Aggro-Polis Adieu

Dieser Tage werden meist nur unschöne Bilder aus Athen in den Medien verbreitet. Aufstände, Streiks und Ausschreitungen scheinen an der Tagesordnung zu sein und es wird leider viel zu oft das Bild einer wahren Aggro-Polis entworfen. Doch ungeachtet der Tatsache, dass bei solchen Sparauflagen, wenn sie Deutschland beträfen, auch ähnliche Bilder aus Berlin gesendet werden könnten, so sollte man sich doch auch einmal wieder vor Augen halten, dass zum einen die aktuelle Krise keine spezifisch griechische mehr ist und dass zum anderen wir überhaupt nur Europäer sind, weil die Griechen seinerzeit schon Großes leisteten, während man unter den Germanen noch lange Jahrhunderte nach Geist und Esprit suchen musste.

Schwenkt man den Blick nun einmal weg von der Politik hin zur Kultur, so stellt man erfreulicherweise fest, dass momentan eine Epoche im Zentrum der Aufmerksamkeit steht – die Renaissance. Gewissermaßen befinden wir uns gerade in einer Renaissance-Renaissance: In Berlin zeigt man deren Gesichter, in Dresden die Madonnen und nicht zuletzt die Verfilmung der Borgia-Familie hat dazu beigetragen. Doch sollten wir nicht nur auf diese Epoche per se zurückblicken, sondern auch einen Blick auf das wagen, was seinerzeit „wiedergeboren“ wurde. Denn nach den dunklen Jahrhunderten, die eher von französischen und deutschen Urahnen geprägt waren, richteten zu allererst die Italiener ihren Blick wieder zurück auf die griechisch-römische Kultur und ließen diese neu aufleben.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass heute ausgerechnet die Griechen und Italiener alleinig an der Malesse schuld sein sollen und sich die Deutschen und Franzosen als die großen Retter sehen. Dass also gerade die Nachkommen derjenigen, deren Bestreben es über Dekaden hinweg war, die in Rom und Athen geborenen Ideen mehr zu verhindern denn zu befördern, sich nun hinstellen und die Nachkommen der Ursupatoren von Freiheit, Demokratie und überhaupt der spezifisch europäischen Kultur verurteilen.

Ebenso ist es ein Treppenwitz der Geschichte, dass diejenigen, die für sich beanspruchen, die Demokratie immer und überall retten zu wollen, nun darüber aufregen, dass man im Mutterland der Demokratie dem Demos (Volk) die Kratia (Herrschaft) überlässt. Mag sein, dass die bevorstehende Volksabstimmung einiges verschlimmern wird – jedoch ist sie ur-demokratisch. Un-demokratisch hingegen gebaren sich diejenigen, die Menschen anderer Meinung damit abfertigen, dass sie doch mit ihrer Scheiße aufhören sollen und ihnen zu verstehen geben, dass sie ihre Fresse nicht mehr sehen können.

Das, was wir heute die europäische Kultur nennen findet seine Grundlagen zum einen in der Bibel und der christlichen Tradition (die ich jetzt einmal beiseite lassen möchte), in der griechischen Mythologie und Philosophie sowie im römischen Recht. Man nehme sich die in den letzten hundert Jahren verfasste Literatur zur Hand und unterstreiche darin die Passagen, die ihren Ursprung in der Antike haben: Man benötigte dafür soviele Textmarker, dass man sie mit dem gigantischen Eurorettungsschirm nicht würde bezahlen können.

Dies genau ist der Punkt auf den ich hinaus will. Wer Lösungen zur „Griechenland-Krise“ sucht, der wird Antworten unter anderem bei den Griechen selbst finden können. Damit meine ich nicht, dass es dort die richtigen konkreten Handlungsanweisungen gibt, jedoch wird man schnell feststellen, dass es immer wieder die gleichen Fragen sind, die uns Menschen beschäftigen und unser Handeln bestimmen. Unzählig sind die Parellelen der Handlungsstränge – unzählig die Kreuzungen vor denen wir ebenso stehen, wie seinerzeit die Helden und Götter und uns für einen der Wege entscheiden müssen.

Es bringt uns nichts, jetzt angesichts der Krise wie Achilles erst einmal flennend an den Strand zu laufen und nach Mutti zu rufen, wenn wir auf dem nahen Schlachtfeld gebraucht werden. Auch wird es uns jetzt nichts bringen mit aller Gewalt dem bevorstehenden Übel, das uns prophezeit wird, entgehen zu wollen – wir würden es doch nur wie Ödipus gerade dadurch heraufbeschwören. Vielmehr sollten wir uns ein Beispiel nehmen an den zerstrittenen Stadtstaaten, die sich zusammenschlossen, um ihre geliebte Helena zurückzuerobern.

Natürlich wurde in der Vergangenheit vieles falsch gemacht und so haben wir ohne politische Union den Euro eingeführt und gleich den Matrosen des Odysseus, die den von Aiolos geschenkten Lederschlauch zum falschen Zeitpunkt kurz vor erreichen Ithakas öffneten, das ganze Unterfangen bedroht und unsere Odyssee eines geeinten Europas um Jahre nach hinten geworfen.

Europa scheint in seiner jetzigen Form der reinste Augiasstall zu sein und jedes neue Rettungspaket scheint sich zu verhalten wie der Stein des Sisyphos. Doch sollten wir dennoch nicht den Mut verlieren und den Tatsachen ins Auge sehen. Die Büchse der Pandora ist nunmal geöffnet und neben den schon entflohenen Übeln werden wahrscheinlich weitere über uns einbrechen. Jedoch dürfen wir nun keinesfalls zurückweichen und diese Büchse durch eine Rückkehr in Nationalstaaterei wieder versuchen zu schließen. Denn dann begehen wir den gleichen Fehler – denn in dieser Büchse ist eben nicht nur alles Übel der Welt sondern auch die Hoffnung, auch wenn diese langsamer ist in ihrer Entfaltung und sie daher aktuell noch nicht zu Tage gekommen ist. Doch wird sie sich entfalten. Wer jetzt den Deckel schließt und den eingeschlagenen Weg verlässt, behält die Übel und verwehrt sich des Guten, das auf das Schlechte folgt.

Derzeit verharren wir vor einer Vollendung einer wirklichen, politischen europäischen Einigung ebenso wie die Griechen, die zehn Jahre lang Troja belagerten, ehe sie angriffen. Wir haben Angst den großen Schritt nach vorne zu wagen, da wir wissen, dass dieser Opfer abverlangen wird. Doch müssen wir ihn früher oder später tun, um unser Ziel zu erreichen. Wenn wir uns dem Kampf nicht stellen, wird es auch keine Beute geben. Was wir nun brauchen sind starke, mutige Helden, die mit Verstand und Herz nach vorne schreiten und uns Beistand und Führung im Gefecht bieten.

Denn fernab aller Metaphern: Wenn wir die europäische Einigung nicht langsam ehrlich und mit all ihren Konsequenzen in Angriff nehmen, werden wir in diesem Narrativ nicht die Rolle Griechenlands einnehmen, sondern vielmehr wie Troja untergehen. Denn nur gemeinsam haben wir überhaupt auch nur den Hauch einer Chance unseren Stimmen im Chor der sieben Milliarden Gehör zu verleihen. Wenn wir nicht wollen, dass in nicht einmal hundert Jahren, die Asiaten ebenso über die Champs-Élysées oder durchs Brandenburger Tor wandeln, wie wir heute die Akropolis oder das Kollosseum besichtigen, dann sollten wir gefälligst handeln und begreifen, dass nur ein vereintes, demokratisches und freies Europa künftig Bestand haben wird.

Einigkeit und Recht und Freiheit sollte kein alleinig deutscher Anspruch mehr sein, auf dass alle Menschen Brüder werden und wir wieder das verbinden, was der Mode Schwert geteilt.

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