NIEmand hat die Absicht, eine Mauer einzureißen

Es ist auf die Stunde fünfzig Jahre her, dass erste Zementsäcke Richtung Berlin-Mitte getragen wurden, um die Teilung Deutschlands in Stein zu fassen. Mittlerweile ist die Mauer, dieses innerdeutsche Monstrum, seit über zwanzig Jahren verschwunden und zumindest in der Natur ist Gras über die Sache gewachsen. Ein grünes Band zieht sich durch Deutschland, in dem Flora und Fauna zum Teil vergessenen und beinahe ausgestorbenen Arten wieder einen Lebensraum bieten. Lediglich der Mauerspecht ist ausgestorben.

Man sollte meinen, dass es an der Zeit sei, dass auch in Bezug auf uns Menschen, Gras über die Sache wächst. Doch dem ist leider nicht so. Obwohl wir jetzt schon über die Hälfte der Zeitspanne, die Deutschland überhaupt nur geteilt war, wieder vereint sind, und es eine ganze Generation gibt, die nicht mehr weiß, dass der Sandmann früher in einigen Teilen des Landes einen Vollbart und eine Jeanshose trug, bleibt die Mauer in den Köpfen weiterhin bestehen.

Individuell mag sich bei den Deutschen viel bewegt haben, doch institutionell findet sich noch heute eine rote Linie in der Deutschlandkarte, die den Westen vom Osten trennt. Zumindest wenn man sich die meisten Statistiken anschaut, die all überall publiziert werden. Egal um was es geht, es wird weiterhin differenziert zwischen Ost und West.

Dies ist mir erst vor kurzem wieder aufgefallen, als ich die Pressemitteilung zum Mikrozensus gelesen habe. Doch gerade von einer staatlichen Behörde wie dem Bundesamt für Statistik sollte man erwarten dürfen, dass man auf eine solche Gegenüberstellung verzichtet. Man mag zwar jetzt einwenden, dass es durchaus erkennbare, strukturelle Unterschiede gibt zwischen Ost und West und somit eine Gegenüberstellung gerechtfertigt sei, doch sollte man dann auch sehen, dass es ähnliche Unterschiede zwischen Nord und Süd gibt – doch in letzterem Falle findet sich dies nicht im Sprachgebrauch wieder.

Sprache dient nicht nur dazu Wirklichkeit zu beschreiben, sondern Sprache ist immer auch ein Mittel, um Wirklichkeit zu gestalten. An sich bezeichnen die Begriffe „Ost“ und „West“ lediglich Himmelsrichtung, jedoch wurde ihr semantischer Gehalt nach dem Krieg politisch aufgeladen. Bevor man diese Begriffe wieder neutral nutzen kann, muss man sie erst einmal entladen und die politische Dimension muss gänzlich verschwinden. Dies passiert allerdings nicht, solange man sie weiterhin nutzt, als würden sie noch auf ein geteiltes Deutschland verweisen. Es ist ein gravierender Unterschied, ob ich Thüringen mit Hessen vergleiche oder die alten mit den neuen Ländern. Denn wenn ich letzteres tue, sende ich implizit die Botschaft mit, dass ich weiterhin an der deutsch-deutschen Grenze festhalte und konnotiere eine andauernde Teilung des Landes. Doch genau dies sollten wir uns alle endlich abgewöhnen. Denn dadurch lebt das Erbe Ulbrichts weiter. So lange wir noch von Ost- und Westdeutschland sprechen, stoßen wir de facto mit Margot Honecker auf den Jahrestag der DDR an.

Wenn man schon intranationale Vergleiche aufstellen möchte, warum tut man dies dann nicht, in dem man die Bundesländer einzeln aufführt oder aber, je nach thematischem Zuschnitt des Faktums, welches man herausstellen möchte, in der Form, dass man die beiden Extreme vergleicht? „Während Bayern hierbei vorne liegt, hat Bremen noch einiges aufzuholen.“ Warum verdammt noch mal nach über zwanzig Jahren immer noch Ost gegen West, gutes Deutschland gegen schlechtes Deutschland? Es reicht doch schon, dass die Zahlen eine Teilung widerspiegeln, muss man das dann noch sprachlich unterstreichen und gesondert darauf hinweisen? Wie will man denn „dem Deutschen“ abverlangen, dass er sich als ein Ganzes definiert, wenn man seine Schizophrenie andauernd erwähnt: „Sei eins mit dir, Michel, aber bedenke, dass zwei Seelen, ach, in deiner Brust wohnen!“ Paradoxer geht es kaum noch.

So bestimmt wie es damals hieß: „Wir sind DAS Volk!“, so sollten wir jenseits der Bestimmungen „Ost“ und „West“ heute ganz unbestimmt sagen: „Wir sind EIN Volk!“  Wir sollten aus den semantischen Ruinen auferstehen und uns der Zukunft zuwenden. Es wird höchste Zeit, sonst wird es uns im schlimmsten Falle nach den nächsten zwei Jahrzehnten gelungen sein, die Lebensdauer der deutschen Teilung verdoppelt zu haben.

Allerdings bezweilfe ich, dass diese mentale Überwindung in der nächsten Zeit geleistet wird – zumindest unter denen nicht, die im geteilten Deutschland aufgewachsen sind. Doch sollten wir aufpassen, dass wir diese Altlast nicht an die Jungen weitergeben. Es macht nämlich auch keinen Sinn noch in D-Mark zu rechnen, wenn man nur Euro in der Tasche hat.

Aktuell ist die Mauer noch immer präsent und wird es wohl auch noch einige Zeit bleiben, was sich jetzt nicht auf die Berichterstattung zum Gedenken bezieht. Somit könnte heute, 50 Jahre nach dem Originalzitat dieses leider in etwa so lauten: „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Deutschland gibt, die wünschen, dass wir die Statistiker der Hauptstadt mobilisieren, um eine Mauer einzureißen, ja? Ääh, mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht, da sich die Statistiker in der Hauptstadt hauptsächlich mit Demographie beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll ausgenutzt, ääh, eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer einzureißen.“

Hoffen wir, dass sich das abgewandelte Zitat ebenso schnell in die negierte Wirklichkeit verwandelt, wie es das originale getan hat. Denn jede Statistik und jeder Artikel, der Deutschland noch in Ost und West unterteilt, ist ein weiterer Stein auf der virtuellen Mauer, in deren Schatten die Deutschen noch immer leben.

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