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Wer BIP sagt, betrügt

Wenn man sich dieser Tage die Meldungen in den Medien durchliest, stellt man fest, dass wir nichts aber auch gar nichts aus der Finanzkrise gelernt haben. Das Casino hat wieder eröffnet und wir alle verfallen wieder in die altbewährten Denkmuster. Wie eh und je schauen wir auf einen Indikator, der uns scheinbar den Wohlstand anzeigt – das Wachstum.

Erst letzte Woche wurde wieder die Nervosität geschürt und es wurden pessimistische Töne angeschlagen, weil das Wachstum im letzten Quartal nicht genug angestiegen sei und einige Vertreter in den Medien sehen darin schon den Nebelstreif der Rezession am Horizont aufziehen und schüren die Angst vom aufziehenden Wohlstandsverlust.

Trotz einiger guter Ansätze, die man hin und wieder liest, scheint die Mehrheit noch nicht realisiert zu haben, dass ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts in keiner Weise eine Aussage darüber macht, ob sich der Wohlstand im weitesten Sinne erhöht hat oder nicht. Ganz im Gegenteil, in vielen Fällen ist es sogar so, dass nicht wünschenswerte Ereignisse dazu führen, dass das BIP ansteigt und somit die Welt in Ordnung zu sein scheint.

Man mag mir bei meinem nächsten – zugegebener Maßen überspitzt polemischen – Argument vorwerfen, ich sei zynisch, jedoch liegt der Zynismus nicht in meiner Beschreibung, sondern ist systematisch in unserem Verständnis von Wirtschaft angelegt. Drum stelle ich fest: Derjenige, der immer dann in Jubel verfällt, sobald das BIP ansteigt, sollte sich konsequenterweise auch dafür einsetzen, dass die randalierenden Jugendlichen in England nicht bestraft werden, sondern mit der Margaret-Hilda-Roberts-Gedächtnismedallie ausgezeichnet werden. Schließlich haben sie für das britische BIP mit ihren Brandanschlägen mehr getan, als sie es hätten tun können, wenn sie die Waren auf legalem Wege erworben hätten. Denn nun haben sie auch dafür gesorgt, dass weitere Umsätze generiert werden können, wie Glaserarbeiten, Bauunternehmungen, Feuerwehreinsätze, Dienstleistungen im Sicherheitsbereich, etc.. Auch sind die dem in Deutschland so gerne zitierten Mantra „sozial ist, was Arbeit schafft“ in vollem Umfang gerecht geworden und ihr moralisch-gesellschaftlich anti-/ bzw. a-soziales Verhalten müsste dieser Logik folgend als überaus sozial angesehen werden – haben sie doch dafür gesorgt, dass viele Einsatzkräfte nun ein Mehr an Beschäftigung hatten.

Wie gesagt – dies soll keine Verherrlichung oder Relativierung dieser Taten sein, es soll lediglich aufzeigen, dass die Fokussierung auf Indikatoren wie das BIP ad absurdum geführt werden kann, wenn man sich nicht anschaut, was denn zu diesem BIP beigetragen hat. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn jeder alkoholisierte Mensch, sein Auto stehen lassen würde und somit Unfälle verhindert werden könnten, jedoch ich bitte euch – das wäre doch absolut nicht im Sinne des BIP. Im Sinne des BIP wäre es, wenn zuerst einmal alle für Umsatz in den Kneipen sorgen, sich dann hinters Steuer setzen und Unfälle produizieren, die dann erhöhte Umsätze bei Autoherstellern, Autoverkäufern, Rettungsdiensten, Krankenhäusern, Bestattungsunternehmen und Blumenhändlern nach sich zögen. Wenn wir alle vernünftig fahren, so schaden wir dem BIP und somit auch dem Wohlstand. Dass wir dann in einer besseren Welt leben würden, mit weniger Schmerz und Leid, sollte hierbei nicht beachtet werden – schließlich geht es uns doch um Wirtschaftswachstum und um einen Anstieg des BIP.

Die letzten beiden Absätze machen wohl deutlich, dass BIP nicht nur als Abkürzung für „Brutto-Inlands-Produkt“ gesehen werden kann, sondern irnoischerweise auch Abkürzung sein könnte für den Prozess, der vor sich geht, wann immer man dieser Abkürzung begegnet: „Brainwashing in Progress“. Um diesen beschriebenen, systemimmanten, hochgradig perfiden Zynismus auf eine kurze Formel zu bringen: Das BIP ist ein Monster, das Menschen frisst und Münzen spuckt. Doch von Münzen wird man nicht satt – man beißt sich lediglich die Zähne daran aus.

Das BIP kann ein Indikator sein, der anzeigt, dass der Wohlstand sich erhöht – es muss es aber nicht. Wenn man den Sachverhalt auf ein ganz triviales und einfaches Beispiel herunterbricht, werden einem die Grenzen der Aussagekraft des BIP sehr schnell bewusst: Ein Bauer, der sein Feld bestellt, kann natürlich durch verschiedene Eingriffe in den Anbauprozess seine Ernte maximieren und den Anbau optimieren. Zu einem Zeitpunkt also, in dem er sich in einem Verbesserungsprozess befindet, ist das Volumen der eingefahrenen Ernte sehr wohl ein Anzeichen dafür, ob er die richtigen Maßnahmen ergriffen hat. Dies gilt jedoch nur so lange, wie er ein suboptimales Verfahren hat. Je ausgereifter sein Anbau ist, desto mehr verliert der jährliche Zuwachs an Aussagekraft und früher oder später hat er eine Schwelle erreicht, an der er das Maximum des zu erzielenden Ertrags erreicht hat und die Gesetze der Natur es ihm verbieten, noch mehr zu erwarten.

Anstatt dann davon auszugehen, dass er auch im darauffolgenden Jahr prozentual gesehen einen Zuwachs wird verzeichnen können, sollte er besser einen Teil der sehr guten Ernte beiseite legen. Denn diese Lektion musste schon der Pharao von Joseph im alten Testament lernen: Nach den sieben fetten Kühen, kommen die sieben mageren Kühe, die erstere fressen. Kämen nach den sieben fetten Kühen weitere sieben noch fettere Kühe, würde spätestens die dritte Kuh platzen – ganz so wie die Blasen an den Märkten.

Wir müssen also unser gesamtes Verständnis von Wohlstand in Abhängigkeit von Wachstum überdenken, denn es fußt auf einer falschen Prämisse: Es geht davon aus, dass es immer ein Wachstum geben wird. Doch so funktioniert diese Welt nicht – lediglich das Universum wächst beständig fort in dieser unserer Realität und selbst hier wissen die Astrophysiker, dass es eines Tages das Maximum erreicht haben wird und dann den umgekehrten Weg gehen wird und wieder in sich zusammenfallen wird.

Die Annahme vom stetig fortschreitenden quantitativen Wachstum ist falsch. Wir sollten genauer darauf achten, wie dieses Wachstum zustande kommt. Wenn auch andere Faktoren wie Nachhaltigkeit, soziale Eigenschaften oder Umweltverträglichkeit, mehr ins Blickfeld rücken würden, würden wir sehen, dass selbst ein rückläufiges Wachstum, dennoch den Wohlstand erhöhen könnte. Natürlich kann ich am Ende des Jahres in meinen Schrank schauen und feststellen, dass ich mir 50 neue Billighemden gekauft habe und mich an der schieren Anzahl ergötzen, ich könnte jedoch auch feststellen, dass ich nur über 5 neue Hemden verfüge, diese jedoch von hoher Qualität sind. Oder wie es eine Bekannte aus meinem Heimatort früher gerne sagte: „Wir haben kein Geld für billige Schuhe.“ Womit sie darauf verwies, dass ein gut verarbeiteter Schuh bei guter Pflege meist mehrere Jahre getragen werden kann und nicht nach einigen Monaten schon wieder durch Neuanschaffung ersetzt werden muss.

Doch sind wir dann wieder beim BIP – denn dieses lebt davon, dass wir uns ständig irgendwelchen Mist kaufen und möglichst viel konsumieren. Qualitative Gesichtspunkte spielen hierbei keine Rolle. Allerdings sind dies die Dogmen in diesem quasireligiösen Spiel:

Die Religion ist der Kapitalismus, Mammon der Gott, Wachstum das Gebot und Konsum das Sakrament: Das BIP wird in der Monstranz durch die Straßen getragen, auf dass sich ein jeder vor ihm verneige. – Doch wo bleibt der Martin Luther der Ökonomie? Wer befreit uns aus dieser eigentlichen Öko-diktatur und schlägt die Thesen an, die wir dringend benötigen, wollen wir uns nicht weiterhin das Geld aus der Tasche ziehen und das Leben zur Hölle machen lassen, nur weil man uns ständig mit dem Fegefeuer droht und uns glückseligmachende Heilsversprechen verkauft, die diesen ganzen Prozess nur noch bestärken?

Wer glaubt, dass Wachstum Wohlstand bringt, der nimmt auch Viagra um Liebe zu finden.

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