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Biblio-viel

Quelle: flickr; CC: rajue„Man kann nicht mit allen Frauen der Welt schlafen, aber man muss danach streben“, scherzte einst der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki. Ähnliches schießt mir durch den Kopf, wenn ich dieses Jahr betrachte – allerdings in Bezug auf Bibliotheken: Man kann sie nicht alle sehen, aber man muss danach streben.

Gut, es ist nicht erstaunlich, dass man im Referendariat zum Bibliothekar die ein oder andere Bibliothek von innen sieht, jedoch dass es so viele sein würden, hätte ich dann doch nicht gedacht. Nachdem sich meine Zeit im praktischen Jahr an der Universitätsbibliothek Trier nun dem Ende neigt, was nicht ganz stimmt, da ich im Oktober noch einmal kurz zurück kommen werde, stehen alsbald die externen Praktika an, die mich an die Universitätsbibliothek in Heidelberg, die Bibliothek im Haus der deutschen Geschichte in Bonn sowie die Stadtbibliothek in Koblenz führen werden, bevor es dann zur theoretischen Ausbildung an die Bayerische Staatsbibliothek in München geht. Abgerundet wird das ganze durch Kurzvisiten des Landesbibliothekszentrums Koblenz und Speyer, der Klosterbibliothek Maria Laach, der Nationalbibliothek in Frankfurt, der Universitätsbibliothek in Mannheim, der Bibliothek des Priesterseminars in Trier, der Stadtbibliothek Trier, der Nationalbibliothek Luxemburg sowie einer handvoll Wiener Bibliotheken im Rahmen einer Kursfahrt gegen Ende des Jahres. Lediglich nach Selb werde ich nicht kommen im Zuge meiner Deutschlandreise, jedoch weiß ja jeder, der gleichnamiges Spiel einmal gespielt hat, dass Selb eh eine Sackgasse ist.

Paradox ist jedoch, dass mir in den letzten Wochen und Monaten nicht nur realiter sehr viele Bibliotheken unterkommen, sondern auch ständig in Büchern, die ich lese und Filmen, die ich schaue, Bibliotheken, Bibliothekare, Archive oder Bücher begegnen. Es ist ein wenig so wie beim Kauf eines neuen Autos: Sah man vorher nirgends einen weinroten Golf, so hat man plötzlich das Gefühl, dass alle Welt einen fahre.

Als ich vergangene Woche auf dem Rückweg vom Bibliothekartag in Bremen – einer Tagung von 4.000 Bibliothekaren – war, verbrachte ich – wie gewöhnlich bei längeren Zugreisen – meine Zeit im Bordbistro. Selbst dort traf ich dann zufälligerweise auf eine vor zwei Jahren pensionierte, amerikanische Bibliothekarin, die gerade mit ihrem Mann im Urlaub war und Deutschland bereiste. Für die Länge einer Tasse Kaffee kamen wir ins Gespräch und fachsimpelten ein wenig über die beiden großen Bibliothekssoftwareanbieter ExLibris und OCLC und über das Vorhaben, künftig sämtliche Katalogdaten der Welt in einer globalen Cloud zu vereinigen.

In Bremen war ich zuvor überraschend für die Regionalnachrichten von Sat.1 interviewt worden. Man fragte mich, ob unser Beruf noch eine Zukunft habe. Sich ein wenig überrumpelt fühlend, fiel mir die durchaus richtige, jedoch auch recht naheliegende Antwort ein, dass die Menschen in einer überinformierten Gesellschaft immer schlechter mit Medien umgehen können und wir genau dort ansetzen. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Gedanken kommen mir zu dieser Frage.

Über den künftigen Sinn von Bibliotheken inmitten einer volldigitalisierten Welt, ist schon viel geredet und geschrieben worden und oftmals wird dann darauf verwiesen, dass sich die Funktion der Bibliothek insofern wandelt, dass sie nicht mehr lediglich der Ort ist, in dem Wissen aufbewahrt wird, sondern zunehmend auch ein Ort wird, wo man in Ruhe Lesen und Arbeiten kann und der auch zu einem Treffpunkt im Sinne der klassischen Agora wird – Marktplatz des Gedankenaustauschs und des sozialen Kontaktes, der doch bei den meisten trotz der sozialen Medien immer mehr ins Hintertreffen gerät.

Gerade eben habe ich einen Artikel gelesen, der vom Impostor-Syndrom handelt. Ein Gefühl, welches gerade unter Menschen verbreitet ist, die schon einiges im Leben erreicht haben, jedoch ständig meinen, sie würden überschätzt und man werde ihre ‚Hochstapelei‘ eines Tages entdecken – auch wenn diese Angst bar jeder Grundlage ist und lediglich auf eine verzerrte Selbstwahrnehmung zurückzuführen ist. An eben diesem Syndrom leide ich wohl auch, denn für mich zählen nicht all die Bücher die ich in meinem Leben bereits gelesen habe, sondern immer nur die, die ich noch nicht gelesen habe oder vielleicht nie werde lesen können. Ich weiß, dass ich nichts weiß (obwohl ich wissen müsste, dass ich sehr wohl was weiß).

Die Lektüre des Artikels und meine damit einhergehenden, selbstkritischen Gedanken kreuzten dann meine schon zuvor gemachten Überlegungen hinsichtlich der Bibliotheken. Dabei bemerkte ich plötzlich, dass es eine weitere Funktion von Bibliotheken gibt, die, da sie recht subtil wirkt, nicht gleich ins Auge springt und die auch nie in der digitalen Welt repliziert werden kann: Bibliotheken führen uns die eigene Endlichkeit vor Augen.

Wenn ich durch eine Bibliothek gehe, bin ich immer wieder ergriffen, von dem darin gesammelten Wissen, welches von tausenden Menschen in Jahrhunderten zusammengetragen wurde. Dies passiert mir im Internet eigentlich nie. Dem Digitalen fehlt dieser Odem des Erhabenen. Zum einen, weil man im Netz nie alles auf einen Blick sieht und zum anderen, weil man eine andere, innere Haltung dazu hat. Durch die Schnelllebigkeit der digitalen Welt hat sich von Anfang an ein grundsätzlich anderer Umgang mit Gefundenem entwickelt. Sobald man einen Link in den Lesezeichenordner verschoben oder ein Dokument heruntergeladen hat, stellt sich das Gefühl ein, man habe die Sache erledigt – wer dies anzweifelt, richte bitte seinen Blick ein wenig nach oben und schaue sich seine Bookmarks einmal genau an: ich wette, da schlummert einiges, was schon lange des Gelesenwerdens harrt. Wie mahnend und vorwurfsvoll liegt jedoch der Stapel ungelesener Bücher in der Zimmerecke, immer schweigend schreiend: „Lies mich endlich!“

Eine ähnliche Diskrepanz besteht zwischen einem intertextuellen Verweis in einem Buch und einem Link: Während dieser einfach nur nervt, da er das unendliche Ablenkenlassen im Netz auszudrücken scheint, zeugt jener immer von einer gewissen Ehrfurcht vor dem Verfasser, der noch so viel mehr weiß und gelesen hat, als man selbst.

Mag die Cloud uns auch ermöglichen, dass unsere hochtrabenden Gedanken blitzschnell um die ganze Welt ziehen, so sollten wir uns doch auch immer wieder bewusst werden, dass wir eigentlich doch nur kleine, unbedeutende (Bücher-)Würmer sind. Wem diese Erdung verloren gegangen ist, da er sich mit ein paar Klicks einmal um die ganze Erde bewegen kann, der gehe in eine Bibliothek, wandele durch die vollen Regale und genieße die Ruhe – denn einen solchen Ort zum Runterkommen wird man im WorldWideWeb nicht finden.

Daher bin ich auch zuversichtlich, was die Zukunft von Bibliotheken anbelangt – denn wahrscheinlich geht es ihnen wie dem Theater, dessen Abgesang auch schon so oft gesungen wurde: „Das Theater ist tot“, hieß esimmer wieder, als verschiedene Neuerungen wie Kino, Radio, Fernsehen und Internet die Weltbühne betraten. Doch hat es sich wacker gehalten und findet auch heute noch regen Zulauf – insbesondere wenn man die Opernhäuser und Musicaltheater hinzuzählt.

Doch möchte ich mit einem ebenso anzüglichen Zitat enden, wie ich diesen Beitrag begonnen habe – mit einem Zitat eines guten Freundes, der mir einmal den augenzwinkernden Rat gab: „Mit Männern ist es wie mit Büchern: Es ist immer schade, wenn man eins verliert, jedoch hat man am Ende des Lebens doch zuviele.“