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Man sollte Maggie Thatcher dankbar sein…

Quelle: WikipediaNatürlich wird sich jetzt der ein oder andere wundern, dass ich dies von mir gebe. Denn schließlich hat die Eiserne Lady aus heutiger Sicht nicht sonderlich viel Gutes vollbracht, wenn man einmal von einer Besserung der ökonomischen Ausgangslage Großbritanniens durch massive Reformmaßnahmen absieht. Wobei einschränkend hierzu zu sagen sei, dass diese Umstrukturierung auch für die Briten nicht nur Erfreuliches mit sich brachte.

Zudem hat sie damals gemeinsam mit ihrem Freund Ronald Reagan, durch eine Stärkung des Finanzsektors und die damit einhergehende Deregulierung der Märkte, ein mächtiges Fundament geschaffen, auf dem die Auswüchse der Folgejahre, die letztlich zur aktuellen (bzw. seit Jahren herrschenden) Krise führte, erst so richtig wachsen konnten. Auch wenn man seinerzeit einen etwas anderen Blick auf die Sachlage hatte, so war nicht der HI-Virus die größte Bedrohung, die sich in den 80ern ausbreitete, sondern die Epidemie des neoliberalen Geistes, für den sie gerne bei jeder Gelegenheit die Propagandaministerin mimte. Denn einerseits hat man heute gegen ersteren recht gut wirksame Mittel gefunden, wohingegen gegen letztere noch keine Lösung in Sicht ist. Andererseits wage ich einfach einmal zu behaupten, dass an diesem mehr Menschen gestorben sein dürften als an jenem – auch wenn dies in unserer durchkapitalisierten Welt viele nicht sehen möchten und es somit auch keine statistischen Erhebungen gibt, die diese (zugegebenermaßen steile) These belegen könnten.

Noch heute beruft man sich indirekt auf ihr Lebenswerk, wenn man im Zuge der Diskussion um Transaktionssteuern oder Regelungen der Finanzwelt, darauf verweist, dass es sowieso keinen Sinne habe, solange der mächtige Finanzplatz London nicht mit im Boot sitze. Denn es waren ja gerade Ronald McDonald und Maggie the Cat, die die anglo-amerikanische Finanzhegemonie (um nicht zu sagen –diktatur) geschaffen haben, so dass man heute selbst im Geburtsland des rheinischen Kapitalismus wieder bei Null anfangen muss, wenn man den Menschen klar machen will, dass ein freier, zügelloser Markt nicht immer die sinnvollste Idee ist.

In diesem Zusammenhang sei darauf aufmerksam gemacht, dass man ihr natürlich auch nicht dankbar dafür sein sollte, dass sie damals in besonderem Maße dafür gesorgt hat, dass Großbritannien zwar ein starker Regelmacher innerhalb Europas ist, jedoch als Spieler in vielerlei Hinsicht (bis heute) einen Sonderstatus genießt. So sind die Briten im Vorteilsfalle immer Europäer, wohingegen man sich bei Widrigkeiten gerne als Erbe einer isolationistischen Tradition versteht, die über Jahrhunderte eine sichere Distanz zwischen Insel und Kontinent wahrte.

Auch aus deutscher Sicht, ist es nicht unbedingt dankenswert, dass sie nach dem Fall ihres Namensvetters Vorhang enormen Widerstand geübt hat, gegen die Deutsche Wiedervereinigung. Hätte sie damals Erfolg gehabt mit ihren Vorbehalten, so wäre die Deutsche Frage noch immer unbeantwortet und ein vereintes Europa nach heutiger Ausprägung dürfte wohl nicht entstanden sein.

Ebensowenig ist man ihr als Schwuler zum Dank verpflichtet, da unter ihrer Regentschaft jenseits des Kanals sogar durchgesetzt wurde, dass es nicht Bestandteil öffentlicher Schulbildung sei, über Homosexualität im Unterricht aufzuklären.

Desweiteren war der Falklandkrieg auch nicht gerade das Gelbe vom Ei, wobei wir uns hierbei dem ersten Punkt nähern, warum man ihr denn danken sollte. Denn obwohl dies zu Beginn der Vorbereitung zum Event noch keiner ahnen konnte, hatte die Zuspitzung der politischen Lage bezüglich der Falklandinseln in den vorangegangenen Tagen laut Aussage der damals Beteiligten  keinen unerheblichen Einfluss darauf, dass Nicole 1982 erstmalig für Deutschland den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson gewann. Danke Maggie!

Ein bischen Frieden will ich auch insofern mit ihr schließen, als dass sie Vorlage eines Stoffes war, der einmal mehr Meryl Streep die Gelegenheit bot, ihre ganze schauspielerische Kunst auszuleben, und dieser somit zu dem überaus berechtigten und lange überfälligen, dritten Oskar führte. Auch hierfür meinen herzlichen Dank.

Nicht zuletzt dient sie auch heute noch dankenswerterweise als Reibungsfläche im politischen Diskurs und Antipol der Kapitalismuskritik, was insofern etwas Gutes ist, dass ich schon immer der Meinung war, dass man sämtliche Extrema kennen muss, um zu einem konstruktiven Ergebnis zu finden. Denn nur wer weiß, wie breit der Weg vor einem ist, kann geruhsam in der Mitte wandern. Die Lösung hatten weder Marx noch Maggie, doch wir können sicher sein, dass der richtige Weg irgendwo dazwischen liegt.

Möge der günstigste Bestatter ihr die letzte Ehre erweisen, denn das wäre ökonomisch-politisch ganz in ihrem Sinne.

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Concrete Memories

Manchmal stellt sich heraus, dass Tierarten, die man lange für ausgestorben hielt, sich doch als noch existent erweisen. Das aktuellste Beispiel hierfür ist der Mauerspecht, galt er doch seit etwa zwanzig Jahren als verschwunden. Man konnte in den letzten Wochen nicht nur Exemplare davon in Berlin aufspühren, es zeigte sich überdies, dass die heute lebenden sogar im Vergleich zu den Artgenossen der Vergangenheit mutiert zu sein scheinen.

Obschon man natürlich einwenden kann, dass der ganze Aufruhr sich ja nur um ein blödes Stück Betonmauer handele, von dem man sich über Jahrzehnte nicht schnell genug verabschieden wollte, so liegt doch der Billigung des nun stattfindenden Eingriffs in die East Side Gallery ein fundamental falscher Denkansatz zugrunde. Bevor ich jedoch nun etwas weiter aushole, um zu erläutern, was genau ich damit meine, widme ich mich kurz dem offensichtlichsten Paradox dieser Operation.

Wer einmal an der betreffenden Stelle in Berlin war, weiß, dass das direkte Gebiet um die East Side Gallery nicht unbedingt zu den allerattraktivsten Plätzen Berlins gehört. Am Wasser kann man schließlich auch anderswo sein, ohne eine in regelmäßigen Abständen lärmende Arena um die Ecke. Der Ort gewinnt quasi erst durch das letzte verbliebe Stück Mauer, dass zudem bisher immer als ein Aushängeschild der Stadt galt, da es die größte ständige Open-Air-Ausstellung der Welt ist, seinen ganz eigenen Charme. Ganz nebenbei handelt es sich hierbei um ein Gemeinschaftskunstwerk internationaler Künstler. Wahrscheinlich war dies auch ein nicht unerheblicher Grund für die Investitionsentscheidung an diesem Standort. Doch was habe ich als Anleger davon, wenn ich meine Gebäude direkt neben der East Side Gallery errichte, diese jedoch durch den Bau zerstöre? Hier folgt man einer Logik, die mich an einen Witz erinnert, den Quentin Crisp in der Dokumentation „The Celluloid Closet“ im Rahmen eines Interviews erzählt, der sinngemäß lautet: ‚Ich mag keine Bohnen und das ist gut so. Denn würde ich sie mögen, würde ich sie ja essen. Ich möchte sie jedoch nicht essen, da ich Bohnen nun mal nicht mag.“

Jenseits dieses offenkundigen Unsinns, gibt es jedoch eine tiefer liegende Betrachtungsweise auf das in Berlin vor sich gehende. Denn entgegen einer der beiden Lesarten des nicht adäquat ins Deutsche zu übertragenden Titel dieses Beitrags geht es mir nicht um eine Erinnerung aus Beton, sondern vielmehr um eine persönliche Erfahrung, die ich in Bezug auf Denkmäler gemacht habe, die ich gerne als „konkrete Erinnerung“ bezeichnen möchte.

Die Auffassungsgabe des Menschen ist begrenzt und allzu oft sieht man sich dem Problem gegenüber, dass man gewisse Sachverhalte zwar rational versteht, sie jedoch schlecht greifen kann. Man hat zwar eine Vorstellung, jedoch magelt es an der Fähigkeit es zu Begreifen, es zu fühlen, das Abstrakte in die konkrete Wahrnehmung zu übertragen.

Um den Kernpunkt dessen klarzumachen, möchte ich auf eine kleine Anekdote aus meiner Familie zurückgreifen, die meine Mutter mir in Kindertagen erzählt hat: Ihr Onkel wurde seinerzeit von seinen Kindern gefragt, wieviel denn eine Million sei. Er erklärte es ihnen auf die Weise, dass er ihnen sagte, wenn sie eine Million D-Mark abzählen wollten und es ihnen gelänge pro Sekunde ein D-Mark-Stück zu zählen, was natürlich bei späteren Zahlen wie einhundertsechsundzwanzigtausensiebenhundertdreiundvierzig nicht mehr möglich ist, und sie außerdem während des Vorgangs diesen nicht durch Essen, Schlafen oder sonstige Alltäglichkeiten unterbrechen würden, sie etwa elfeinhalb Tage beschäftigt seien. Ganz nebenbei wäre dies vielleicht auch eine hilfreiche Lernerfahrung in anderen aktuellen Diskussionen. Denn müssten Topmanager ihre Gehälter und Bonizahlungen ein einziges Mal per Hand nachzählen, würde manch einen wohl schnell die Einsicht überkommen, dass weniger auch noch ausreichend genug wäre. Gleiches gilt für Etatverhandlungen in der Politik – wobei mir bewusst ist, dass ich hierbei unfreiwilligerweise eine der Glanzreden von Franz-Joseph-Strauß in Erinnerung rufe, in der er einen Betrag anhand von Hundertmarkscheinen in Relation zur Höhe des Kölner Doms beziehungsweise zum Fassungsvermögen von Zügen setzte.

Es geht also darum, ein nacktes, abstraktes und demnach nicht fassbares Faktum in etwas Nachvollziehbares zu transformieren, was einen stärkeren Bezug zur das eigene Ich umgebenden Realität aufweist. Dies kann einerseits dadurch erreicht werden, dass man etwas entweder realiter oder bildlich wahrnimmt, oder aber dadurch, dass man es mit einer emotionalen Erfahrung verknüpft – oder beides. Es wird wohl deutlicher, wenn ich einige Beispiele hierfür aufführe.

Das Stelenfeld in Berlin zum Gedenken an die der Shoa zum Opfer gefallenen Juden ist ein schönes Beispiel für ein emotional erlebbares Denkmal. So sehr dieses Mahnmal auch oft als reine Fotokulisse oder als spielerisch anmutender Irrgarten wahrgenommen wird, so kann man darin auch zwei andere Eindrücke gewinnen, sofern man aufmerksam hindurchschreitet, die erhellende Einsichten in diesen dunklen Schatten der deutschen Geschichte ermöglichen.

Zum einen findet man hier auf subtile Weise eine Antwort auf die Frage, wie es zu dieser Katastrophe hat kommen können. Denn auch wenn es von außen betrachtet so scheint, als seien die Blöcke mehr oder weniger auf der gleichen Höhe ausgerichtet, bietet sich einem beim Betreten ein ganz anderes Bild. Ohne, dass man es auf Anhieb wahrnimmt, variiert der Untergrund sehr stark. Man geht hinein und langsam wachsen die schwarzen Monumente um einen herum, da man selber einiges an Höhe durch den uneben gestalteten Boden verliert. Besonders in den Wintermonaten, wenn der Boden vereist oder verschneit ist, wird einem erst so wirklich bewusst, wie steil die einzelnen Abschnitte teilweise hinuntergehen. Man erlebt also auf eine gewisse Weise wie es ist, wenn sich die Realität um einen herum langsam verändert und man erst zu spät erkennt, wie schnell sie sich verändert hat. Man begreift also, warum es möglich war, dass viele Menschen (sowohl Deutsche als auch Juden) lange Zeit dem Glauben anheimfielen, dass das mit den Nazis schon so schlimm nicht sei. Denn was eben noch nur bis zum Knie reichte überragt einen wenige Schritte später schon um ein beträchtliches Maß. Zum anderen stellt sich im Moment in dem man sich inmitten der Stelen befindet ein beklemmendes Gefühl einer Hilflosigkeit ein. Man kommt sich plötzlich klein vor neben diesen vorher doch recht normalen Steinen, die monströs mutiert zu sein scheinen. Aus dem eben noch auf Augenhöhe befindlichen Nachbarn ist ein übergroßes, einengendes, bedrohliches Etwas geworden.

Auch die auf der anderen Seite im Tiergarten stehende Stele für die verfolgten Homosexuellen hat alleine schon durch Form und Lage einen ähnlichen Effekt, denn man fragt sich unweigerlich, warum sie dort fernab des eigentlichen Mahnmals steht und wird sich bewusst, dass es hier um eine „schräge“ Opfergruppe geht, die eben lange Zeit nicht Gegenstand des Gedenkens war – es sind die Opfer unter ferner liefen, denen man über Jahrzehnte nur den Status „und andere“ zugestand.

Ein Beispiel für eine wirklich „konkrete Erinnerung“ durfte ich schon in meiner frühen Jugendzeit erleben, als wir im Rahmen des Frankreichaustauschs Verdun besichtigten. Erst dieses weite Feld aneinander gereihter, weißer Kreuze machte aus der schieren Opferzahl etwas Anschauliches und wenn man die zerfurchte und noch heute gezeichnete Landschaft darum überblickte, bekam man ein Gespühr dafür, was ein Schützengraben denn gewesen ist. Bis dato war es ein einfaches Kompositum aus zwei mir bekannten Wörtern, dem „Schützen“ und dem „(Straßen-)Graben“, wodurch ich mir unter einem „Schützengraben“ eben lediglich einen „Graben für Schützen“ vorstellte. Hier war ich jedoch nun genötigt dieses mentale Konstrukt zu korrigieren und durch etwas Neues, bisher in dieser Form nicht Vorstellbares, zu ersetzen.

Die wohl prägendste Erinnerung dieser Art kam für mich jedoch noch ein paar Jahre später, als ich einen Ort besuchte, von dem ich denke, dass jeder junge Deutsche ihn einmal aufsuchen sollte: Auschwitz.

Als sei es gestern gewesen, kann ich mich noch heute daran erinnern als ich dieses extrem laute Klick in meinem Kopf wahrgenommen habe. Ein existentieller Groschen ist damals gefallen, der mich in einem Maße bewegt hat, wie ich es danach nie wieder erlebt habe. Es war einer der wenigen Momente meines Lebens, in dem ich mir selber beim Denken zuschauen konnte, als mir der folgende Gedanke durch den Kopf schoß: „Früher war es nicht Schwarz-Weiß!“

Natürlich war mir rein rational auch vorher bewusst, dass früher nicht alles Schwarz-Weiß war, jedoch brauchte es dieses Erlebnis, um mir dies wirklich bewusst zu machen. Seinerzeit kannte man die Bilder, Filme und Materialien zu dieser Zeit nur in verschiedenen Grautönen, was unweigerlich und unbewusst eine gewisse innere Distanz zu den Geschehnissen erzeugte. Es rückte die Eereignisse in eine gewisse Ferne, ähnlich einem Film, den man nicht als etwas Reales wahrnimmt, sondern um dessen Fiktionalität weiß, und er somit keinen direkten Zugriff auf dieses Gefühl des eigenen Erlebens hat. Doch hier kam ich nicht umhin mich der Wahrheit zu stellen: Die Gefangenen, die sich in den meisten Fällen ihrem Schicksal bewusst waren, sind seinerzeit unter demselben blauen Himmel über die ebenso grüne Wiese auf die damals schon rot leuchtenden Backsteinbauten zugegangen. Als ich das Zwitschern der Vögel vernahm, wurden meine Augen wässrig.

Schon jetzt mit dieser Erkenntnis an die Grenzen des an einem Tag verdaubaren geführt, betraten wir nun die Gebäude und alles danach Gesehene brannte sich in mein Gehirn ein: Die Berge von Schuhen, Brillen, Koffern teils mit Namen versehen, das Zahngold und all die anderen Dinge, die dort haufenweise übereinander geschüttet lagen. Ab diesem Punkt bekam das mir wohlbekannte Bild der Leichenstapel in meinem Geschichtsbuch eine komplett andere Dimension. Auf einer ganz persönlichen Ebene berührte mich diese Erfahrung dann in dem nächsten Raum. Dort war in einer Glasvitrine eine Sträflingsuniform mit einem rosa Winkel ausgestellt. Ich kannte diese Kennzeichnung, hatte ich sie doch zuvor, da ich mich damals mitten im Coming-Out befand, mit einem gewissen – in diesem Moment als falsch konnotierten – Stolz, oft genug in mein Hausaufgabenbuch gemalt. Doch was ich dort vor mir sah war nicht der „gestreifte Pyjama“ (um einen späteren Filmtitel zu zitieren), dort vor mir befand sich „meine Uniform“. Das einzig mir zugestandene, legitime Kleidungsstück, dass mir die Nazis seinerzeit verpasst hätten.

Jetzt war kein Halten mehr und ich schluchzte leise vor mich hin. Ich kam mir vor wie Atreju aus der unendlichen Geschichte in dem Moment, in dem er durch das Ausrufen des Namens der kindlichen Kaiserin merkt, dass er Teil der Geschichte ist. Auch wenn ich einige Jahre zuvor mit großer Faszination „Sofies Welt“ gelesen hatte, begriff ich erst in diesem Moment das Ende dieses Romans. Es war diese unmittelbare Erfahrung, die mir zeigte, dass ich mich, wenn auch in einer anderen Zeit, so doch in derselben Realität befand.

Auch wenn ich nach dieser Erfahrung selbst die allbekannten Schwarzweiß-Dokumentationen mit anderen Augen sehe, so ertappe ich mich noch heute dabei, dass mich colorierte Originalaufnahmen irgendwie direkter berühren. Ebenso nehme ich mir einen Roman oder Film alleine durch den kleinen Verweis „auf Basis realer Begebenheiten“ näher zu Herzen. So finde ich es einen genialen, meisterhaft gelungenen Kunstgriff von Steven Spielberg, den an sich schon sehr emotionalen Film „Schindlers Liste“ durch die Farbgebung der Kerzen sowie des Mantels des kleinen Mädchens und das Einbeziehen der Nachfahren am Ende noch um ein Vielfaches ausdrucksstärker zu machen.

Doch zurück zur East Side Gallery. Dieses letzte verbliebene, längere Teilstück der Berliner Mauer ist für mich ebenfalls ein Ort einer solchen „konkreten Erinnerung“ – nicht vergleichbar etwa mit den Teilstücken am Potsdamer Platz. Als wir damals den einen Durchbruch durchschritten, um zur dem Ufer zugewandten Seite zu gelangen, nachdem wir vorher diese unendlich wirkende Mauerfront die Gemälde bestaunend entlang flaniert waren, stellten wir uns die Frage, ob es denn nun sinnvoll sei, auf dieser jetzt als Innenseite (damals Außen- bzw. Westseite) daherkommenden Passage zwischen Mauer und Spree zurückzugehen, da keiner darauf geachtet hatte, ob sich am Ende ein weiterer Ausgang befinde. Die an sich simple, doch in diesem Moment bedeutungsgeladene Frage war: Kommen wir denn da überhaupt noch einmal raus?

Kommen wir denn da überhaupt noch einmal raus? Es grenzt schon an einen Zynismus der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, dass diese Frage zwei komplett verschiedene Bedeutungen hat, je nachdem, ob man sie sich als Tourist an der East Side Gallery oder als Ostdeutscher hinter der Mauer stellt. Auch hier die direkte Erfahrbarkeit. Man sieht die Mauer, man hört die dahinterbefindliche Umgebung, man fühlt die Kälte des harten Steins und riecht das leichte Betonaroma. Das Optische, das Akustische, das Haptische und das Olfaktorische verschmelzen und vereinen sich mit dem Emotionalen zu einem ganz besonderen Konglomerat, welches einen ganz eigenen Eindruck auf das Denken macht und alle Sinne mitbegreifen lässt (mit Ausnahme des Gustatorischen, was zwar möglich wäre, nicht jedoch ersterebenswert ist).

Solch einen Ort einem rein kommerziellen, scheinbar höheren Anliegen zu opfern, ist abscheulich. Es geht ja hier nicht darum dieses Stück Geschichte in irgendeiner Form umzugestalten oder zu verbessern, hier handelt es sich um ein reines Weichen-Müssen, um die blanke Zerstörung eines Kulturguts. Die Verantwortlichen dieses Bauvorhabens – sowohl in Planung, Umsetzung und Politik – sollten sich darüber im klaren sein, dass sie sich zu Vergewaltigern der Kultur machen. Menschen die so etwas tun, hätten wahrscheinlich unter anderen Umständen wohl auch keine Probleme damit, Bücher zu verbrennen. Es würde mich nicht wundern, wenn in einigen Jahrzehnten ein ach so findiger Investor auf die Idee käme, aus Auschwitz ein Ferienlager zu machen inklusive Gemeinschaftsdusche und Grillplatz.

So schließe ich mit einer Abwandlung zweier berühmter: So lange das Feingefühl solcher Banausen geschlossen ist, so lange ist der Wer des Vergessens offen. Mister Wowereit, secure this mile; don’t tear down this wall!