Abgrund stürzen, was dann nicht zuletzt auch politische Auswirkungen haben kann. Besonders im aktuellen Falle ist dies kritisch, da es bei Griechenland, Spanien, Irland und Italien nicht mehr nur um die Zukunft dieser einzelnen Länder geht, sondern diese im schlimmsten Falle den ganzen Kontinent mit hinunter ziehen. Als die vorderen Kammern der Titanic voll gelaufen waren, ging das Schiff unter, auch wenn man vorher der Überzeugung war, es sei unsinkbar. Wie wir alle wissen, halfen da auch die kleinen Rettungsboote nicht mehr.

Man darf gespannt sein, was passiert, sobald die Agenturen auch bezüglich den USA den Daumen senken. Dann könnte es sein, dass sich ein lehmanneskes Dominospiel in Gang setzt und die sich gerade erholende Weltwirtschaft erneut den Boden unter den Füßen verliert. Meines Erachtens erhält Amerika alleine aufgrund der Angst vor den Konsequenzen bisher noch das Triple-A.

Langfristig wird diese Gratwanderung, die von Ratingagenturen, Spekulanten und Großbanken betrieben wird, allerdings nicht gut gehen. Sie werden sich damit wortwörtlich ins eigene Fleisch schneiden. Wobei in diesem Falle das englische Pendent dieses Sprichwortes passender wäre: „Cutting off the nose to spite the face.“ Doch wenn man sich, um das Gesicht zu ärgern, die Nase abschneidet, verliert man sein Gesicht, weil zu diesem eine Nase wohl oder übel dazu gehört: Punkt, Punkt, Komma, Strich – wenn man zappelt, fällt der Tisch und die Moody’s blicket stumm, auf dem leeren Tisch herum.

Will heißen: Wenn die Weltökonomie heruntergewirtschaftet ist, gibt es auch nichts mehr zu raten. Weshalb man nur raten kann, sehr vorsichtig mit solchen Prognosen umzugehen. Zudem ist es höchste Eisenbahn, dass wir erkennen, dass wir aktuell nicht auf dem richtigen Gleis sind. Denn wer einen Cent auf solche Ratings setzt, darf sich nicht wundern, wenn er mit dem Euro bezahlt.

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