Blue moon

Quelle: flickr; CC: Audringje„Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte“ – so sehr wir uns auch im Laufe der Evolution von dem Diktum der Natur entfernt zu haben scheinen, so sehr sind wir jedoch auf einer ganz ursprünglichen Ebene noch immer an dieses gefesselt.Gerade zu dieser Jahreszeit wird einem das Primat des Hormons vor der Kultur bewusst und wenn die ersten Sonnenstrahlen wärmend über die Haut streichen, merkt man, dass diese schon lange nicht mehr berührt wurde.

Als ich diese Woche den Film „A Single Man“ mit Colin Firth durch Zufall im Fernsehn sah, kam ich ein wenig ins Grübeln, denn auch wenn es mir eigentlich momentan sehr gut geht, so wurde ich an einen Abschnitt aus einem vor fast zwanzig Jahren an mich gerichteten Brief erinnert: „Geht es Dir gut? […] Benjamin geht es immer gut! Provokant?!?“ Die Tatsache, dass dort die Handschrift auch so gedeutet werden könnte, dass man „nimmer“ ließt, hat mich seinerzeit schon irritiert und bringt mich direkt zu den Überlegungen, die zu diesem Beitrag geführt haben.

Der Film handelt von einem Schwulen in den sechziger Jahren, dem nach langjähriger Beziehung der Partner jäh entrissen wurde und der fortan nicht nur mit seiner sexuellen Identität, sondern auch mit seiner Einsamkeit kämpft. Tragikomischer Höhepunkt des Films ist eine Szene, in der er sich versucht das Leben zu nehmen, was jedoch daran scheitert, dass er sich des Moments des Auffindens bewusst, in dem er dennoch – sofern dies möglich – keine schlechte Figur machen will, versucht so zu drappieren, dass es nicht ganz so erbärmlich aussieht. Zudem will man es ja auch bequem haben, wenn man einen solchen Schritt geht und so entsteht die eine skurile Situation, bestehend aus Kissen zurecht rücken und Pistole platzieren, die an der Unvereinbarkeit der beiden zu kombinierenden Aufgaben, der eigentlichen Zielsetzung und dem Arrangement, scheitert. Die subtile Message in dieser Szene ist: Man leidet, wenn man alleine ist, will sich und der Welt dies jedoch nicht eingestehen und achtet sorgsamst auf den schönen Schein.

Auch wenn dies eine eher zugespitzte Darstellung dieses inneren Konflikt ist, so gibt es sie durchaus: Die Menschen, die auf dem schmalen Grad zwischen dem „als ob“ und dem „so ist es“ wandeln. Die immer wieder die Unabhängigkeit und Freiheit einerseits und die Unerträglichkeit des Alleinseins andererseits auf die Waage legen und je nach Situation zu anderen Messergebnissen kommen. Auch ich gehöre zu Ihnen. Denn ebenso wie ich mich glücklich schätze, uneingeschränkt meinen eigenen Weg gehen zu können, so wabert doch die quälende Frage, ob und wie lange dies gute geht und wohin einen dieser Weg führt. Oscar Wilde hat dieses Dilemma auf die einfache Formel gebracht: „In this world there are only two tragedies. One is not getting what one wants, and the other is getting it.”

Es scheint kein Zufall zu sein, dass es im Deutschen zwei Begriffe gibt, die sich nur schwerlich in andere Sprachen übersetzen lassen: “Gemütlichkeit” und “Torschlusspanik”. Wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, so stelle ich für mich fest, dass es verschiedene Stadien gab, mit diesem Thema umzugehen: die Zeit in Köln war geprägt durch eine Verlagerung ins Außen, das ständige Unter-Menschen-Sein; dann die Jahre in Heidelberg, in denen ich es genossen habe, manchmal tagelang mit niemandem außer der Bäckersfrau ein Wort wechseln zu müssen; in Berlin dann die Erfahrung, dass ein Einlassen auf einen anderen einen ebenso an seine Grenzen führen kann. Denn ebenso wie Einsamkeit, so muss man auch Glück ertragen können.

Der einsame Pfefferstreuer auf dem weiten Tisch taugt sehr wohl dazu, dass Leben zu würzen, jedoch bleibt das Salz in Absentia. Auch wenn dies kein schwulenspezifisches Problem ist, so stelle ich doch immer wieder fest, dass es innerhalb der Szene eine Vielzahl gibt, die die Kunst des gehörigen Pfefferns so weit perfektionieren, nur damit der Zunge nicht auffällt, dass das Gericht in seiner Gesamtheit dennoch fade schmeckt. Und so sitzt man in ruhigen Stunden sinnierend herum, verärgert über nicht ergiffene Chancen, und bekommt dieses ungute Gefühl, dass man zu einem dieser klischeehaften Abziehbildchen werden könnte.

Diese sind durchaus bekannt: Die alleinstehenden, älteren Herren an der Theke mit der Aura der 80er, deren Outfit noch heute an die Zeiten erinnert, als man als schwuler noch heimlich an irgendwelchen Hintertüren klingeln musste und welche heute mit kühler Distanziertheit dort sitzen und keine wirklich nahen Sozialkontakte zulassen können. Von denen auch jeder weiß, dass der junge Mann daneben nur deswegen dort steht, weil man ihm die Zeche zahlt – man ahnt und munkelt, dass es nicht bei der Zeche für das Getränk bleiben wird, sondern auch andere Dienstleistungen monetär vergolten werden. Sie tun einem leid und dennoch verpasst man ihnen unschöne Spitznamen und belächelt sie, nur um sich nicht dem Druck auszusetzen, dass man dereinst selbst dort sitzen könnte.

Allerdings ist eine andere Ausprägung auch nicht besser – die Sorte, die sich noch immer in bunte und meist zu enge Shirts zwängt und über dem sonnenbankgegerbten Gesichtsleder die wasserstoffgefärbte Mähne zur Schau stellt, obwohl man den Reifegrad längst überschitten hat, zu dem ein solches Auftreten noch halbwegs tolerabel wäre: Diese Berufsjugendlichen in Muscleshirt auf der ständigen Jagd nach dem Teenieflirt, von denen man sich gut vorstellen kann, dass sie eines Tages wie Aschenbach den „Tod in Venedig“ suchen werden.

In meinen eigenen Reflexionen kommt auch noch dieser warnende Schatten hinzu – der Artgenosse des dickens’schen dritten Geistes, der mich immer wieder erschaudern lässt, wenn ich Mary Morgan alias Georg Preuße in „Herzklopfen“ von den weißen Wänden und den langen Fluren singen höre.

Doch ist auch das Gegenteil nicht erstrebenswert, denn in Beziehungsfragen nutzt einem das l’art pour l’art auch nicht viel. Schließlich sollten Beziehungen nicht zum Selbstzweck werden, wie bei den Menschen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit merkelscher Machtpolitik an den Tag legen getreu dem Motto: Nach der Koalition ist vor der Koalition – mag auch der Partner wechseln; Hauptsache man ist eine weiter Legislatur obenauf. Ich nenne sie gerne die Beziehungsstolpler, da ihr Singledasein sich meist nicht einmal von Freitag bis Montag hält, da sie gar nicht allein sein können und sich schnellstmöglich wieder an den nächstbesten binden.

Es gibt verschiedene Weg mit dem Alleinsein umzugehen, wobei jedoch jeder in ein ganz eigenes Paradox führt. Pflegt man den schwachen Umgang damit und zeigt den Umliegenden die Unzufriedenheit mit der eigenen Situation, so macht einen der Hauch von Miesepetrigkeit, der einen in diesem Moment umgibt nicht gerade attraktiv – allerdings kann man sich darauf verlassen, beim Gegenüber eventuell ein gewisses Helfersyndrom auszulösen, welches auf der irrigen Annahme beruht, man warte nur auf den Prinzen, der einem zeigt, wie schön die Welt sein kann und in dem Anderen ein prettywomaneskes Kopfkino entstehen lässt. Stellt man sich jedoch selbstbewusst in die Welt und zeigt nach außen eine gewisse Stärke, entwickelt man meist eine gewisse Keine-Kompromisse-Optik, die die durchaus bewunderte und beneidete Eigenständigkeit leicht in ein zu großes Maß an Respekt verkehrt, welches man zum Beispiel auich von erfolgreichen, eigenständigen und emanzipierten starken Frauen kennt, vor denen Männer eher zurückschrecken.

Zu all dem kommt auch noch der gnadenlose Zahn der Zeit, denn schließlich wird man weder jünger noch attraktiver. Auch wenn man hofft, dass ‚der Arsch in der Hose noch halbwegs sexy aussieht‘, wie es ein Bekannter von mir in einem vor Jahren gemeinsam gedrehten Dokumentarfilm sinngemäß formulierte, so ist einem doch bewusst, dass nicht nur Blumen verwelken. Im Gegensatz zu den vergangenen Zeiten, hat man keinen Jugendbonus mehr, der einem qua Alter und Frische die Herzen zufliegen lässt.

Auch haben sich die Gepflogenheiten auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten in den letzten Jahren bedingt durch den oft so angenehmen Fortschritt stark verändert. Wir verlernen peu a peu den direkten, realen Umgang und obliegen einer Selbstzensur in der Ansprache des Anderen. Schließlich ist es viel einfacher jemanden virtuell anzustupsen oder in der Anonymität des Netzes, wo man sich notfalls von Klick zu Klick hangeln kann, aus sicherer Entfernung auf dem heimischen Sofa in reiflicher Überlegung einen geeigneten Wortlaut für die ersten Worte zu suchen. Aber: Wer zu viel liked, verlernt zu lieben und am Ende bleibt ihm doch nur Siri.

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