Neun auf Vier – das rat‘ ich dir

Quelle: Ben82cgnOk, ok, ich gebe es zu: Die Verballhornung der im Titel anklingenden Volksweisheit, passt nicht so ganz auf das im heutigen Beitrag dargelegte und ist lediglich meiner Vorliebe für verwirrende Überschriften geschuldet – gepaart mit einer Kreativitätslücke im Zusammenbringen der Zahlen Vier und Neun in eine Formulierung.

Als ich mich vor einiger Zeit mit einem Freund darüber unterhielt, dass dieses Jahr ja vor Gedenktagen kaum zu überbieten ist, was dieser recht kritisch sieht, da er sich mit Gedenkkultur in seiner Studienabschlussarbeit beschäftigte und bemängelt, dass dahinter meist nicht mehr steckt als Sonntagsreden, deren Halbwertszeit nicht bis Montag hält, ist mir aufgefallen, dass es gerade im europäischen Kontext sehr häufig die Jahreszahlen, die auf vier oder neun enden, sind, an denen einschneidende politische Wendepunkte stattgefunden haben. Als ich etwas später dann auch noch mit einem Synästhetiker darüber sprach, der mir berichtete, dass diese beiden Zahlen in seiner Wahrnehmung mit ähnlichen Farben, beide jedoch zudem mit einem unguten Gefühl verbunden seien, unterstrich dies meine Vermutung nur noch – denn so sehr ich eigentlich Rationalist bin, ganz verschließe ich mich dem Obskur-Esoterischen dann doch nicht. Zumal es gewisse Gesetzmäßigkeiten gibt, die durchaus wissenschaftlichen Kriterien standhalten, die für die meisten Menschen kontraintuitiv sind, wie etwa das Newcomb-Benford-Gestz.

Daher meine These: Die Wahrscheinlichkeit für einen bedeutenden Einschnitt in der Ausgestaltung Europas steigt überdurchschnittlich an, wenn eine Jahreszahl auf vier oder neun endet. Klingt nicht nur schön, sondern kann auch mit einer großen Zahl an Indizien (nicht Beweisen) für die letzten 250 Jahre belegt werden:

1789 (vor 225 Jahren):
Am 14. Juli beginnt mit dem Sturm auf die Bastille die französische Revolution. Die Bürger Frankreichs erheben sich gegen das Ancien Régime und läutet damit, wie es mein Geschichtslehrer immer darstellte, das lange 19. Jahrhundert – das Jahrhundert der Nationalstaaten ein, welches erst 1914 mit Ausbruch des ersten Weltkriegs ein Ende finden soll. Die in Paris entstandenen Ideen werden nicht nur Frankreich neu strukturieren, sondern breiten sich in den folgenden Jahrzehnten wie ein Flächenbrand in Europa aus und tragen so zur demokratischen Umstrukturierung fast aller Staaten bei.

1814 (vor 200 Jahren):
Nach der Niederlage von Napoleon Bonaparte wird am 18. September der Wiener Konkress eröffnet, der vor der Aufgabe steht unter Mitwirkung sämtlicher europäischer Herrscher, Fürsten, Städte und Körperschaften, Europa territorial neu zu ordnen, um ein stabileres, friedlicheres Europa mit von allen anerkannten Grenzen zu kreieren.

1849 (vor 165 Jahren):
Das im Anschluss auf die deutsche Revolution gegründete Paulskirchenparlament verkündet am 28. März die neue deutsche Reichsverfassung, welche jedoch aufgrund massiven Widerstands verschiedener Akteure scheitert – unter anderem an der deutschen Frage, welche heftig umstritten ist, da unklar ist, was denn Deutschland sei, was jedoch von allen Beteiligten als ein zentrales Kriterium für die Stabilität Europas gesehen wird. Die Verfassung scheitert zunächst, einige Ideen können sich jedoch ins 100 Jahre später verfasste Grundgesetz retten.

1914 (vor 100 Jahren):
Die angespannte Lage zwischen den europäischen Staaten führt dazu, dass die Ermordung des österreich-ungarischen Thronfolgers am 28. Juni Initialzündung für den Ersten Weltkrieg wird. Später werden einige Historiker dies als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnen und argumentieren, dass die eigentliche Katastrophe, der Zweite Weltkrieg, nicht ohne die folgenschweren Auswirkungen des Ersten Weltkriegs denkbar seien.

1919 (vor 95 Jahren):
Der von den deutschen unter harscher Kritik am 28. Juni unterzeichnete Versailler Friedensvertrag, der unter anderem die Alleinschuld Deutschlands am ersten Weltkrieg zum Ausdruck bringt, wird von vielen Deutschen als eine Schmach empfunden, was der am 14. August verkündeten Weimarer Verfassung, die wohl schlechtesten Ausgangsbedingungen beschert, die man sich denken kann, was dazu führt, dass die neugegründete Republik sich nicht auf die nötige Akzeptanz in der Gesellschaft stützen kann und somit, obwohl es eine sehr kluge und meines Erachtens nach heute noch unterschätzte Verfassung ist, von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist und folglich eine der ersten Sprossen auf der Karriereleiter Hitlers wird.

1939 (vor 75 Jahren):
Nach zu langer duldender Appeasementpolitik, bricht mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September der Zweite Weltkrieg aus. In den folgenden Jahren wird ganz Europa in Schutt und Asche gelegt und es fehlen mir die Worte, adäquat auszudrücken, was dies bedeutete. Allenfalls mag man es, wenn man denn irgendetwas sinnvolles daran sucht, ex post als die konstruktive Dekonstruktion verstehen, die durch die schiere Gewalt und Brutalität und insbesondere durch die Greueltaten der Shoa, ein so massives Umdenken im Sinne des „nie wieder“ der Menschheit mit sich brachte, die es überhaupt erst als Notwendigkeit erkennbar machte, grundlegende Rechtsnormen auf internationaler Ebene zu kreieren und allen Menschen allgemeingültige, universelle und globale Menschenrechte einzugestehen.

1944 (vor 70 Jahren):
Der Untergang der Naziherrschaft wird am 6. Juni mit der Landung der Alliierten in der Normandie eingeläutet. Von nun an beginnt eine neue Ära, die nicht nur zum Ende des zweiten Weltkrieges führt sondern im Folgenden auch eine stetig sich weiterentwickelnde Einigung Europas nach sich zieht, die bis zum heutigen Tage anhält – trotz späterer Höhen und Tiefen.

1949 (vor 65 Jahren):
Die beiden deutschen Verfassungen, die am 23. Mai und am 7. Oktober in Kraft treten, zementieren die Lage in Europa für die nächsten vier Jahrzehnte und sichern nicht nur de facto einen Scheinfrieden sondern auch eine andauernde Bedrohungssituation inmitten des geteilten Europas respektive der geteilten Welt. Die Hoffnung der Menschen auf ein geeintes Europa wird erst dann wieder vollends zurückkehren, wenn der Lauf der Geschichte dieses schon längst ermöglicht hat.

1954 (vor 60 Jahren):
Die am 23. Oktober unterzeichneten Pariser Verträge verleihen der Bundesrepublik Deutschland unter gewissen Vorbehalten die volle Souveränität und binden diese in die europäische Westunion ein. Damit wird ein wesentlicher Grundstein für die späteren Vertragswerke geschaffen, die dann die verschiedensten Ausgestaltungen der Europäischen Gemeinschaft und der darauffolgenden Europäischen Union beinhalteten.

1989 (vor 25 Jahren):
„Solange das Brandenburger Tor geschlossen ist, ist die Deutsche Frage offen“, hatte Richard von Weizsäcker noch einige Jahre zuvor gesagt. Dann geschah am 9. November das, was einerseits keiner erwartet hatte und so recht auch keiner in vollem Umfang zugleich begriff. Durch einen ungewollt performativen (Ver-)Sprechakt Günter Schabowskis, „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“, öffnet sich der eiserne Vorhang auch in Deutschland und die Berliner Mauer ist löchrig geworden – den Rest erledigen die Menschen auf der Straße. Auch wenn streng genommen de jure erst zwei Jahre später mit Inkraftreten des Zwei-plus-Vier-Vertrags, dem ersten von allen Beteiligten unterzeichneten Vertragswerks nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, der Zweite Weltkrieg auch auf dem Papier endet und die deutsche Einheit ebenfalls erst mit Inkraftreten des Einigungsvertrages ein Jahr später vollzogen ist, sind aus der Rückperspektive und unter Einbeziehung der normativen Kraft des Faktischen seit diesem „historischen Tag“, wie er in den Tagesthemen genannt wurde, die beiden deutschen Teilstaaten wieder vereint.

2009 (vor 5 Jahren):
Trozt einiger Ratifizierungshindernisse tritt am 1. Dezember der Vertrag von Lissabon in Kraft, der als Quasi-Verfassung der Europäischen Union die heutige Gestalt verleiht und vorläufiger Endpunkt eines langen Prozesses der europäischen Einigung ist.

2014 (heute):
Erneut stehen sich amerikanische und russische Kampfeinheiten in Blickweite gegenüber und in der Krise der Ukraine werden immer wieder Deeskalationschancen nicht ergriffen, was zu einer anhaltenden Verschärfung der Situation beiträgt. Appeasement wird betrieben, darf aber aufgrund falsch verstandener Political Correctness nicht so genannt werden, ebenso verbieten sich Vergleiche zum kalten Krieg und dennoch sprechen erste polemische Stimmungen von einem Dritten Weltkrieg, der angeblich in Sichtweite sei. Der Ausgang aus dieser angespannten Lage ist zum derzeitigen Zeitpunkt noch völlig ungewiss, jedoch sei nur darauf hingewiesen, dass auch heuer die Jahreszahl mit einer Vier endet.

Doch um meine Leser nicht mit dunklen Vorahnungen aus diesem Beitrag zu entlassen, komme ich noch einmal auf die titelgebende Volksweisheit zurück, um eventuell bei dem ein oder anderen einen gewissen Aha-Effekt auszulösen: Die dem Titel zugrundeliegende Sprichwortkombination aus „Bier auf Wein – das lass sein“ und „Wein auf Bier – das rat‘ ich dir“ hat nichts mit der Trinkreihenfolge zu tun, was ich aufgrund verschiedenster Selbstexperimente durchaus bestätigen kann, da sich der darauffolgende Kater in nichts unterscheidet, ganz gleich in welcher Reihenfolge man beide Getränke miteinander kombiniert. Vielmehr ist es eine Metapher für den sozialen Auf- beziehungsweise Abstieg eines Menschen und geht zurück auf eine Zeit, in der das gewöhnliche Volk sich lediglich Bier leisten konnte und der Genuss von Wein den besser Gestellten vorbehalten war. Somit beschreibt „Bier auf Wein“ einen sozialen Abstieg, wohingegen die Abfolge „Wein auf Bier“ auf einen sozialen Aufstieg verweist. Klingt komisch – is‘ aber so.

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