Asche auf unser Haupt…

Quelle: flickr; CC: Assassin de la police„Sometimes I feel like I’m diagonally parked in a parallel universe“, so lautet ein Spruch auf einem Kühlschrankmagneten, den ich vor Jahren einmal gesehen habe und der mich ad hoc zum Schmunzeln brachte. Doch irgendwie ist es genau ein solch deplaziertes Gefühl, dass ich in der letzten Zeit habe, wenn ich die überdurchschnittliche mediale Aufmerksamkeit betrachte, die aktuell wieder der Homosexualität gewidmet wird. Zeitweise habe ich die leise Befürchtung vielleicht versehentlich in ein Wurmloch getreten zu sein, welches mich 20 Jahre in die Vergangenheit katapultiert hat.

Dass das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger recht große Wellen schlug, war insofern noch nachzuvollziehen, als dass er der erste deutsche Spitzenfußballer ist, der diesen Schritt, wenn auch nicht in der aktiven Zeit, gemacht hat und somit nicht nur für eine große Überraschung sorgte (selbst in der Szene, wo keiner damit gerechnet hätte, dass diese „letzte Bastion des Schweigens“ fällt) sondern auch allen Respekt verdient hat.

Doch ebbten danach schwullesbische Themen in den Medien nicht ab. So wurde lang und breit – und zum Teil mit großer Verbissenheit – die Absicht der grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg, Homosexualität im Zuge des Aufklärungsunterrichts in den Lehrplänen zu thematisieren, diskutiert und bekämpft. Ein Fakt, von dem ich eigentlich dachte, dass ihm sowieso (auch ohne explizites Anführen im Lehrplan) Rechnung getragen würde, gibt es doch einige sehr engagierte Aufklarüngsinitiativen, in denen Schwule und Lesben in die Schulen gehen, um dort von ihren Erfahrungen zu berichten.

Etwas verwundert war ich jedoch, dass das Zeitmagazin seit Kurzem eine „schwule Kolumne“ ins Leben gerufen hat und als ich dies sah, dachte ich bei mir: „Brauch man sowas heute noch?“

Einige Tage darauf jedoch stellte sich die Antwort von selbst ein. Denn auch die Panorama-Reportage mit dem Titel „Die Schwulenheiler“, in der ein schwuler NDR-Journalist in ultra-christlichen Kreisen der exorzistisch anmutenden Praxis der Konversionstherapie auf den Zahn fühlt, sorgte für einiges Aufsehen.

All dies ließ mich darüber nachgrübeln, ob meine Wahrnehmung der Welt, wie ich sie sehe, überhaupt stimmig ist. Denn wie schon eingangs erwähnt, bin ich etwas perplex, dass das Thema Homosexualität in Deutschland noch immer so polarisieren kann. Ganz ehrlich hatte ich in den letzten Jahren das Gefühl, als sei unsere Gesellschaft schon wesentlich weiter.

Natürlich gab es all die endlosen Debatten rund um die Gleichstellung der Lebenspartnerschaft mit den dazugehörigen Urteilen, Gesetzesänderungen und so fort. Jedoch hielt ich das eher für das letze Glattbügeln einer an sich sonst durchaus gelungenen Integration. Doch gerade die im Südwesten geführte Bildungsdiskussion und die Tatsache, dass es praktizierende, approbierte Ärzte gibt, die ihre Umpolungstherapie sogar unter Billigung der Ärztekammer und mit Mitteln der privaten und gesetzlichen Krankenkassen durchführen, ließ mich doch in gewisser Weise fassungslos zurück.

Die von der Weltgesundheitsorganisation im Jahre 1992 abgeschlossene zehnte Revision der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10), löste die ICD-9 von 1976 ab, in der noch im Abschnitt „Neurosen, Persönlichkeitsstörungen (Psychopathien) und andere nichtpsychotische psychische Störungen (300-316)“ im Unterkapitel „302 Sexuelle Verhaltensabweichungen und Störungen“ unter dem Code 302.0 „Homosexualität“ zu finden war. Im Jahre 1973 war bereits in der dritten Fassung im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-III) die Homosexualität als psychische Störung eliminiert worden. Deswegen sollte der Fall eigentlich klar sein: Wo es keine Krankheit gibt, kann man auch nicht heilen.

Allerdings verwundert mich auch weniger, dass es noch vereinzelt solche Homoheiler und Homohomöopathen gibt, denn schließlich gibt es das schöne Sprichwort: „Jeden Tag steht irgendwo ein Dummer auf.“ Was mich jedoch nachdenklich stimmt, sind die Kommentare, die man teilweise von dem „Bürger auf der Straße“ hierzu hört. Denn in meinem Umfeld gibt es dies schon seit Langem nicht mehr.

1997/98 hatte ich mein Coming-Out. Damals noch in einem beschaulichen Eifeldorf mit knapp 1.600 Einwohnern lebend, war es seinerzeit noch eine mittelgroße Sensation, öffentlich zu sagen, man sei schwul – zumal, wenn es jemand sagte, der noch mitten in der Pubertät steckte. Bis auf eine Ausnahme, die dies jedoch nicht offen lebte, gab es sowas nicht beziehungsweise wurde es nicht thematisiert.

Ebenso war die Situation an meinem circa 800 Schüler fassenden Gymnasium, wo zwar ab und an Gerüchte kursierten, dass dieser oder jener mittlerweile in der Großstadt studierende Exschüler wohl einen Freund habe, man jedoch einen realen Schwulen auch nicht kannte, was dazu führte, dass man mich in der Abiturszeitung augenzwinkernd und sehr freundlich mit den Worten „der die Homosexualität salonfähig machte“ beschrieb.

Dies, das muss ich in diesem Zusammenhang erwähnen, lag jedoch auch an den äußerst günstigen Umständen. Denn schließlich war ich kein Hinterbänkler, den man mal einfach so hätte mobben können – weder in der Schule noch im Ort. Denn schließlich war ich ja „de Benny“, der nicht nur bekannt wie ein bunter Hund war, Karnevalsprinz und Messdiener gewesen war, im Kirchen- und Kinderchor sang und im Musikverein spielte sondern auch Chefredakteur der Schülerzeitung, Mitglied in der Theater-AG, Sänger in der Big-Band und auch sonst überall engagiert, wo man noch einen Vereinsmeier brauchte. Denn jemanden aus der eigenen Mitte, schlägt man nicht eben mal, nur weil er anders ist.

Ich will nicht bestreiten, dass es nicht auch Anfeindungen gegeben hat. Allerdings kamen diese meist aus chronisch-alkoholisierten Jugendkreisen mit entsprechendem Niveau sowie Unverständnis unter Älteren, denen man ihre Vorbehalte durchaus anmerkte, so sehr sie sie zu verstecken suchten. Alles in allem konnte ich mir jedoch, und dafür bin ich noch heute überaus dankbar, einer breiten Unterstützung meines Umfeldes sicher sein.

In den darauffolgenden Jahren wurde das Thema jedoch zunehmend normaler, denn nun begann meine Odyssee durchs Land: beginnend mit Koblenz, das damals schon über eine im Verhältnis zur Einwohnerzahl ungewöhnlich blühende Schwulenszene verfügte, über die schwule Hochburg Köln und Heidelberg, das in erektiler Entfernung (Anm.: dieser Neologismus eines Freundes ist zu schön, um ihn verklümmern zu lassen) zu Mannheim, dem schwulen Epizentrum des Südens liegt bis hin nach Berlin, in dem allein aufgrund der schieren Größe irgendwie Alles normal ist – selbst der von mir häufig scherzhaft zitierte Fetisch grüne Socken auf rosa Poloshirts zu tragen, weshalb es durchaus lukrativ sein kann eine Kneipe für diese Vorliebe zu unterhalten.

Gerade in den Nineties und Naughties sprudelte es ja nur so von neuen Idolen und auch unter den Prominenten stieg die Zahl der offen lebenden Homosexuellen stetig an. Der WDR übertrug die Rosa Sitzung und den CSD, der nach und nach immer mehr auch zu einem Familienevent heranwuchs, was sich dadurch bemerkbar machte, dass in den an der Paradestrecke liegenden Cafés die Senioren herzlich mitfeierten und sich die Zahl junger Familien am Straßenrand erhöhte. Serien wie „Will and Grace“ oder „Queer as folk“ waren zumindest so erfolgreich, dass man sie nicht nach der ersten Staffel absetzen musste und es entstand sogar ein schwuler Fernsehsender (dessen Miserfolg auf eine Reihe außerhalb der hier behandelten fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz liegenden Gründe zurückzuführen ist, aber das ist ein anderes Thema).

Doch woher kommen sie nun, diese Stimmen, die man verstummt glaubte? Habe ich all die Jahre in einer Parallelwelt gelebt – einer Blase um mich herum? Habe ich gar durch die Wahl meiner Umgebung, in die ich mich begab, meine Wahrnehmung selbst insofern beeinflusst, dass ich nur da war, wo es angenehm war? Oder gibt es wirklich einen Rückschlag im Denken der Allgemeinheit und die Meinungen haben sich in prä-neunziger Sichtweisen zurückentwickelt? Ich kann es nicht sagen – vielleicht ist es auch noch zu früh, hier eine Einschätzung zu geben und man muss eventuell erst einmal abwarten und schauen, ob dies ein letztes Aufbäumen reaktionärer Ansichten ist oder doch ein langfristiger Sinneswandel.

Wie dem auch sei: Als ich eben einen Artikel zum diesjährigen Motto des kölner CSD las, freute ich mich richtig. Denn auch wenn man bei dem Titel „Wir sind ‚nur‘ der rosa Karneval“ erst einmal stutz, so wird beim Betrachten der dazugehörigen Kampagne durchaus klar, dass dies ein wohldurchdachtes Konzept ist, welches man nicht besser hätte auf die Domstadt abstimmen können. Denn dadurch, dass einzelne karnevalistische Liedzeilen, die jedem bekannt sind, in einen neuen Kontext gestellt werden, bringt man Dinge zusammen, die für mich schon immer zusammengehörten: den rheinischen Frohsinn, das kölsche Lebensgefühl und die Akzeptanz für sämtliche Minderheiten getreu dem Motto: „jede Jeck is anders“.

Wer weiß – vielleicht erleben wir ja schon morgen einen erneuten Triumph und Conchita Wurst gewinnt das europäischste aber auch schwulste Event, das es gibt, und wir können getrost die Asche, die man in letzter Zeit über uns verstreute, abklopfen, das Krönchen richten und wie ein Phönix neu erstehen. Schließlich hat Dana International es 1998 vorgemacht, wie dies geht. In diesem Sinne: Viva la Diva!

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