Nächster Halt: Vatikan

Quelle: gettyimagesSeit etwa drei Stunden ist es offiziell: Die Welt hat einen neuen Papst. Mit Kardinal Jorge Mario Bergoglio, der sich fortan Franziskus nennen wird, hat zum ersten Mal ein Nichteuropäer den Heiligen Stuhl inne. Alleine das ist eine Neuerung, jedoch nicht die einzige, die der heutige Abend brachte. Der neue Papst, der in ungewohnter Bescheidenheit auftrat und erst einmal das Volk begrüßte, sich vor dem Segnen den Beistand Gottes durch seine Schafe erbitten lies und generell im ganzen Gestus zurückhaltend und irgendwie „unpäpstlich“ wirkte, hat schon mit seiner Namensgebung angedeutet, dass nun etwas Neues beginnen soll. Keine sture Rückbesinnung auf irgendeinen mächtigen Vorgänger sondern auf einen Heiligen, der seinerzeit den Mut hatte, sich dem herrschsüchtigen Papst Innozenz III. entgegenzustellen, indem er einen neuen Orden gründete, der sich ganz bescheiden den Armen widmen sollte. Der heilige Franz wird oft mit Attributen wie „revolutionär“ oder „reformatorisch“ bedacht, was zumindest Hoffnung aufkommen lässt, dass in Rom nun ein frischer Wind einzieht.

Es wird abzuwarten sein, ob diese Symbolik prägend sein wird für sein Pontifikat. Denn natürlich gibt es auch in seiner Vita den ein oder anderen Wermutstropfen. So beispielsweise seine unrühmliche Rolle in der Militärdiktatur oder seine hafrte Linie gegen Schwule und Lesben. Aber man sollte nicht vergessen, dass schon manch ein Papst in seinem weltlichen Leben nicht nur mit Ruhm zu bedenken gewesen wäre. Zudem kann man wohl kaum erwarten, dass die konservativste Institution einen absolut Abtrünnigen zum Oberhaupt wählt.

Alle, die nun seine Kritik an der Homoehe in den Fokus rücken, seien gefragt: Ist das wirklich das drängenste Problem der katholischen Kirche unserer Tage? Ich denke, dass es – Modernisierung hin oder her – utopisch wäre, in dieser Hinsicht große Sprünge zu erwarten, zumindest in naher Zukunft. Man muss auch ein wenig realistisch sein und auch die Innensicht der Kirche nachvollziehen.

Wichtiger ist nun, dass ein neuer Weg eingeschlagen wird. Schritt für Schritt muss sich die Kirche der Jetztzeit stellen und längst überfällige Reformen auf den Weg bringen. Sofern man in eingangs erwähnten Symbolen Vorboten eines Pontifikats sehen kann, lässt es zumindest raum für Zuversicht. Möglicherweise werden die heute Lebenden gar noch ein drittes Vatikanum erleben – wer weiß.

Gebiete, von denen ich eher ein Fortschreiten erwarte sind die bedingungslose Aufklärung der Misbrauchsfälle, eine Reform der internen Machtstrukturen des Vatikans, mehr Transparenz hinsichtlich der Machenschaften der Vatikanbank, eine Öffnung hin zu einer Kirche der Gläubigen, die nicht mehr nur von oben herab agiert, und vielleicht auch eine Neuorientierung hinsichtlich der Rolle der Frauen. Da man nicht unterschätzen sollte, dass der neue Pontifex aus einem anderen Erdteil kommt, ist es durchaus denkbar, dass hier neue Akzente gesetzt werden. Denn die lateinamerikanische Kirche hat ganz andere Sorgen als die europäische.

Hier steht zum Beispiel eine starke Konkurrenz zu evangelikalen Kirchen im Vordergrund, weshalb die Position in Bezug auf Laien und Frauen einen anderen Stellenwert hat als im alten Europa. Zudem hat Franziskus schon als Kardinal ein hohes Engagement für diejenigen gezeigt, die sich am Rande der Gesellschaft befinden. Nicht umsonst hat er den Beinamen „Kardinal der Armen“.

Ein überaus sympathischer Zug von ihm ist jedoch, dass er anders als viele seiner Kardinalskollegen immer auch ein „normaler Mensch“ geblieben ist. Wie man hören und lesen kann, ist er oft mit der Bahn gefahren und hat auch bei Romaufenthalten auf die Insignien seines Amts verzichtet und ist unscheinbar durch die Straßen der heiligen Stadt geschlendert. Dies kann man nicht genug würdigen, denn schaut man sich sionstwo in der Welt um, so haben Menschen in Machtpositionen meist seit Jahren keine „Sraßenerfahrung“ mehr. Selbst unsere Kanzlerin dürfte dank Fahrdienst und Flugbereitschaft schon lange keinem „Penner“ in einer gewöhnlichen U-Bahn mehr begegnet sein und egal, wo sie hinkommt, jubelt man ihr zu, da auf jeder Veranstaltung die eigenen Anhänger die besten Plätze innehaben. Natürlich wird der papst nun auch nicht mehr einfach so die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können, jedoch dadurch, dass er es bis vor kurzem noch tat, gibt ihm einen anderen Blick auf die wirkliche Welt – jenseits von Glanz und Gloria.

Allerdings möchte ich meine Erwartungen nun nicht zu hoch hängen, denn dann kann ich nur enttäuscht werden, dennoch denke ich, dass dies ein Einschnitt sein wird. Alleine schon deshalb, weil die europäische Hegemonialstellung gebrochen ist. Denn generell hat man leider auch heute noch zu oft den Eindruck, dass die „alte Welt“ noch immer ein wenig zu herablassend auf den „Rest“ hinabblickt. Wenn sie nun zu einem heraufschauen muss, den sie latent unter sich sieht, ist dies schon ein erster Schritt den Blickwinkel zu ändern.

Daher erwarte ich wenig, freue mich wenn mehr kommt und erhoffe mir das beste. Ich jedenfalls habe bei dem erbetenen Bittgebet, darum gebeten, dass er die Kraft hat,m die Probleme der Kirche beherzt anzugreifen und das Katholische selbst für scharfe Kritiker wie mich wieder attraktiv zu gestalten.

Auch hoffe ich, dass sollte er unangenehme Änderungen vornehmen, er auch in den eigenen Reihen Rückhalt und Unterstützung findet. Und so schließe ich mit den Worten, die auf dem Grabe von Hadrian VI., des letzten deutschen Papstes vor Benedikt XVI., stehen: “Wehe, wie viel kommt doch darauf an, in welche Zeit auch des trefflichsten Mannes Wirken fällt.”

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