Sex der Professoren

Quelle: flickr; CC: samirlutherDer ein oder andere Leser, der diesem Link nun mit voyeuristischer Spannung gefolgt ist, wird mal wieder enttäuscht werden – jedoch hat meine Berliner Redaktionszeit mich gelehrt, dass plakative Überschriften immer funktionieren (Gruß an die alten Kollegen: Ich nenne nur das Schlagwort „Rückgang weiblicher Bevölkerung in China“).

Aber ich sollte zur Sache kommen: Als ich vor einigen Wochen auf den Aufhänger dieses Beitrags stieß, dachte ich zuerst, es sei eine dieser Ein-Meldungs-Nachrichten, die mal kurz in den Medien auftauchen, allerdings keine große Beachtung finden. Da ich jedoch in den letzten Tagen – wahrscheinlich auch durch den Sieg von Conchita Wurst beflügelt, doch das ein oder andere Mal auf das Thema stieß, scheine ich mich geirrt zu haben.

Es geht um den Vorschlag der Professorin für Gender Studies, Lann Hornscheidt, an der HU Berlin. Ach nein: Es muss natürlich heißen Professor-in, ähm… Professor_in… nein, ProfessorIn… ach Mist… natürlich Professx (sprich: Professix).

Professx Hornscheidt setzt sich nämlich dafür ein, die bisherigen unterschiedlich angewandten Mischformen für eine geschlechtsneutrale (Berufs-)Bezeichnung ganz abzulösen und statt der das Geschlecht spezifizierenden Endung ein „x“ zu nutzen, damit auch trans- und intersexuelle sowie sämtliche sonstigen sexuellen Identitäten, die eben nicht dem herkömmlichen Dualismus „männlich-weiblich“ entsprechen, hiermit zum Ausdruck kommen und man so einer Diskriminierung Einhalt gebietet, die in unserer Sprache immer mitschwingt.

Jetzt, da die verschiedenen in-Formen sowieso als diskriminierend gebrandmarkt sind, kann ich es auch getrost gestehen: Seit jeher fand ich diese nicht diskriminierend, sondern einfach nur unsinnig und albern. Wer meine Beiträge hier verfolgt, wird mir schwerlich vorwerfen können, dass ich mich nicht immer wieder für Gleichstellung, Abbau von Diskriminierung und Engagement für Minderheiten einsetze, jedoch in diesem speziellen Falle schlägt mein sprachwissenschaftliches Herz doch ein paar Takte schneller als dasjenige für sexuelle Identitätsvariationen.

Auch wenn es (in seltenen Fällen) recht clevere geschlechtsneutrale Formen gegeben hat – etwa die Studierenden – so führte diese Sprachemanzipation doch meist zu abstrusen Konstrukten, die nicht nur in der Schriftsprache sondern insbesondere beim Sprechen so manchen Stein in den sprachlichen Weg gelegt hat, der dort einfach nur fehl am Platze war und an dem man sich regelmäßig den Zeh rannte oder die Sätze durch zusätzliche Worte bis ins Nirwana der Unverständlichkeit beförderte.

Beispiel gefällig?
„Nachdem der/die Antragssteller/in den Antrag ausgefüllt hat, wird dieser von der/dem Sachbearbeiter/in bearbeitet und der Bescheid anschließend der/dem Antragssteller/in zugesandt. Sollte der/die Antragssteller/in daraufhin weitere konkretisierende Angaben zu machen haben, muss der/die Antragsteller/in den korrigierten Antrag binnen einer Frist von 14 Tagen an den/die zuständige Sachbearbeiter/in zurücksenden.“ (Beispiel frei erfunden.)

Wer beim Lesen noch immer Zweifel an der oben erwähnten „Nirwana-Theorie“ hat, sollte versuchen den letzten Absatz einmal laut zu lesen und zwar so, dass es nicht diskriminierend klingt und beide Geschlechterformen gleichberechtigt sind. Geht nicht? – Gibt’s nicht!

Was mich daran stört ist, dass hierbei Sprache unnötig verkompliziert wird und die erzielte Wirkung dem eigentlichen Ziel der Sprache – nämlich einer möglichst einfachen, verständlichen und eindeutigen Kommunikation – im Wege steht. Die Funktion der Sprache wird durch solch unpraktikable Konstrukte vollends zerstört und man hat das Gefühl, dass ein Zusammenspiel von Geschriebenem beziehungsweise Gesagtem und der dahinterliegenden Bedeutung nicht mehr funktioniert.

Doch selbst diese Sprachperversitäten sind in den Augen von Professx Hornscheidt diskriminierend, da zum einen oben genannte Gruppen gar nicht berücksichtigt sind und zum anderen auch die verschiedenen Derivate der in-Formern immer auch eine latente Bevorzugung einer Form darstellen. Doch finde ich persönlich den von ihr/ihm/x unterbreiteten Vorschlag reichlich ungeschickt, zumal es seit der Völkerwanderung und dem Untergang des römischen Reiches nur noch in verschwindend geringem Maße üblich ist, Personenbezeichnungen auf das Suffix „-ix“ enden zu lassen – es sei denn man taucht ab in imaginäre gallische Dörfer, wo es noch viele Menschen „Raffnix“, „Kannnix“, „Verleihnix“, „Asterix“ oder „Obelix“ heißen.

Nichtsdestowenigertrotz sollte ich versuchen meine Kritik ein wenig durch überzeugende Argumente zu untermauern, weshalb ich zuallererst einmal einen Blick ins Englische werfen möchte. Wem ist es denn nicht seltsam vorgekommen, dass es in englischen Texten immer wieder zu seltsamen Misverständnissen kommen kann, da hier in vielen Zusammenhängen das Geschlecht überhaupt nicht erkennbar ist und lediglich über den Kontext erschlossen werden kann: „My friend visited me yesterday.“ Ob es ein Freund oder eine Freundin ist, ist aus dem Satz nicht ersichtlich. Obschon manch einer, gerade in den ersten Schulstunden, dann dadurch Abhilfe zu schaffen versucht, den Satz zu konkretisieren, indem „friend“ durch „boyfriend/girlfriend“ ersetzt wird, ist dies jedoch in den meisten Fällen eher eine Verschlimmbesserung, denn schließlich macht es einen gravierenden Unterschied, ob es sich um einen Freund/eine Freundin oder eben den geliebten Partner handelt. Einziger Ausweg aus der Ambiguität des isolierten Satzes ist, sich das Gemeinte durch weitere vor- oder nachher gegebene Informationen über die erwähnte Person zusammenzureimen: „My friend visited me yesterday. I had lots of fun with her.“

Ein weiterer Fall der Geschlechterverwirrung entsteht, wenn man verschiedene Sprachen hinsichtlich ihrer grammatischen Geschlechter untersucht. Es bedarf schon einer Vielzahl von Lernstunden über französischen Vokabelhaften, bis man begreift, dass „der“ Mond „la“ lune aber „die“ Sonne „le“soleil heißt – ganz zu schweigen von „the“ sun und „the“ moon, wo sich erst im Zuge der Verwenung der Pronomina sie Frage stellt, wessen Geschlechtes Kind denn nun gemeint ist und ob „she“ oder „he“ am Himmel aufgeht. Dies führt mich direkt zum nächsten Punkt in meiner Kritik: Denn wenn man den zur Debatte stehenden Eingriff vornimmt, muss man konsequenterweise auch alle Pronomina irgendwie angleichen, da man mit „sein/ihr“, „sie/ihm“ und allen anderen Formen nicht weiter kommt.

Es scheint, als sei die hinter der Idee stehende akademische Theorie so post-post-post-post-strukturalistisch, dass sie sich vollends von dem verabschieded, was jeder Sprachwissenschaftenstudierende in der Einführungsveranstaltung schon lernt. Denn nach Ferdinand de Saussure ist die Beziehung zwischen dem Bezeichnenden (also dem Zeichen oder Wort) und dem Bezeichneten (also dem real vor mir befindlichen Ding) nicht kausal sondern eine rein arbiträre Zuordnung. Es ist somit Zufall, dass ich das vierbeinige Sitzmöbel für eine Person vor mir am Esstisch „Stuhl“ nenne und nicht „Schrank“, denn das Wort „Stuhl“ enthält an sich keinerlei Hinweis darauf, dass es sich um ein Sitzmöbel handelt – lediglich die gesellschaftlich-sprachliche Übereinkunft legt fest, dass es eben kein „Schrank“ ist.

Ebenso wäre es durchaus denkbar, dass man übereinkommt, dass „die Mitarbeiter“ immer beide Geschlechter einschließt und eben nicht nur die männlichen Mitarbeiter meint, die von den weilichen abzugrenzen sind. Die Argumentation die dem entgegensteht, wird durch diverse Studien belegt, dass laut Umfragen die meisten Menschen bei „den Studenten“ lediglich an männliche Studierende denken. Doch würde man übereinkommen, dass „Studenten“ immer beide Geschlechter impliziert, so hätte man in diesem Fall umgekehrt wiederum diskriminiert – denn dann gäbe es lediglich eine geschlechtsunspezifische Beschreibung (Studenten) sowie eine weibliche Beschreibung (Studentinnen), nicht jedoch eine rein männliche Beschreibung. Wirklich „neutral“ kann man also aus diesem Dilemma nie herauskommen.

Allerdings kennt man diese Unvereinbarkeit von Sammelbegriffen mit der konkreten Vorstellung des Einzelnen in vielen anderen Fällen auch. Denn wenn ich davon berichte, dass der Hund von meinem Nachbarn total zutraulich sei, so wird der eine einen Schäferhund vor dem geistigen Auge haben, der andere jedoch einen Mops. Die Vorstellung des konkreten Hundes kann also durch die ungenaue Bezeichnung „Hund“ überhaupt nicht wieder gegeben werden. Dennoch dürfte es kaum jemanden geben, der es diskriminierend gegenüber Möpsen findet, dass viele ad hoc vielleicht an einen Schäferhund denken.

Somit sind wir bei Platon – schließlich war er es, der die Ideenlehre begründete und somit das Hund-Mops-Problem als Erster artikulierte. (Kleiner Exkurs: Für Platon ist die Idee vom Hund das eigentlich Seiende und nachrangig ist erst die Frage nach der Mopsigkeit, wohingegen sein ihn kritisierender Schüler Aristoteles der entgegengesetzten Meinung war, dass der Mops das eigentlich Seiende sei und erst durch die Zusammenführung der Gemeinsamkeiten weiterer andere Hundearten die Kategorie Hund entstehe (Ursprung des Streits zwischen Materialismus und Idealismus).

Da wir jedoch mittlerweile schon bei Platon angelangt sind, verweilen wir auch noch ein Wenig bei ihm, müssen allerdings zum besseren Verständnis einen Einschub über die Anfänge dieser ganzen leidigen Debatte ertragen:

Begonnen hat die ganze Diskussion nämlich mit der in der Sprachwissenschaft und Philosophie getroffenen Unterscheidung zwischen „sex“ und „gender“. „Sex“ meint in diesem Zusammenhang das biologische Geschlecht, wohingegen „gender“ das kulturell tradierte, soziale Geschlecht bezeichnet – oder einfacher ausgedrückt, die damit verbundene Geschlechterrolle. Während das biologische Geschlecht in den meisten Fällen eindeutig bestimmbar ist (es genügt meist ein Blick zwischen die Oberschenkel), gestaltet sich die Genderfrage oft etwas komplexer. Denn schließlich fühlt sich nicht jeder biologische Mann als Mann und nicht jede biologische Frau möchte die klassische Frauenrolle übernehmen. Da jedoch die Frage der Geschlechter seit jeher auch immer eine Frage der Macht und somit auch potentieller Unterdrückung war, ist diese alles andere als trivial. Um jedoch diesen Beitrag nicht noch länger werden zu lassen, als er sowieso schon werden wird, soll dies als Verweis genügen.

Der springende Punkt ist, dass es sich bei einer solchen Betrachtung anfänglich lediglich um einen akademischen Diskurs handelte, der nicht den Anspruch erhob, Einfluss auf konkreten Sprachgebrauch zu nehmen. Es ging vielmehr darum, sich des Problems bewusst zu sein, dass mit der Nichtkongruität von „sex“ und „gender“ einhergeht. Um dies etwas zu verdeutlichen sei hier das Beispiel des Verfassungsjuristen Horst Dreier verwiesen. Dieser hatte in seinem Kommentar zum Grundgesetz veröffentlicht, dass es durchaus denkbar sei, die Folter in Deutschland wieder einzuführen, sofern man lediglich die Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz selbst zugrunde lege. Er war also keineswegs der Meinung, dass man die Folter praktisch wieder einführen solle, sondern wies lediglich darauf hin, dass eine solche Maßnahme theoretisch mit dem Grundgesetzt durchaus vereinbar sei. Auch wenn dies eine Mindermeinung innerhalb der Rechtswissenschaft war, so war sie durchaus begründet. Da jedoch auch unsere Politiker hin und wieder nicht zwischen diesen beiden grundlegend verschiedenen Ebenen unterscheiden können, wurde er nicht wie ursprünglich beabsichtigt zum Verfassungsrichter gewählt, was Herrn Voßkuhle zugute kam.

Jedoch hat diese Unterscheidung durchaus Gewicht, denn es handelt sich hierbei um zwei völlig verschiedene Ebenen: Einerseits der theoretisch-akademische Diskurs, andererseits die praktische Umsetzung. Ebenso verhielt es sich in den Anfängen der Genderstudies mit den Geschlechtern. Es ging nicht um eine Homogenisierung der Sprache, sondern um das Sich-Bewusst-Werdens der Machtstrukturen, die sich in der Sprache durch Konvention und Tradition manifestiert hatten.

Dies bringt uns zurück zu Platon – oder besser zu seinem berühmten Höhlengleichnis: Denn der Philosoph, der sich seiner Fesseln befreit auf den Weg an die Erdoberfläche begiebt und dort der realen Welt ansichtig wird, ist darauf angewiesen seine unter freiem Himmel gewonnenen Erkenntnisse in die Sprache der Höhlenmenschen zu übersetzen. Würde er ihnen genau das sagen, was er oben gesehen und erlebt hat, so würde er erschlagen werden. Das zeigt, dass schon in der griechischen Antike durchaus eine Unterscheidung zwischen der Ebene der Erkenntnis sowie der Ebene ihrer praktischen Anwendbarkeit gemacht wurde. Oder um es mit einem anderen in der selben Einführung in die Sprachwissenschaft verwendeten Bildes auszudrücken: Jenes ist lediglich die „underlying mental representation“ von diesem.

Die hier dargelegten Überlegungen sollen nicht verdeutlichen, dass ich sprachlicher Veränderung per se ablehnend gegenüberstünde – denn diese ließe sich auch kaum aufhalten (wie etwa der Bedeutungswandel des Wortes „geil“ in den letzten 50 Jahren zeigt). Dennoch denke ich, dass solch tiefgreifende Veränderungen des Sprachgebrauchs nur dann sinnvoll sind, wenn sie sich mit der eingangs erwähnten Funktion der Sprache vereinbaren lassen.

Zudem sei an dieser Stelle angemerkt, dass es auch immer wieder sprachliche Relikte gibt, die Veränderungsprozessen wehrhaft entgegenstehen und irgendwann nicht einmal als der Anachronismus erkannt werden, der sie eigentlich sind (oder weiß heutzutage jeder, dass das „cc“ in der Email für „carbon copy“ steht geschweige denn, was denn dies ist oder besser noch: hat jemals jemand, der behauptet hat, ein Buch „aufgeschlagen“ zu haben dies auch wirklich getan – im ursprünglichen Sinne?).

Um es noch einmal nachdrücklich zu unterstreichen: Es geht mir hier nicht um irgendeine Form von spraxchlicher Differenz oder gar Diskriminierung. Mir liegt nur ein ausgewogenes Verhältnis zwischen sprachlicher Einfachheit bei gleichzeitigem (wenn auch eingeschränktem) Gerechtwerden der Realität am Herzen. Durch künstliches Aufplustern der Kommunikation stiftet man mehr Verwirrung als man für Klarheit sorgt. Weshalb auch das einzige mir bekannte Nomen laut Duden (unter Vorbehlat regionaler Differenzierung), welches über alle drei Geschlechtsartikel verfügt der/die/das Joghurt bkleiben wird.

Sollte der geneigte Leser (oder die geneigte Leserin, die in diesem Beitrag im Konkreten und in diesem Blog im Allgemeinen immer mitgedacht werden sollte, ebenso wie alle anderen Bezeichnungen, sofern sie nicht durch den Kontext einzuschränken sind) allerdings immer noch Zweifel haben, so bleibt mir kein anderes Mittel, als ihn auf eine kölsche Liedzeile zu verweisen: „Janz ejal, janz ejal, ov de Hohn bis oder Hahn.“

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