Kauder-Welsch für Kinder-Reiche (2)

Quelle: imgur.comZur Rolle des Bundesverfassungsgerichts, vor dem uns meines Erachtens niemand schützen muss, wie man von einigen Unionsleuten hörte, habe ich mich zu diesem Thema hier schon 2010 geäußert. Daher werde ich auch diesen Aspekt beiseite lassen.

Hinsichtlich der neueren Entwicklung sehe ich jedoch zwei potentielle Handlungswege, die nun beschritten werden könnten. Zum einen eine Angleichung der rechtlichen Bedingungen von eingetragenen Lebenspartnerschaften, zum anderen eine generelle Öffnung der Ehe. Letzteres würde viel administratives Kleinklein überflüssig machen, da man dann nicht jede Einzelnorm anpassen müsste, sondern in einem Abwasch alles erledigt hätte, in dem man einfach das Etikett „Lebenspartnerschaft“ durch „Ehe“ ersetzt.

Entgegen aller Unkenrufe würde dies auch der Ehe in keiner Weise schaden. Wie derzeit in vielen Kommentaren zu lesen, dürfte jedem klar sein, dass keine heterosexuelle Hochzeit weniger gefeiert und kein Kind weniger geboren wird, öffnete man diese Institution auch für Homosexuelle.

Ein gerne angeführter Einwand gegen eine Öffnung der Ehe ist jedoch, dass die Ehe an sich etwas Besonderes, wenn nicht gar Heiliges ist. Am besten lässt sich diese Sichtweise durch einen kleinen kulturhistorischen Rückblick entkräften. Was ist also Sinn und Zweck einer Ehe?

Geht man zurück an die Anfänge dieses Gefüges, so muss man nüchtern feststellen, dass die Ehe ursprünglich ganz pragmatische Fragen lösen sollte. Denn nur durch ein solches rechtliches Konstrukt, kann man gewisse Probleme, die sich in einer überfamiliär organisierten Gesellschaft stellen, geschickt lösen. Erbfragen, Unterhaltspflichten, Zugehörigkeit und andere Aspekte des täglöichen Lebens, sind nun einmal einfacher handhabbar, wenn man über eine solche Ordnung verfügt. Es geht also darum, einen Rahmen zu schaffen, wie die Gesellschaft auf unterster Ebene zu organisieren sei. Wer erbt im Falle des Ablebens bevorzugt? Wer ist für wen in erster Linie verantwortlich? Solche und ähnliche Fragen sind ohne Konstrukte wie Ehe und Familie – etwa in Stammesorganisationen – nicht so geschickt lösbar.

Die Erfindung der Ehe scheint also eher auf Pragmatismus zurückführbar zu sein, denn auf irgendeine sakramentale Herkunft – zumal es schon Ehen gab, bevor sich die Religionen deren Regelung zu eigen gemacht haben.

Hier kommt man nun direkt zu weiteren Überlegungen, die zeigen, dass die Ehe, wie sie die Konservativen verstehen, in dieser Form nie existiert hat. Denn seit es dieses Rechtsgebilde gibt, ist es durch die Jahrhunderte nicht aus der Überlegung angewandt worden, den Fortbestand der Gesellschaft zu sichern, sondern es spielten und spielen immer auch persönliche oder familiäre Gründe eine Rolle.

Lange Zeit verstand man die Ehe nicht als Verbindung zwischen zwei Individuen, sondern als Verbindung zwischen zwei Familien. Dies beschränkt sich nicht nur auf die Herrscherhäuser, sondern begann schon beim einfachen Volk. Schon eine Einrichtung wie die Mitgift zeigt, was oftmals die Treibende Kraft hinter einer Hochzeit war: Höfe sollten zusammengelegt werden, Grund und Besitz vermehrt, Dynastien erhalten werden. Ehe war Politik. Man erweiterte den Einflussbereich der eigenen Familie durch geschicktes „Platzieren“ heiratsfähiger Töchter und Söhne, schloss somit Verbindungen und sicherte sich oftmals aus taktischen Überlegungen irgendwelche Vorteile.

Diejenigen, die sich auf die Heiligkeit des Sakraments berufen, sollten auch die zahlreichen Vorkommnisse nicht außer Acht lassen, die schon immer zeigten, dass die Ehe als Mittel verstanden wurde, das den Zweck heiligen sollte. Hier nur zwei der prominentesten Beispiele eines solchen Eheverständnisses.

Rodrigo Borgia, besser bekannt als Papst Alexander der VI., hatte keinerlei Skrupel, die Institution Ehe aus rein machtpolitischen Gründen zu misbrauchen. So verheiratete er seine uneheliche Tochter Lucrezia nach Gutdünken, annulierte ihre Ehe, nachdem sie sich als nicht mehr förderlich erwies und arrangierte eine bessere. Ob er etwas mit dem Tod des zweiten Gatten zu tun hatte, sei dahingestellt, jedoch wurde auch die dritte Ehe aus Kalkül geschlossen. Weitere Verfehlungen und Intrigen tun in diesem Zusammenhang nichts zur Sache, sind jedoch sehr interessant und generell lassen sich nicht nur in der Renaissance viele Beispiele finden, wie die Kirche selbst mit Sakramenten umgegangen ist.

Auch im Falle der Ehe zwischen Heinrich VIII. und Katharina von Aragón ging es nicht um ein heiliges Sakrament. Dass Papst Clemens VII. die Ehe nicht annulieren ließ, ist nicht seiner Überzeugung zu verdanken, dass eine einmal geschlossene Ehe nicht getrennt werden dürfe. Im Gegenteil – hatte er doch zu Beginn des Streits, der später die Abspaltung der Anglikanischen Kirche von Rom zur Folge hatte, durchaus ein offenes Ohr für die Belange Heinrichs. Doch standen persönliche Machtinteressen diesen entgegen, da ein Zerwürfnis mit Kaiser Karl V., dem Neffen Katharinas, nicht durch die Auflösung dieser Ehe zu weiteren Schwierigkeiten auf dem Kontinent führen sollten. Lieber ging der Papst das Risiko ein, einen Teil seiner Schafe aufzugeben. Abermals entschied das Kalkül über Wohl und Wehe einer Ehe.

Man mag nun einwenden, dass dies Einzelfälle sind, die als Exempel nicht geeignet seien. Doch nimmt man sich ein Geschichtsbuch zur Hand, so erkennt man schnell, dass es keiner sekularen Bestrebungen bedarf, um die Ehe als Sakrament zu entweihen. Aber widmen wir uns doch wieder den weltlichen Aspekten des Themas, wie es auch generell in dieser Debatte der Fall sein sollte, sofern man möchte, dass sie einer Republik würdig sei.

Weg von dem vermeintlichen Willen Gottes, hin zu den Naturwissenschaften. Natürlich ist der biologisch einzig funktionierende Weg, ein Kind zu zeugen, wenn sich Mann und Frau vereinigen – sofern man die Möglichkeiten der modernen Medizin einmal außenvor lässt. Auch haben die konservativen insofern recht, dass das am häufigsten praktizierte Lebensmodell die klassische Familie ist. Dennoch müsste man, folgte man der Argumentationslinie einiger Unionspolitiker, alleinerziehenden die Kompetenz Kinder in einer Weise zu erziehen, die ihnen nicht schaden, absprechen als auch zeugungsunfähigen Paaren das Adoptionsrecht entziehen. Denn wenn es auf natürlichem Wege nicht geht, dann geht es eben nicht. Da dies aber selbst die Konservativen nicht wollen, findet sich auch hier ein logischer Bruch. Somit ist die klassische Ehe auch hier kein geeigneter Ausgangspunkt.

Da ja meist früher oder später die Evolution und der Fortbestand der Gesellschaft – allgemeiner der Art – ins Feld geführt wird, ist vielleicht auch hier ein abweichender Blick hilfreich. Die Heterosexualität ist wie gesagt auf den ersten Blick erklärbar. Doch wieso gibt es das Phänomen Homosexualität? Was veranlasst die Natur, eine solche Abweichung der Natur überhaupt zuzulassen – nicht nur bei Menschen, sondern auch im Tierreich? Und wieso entsteht, wie es neueste Erkenntnisse nahe legen, Homosexualität in jeder Generation mittels epigenetischer Vorgänge neu? Ist dieser „unnatürliche Lebenswandel“ vielleicht ebenso „natürlich“, wie die Mehrheitsnorm?

Auch wenn die Erforschung der Homosexualität noch lange nicht am Ziel ist, so gibt es doch heute schon recht einleuchtende Erklärungsmuster. Einige evolutionsbiologische Theorien gehen davon aus, dass dahinter ein der Evolution dienender Zweck steht. Denn dadurch, dass ein gewisser Prozentsatz der Individuen einer Art, dem reinen Reproduktionsprozess entzogen sind, werden Kapazitäten frei, die ihr Dasein dem Vorrankommen der Art als Gesamtheit dienen. Dies kann einerseits dadurch geschehen, dass sie Funktionen erfüllen, die aufgrund von Brut und Pflege andernfalls zu kurz kämen, oder aber auch in der Form, dass diese Individuen den restlichen bei eben jener Brut und Pflege unterstützend zur Seite stehen. Ein analoger Gedankengang steckt übrigens auch in einigen Begründungen des Zölibats, denn die Aufgabe des Priesters besteht darin, der Gemeinschaft der Gläubigen als ganzes zu dienen, weshalb man ihn dem Familienalltag entzieht, damit er sich voll und ganz seiner Funktion widmen kann. Ausgehend von einem solchen gesellschaftsunterstützenden Zweck der Homosexualität, wäre es doch absurd, gleichgeschlechtlichen Paaren zu verbieten Kinder zu adoptieren und somit der Gesellschaft trotz ihrer Nichtreproduktion einen wertvollen Dienst zu leisten.

Ebenso krude Thesen finden sich bei den Gegnern des Adoptionsrechts hinsichtlich entwicklungspsychologischer Aspekte der Erziehung. Dieser Ansatz ist bar jeder Vernunft, denn logisch weiter gesponnen, müsste man dann einer großen Zahl von Eltern die Kinder entziehen, denn wenn ein Kind Vater und Mutter braucht, fallen Alleinerziehende schon mal raus. Ebenso könnte man dann – und dies ist nicht meine Sicht – auch Legitimationen finden um anderen Eltern die Kinder zu entziehen, in allen Fällen, wo eine „gesunde Erziehung“ mutmaßlich nicht möglich ist oder die Kinder vor Diskriminierung geschützt werden sollen, damit sie keinen Schaden nehmen.

Ein kleiner Einschub sei an dieser Stelle erlaubt: Gerade in den Reihen der Politiker finden sich viele Beispiele von Lebensentwürfen, die den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden. Prominenteste Vertreterin ist unsere ehemalige Familienministerin von der Leyen selbst. Denn obschon zuhause fast eine ganze Fußballmannschaft auf die Mutter wartet, hat sie noch ein sehr zeitraubendes Ministeramt wahrzunehmen, weshalb sie – so darf vermutet werden – einen Großteil der Erziehung ihrer Kinder an bezahlte Dritte outsourced. Denn während man bei Jauch, Illner und Co. diskutiert, kann man keine Gute-Nacht-Geschichten vorlesen.

Bleibt noch als letzte Bastion das Steuerrecht. Wer mir bis hierher zustimmend gefolgt ist, kommt nicht umhin auch hierbei einer Angleichung positiv entgegenzustehen. Das Hauptaugenmerk, auf das Gegner jedoch meist den Fokus lenken, sind die Mehrkosten, die der Staat dafür aufbringen müsste. An sich widerspricht dies der eigenen Denkweise, denn da die homosexuellen Partnerschaften ja zahlenmäßig sehr gering sind, sollte es ohne weiteres möglich sein, dieses „Rechtsrandgebiet“ im Etat mit zu verbuchen.

Doch selbst wenn man von nicht tragbaren Mehrkosten ausginge, so wäre es vielleicht Aufgabe der Regierung die unzähligen ehe- und familienfördernden Maßnahmen einmal auf den Prüfstand zu stellen. Dies soll jetzt nicht heißen, dass man die Unterstützung für Familien zwangsläufig kürzen soll, jedoch gibt es eine Menge von Regelungen, deren Zielsetzung sich widerspricht und teilweise zu seltsamen Konstrukten führt.

Eine mutige Regierung würde an dieser Stelle auch gleich eine ganz große Reform wagen und das Ehegattensplitting komplett abschaffen. Stattdessen könnte dies dann für Familien durch höhere Kinderfreibeträge, einen kindgebundenen Splittingfaktor oder ein höheres Kindergeld wieder ausgeglichen werden. Denn die Subvention kinderloser Doppelverdienerpaare erfüllt keinen gesellschaftlichen Zweck und dient nur der Belohnung derer, die eben nicht zum vielbeschworenen Fortbestand der Gesellschaft beitragen. Im Gegenteil fördert man damit nur deren persönliche Absicherung im Alter, da sie ein Leben lang mehr Geld zur Seite legen konnten, das dem Rest der alternden Gesellschaft, der wenigstens im Ansatz versucht hat, der demographischen Entwicklung entgegenzuwirken, dann fehlt. Aber wer Menschen Geld überweist, die staatliche Leistungen nicht in Anspruch nehmen, wie es die CSU mit ihrem Betreuungsgeld tut, der fördert auch gerne das ungenutzte Potenzial heterosexueller Ehen und subvensioniert somit den Verzicht auf Kinder.

Um jedoch nun endlich einmal zum Ende zu kommen, möchte ich den Kreis insofern schließen, dass ich wieder zurück in die im ersten Beitrag behandelte juristische Ebene finde. Fernab des breiten Interesses der Öffentlichkeit, gibt es nämlich schon die klassische Ehe ziwschen gleichgeschlechtlichen Paaren. In dem Falle nämlich, wenn einer der beiden Ehepartner sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat. Hier hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Ehe weiterhin volle Rechtskraft hat und weiterbesteht.

Die vollständige Gleichstellung – sei es als solche oder als Öffnung der Ehe – muss und wird kommen, ob mit oder ohne Unterstützung des konservativen Lagers.

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